Alle Fotos: Marie Hyld 

Geschlechterkrampf: Diese Fotografin spielt mit den Identitäten ihrer Tinder-Dates

Marie Hyld ließ junge Frauen und Männer als "typisch männlich" und "typisch weiblich" posieren. Die Ergebnisse zeigen, wie viel Angst insbesondere Männer vor ihrer anderen Seite haben.

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Dez. 4 2018, 9:34am

Alle Fotos: Marie Hyld 

Anfang des Jahres hat die dänische Fotografin Marie Hyld an einem Workshop zum Thema "Feminine Reinigung" teilgenommen. Dabei versuchten sie und die anderen Frauen, die Barriere zwischen ihren "femininen und maskulinen Energien" einzureißen. Dafür tanzten, schrien und schwitzten sie alle um die Wette. Sie umkreisten ein imaginäres Lagerfeuer, warfen ihre symbolischen Masken des Alltags in die Flammen und sahen dabei zu, wie ihre festgefahrene Selbstwahrnehmung zu Asche wurde.

"In allen Menschen – ganz egal welches Geschlecht – fließt sowohl maskuline als auch feminine Energie. Darauf basierend arbeiteten wir als Gruppe zusammen, um die Grenze zwischen diesen Energien flexibler zu machen", erklärt Hyld. "Da in dem Workshop nur Frauen waren, hieß das vor allem: die maskuline Seite in uns entdecken."

Durch den Workshop fühlte sich Hyld wie befreit von den ungeschriebenen Gesetzen, wie sie sich als Frau zu verhalten habe. Und sie kam auf die Idee für ihre aktuelle Fotoserie Tortuous. "Mir wurde plötzlich klar, dass ich die ganze Zeit nur das getan habe, was andere Menschen meiner Meinung nach von mir erwarteten", erzählt die Fotografin. Sie entschied sich dazu, diese Einsicht mithilfe ihrer Kamera noch weiter zu erforschen.

Genauso wie bei ihrer letzten Bildreihe Lifeconstruction suchte und fand Hyld die Models für ihr neuestes Projekt bei Tinder. Dieses Mal ging sie zu den jungen Frauen und Männern nach Hause und fotografierte sie zuerst ganz normal und authentisch. Danach folgten aber Porträts, in denen die Models plötzlich feminin beziehungsweise maskulin wirken. "Ich musste zuerst eine Art Karikatur erschaffen, in der ich mich maskuliner und femininer Stereotypen bediene, um diese dann zu zerstören", erklärt die Fotografin. Uns haben die Models erzählt, was sie über die Bilder denken und wie das Shooting ablief.

To billeder af Lærke, et hvor hun ligger i sengen, et hvor hun står op af en mur og ryger

Lærke

"Während meiner Kindheit nahm ich an vielen Tanzwettbewerben teil. Das bedeutete: Schon früh trug ich pompöse Kleider, Glitter und Make-up. Ich bin schon immer ziemlich eitel gewesen. Auch heute verwende ich morgens noch viel Zeit auf meine Haare und Schminke. Meinen Kaffee und mein Müsli gibts da schon mal vor dem Spiegel. Deswegen war ich überrascht, wie unwohl ich mich vor der Kamera gefühlt habe. Am schlimmste fand ich, wie ich in einem rosa Oberteil im Bett lag und versuchte, süß zu wirken. Das werde ich nie wieder tun.

Dann spielten wir mit verschiedenen Looks herum, die sowohl maskuline als auch feminine Elemente besaßen. Aber erst als ich mein Make-up abwusch, klickte es wirklich. Plötzlich konnte ich mich zusammen mit Marie auf meinem Balkon für einen Moment vergessen und fand so zu dem männlichen Charakter, den ich darstellen wollte: herrisch und schmierig. Dieses interessante 'dreckige' Gefühl genoss ich noch den Rest des Tages. Ich habe auch erst am nächsten Tag die Boxershorts ausgezogen und den Schnurrbart abgewaschen."

