"24 Wochen": der Abtreibungsfilm, der die Berlinale zum Weinen brachte

Anne Zohra Berrached zeichnet in ihrem Film den schwierigen Weg eines Paares nach, bei dessen ungeborenem Kind eine schwere Behinderung diagnostiziert wird. Wir haben mit ihr über das Thema gesprochen, bei dem es kein richtig oder falsch gibt.

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Sep. 21 2016, 7:00am

Wenn bei einer Vorsorgeuntersuchung festgestellt, dass dein ungeborenes Kind mit einer schweren Behinderung auf die Welt kommt—würdest du es abtreiben? Viele werden darauf eine direkte, in ihren Augen wohlüberlegte Antwort haben. Wie man zum Thema Abtreibung, insbesondere Spätabtreibung, steht, gerät aber schnell ins Wanken, wenn man sich tatsächlich in der Situation befindet, eine Entscheidung treffen zu müssen. Eine Entscheidung, bei der es nicht nur um das Leben des ungeborenen Kindes, sondern eben auch das eigene geht und bei der man irgendwann realisiert: ein klares „richtig" oder „falsch" gibt es nicht.

In 24 Wochen zeigt Regisseurin Anne Zohra Berrached den Entscheidungsweg eines Paares (gespielt von Julia Jentsch und Bjarne Mädel)—unmittelbar, ungeschönt, beinahe dokumentarisch. Als der Film als einziger deutscher Beitrag bei der diesjährigen Berlinale lief, brachen große Teile des Publikums in Tränen aus, wurde berichtet. Wie das breite Publikum reagiert, zeigt sich ab dem 22. September, wenn der Film in den deutschen Kinos anläuft. Wie emotional und schwierig das Thema ist, erlebten die 34-jährige Filmemacherin und ihr Team im Entstehungsprozess; durch die Zusammenarbeit mit betroffenen Familien und die echten Ärzte und Krankenschwestern, die im Film mitwirkten. Im Gespräch mit Broadly erzählt Berrached warum die Figur der abtreibenden Frau filmisch noch immer eine sehr schwierige ist und wie sie mit Müttern umgeht, die ihr Abtreibungspropaganda vorwerfen.

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Broadly: Der Ruf, der deinem Film vorauseilt, ist so ein bisschen der: „Bei der Berlinale haben alle Leute geweint."
Anne Zohra Berrached: [lacht] Ja, das stimmt. Als ich den Film geschrieben habe, hatte ich ein bisschen Schiss. Wenn die Hauptfigur eine Frau ist, die ihr Kind im siebten Monat abtreibt, ist das im ersten Moment natürlich nicht gerade sympathisch. Bei einem Film ist es extrem wichtig, dass der Zuschauer an die Hauptfigur anknüpfen kann, weil sie es ist, die dich durch den Film führt. Wenn der Zuschauer das nicht tut, wenn er keine Empathie empfindet mit der Hauptfigur, ist dieser Film wertlos. Das geht auch mit einem Antihelden, mit Leuten, die Dinge falsch machen—aber eine Frau, die ihr Kind abtreibt? Ich wusste bis zur Premiere nicht, wie das auf andere wirkt. Es hätte auch sein können, das die Hälfte rausgeht und sagt: „Das geht gar nicht, was sie macht."

Eine Freundin hatte mich nach einer der Vorstellungen angerufen und erzählt, dass nach dem Film erstmal Ruhe war. Es hat auch keiner geklatscht oder irgendwas. Dann fingen drei an, plötzlich klatschten alle und dann wurden die Türen aufgemacht, aber der komplette Saal blieb sitzen. Die Leute wurden gebeten, rauszugehen, sind aber noch sitzengeblieben und haben sich unterhalten. Man will danach reden. Das ist super, das ist genau der Effekt, den ich wollte.

