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9 Serien, die mit dem Klischee der "starken Frau" brechen

Cool, entspannt, niemals schwach: Eindimensionale Frauencharaktere werden oft als feministische Errungenschaften bejubelt. Nicht nur 'Westworld' und 'UnREAL' zeigen, wie es besser geht.

Broadly Staff

Broadly Staff

"Starke Frauen" in Serien oder Filmen sind ein Klischee, das eigentlich niemand mehr hören kann. Bedeutet das, dass Frauen ohne jegliche Zusatzbeschreibung automatisch "schwach" sind? Dass Frauenfiguren nur dann als emanzipatorische Heldinnen und feministische Triumphe gefeiert werden können, wenn sie stolz und stoisch jeglichen Müll ertragen, denen das Leben ihnen so entgegen wirft? Wie langweilig und eindimensional ist das denn?

Glücklicherweise hat sich in der Serienlandschaft mittlerweile so einiges getan. Frauen, die an dem Durchlebten wachsen, sich dadurch antreiben lassen, gegen Unrecht kämpfen und ihr Trauma dabei zu einer Waffe machen, sind mittlerweile keine Ausnahme mehr. Sie dürfen schwach, sensibel, unsicher, traumatisiert, menschlich sein, ohne sich den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, das Klischee des "schwachen Geschlechts" weiter voranzutreiben. Viele Serien gestehen Frauen endlich die Komplexität zu, die männliche Charaktere seit Jahren zugesprochen wird. Wir stellen euch unsere neun Favoriten vor, die ihr aktuell in Deutschland streamen könnt. (Sorry, The Handmaid’s Tale. Wir lieben dich, aber dich gibt es hierzulande leider nur für Telekom-Kunden.)

Westworld

Wo streamen: Sky

Ein Freizeitpark, die "Westworld", in dem die Gäste tun und lassen können, was sie wollen und Androiden, sogenannte "Hosts", die langsam Bewusstsein erlangen – die perfekte Kombination für ein Desaster. Und das gibt es auch, allerdings anders als erwartet: Denn die Opfer dieser Serie sind nicht die menschlichen Besucher, sondern die Hosts, denen über Jahre hinweg täglich aufs Neue körperliche, emotionale und sexualisierte Gewalt angetan wird. So ist es kein Zufall, dass sich gerade die beiden weiblichen Hosts Dolores (Evan Rachel Wood) und Maeve (Thandie Newton) gegen ihre Unterdrücker erheben. Der Gegner ist dabei nicht vorrangig die zufällig anwesende Gästeschaft, sondern das kapitalistische Unternehmen Delos, das so ziemlich jede menschliche Erfahrung zu einer handelbaren Ware machen will. Dolores und Maeve wurden ihre Traumata – Vergewaltigungen, Morde an ihren Liebsten, Trennung vom Kind – von Autoren des Freizeitparks buchstäblich vorgeschrieben. In Westworld schlagen sie nun zurück.

UnREAL

Wo streamen: Amazon

Dass Dating-Shows wie Der Bachelor eine einzige große Inszenierung sind, dürften die Meisten von uns schon seit längerem vermuten. UnREAL geht einen Schritt weiter und zeigt, was hinter den Kulissen solcher TV-Shows wirklich abgeht. Manipulation, Lügen und Aktionen, die die Kandidaten sogar in Lebensgefahr bringen, sind bei der fiktiven Sendung Everlasting an der Tagesordnung. Die Masterminds hinter dem Format sind die knallharte Produzentin Quinn King (Constance Zimmer) und ihre rechte Hand Rachel Goldberg (Shiri Appleby), deren Aufgabe es ist, für ordentlich Drama zu sorgen. Beide Frauen sind auf den ersten Blick manipulativ, gewissenlos und egozentrisch – weil sie nur so in der männerdominierten Fernsehbranche überleben können.

Von Folge zu Folge wird allerdings klarer, was wirklich hinter den vermeintlich empathielosen "Monstern" steckt, die von Kolleginnen und Kollegen gleichermaßen verehrt wie gefürchtet werden. Beruflicher Erfolg ist für manche Menschen das Einzige, was sie davon abhält, zusammenzubrechen. Das mag Kings und Goldbergs Taten in der Serie nicht entschuldigen, zeigt aber, wozu uns unser Umfeld bringen kann. Und was passiert, wenn wir versuchen, uns aus diesem toxischen Kreislauf zu befreien. Die aktuelle, dritte Staffel zeigt erstmals eine Bachelorette und beschäftigt sich deswegen noch eingehender mit klischeebehafteten Frauenbildern. UnREAL zeigt: Emanzipation trägt nicht immer ein feministisches Motto-Shirt.