To billeder: Josh sidder i skater t-short foran en mur. Josh ligger i vandet omgivet af blomster og iført makeup

Josh

"Als ich mein feminines Bild zum ersten Mal sah, dachte ich mir sofort: 'Scheiße, das ist echt schwul.' Ich fand das unangenehm, ich wollte mich nicht so porträtiert sehen. Auf dem Foto trage ich Rouge, Lippenstift und Mascara. 'Ich sehe aus wie ein Mädchen', dachte ich mir.

Dann kamen mir aber andere Gedanken: 'Warum verbinde ich Femininität mit Homosexualität? Warum ist das Wort 'schwul' in meinem Kopf etwas Negatives? Und warum schäme ich mich bei der Vorstellung, dass andere Leute dieses Foto von mir sehen? Homosexualität schließt Maskulinität doch nicht aus und ist nichts Negatives. Und warum ist es mir überhaupt wichtig, was andere Menschen über mich denken?'

Mir wurde klar, dass diese Zweifel in meinem Kopf auf meine Erziehung zurückgehen: Falle nicht auf, die Leute bilden sich direkt ein Urteil über dich, feminine Züge sind bei Männern ein Zeichen der Schwäche. All diesen eingetrichterten Quatsch musste ich vergessen. Ich programmierte mich quasi neu. Ich lernte, dass mir die Meinung anderer Menschen egal sein sollte. Ich lernte, dass es nichts Schlechtes ist, wenn es andere Leute stört, wie ich mich ausdrücke. Ich lernte, dass Femininität etwas Wunderschönes und Mächtiges ist. Und wegen all dem liebe ich dieses Foto."

To billeder af Karoline, et hvor hun sidder i lyserød skjorte og læbestift, et hvor hun slænger sig i tanktop og hår under armene

Karoline

"An manchen Tagen fühle ich mich mit roten Lippenstift richtig stark, an anderen fühle ich mich nur in gender-neutraler Kleidung wirklich wohl. Seit einigen Jahren zeige ich auch immer mehr meine feminine Seite, aber eigentlich komme ich mit einem androgynen Look am besten klar. Das liegt wohl an meiner Größe und meinem burschikosen Körperbau. Zudem ich bin ich in einer Gesellschaft großgeworden, in der das hosentragende Geschlecht immer noch das meisten Sagen hat. Deshalb bevorzugte ich in jungen Jahren Kleidung, die nicht unbedingt feminin war. Ich wollte ja gehört werden.

Obwohl ich mich heutzutage auch mit meiner femininen Seite stark fühle, kam ich mir während des Shootings für diese Seite ungeschützt und unsicher vor. Beim maskulinen Look war es genau andersrum: Da fühlte ich mich stark und unerschütterlich. Als ich mich feminin präsentieren sollte, hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass ich hübsch wirken müsste. Bei dem androgynen Charakter ging es hingen nicht darum, hübsche Bilder zu schießen, sondern eindringliche."

To billeder af Morten. Et, hvor han sidder i sit almindelige tøj i en sofa, et, hvor han ligger i sengen og har læbestift på

Morten

"Als ehemaliger Fußballspieler bin ich einer ziemlichen Macho-Kultur großgeworden. Ich finde jedoch, dass alle Männer etwas Feminines in sich tragen – genauso wie alle Frauen etwas Maskulines an sich haben.

Während meiner Zeit mit Marie fühlte ich mich häufig sehr unwohl in meiner Haut. In manchen Momenten lief es aber. Dass es auch diese Momente gab, hat mir dabei geholfen, meine feminine Seite zu akzeptieren. Und ich weiß jetzt, wie schwer es ist, ein paar Minuten lang meine Maskulinität zu verlieren.

Zwei Dinge sind mir durch das Shooting klargeworden: wie viel Macht Frauen dazugewinnen, wenn sie einen maskulineren Stil fahren. Und wie viel Macht Männer einbüßen, wenn sie sich auf einen feminine Art und Weise präsentieren. Ich habe großen Respekt vor allen Menschen, die ganz sie selbst sind, egal wie feminin oder maskulin das auch sein mag."