Der Film provoziert den Zuschauer ja auch, sich die Frage zu stellen: Wie hätte ich mich entschieden?
Ich habe auch sehr viel dafür getan, dass das so ist. In dem Film gibt es drei Momente, in denen die weibliche Hauptfigur den Zuschauer auf einmal anguckt und ihn damit im Prinzip fragt: „Was würdest du tun?" Allgemein ist die Kamera extrem nah an ihr dran, wir erzählen alles aus ihrer Perspektive und es gibt keine Szene ohne sie. Alles, was sie sieht, sehen wir. Deswegen wird man sehr in die Situation gebracht, mitzufühlen und sich selbst zu fragen: Was würde ich tun? Die Hauptfigur sagt am Schluss in einer Radiosendung: „Ich weiß nicht, ob es richtig oder falsch war, was ich gemacht habe. Vielleicht war es ein bisschen beides gleichzeitig. Ich habe mein Kind abgetrieben, im siebten Monat." Und das ist auch meine Haltung.

Viele wissen auch gar nicht, dass eine Frau bis zum Einsetzen der Wehen abtreiben kann, wenn sie physisch oder psychisch nicht dazu in der Lage ist, das Kind zu bekommen.

Ich will mich nicht auf eine Seite schlagen, ich sage nur, dass es das gibt und ich verstehe nicht, warum wir nicht darüber reden. Gerade auch, weil wir in die Pränataldiagnostik so viel Geld reinstecken. Sie suggeriert uns eine gewisse Sicherheit, die eigentlich gar nicht da ist, denn ab dem Moment, wo klar ist, dass das Kind was hat, kann sie nichts mehr tun. An der Stelle fängt mein Film an und fragt: Was ist da moralisch los? Wie stehen wir dazu? Sollte man das machen? Kann man das machen?

Ich kann mir vorstellen, dass es schwierig ist, viel Information—auch zur Gesetzeslage zum Beispiel—in einen Film zu packen, ohne dass er zu pädagogisch wird.
Man muss wirklich aufpassen, dass es kein Galileo-Film wird. Das war sowohl bei 24 Wochen, als auch bei Zwei Mütter schwer. Du willst keinen Film, der dir etwas erklärt, du willst es ja trotzdem in eine emotionale Geschichte packen. Die Kritik an meinen Filmen war häufiger: „Die Recherche gehört nicht in den Film" oder „Das ist mir zu belehrend". Ich finde es trotzdem gut, den Zuschauer zu informieren. Dass 90 Prozent der Frauen ihre Kinder abtreiben, wenn sich nach dem dritten Monat herausstellt, dass ihr Kind so eine Behinderung hat, ist zum Beispiel so eine Zahl, die kaum einer kennt. Viele wissen auch gar nicht, dass eine Frau bis zum Einsetzen der Wehen abtreiben kann, wenn sie physisch oder psychisch nicht dazu in der Lage ist, das Kind zu bekommen.

Muss man das beweisen, dass man psychisch nicht dazu in der Lage ist?
Das „Beweisen" sieht in Deutschland praktisch so aus, dass das von einem Arzt entschieden wird. Der Arzt sagt, ob er das machen würde—oder im Zweifelsfall auch: „Ich halte das in diesem Fall jetzt nicht für richtig, aber das hier ist eine Klinik, wo sie das machen könnten." Dann muss man wieder vorsprechen, bis es ein Arzt für richtig empfindet. Da gibt es bei den Ärzten ganz unterschiedliche Meinungen. Umso weiter man in der Schwangerschaft ist, umso schwieriger ist es natürlich. Man sagt ja so, dass das Kind ab der 23., 24. Woche außerhalb des Bauches in einem Brutkasten lebensfähig ist. Ab dann ändert sich die Art der Abtreibung, denn dann muss das Kind getötet werden, bevor es aus dem Bauch rauskommt. Das macht man durch eine Kaliumchloridspritze, die durch die Bauchdecke der Frau ins Herz des Kindes gesetzt wird. Dort stirbt dieses Kind, dann muss es aber doch geboren werden.