Buffy – Im Bann der Dämonen

Wo streamen: Amazon

Dieser Klassiker der Seriengeschichte darf natürlich nicht fehlen. Buffy – Im Bann der Dämonen brachte uns nicht nur eine saucoole Hauptfigur (Sarah Michelle Gellar), sondern mit Willow (Alyson Hannigan) und Tara (Amber Benson) auch eins der ersten lesbischen Serienpaare überhaupt. Buffy Summers geht noch zur Schule, als sie plötzlich zur "Jägerin" wird. Als solche muss sie die Menschheit vor Vampiren und Dämonen beschützen. Statt über Jahre hinweg ausgebildet und auf ihre neue Rolle vorbereitet zu werden, wird sie ins kalte Wasser geschmissen. Schulprobleme, Pubertät, die erste große Liebe – als wäre all das nicht genug, kommen immer wieder irgendwelche Monster und nerven rum. Buffy erträgt das alles mit Contenance und einer gehörigen Portion Badassery, wird dabei aber trotzdem nicht zum alleskönnenden Menschenroboter. Das war vor 20 Jahren schon absolut fantastisch und inspirierend, und ist es auch 2018 noch.

How to Get Away with Murder

Wo streamen: Amazon, Netflix

How to Get Away with Murder liefert soapiges Drama auf exzellentem Niveau, doch das wahre Juwel ist die Hauptfigur. Annalise Keating (Viola Davis) ist eine toughe Anwältin und anspruchsvolle Dozentin, die von ihren Studierenden in einen Mordfall verwickelt wird – und wortwörtlich dafür kämpft, dass ihre Ersatzkinder mit einem Mord davonkommen. So sehr sich Keating innerhalb und außerhalb des Gerichtssaals für Menschen einsetzt, eine klassisch liebenswerte Heldin ist sie nicht. Stattdessen ist die Anwältin kompromisslos, hartnäckig, ehrgeizig und wird immer wieder von ihrer traumatischen Vergangenheit eingeholt.

Ganz nebenbei zeigt How to Get Away with Murder, mit welchen Vorurteilen und Problemen sich Schwarze Frauen konfrontiert sehen. Besonderes Lob erhielt die Serie für eine Szene, in der Anneliese vor dem Schlafengehen ihre Perücke abnimmt. Ein Akt, der zum Alltag vieler schwarzer Frauen gehört, der in der Regel allerdings totgeschwiegen wird. In dieser Hinsicht ist die Serie also nicht nur tiefgehend und spannend – sie ist revolutionär.

Jessica Jones

Wo streamen: Netflix

Eine Privatdetektivin mit übernatürlichen Fähigkeiten, aber ohne jegliche Geduld: Jessica Jones (Krysten Ritter) hat schon aus Prinzip keine Zeit für irgendwelchen Scheiß. Die Superheldin wider Willen widmet sich in ihrem Job eher den Dramen des Alltags: Ehebruch, Betrug, kleine Gaunereien. Als dann aber der Typ auftaucht, der sie entführt, gefügig gemacht, instrumentalisiert und missbraucht hat, kommen schnell alte Traumata hoch. Jessica merkt, dass selbst sie Hilfe gebrauchen kann – egal, wie sehr sie ihr Umfeld auch schützen möchte. Dabei ist das wohl die eindringlichste und revolutionärste Message der Serie: Durch manches kommt man nur mit Hilfe von anderen. Und das ist vollkommen okay.

Sense8

Wo streamen: Netflix

Diese Netflix-Serie über acht psychisch miteinander verbundene Fremde war so beliebt, dass ihre Fans nach der überraschenden Absetzung immerhin dafür sorgen konnten, dass es zum Abschluss ein zweistündiges Serienfinale geben wird. Und das zu Recht: Denn Sense8 ist eine der am diversesten besetzten Serien der letzten Jahre. Die Figur der Transfrau Nomi wird mit Jamie Clayton auch von einer gespielt, die anderen Charaktere aus allen Kontinenten der Erde wurden mit Personen der jeweiligen Länder besetzt. Auch in den Storys der Serie selbst wird Vielfalt gezeigt: Kulturelle Unterschiede, Armut und Homosexualität werden thematisiert, ohne daraus ein entmenschlichendes Spektakel zu machen.

