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Foto: imago | Science Photo Library

Wie es ist, panische Angst vor Schwangerschaften zu haben

Gemima Rigby

Meine Panik ist mittlerweile so schlimm geworden, dass ich gar keinen Sex mehr habe. Hilfe gibt es keine – dabei bin ich nicht die einzige Frau, die unter Tokophobie leidet.

Foto: imago | Science Photo Library

Ich weiß noch genau, wie ich zum ersten Mal mit dem Thema Geburt konfrontiert wurde. Ich war 13 und hatte gerade meine erste Periode bekommen. Weil ich wissen wollte, was mein Körper noch so alles für mich bereithält, blätterte ich neugierig durch die Bücher meiner Mutter, in denen es um Schwangerschaften und Geburten ging. Dann stieß ich auf das Foto einer Geburt, auf dem der blutige Kopf eines Babys aus der Vagina einer liegenden Frau ragt. Die meisten Menschen finden so ein Bild entweder wunderschön oder irgendwie unappetitlich. Für mich war es komplett traumatisierend.

Ich war wie gesagt 13. Damals hatte meine jugendliche Fantasie gerade die ersten Vorstöße in die sexuelle Welt gemacht und ich kritzelte im Unterricht ständig meine erotischen Tagträume nieder. Mit der Zeit ließen diese so nahen und doch so fernen Vorstellungen in mir aber die Frage aufkommen, ob ich vielleicht schon mal Sex mit einem Klassenkameraden gehabt und es einfach vergessen hatte. Ein Teil von mir wusste zwar, wie unlogisch das war, aber dennoch hatte ich immer eine gewisse Angst. Nicht davor, vielleicht keine Jungfrau mehr zu sein, sondern vor einer Schwangerschaft.

Obwohl ich wusste, dass ich noch Jungfrau bin, bestand ich auf Blut- und Urintests, um wirklich sicherzugehen, nicht schwanger zu sein. Und selbst wenn diese Tests negativ ausfielen, machte ich mir trotzdem noch so viele Sorgen, dass ich nachts vor Übelkeit aufwachte (und diese Übelkeit natürlich als Schwangerschaftserbrechen deutete).

Solche obsessiven Gedanken und Erfahrungen haben mich bis ins Erwachsenenalter verfolgt. Als ich anfing, wirklich Sex zu haben, wurden sie schlimmer. Ich glaubte, körperliche Schwangerschaftssymptome zu haben, wie einem metallischen Geschmack im Mund oder das Gefühl, ständig auf Toilette zu müssen. Teilweise dachte ich sogar, dass sich etwas in mir bewegt. Im Laufe der Jahre habe ich Dutzende Schwangerschaftstest gemacht und trotz gewissenhaftem Kondomgebrauch öfter die Pille danach geschluckt, als ich zählen konnte.

Meine mentalen Fixierungen kommen nicht von ungefähr. Mit 14 diagnostizierten die Ärzte bei mir eine Zwangsneurose und mit 28 erfuhr ich, dass ich am Asperger-Syndrom leide. Eine Sache verstehe ich allerdings bis heute nicht: Warum ich so eine pathologischen Angst davor habe, schwanger zu sein.

Wenn ich schwanger bin, muss ich mich zwischen Abtreibung, Geburt, Adoption und Mutterschaft entscheiden – und ich will nichts davon.

Zur Tokophobie gibt es bis dato nur wenig Forschung. Die typischen Symptome decken sich zwar mit meinen Erfahrungen, aber sie variieren in der Intensität. Laut einem aktuellen Artikel des britischen Independent, sind zwischen 2,5 und 14 Prozent aller Frauen betroffen. Diese Zahlen sind allerdings dadurch bedingt, welche Symptom-Intensität die jeweiligen Forscher als Tokophobie definieren.

2017 veröffentlichte der Doktorand Maeve O’Connell zusammen mit Kollegen des Irish Centres for Fetal and Neonatal Translational Research an der University College Cork eine Studie zu dem Thema. Darin heißt es, dass die Angst vor allem bei Frauen vorkomme, die schon mal schwanger waren. Diese sogenannte sekundäre Tokophobie kann durch einen Kaiserschnitt oder eine traumatische Geburtserfahrung hervorgerufen werden. Primäre Tokophobie erfahren hingegen Frauen, die noch nie schwanger waren, und manifestiert sich vermehrt in der Jugend. Ursachen können vergangene Traumata sein – wenn man beispielsweise im jungen Alter bei einer Geburt zusieht und nichts erklärt bekommt.


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Forschungen haben außerdem gezeigt, dass das Risiko einer Tokophobie bei Menschen größer ist, die an Angstzuständen oder Depressionen leiden und im Kindesalter sexuellen Missbrauch erfahren mussten – alles Punkte, die auf mich zutreffen.

