Stop Bild Sexism: „Sex ist nicht unser Problem, Sexismus ist es“

Seit 2014 kämpft eine Gruppe von Aktivist_innen gegen Sexismus in den Medien und legt sich dabei vor allem mit Deutschlands größter Tageszeitung an. Ein Kampf gegen Windmühlen, der trotzdem wichtig ist.

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Nov. 23 2016, 8:05am

Sexismus ist ein anscheinend unsterblicher, für große Teile der deutschen Medienlandschaft unverzichtbarer Bestandteil ihrer Berichterstattung. Nackte Haut—idealerweise von schlanken, weißen Frauen—und auch die sprachliche Manifestierung sexistischer Geschlechterklischees sind Themen, mit denen wir uns auch hier auf Broadly regelmäßig beschäftigen. Wie es aussieht, wird sich das in all zu naher Zukunft auch nicht ändern, weswegen wir alle dieses Problem auch weiterhin regelmäßig ansprechen müssen, sofern wir wollen, dass sich etwas verändert.

Das sehen auch die Mitwirkenden der Initiative Stop BILD Sexism so. Die im Jahre 2014 von Kristina Lunz ins Leben gerufene Kampagne fokussierte sich zunächst auf die Abschaffung des oben-ohne Bild-Girls, wuchs aber schnell zu einer Aktion heran, die nun auch großflächiger gegen die fragwürdige Darstellung von Frauen in Zeitung und Fernsehen kämpft. Nahezu täglich protokollieren sie sexistisch-anstößige Beiträge deutscher Nachrichtenportale und teilen diese über ihren Blog und Social Media mit ihren Anhängern. Was genau sie sich zum Ziel genommen haben, wo für sie Sexismus beginnt und was die BILD selbst dazu sagt, haben sie uns im Interview erklärt.

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Was war der ausschlaggebende Moment dafür, die Kampagne ins Leben zu rufen?
Stop BILD Sexism wurde von Kristina Lunz als Schwesterkampagne von nomore page 3 gegründet—einer Kampagne gegen Sexismus in der Britischen Sun. Gerade im Boulevardblatt -Bereich wird Sexismus noch mehr als sonst als Normalität gesehen, die gar nicht auffällt. So werden Vergewaltigungen zu spannenden „Sex-Krimis"; Frauen, die es wagen wie Männer feiern zu gehen, sind dann schnell „Luder". Boulevardblätter halten noch mehr als andere Medien an diesem offenen Sexismus fest und es wird Zeit das zu ändern.

Nun ist die BILD bei weitem nicht die einzige Zeitung mit diesbezüglich problematischen Inhalten und auf eurem Blog sprecht ihr ja auch klar andere Medien an. Warum habt ihr den Namen trotzdem explizit auf dieses eine Medium gemünzt?
Die BILD-Zeitung ist Deutschlands auflagenstärkste Zeitung. Sie liegt in zahlreichen Haushalten auf dem Frühstückstisch und beeinflusst den öffentlichen Diskurs und gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität. Wenn sexistische Darstellungen in einem so einflussreichen Medium an der Tagesordnung sind, Millionen von Menschen also tagtäglich mitgeteilt wird, es sei okay, Frauen auf ihren Körper zu reduzieren und ihnen eine bestimmte Rolle zuzuweisen, dann ist das problematisch. Es trägt nicht nur zu Alltagssexismus, sondern auch—wie verschiedene Studien belegen—zu sexualisierter Gewalt gegen Mädchen und Frauen bei. Genau wie das BILD-Girl, gegen das sich die ursprüngliche Petition von Stop BILD Sexism richtete, nur einen Bruchteil des Sexismus in der Bildzeitung repräsentiert, ist der sexistische Normalzustand in der BILD als deutschem Leitmedium emblematisch für die gesamte Medienlandschaft.

Sex ist nicht unser Problem, der Sexismus ist es.