All jene Erfahrungen, welche die Charaktere entweder bereits mitbringen oder im Laufe der Serie machen, werden den Zuschauern spannend, aber ohne Stereotype vermittelt. Da wird gekämpft, geliebt, gestritten; aber alles stets innerhalb der Gruppe und somit in einem sicheren Rahmen. Frauen, die sich entfalten können und Kraft aus Zusammenhalt schöpfen, und dann auch noch ins Handeln kommen und sich wehren – all das ist leider immer noch keine Selbstverständlichkeit. Sense8 bringt das hervorragend rüber. Ach ja, und eine polyamore Sexszene mit allen acht Hauptfiguren gibt’s auch noch.

The OA

Wo streamen: Netflix

Als Prairie Johnson (Brit Marling) verschwindet, ist sie 21 – und blind. Sieben Jahre später taucht die junge Frau wieder auf und springt von einer Brücke. Doch sie überlebt. The OA zeigt in Rückblenden, wie sich Prairie von klein auf verschiedensten Widrigkeiten stellen musste: dem Tod des Vaters, ihrer Erblindung, schließlich einer Entführung. Durch das alles kämpft sie sich mit einer kindlichen Naivität, dass doch irgendwie alles gut werden wird. Diese Art von Wärme wird vielen weiblichen Figuren, die sich gegen ihre Täter zur Wehr setzen, oft nicht zugestanden. Hier gehört es jedoch zur Grundessenz der Serie: Vergebung, Hoffnung, Liebe. Und das entgegen jeglicher Schrecklichkeiten, durch die wir Prairie begleiten. Radikal und unbedingt sehenswert.

Die Nanny

Wo streamen: Amazon, Maxdome

OK, OK. Die Nanny klingt jetzt nicht wirklich nach Drama und starker Heldin, die sich gegen eine große Verschwörung auflehnt. Wir finden aber: Sich als arbeitslose Obdachlose einen Job inmitten der amerikanischen Oberschicht zu angeln, den zu behalten und sich dann auch noch wohlzufühlen, erfordert einiges an Mut, Talent und Willensstärke. Und die bringt Nanny Fran Fine (Fran Drescher) auch mit. Mit losem Mundwerk, großer Empathie und immer mit Augenzwinkern erobert sie schnell die Herzen der Kinder, um die sie sich kümmern muss. Diese Kultserie der Neunziger ist das Musterbeispiel für eine Comedy-Show, die trotz aller Klischees ihre weibliche Hauptfigur sie selbst sein lässt. Kein Wunder, die Idee zu Die Nanny stammte von Hauptdarstellerin Fran Drescher selbst.

House of Cards

Wo streamen: Sky, Netflix

Manchmal braucht man gar kein andauerndes Drama, um im Leben belastet zu sein. Manchmal reicht auch ein Mann. Vielleicht genügt das schon, um House of Cards zusammenzufassen. Zur Sicherheit aber noch mal die grobe Handlung: Frank Underwood (Kevin Spacey) intrigiert und mordet sich auf seinem politischen Karrierepfad bis hin zur Stelle des Präsidenten. Seine Frau Claire (Robin Wright) ist immer an seiner Seite, unterstützt ihn, wo sie kann, und lässt dabei ihre eigenen Wünsche und Projekte links liegen. Als es schließlich um ihre Karriereplanung geht, ist vom vermeintlichen Power-Couple, das alle Herausforderungen gemeinsam meistert, plötzlich nicht mehr so viel übrig.

Claire erträgt das alles mit beängstigender Gelassenheit, zumindest nach außen hin. Immer wieder zeigt die Serie, wie sehr die Taten von Frank sie innerlich auffressen. Bis sie schließlich die Chance hat zu beweisen, dass sie nicht nur sehr viel von ihrem skrupellosen Mann gelernt hat – sie hat ihn längst hinter sich gelassen. Ob einem dabei eiskalte oder wohlige Schauer über den Rücken laufen, hängt wohl vom eigenen moralischen Kompass ab.

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