Meine Phobie bezieht sich nicht nur auf die körperlichen Aspekten einer Schwangerschaft und der anschließenden Geburt. Wenn ich schwanger bin, muss ich mich zwischen Abtreibung, Geburt, Adoption und Mutterschaft entscheiden – und ich will nichts davon. Keine Verhütungsmethode gibt mir Sicherheit. Außerdem fürchte ich mich davor, eine Fehlgeburt zu erleiden, ein Baby mit Geburtsfehler auf die Welt zu bringen oder das Kind irgendwie zu verletzen.

Selbst wenn die ganzen Schwangerschaftstest negativ ausfallen, muss ich ständig über die Möglichkeit einer sogenannten kryptischen Schwangerschaft nachdenken – eine kaum bekannte Körperstörung, bei der das Hormon hCG in Tests nicht auftaucht, die Menstruation weiterläuft und die Entwicklung des Fötus viel länger dauert. Die Frau ist sich bis zur Geburt oft gar nicht bewusst, dass sie schwanger ist.

Es scheint keine einstimmige Meinung darüber zu geben, wie man die Phobie am besten behandelt. Laut O’Connell könnte die Angst zurückgehen, wenn man unter den passen Umständen bei einer weiteren Geburt zusieht. Amy Wentzel, eine kognitive Verhaltenstherapeutin und Assistenzprofessorin an der University of Pennsylvania, ist der Meinung, dass Konfrontationstherapie, kognitive Neustrukturierung und Achtsamkeitstraining bei tokophobischen Frauen die besten Hilfsmittel seien. Sie selbst hat die Phobie aber noch nie direkt behandelt.

Die Tokophobie hat mein Sexleben so gut wie zerstört.

Ich kann verstehen, warum betroffene Frauen Hilfe bei anderen Tokophobikerinnen suchen. Die Angst ist nämlich nur ein Teil des Ganzen: Wenn quasi niemand das Leiden anerkennt, kommen noch die finanzielle Last, die Isolation, die Schwierigkeiten mit Intimität und die Scham dazu. Kein Wunder, dass sich viele Frauen Online-Hilfsgruppen anschließen, weil sie nicht wissen, an wen sie sich mit ihrem Problem wenden können.

Beim Frauenarzt ist es mir immer zu peinlich, meine Phobie anzusprechen. Und auch mit meinen Psychologen habe ich nie eingehend über dieses Thema gesprochen – teilweise aus Scham, teilweise aus Angst davor, dass sie das Ganze als eine weitere meiner irrationalen Obsessionen abtun, weil es dazu kaum Forschung oder überhaupt ein Bewusstsein für die Phobie gibt.

Normalerweise lasse ich mich mit einem Blut- und Urintest ein- bis viermal im Jahr auf eine Schwangerschaft checken. Das letzte Mal bekam ich mit, wie sich die Krankenschwester und die Ärztin auf dem Flur über mich unterhielten. Gedemütigt wartete ich weiter auf dem Gynäkologen-Stuhl, bis mir besagte Ärztin mit einem leicht genervten Blick das negative Ergebnis mitteilte. Außerdem wies sie mich an, in Zukunft besser aufzupassen, mit wem ich schlafe. Kurz darauf entschied ich, mich einer transvaginalen Ultraschalluntersuchung zu unterziehen. Ich hatte das Gefühl, dass etwas in meinem Unterleib zuckte, und wollte sichergehen.

Die Tokophobie hat mein Sexleben so gut wie zerstört. Ich bin immer total vorsichtig, keiner meiner Sexualpartner darf in mir kommen. Nach dem Geschlechtsverkehr prüfe ich jedes Kondom gewissenhaft auf Löcher. Ich kann mich beim Sex nie richtig fallen lassen, weil ich mir ständig Sorgen mache, das Kondom könnte abrutschen oder reißen. Das nervt natürlich auch meine Partner. Aktuell habe ich gar keinen Sex. Ich plane zwar nicht, den Rest meines Lebens enthaltsam zu sein, weiß aber einfach nicht, wie ich meiner Angst sonst in den Griff kriegen soll.

Natürlich ist meine Tokophobie ein Fluch. Kaum jemand weiß etwas von diesem Befund, es muss deutlich mehr Forschung in die Richtung geben und Angebote, die betroffenen Frauen dabei helfen, mit ihren Ängsten umzugehen. Gewissermaßen ist meine Angst aber auch ein Segen: Sie zwingt mich nämlich dazu, bewusst über meinen Körper zu bestimmen und bedachte Entscheidungen zu meiner Sexualität zu treffen.

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