Hat BILD selbst jemals euch gegenüber Stellung genommen? Gab es allgemein irgendeine Reaktion von Medienseite?
Es ist für die BILD relativ schwierig, in dieser Sache ohne Gesichtsverlust Stellung zu beziehen. Der Zusammenhang von medialem Sexismus, Objektifizierung und Gewalt gegen Frauen ist ja schon längst belegt. Die Optionen sind hier eben entweder, diesen Zustand komplett zu negieren, zu verharmlosen oder gar nicht erst zu reagieren. Wir haben alle drei Reaktionen bekommen: Frau Springer ignorierte unseren offenen Brief. Herr Diekmann versuche es auf die „nur Spaß"-Art und teilte unsere Petition mit der Aufforderung, ihm doch im Gegenzug ein paar BILD-Girls heranzuschaffen. Frau Koch entschied sich dafür zu betonen, dass Sie zwar jedem „seine Selbsthilfegruppe" gönne, Deutschland aber gar kein Problem mit Sexismus habe, wir hätten ja schon längst ein modernes Geschlechterbild. Andere Medien hingegen sehen das entschieden anders. Unsere Kampagne hat über 100 Unterstützer aus Politik und Medien, Berichte über uns gab es außer in Deutschland auch in Großbritannien und Indien.

Auf eurem Blog stehen ziemlich gleichberechtigt Posts über in euren Augen schwierige Formulierungen und über Artikel, in denen Frauen ausschließlich auf Körperteile reduziert werden. Wo beginnt Sexismus für euch? Wie wichtig ist euch Differenzierung?
Sexismus beginnt dort, wo die Behandlung oder Berichterstattung nicht ausgeglichen ist und ein pauschaler Unterschied zwischen den Geschlechtern hergestellt bzw. behauptet wird. Da wir immer noch in einer patriarchal organisierten Gesellschaft leben, ist Sexismus ein strukturelles Problem und Macht wird vor allem von Männern über Frauen und andere Geschlechter ausgeübt. Nur deshalb ist es möglich, dass Frauen in verschiedenen Medien—wie beispielsweise der BILD—als Lustobjekte oder als „leichte Unterhaltung" herhalten müssen und extrem einseitig über sie berichtet wird.

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Das ständige Abbilden von Frauen mit Staubsaugern oder Gurkenmasken im „Ratgeber"-Teil ist ebenso sexistisch wie „Unter den Rock"-Fotos oder Bikini-Fotos im „Unterhaltungs"-Ressort, da sie gegenüber anderen Darstellungen überwiegen und Frauen eine bestimmte Rolle zugewiesen wird. Differenzierung ist vor allem dort wichtig, wo gefragt wird, ob das Abbilden nackter Frauen generell etwas Schlechtes sei—das ist natürlich nicht der Fall. Auf den Kontext kommt es an. Sex ist nicht unser Problem, der Sexismus ist es.

Ist Berichterstattung über Frauen in einem sexuell geprägten Kontext—beispielsweise ein freizügiges Photoshooting—also nicht zwingend sexistisch?
Nein, denn Nacktheit und die Betonung von Sexiness sind nicht per se sexistisch. Wenn allerdings Personen aufgrund ihres Geschlechts innerhalb der Gesellschaft auf ihre Sexiness und auf ihren Körper reduziert werden und andere Informationen über sie eine untergeordnete Rolle zu spielen scheinen, dann haben wir es mit Sexismus zu tun. Es kommt auf die Häufigkeit, den Ort und den sprachlichen und visuellen Rahmen der Repräsentation an—nicht darauf, wie viel Haut auf einem Bild zu sehen ist. Wäre die Berichterstattung ausgeglichen und würden wir neben Strandschönheiten auch Politikerinnen, Künstlerinnen oder Sportlerinnen sehen (und zwar nicht nur weiße, schlanke etc.), wären Frauen also in dieser Gesellschaft genauso facettenreich repräsentiert wie Männer, gäbe es kein Problem.