To billeder af Maja: Et hvor hun sidder og smiler på en stol, et, hvor hun står og ryger i skovmandsskjorte

Maja

"Als wir in meiner Wohnung nach einer guten Stelle für das Shooting suchten, überlegten wir uns das Motiv und die passende Kleidung. Marie machte mein Make-up und ich entschied mich für ein weißes Unterhemd und Boxershorts. Eine Bierdose und eine Zigarette sollten meinen Look abrunden. Und so stand ich da mit einer Socke in meiner Unterhose und kam mir vor wie jemand, der in einer Wohnwagensiedlung lebt.

Ich hatte richtig Spaß, auch wenn es mir teilweise schwer fiel, böse zu gucken. Als das Shooting vorbei war, verabschiedete sich Marie schnell und ich blieb wie benommen zurück.

Ich setzte mich auf meine Couch und freute mich darüber, dass wir heutzutage die Freiheit haben, mit unserem Aussehen zu spielen. Wir müssen nicht mehr in eine bestimmte Schublade passen. Und auch wenn es noch viele Gründe gibt, wütend zu sein, und noch viele Kämpfe geführt werden müssen, ist es trotzdem unglaublich toll, dass so viele Menschen für ihr wahres Selbst einstehen."

To billeder: Frederik står i bar overkrop i sit køkken, og Frederik slænger sig i en stol med et glas vin, iført strømpebukser og turban

Frederik

"Ich fühle mich in Dessous richtig sexy. Der Lippenstift ist dann quasi das I-Tüpfelchen. Früher ging ich noch davon aus, mich dafür schämen zu müssen, wenn ich meine feminine Seite auslebe. Damals unterdrückte ich unbewusst diese Seite von mir. Heute macht es mir Spaß, die Leute mit ihren klischeebeladenen Vorstellungen von 'echten Männern' zu konfrontieren – vor allem, weil sich mein Alltag zum Großteil in einem Arbeiterumfeld abspielt, in dem Männer vorherrschen. Da sind Vorurteile und die Angst vor dem Ungewissen natürlich omnipräsent.

Einmal stieß einer meiner Kollegen in den sozialen Medien auf ein Bild von mir in Frauenkleidern. Auf dem Foto trage ich nur ein Sweatshirt, rosa Unterhosen und Strumpfhalter und lehne mich in einem Waschsalon verführerisch gegen eine Waschmaschine. Mein Kollege wusste überhaupt nicht, wie er reagieren sollte. Das Ganze war ihm offensichtlich richtig unangenehm. Ich lachte einfach nur. Schon schade, dass wir als Gesellschaft noch nicht weiter gekommen sind."

To billeder af Naomi, det første i blomstret kjole, det andet i løs tanktop

Naomi

"Lange Zeit nahm ich meinen Charakter und mein Aussehen teilweise als maskulin wahr. Diese Seite wolle ich nun richtig ausleben. Dafür musste ich aber zuerst meine Femininität und meine weibliche Identität erforschen. Während des Foto-Shootings spürte ich richtig, wie sich meine Meinung zu Maries Projekt änderte, als ich mich in mein maskulines Gegenstück verwandelte. Es fiel mir in der männlichen Rolle viel leichter, unterschiedliche Posen einzunehmen. Meine Eitelkeit hielt mich nicht mehr zurück.

Als Frau habe ich ständig das Gefühl, dass mein Umfeld bestimmt, was feminin ist und was nicht. Ich werde nicht nur aufgrund meines Aussehens beurteilt, sondern auch aufgrund meiner Entscheidungen: welche Klamotten ich trage, was ich mache, wie ich mich präsentiere. Die Leute achten genau darauf, inwieweit ich der traditionellen Frauenrolle entspreche oder inwieweit ich diese ablehne. Das geht so weit, dass meine persönlichen Eigenschaften gar keine Rolle mehr spielen. Ich werde nicht mehr als Mensch mit komplizierten Gedanken, Gefühlen und Zielen wahrgenommen. Stattdessen komme ich mir vor wie ein Spiegel für die unerreichbaren und oftmals gegensätzlichen Forderungen, die man an uns Frauen stellt.

