Was ich als Transfrau über Sex mit Hetero-Männern gelernt habe

Vor meiner Geschlechtsangleichung ging ich nur mit schwulen Männern ins Bett. Was mir nach der OP blühte, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können.

von Charlie Craggs; aufgeschrieben von Sirin Kale
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Feb. 5 2018, 6:15am

Foto: Nicolas Postiglioni | Pexels | CC0

Ich bin eine Transfrau und stehe auf Männer. Deswegen habe ich vor meiner Geschlechtsangleichung mit schwulen Männern geschlafen. Auch nach der Angleichung änderten sich meine sexuellen Präferenzen nicht. Nur: Statt mit schwulen Männern schlief ich eben mit hetero- oder bisexuellen. Ich hätte niemals gedacht, dass zwischen diesen beiden Erfahrungen Welten liegen.

Eines der ersten (und schockierendsten) Dinge, die mir aufgefallen ist: Ich werde beim Sex auf einmal vollkommen anders behandelt. Plötzlich waren meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche nichts mehr wert. Heterosexuellen Typen scheint es oft vollkommen egal zu sein, ob die Frau kommt. Das ist etwas, dass viele Frauen wissen, mir aber erst richtig klar geworden ist, als ich selbst auch biologisch gesehen zur Frau geworden war.

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Das erste Mal Sex nach meiner Angleichung hatte ich mit einem Mann, mit dem ich schon eine Weile geschrieben hatte. Weil ich mich öffentlich gegen die Diskriminierung von Transpersonen einsetze, haben schon verschiedene Medien über mich berichtet. Einer der Vorteile davon: Es werden süße Typen auf mich aufmerksam und schreiben mir. Wenn sie mir gefallen, schreibe ich zurück. Dieser Mann hatte mich in den Nachrichten gesehen, als ich meine Kampagne Nail Transphobia ins Leben gerufen habe. Er hat ab und zu meine Fotos gelikt und wir schrieben gelegentlich, bis er schließlich ein Treffen vorschlug.

Ich bin Christin, Sex nach dem ersten Date ist bei mir nicht drin. Bevor wir uns auch körperlich näher kamen, waren wir also einige Male miteinander aus. Trotz aller Sympathie und der Zeit, die ich mir gelassen hatte, wurde mein zweites "erstes Mal" eine große Enttäuschung. Klar, ich war keine Jungfrau mehr, aber immerhin war es das erste Mal nach meiner Angleichung. Ich wollte, dass es etwas Besonderes wird. Mein Fazit nach der ersten Nacht mit einem Hetero-Typen: Männer sind Schweine.

Zum ersten Mal verstand ich die Geschichten, die meine Freundinnen mir mein ganzes Leben lang erzählt hatten.

Er schien viel Spaß zu haben, ich hingegen fühlte mich einfach nur unwohl. Mir kam es so vor, als wären ihm mein Körper und meine Gefühle komplett egal. Ich wollte ihn nicht heiraten oder so, tatsächlich schien ihm mehr an mir zu liegen, als mir an ihm. Trotzdem erwartete ich ein Mindestmaß an Respekt – und wollte natürlich auch auf meine Kosten kommen. Als er kam, schien allerdings auch das Licht für jede weitere sexuelle Aktivität auszugehen. "Ach so, das war’s jetzt?", fragte ich und schämte mich beinahe dafür, ihn überhaupt darauf hinweisen zu müssen, dass ich ebenfalls ein Mensch mit sexuellen Bedürfnissen war. Erwartete er allen Ernstes, dass ich es mir selbst besorgte, während er nicht nur geistig schon ganz woanders war, sondern sich auch räumlich von mir entfernt hatte?

Als mir schließlich klar wurde, dass er nicht vergessen hatte, dass ich nicht gekommen war, wurde ich ziemlich wütend. Offensichtlich war es ihm schlicht und ergreifend egal. Zum ersten Mal verstand ich die Geschichten, die meine Freundinnen mir mein ganzes Leben lang erzählt hatten. Die Anekdoten über egoistische Typen, für die man nur eine Art Hilfestellung zum sexuellen Höhepunkt ist, und kein Mensch, der ebenfalls Spaß dabei haben sollte. Ich habe ihn nie wieder gesehen.