Eine andere Sache ist, dass Frauen aufgrund dieser ungleichen Repräsentation schon früh lernen, dass von ihnen Sexiness (natürlich nur in den „richtigen" Kontexten) quasi erwartet wird. Deshalb verbindet man „sexy Fotoshootings" auch eher mit Frauen. Das hat natürlich ebenfalls mit Sexismus zu tun, schlecht daran ist jedoch erneut nicht die Art des Shootings selbst, sondern unsere Gesellschaft, die bereits jungen Mädchen beibringt: „Wenn du sexy bist, beachtet man dich!"

Warum ist die überwiegende Mehrzahl der abgebildeten Frauen jung, weiß und dünn?

Wie kann man es besser machen?
Das kommt sehr auf den Kontext an—es gibt nicht die eine Formel gegen Sexismus. In unserer Reihe „BILD Sexismus Check" machen wir genau darauf aufmerksam: Wir greifen einzelne Nachrichten (auch wenn dieser Begriff manchmal nur lose zutrifft) heraus und schreiben kurz darüber, was sie sexistisch macht und wie sie weniger sexistisch zu gestalten wären. Beispielsweise kann es bei der Abbildung von nackten Menschen sowohl darum gehen, welche Geschlechter dabei abgebildet werden, als auch darum, welche Normen für ihre Körper aufgestellt werden. Warum ist die überwiegende Mehrzahl der abgebildeten Frauen jung, weiß und dünn? Was ist mit dicken Frauen, älteren Frauen, schwarzen und anderen nicht-weißen Frauen, Frauen mit Behinderung ...? Außerdem kann Sexismus daraus resultieren, wie Menschen in ihrer Nacktheit präsentiert werden. Werden sie nur als Objekt der Begierde einer oder eines Betrachtenden dargestellt, oder als Menschen, die sich aktiv zu dieser Darstellung entschieden haben? Werden sie z.B. verkindlicht oder in einer Situation dargestellt, in der sie kein Einverständnis zu dem Foto geben konnten (voyeuristische Aufnahmen)?

In Bezug auf andere Formen von Sexismus sehen natürlich auch die Fragen anders aus, die man stellen kann und sollte. Warum werden z.B. erfolgreiche Frauen gerne über ihre Männer definiert—etwa die Menschenrechtsanwältin Amal Clooney als „Frau von George Clooney"? Wird ähnliches Verhalten bei Frauen anders bewertet als bei Männern? Vor einiger Zeit hatten wir einen Sexismus Check zur Berichterstattung über Asma al-Assad, die im Wesentlichen darin bestand zu fragen, wie sie „als Mutter" die Kriegsverbrechen ihres Mannes unterstützen könne. Die entsprechende Frage, wie ihr Mann sein politisches Handeln „als Vater" verantworten kann, ist uns bisher nicht untergekommen.

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Die Lösung wäre in beiden Fällen einfach: Man könnte sich direkt mit den Frauen und ihren Leistungen oder Vergehen beschäftigen, anstatt beides auf ihre stereotyp weiblichen Rollen (als Ehefrau, als Mutter) zurückzuführen. Um es auf einen einfachen Satz zu bringen: Besser wäre es immer, Frauen als eigenständig handelnde Menschen zu behandeln. Wie das im Einzelfall aussieht bzw. woran es dabei noch hapert, variiert.

Laut der mittlerweile geschlossenen Petition war es das Hauptanliegen, das BILD-Girl abzuschaffen. Ist das nach wie vor das erklärte Ziel? An welchem Punkt würdet ihr sagen: Die Aktion war erfolgreich?
Das BILD-Girl steht symbolisch für den Stellenwert der Frau in der BILD-Zeitung. Ein Verbot dessen, wenn es alleinsteht und nicht von anderen Änderungen begleitet wird, wäre daher ein Erfolg, aber noch kein Sieg. Erste Erfolge von Stop BILD Sexism sind auch schon, wenn unsere Lesenden darüber nachdenken, wieso es eigentlich normal ist, dass die BILD ein BILD-Girl hat, aber keinen BILD-Boy. Wenn darüber diskutiert wird, was uns da eigentlich als normal verkauft wird. Nach dem Gender Gap Report 2016 ist die Gleichstellung der Frau in 180 Jahren erreicht. Bis dahin heißt es: Der Weg ist das Ziel.