Im Gegensatz dazu fühlte ich mich als mein männliches Alter Ego richtig gefestigt – sowohl in meinem Kopf als auch in meinem Körper. Es machte mir richtig Spaß, mich zu zeigen. Körperlich und mental stark, attraktiv, interessant. So kam ich mir vor. Und zwar nicht, weil ich diese Eigenschaften mit Männlichkeit verbinde, sondern weil ich mir diese Eigenschaften wirklich zuschreibe. Obwohl ich eine 'feminine' Frau bin."

To billeder, Michael sidder på en stol i rullekravesweater, og michael ligger i et badekar med rød læbestift

Michael

"Ich habe mich nie wirklich als Mann gesehen, weil ich mich nicht mit dem traditionellen Männlichen identifiziere. Inzwischen habe ich aber meinen eigenen Weg gefunden, maskulin zu sein. Leute wie Brian Molko oder David Bowie mit ihrem androgynen Look waren in meinen Teenie-Jahren große Inspirationsquellen für mich. Beide spielten ganz offen mit den klassischen binären Geschlechterrollen. Je älter ich wurde, desto leichter fiel es mir, verschiedene Aspekte meiner Persönlichkeit zu erforschen und den Begriff 'Männlichkeit' für mich selbst zu definieren.

Schon interessant, dass ich mich nackt zusammen mit einer fremden Person in meiner Badewanne selbstsicherer fühlte als im Alltag. Dieses befreite Gefühl sagt doch viel darüber aus, wie einschnürend die traditionellen Gender-Schubladen sind – vor allem für Menschen, die sich selbst weder als Mann noch als Frau sehen.

Leider ist die Welt ein gefährlicher Ort für Trans-Menschen und genderqueere Personen. Daran wird sich auch nichts ändern, bis allen klar wird, dass wir uns nicht so präsentieren müssen, wie man es aufgrund unseres biologischen Geschlechts von uns erwartet. Man kann die menschliche Identität nicht kategorisieren. Das müssen die Leute endlich einsehen. Nur dann können wir die queere Community besser unterstützen. Eigentlich ist das das Mindeste, was wir tun können, um diesen Menschen dafür zu danken, dass sie mutig genug sind, um die gesellschaftlichen Normen in Frage zu stellen."

To billeder af Mads: et, hvor han sidder på en seng og ser vred ud, et, hvor han sidder svøbt i et tæppe og græder

Mads

"Ich finde es faszinierend, wie die gesellschaftlichen Strukturen auf uns einwirken. Ich spiele seit meinem vierten Lebensjahr Fußball, gerade in diesem Umfeld wird jede Abweichung vom vermeintlich Männlichen als falsch angesehen. Im Team herrscht ein richtige Macho-Kultur, in der niemand aus der Reihe fallen will. 'Schwul' gilt da als Schimpfwort. Alle, die da nicht dem klassisch maskulinen Bild entsprechen, versuchen, sich so gut wie möglich anzupassen. Und das aus guten Grund: Wer will schon Angst haben oder sich schämen?

Ich persönlich werde in meinen Gedanken immer freier und offener. Ich habe nicht mehr so viel Angst wie früher. Das alles ist Teil meiner Weiterentwicklung. Ich habe eine differenziertere Seite von mir entdeckt, bei der die maskulinen und femininen Energien besser ineinander übergehen.

Zum Glück entwickeln wir uns als Gesellschaft in eine Richtung, in der es immer mehr Raum für Vielfältigkeit gibt. Angekommen sind wir aber noch lange nicht. Deswegen habe ich an Maries Projekt teilgenommen. Ich will zeigen, dass es ganz normal ist, anders zu sein. Das sollen nicht nur all die Menschen erfahren, die sich 'falsch' fühlen, sondern auch die Menschen, die nicht von ihren Vorurteilen ablassen können."

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