Wenn ich das richtig gelesen habe, hast du in der Vorbereitung für den Film mit zwei Familien gesprochen, die vor ähnlichen Entscheidungen standen.
Richtig. Mit zwei Familien und einer Frau, weil sich der Mann da nicht äußern wollte. Bei zwei von den drei Frauen war das schon Jahre her und bei der anderen zum damaligen Zeitpunkt erst zwei Wochen. Das ist natürlich ein komplett anderes Gespräch als mit einer Frau, die das vor zehn Jahren gemacht hat. Was ganz interessant war: Eine der Frauen, deren Abtreibung sieben Jahre zurücklag, ist mittlerweile zu einer militanten Abtreibungsgegnerin geworden. Die geht auf die Straße, hält eine dieser blutigen Babypuppen beim Marsch des Lebens hoch und ist absolut gegen Abtreibung jeder Form. Das ist das, was passieren kann, wenn Frauen sich schuldig fühlen—und wahrscheinlich eine Variante, um das zu verarbeiten. In eine Richtung richtig extrem werden.

Wenn man sich dagegen entscheidet, ist es immer eine egoistische Entscheidung—und das ist trotzdem nicht schlimm.

In Deutschland ist diese „Pro-Life"-Bewegung deutlich kleiner als in den USA, wo Abtreibungskliniken ja zum Teil offen angegriffen werden. Aber gab es aus der Ecke trotzdem schon Feedback zu deinem Film? Glaubst du, dass da noch was kommt?
Das wird es jetzt vielleicht geben, bisher gab es das aber überhaupt noch nicht—weder im Inland, noch im Ausland. Es gab bei einer Vorstellung natürlich mal jemanden, der gesagt hat: „Dieser Film ist Werbung für Abtreibung!" Mir hat auch mal eine Frau, die ein behindertes Kind zu Hause hat vorgeworfen, dass ich mit diesem Film ihr Kind getötet habe. So was kommt, aber extrem selten. Seit der Film auf der Berlinale gelaufen ist, haben sich mir gegenüber vielleicht fünf Leute kritisch dazu geäußert und das waren immer Personen, die ein behindertes Kind haben.

Es ist natürlich auch ein wahnsinnig emotionales Thema, mit dem man eigentlich gar nicht „gewinnen" kann—egal wie die Leute den Film auslegen.
Ja, das stimmt. Bei Julia Jentsch ist das auch so. So schwieriger es wird mit dem Kind, umso mehr sich das zuzieht, umso mehr hat sie Angst und sagt: „Das Kind kann nicht für sich selbst entscheiden, das muss ich tun und ich bin dafür verantwortlich, dem Kind vielleicht das Leid zu ersparen." So fangen ihre Zweifel an, es geht also erst mal sehr um dieses Kind. Irgendwann begreift sie: Es geht nicht nur um das Kind, es geht auch um mich selbst. Ich glaube, dass man diese Entscheidung nicht treffen und sagen kann, man täte es nur für das Kind. Eine Abtreibung ist immer auch eine egoistische Entscheidung. Das meine ich gar nicht negativ, aber das ist einfach so. Es geht auch um das eigene Leben und ob man sich das eigentlich vorstellen kann. Kann ich mir das Leben mit einem Kind vorstellen, das für immer von mir abhängig ist? Wenn man sich dagegen entscheidet, ist es immer eine egoistische Entscheidung—und das ist trotzdem nicht schlimm.

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Die Figur der Mutter ist meiner Meinung nach auch etwas, womit ganz viele junge Frauen hadern. Weil es dazu so ein konkretes Idealbild im Kopf gibt, dem gerade heutzutage eigentlich niemand mehr entspricht oder entsprechen kann.
Wenn du ein Kind hast, denkst du natürlich darüber nach, was überhaupt eine ideale Mutter ist und wie viel da eigentlich nur im eigenen Kopf verankert ist, weil man darauf konditioniert wurde. Allein wie viele Leute überhaupt einen Kinderwunsch haben, ist vielleicht auch etwas, was mit unserer Sozialisation zu tun hat. Wir haben das Gefühl, dass wir alle Kinder kriegen müssen, aber vielleicht müssen wir das gar nicht.