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Als ich noch mit schwulen Männern Sex hatte, war es ganz anders. Sie waren im Bett empathischer, einfühlsamer und respektvoller. Ich hatte das Gefühl, dass es ihnen wichtig war, auch ihren Sexualpartner zum Höhepunkt zu bringen. Wahrscheinlich hängt das auch damit zusammen, dass der Körper des anderen kein Mysterium ist. Wenn man bedenkt, dass viele Hetero-Männer nach wie vor nicht zu wissen scheinen, wo sich die Klitoris befindet, ist es ein Wunder, dass Frauen sie überhaupt in die Nähe ihrer Körper lassen.

Vielleicht müssen Frauen deswegen anfangen, weniger höflich zu sein. Nicht nur im Leben, sondern auch beim Sex. Wir müssen endlich klar formulieren, was uns anmacht und was wir von unserem Sexpartner erwarten. Männern ist es im Zweifelsfall egal, ob es zu so einem Gespräch kommt, sie kommen schließlich relativ einfach.

Stellt euch einfach mal vor, ihr hättet Sex mit einem Mann, würdet nach wenigen Minuten kommen und ihn anschließend einfach mit seiner Erektion alleine lassen. Er würde mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit "Komm' zurück! Wir waren noch nicht fertig!" rufen und sich dabei vollkommen im Recht fühlen.

Ich will einen Mann kennenlernen, der mich wegen meiner Persönlichkeit mag, und nicht weil oder obwohl ich eine Transfrau bin.

Nach diesem enttäuschenden Auftakt, lernte ich andere heterosexuelle Männer kennen. Und auch bei ihnen wurde mir klar, wie wichtig Kommunikation ist. Vor allem dann, wenn man miteinander intim wird. Einige der Typen, die ich kennengelernt habe, glaubten beispielslweise, dass Transfrauen wegen der Hormone, die sie nehmen müssen, Probleme hätten zu kommen. Das mag bei manchen der Fall sein, bei mir aber nicht. Andere haben mich während des Sex so gut wie gar nicht angefasst, und als ich nachgefragt habe, kam als Antwort oft etwas wie: "Ich dachte, du willst nicht angefasst werden. Die letzte Transfrau, mit der ich geschlafen habe, wollte das nicht."

Viele wären schockiert, wenn sie wüssten, wie viele heterosexuelle Männer mit Transfrauen schlafen. Pornos mit Transfrauen sind eine der am schnellsten wachsenden Kategorien auf Pornoseiten. Ich bin auf eine ziemlich strenge Jungenschule gegangen, und ich kann euch versichern, dass ich mit der Hälfte meines Jahrgangs hätte Sex haben können, wenn ich gewollt hätte. Die Mehrheit der heterosexuellen Typen wollen uns natürlich nicht mit nach Hause nehmen und ihren Eltern vorstellen, sie sehen uns als sexuelles Experiment. Oft sind es die vermeintlich männlichsten, heterosexuellsten Männer, die plötzlich "Fick' mich!" sagen.

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Heterosexuelle Männer, die mit jeder Transfrau Sex haben wollen, die sie treffen, nennen wir Transfrauen "Chaser". Nichts daran ist schmeichelhaft oder erstrebenswert, sie fetischisieren und entmenschlichen uns. Wenn man ausschließlich Transfrauen datet und keine anderen Frauen, ist das für mich ein klarer Abtörn. Der einzige Unterschied zwischen ihnen und mir ist wortwörtlich ein Schwanz. Nachdem du eine geschlechtsangleichende OP hattest, wirst du für sie Luft. Alles, was sie an dir interessiert, ist das, was zwischen deinen Beinen hängt. Ich will einen Mann kennenlernen, der mich wegen meiner Persönlichkeit mag, und nicht weil oder obwohl ich eine Transfrau bin. Jemanden, der sagt: "Du bist also trans? OK, cool."

Mein Rat an alle Transfrauen da draußen, die das erste Mal nach ihrer Angleichung Sex mit einem Mann haben wollen: Versteht euren Wert, euren Körper, eure Bedürfnisse und Wünsche. Und wenn er euch nur als Sexspielzeug benutzt, lasst etwas aus seiner Wohnung mitgehen! Er hat euch wie eine Prostituierte behandelt, es ist also euer gutes Recht, dafür zu sorgen, dass ihr angemessen bezahlt werdet. Ich mache das jetzt wirklich. Wenn der Typ mich nicht respektvoll behandelt, stecke ich mir beim Rausgehen einfach etwas von seinen Sachen in die Tasche. Ich habe in meinem Leben schon genug durchgemacht. Das hört jetzt auf.

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