In Japan kannst du dir eine beste Freundin mieten

Für rund 50 Euro die Stunde gehen Frauen wie Ruri oder Aki mit dir Kaffee trinken oder Karaoke singen. Doch nicht jeder will einfach nur Spaß haben.

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Mai 3 2018, 11:50am

Aki, 27, eine Mietfreundin aus Tokio | alle Fotos: Stéphane BDCeine

Es ist früher Samstagnachmittag in Tokio. Geschäftsmänner in Anzügen, Teenager in Schuluniformen und eine Handvoll Touristen stehen an der Fußgängerampel vor der berühmten Shibuya-Kreuzung. Auch die 27-jährige Ruri wartet geduldig. Als es grün wird, winkt sie einer Frau zu, die von der gegenüberliegenden Straßenseite auf sie zukommt. Es ist Nonna. Nach einer höflichen Verbeugung gehen die beiden wie viele andere Freundinnen am Wochenende in ein nahegelegenes Café.

Ihre Freundschaft ist allerdings anders – sie trägt ein Preisschild. Nonna lässt sich Ruris Gesellschaft umgerechnet rund 50 Euro die Stunde kosten. Ruri ist das, was man in Japan als "Mietfreundin" bezeichnet. Sie arbeitet für die Agentur Client Partners.

Mit fünf Niederlassungen im ganzen Land laufen die Geschäfte offensichtlich gut für die Agentur. Tatsächlich könne man kaum bei der hohen Nachfrage mithalten, heißt es. Viele Menschen in Japan können ihre wahren Gefühle nicht gegenüber ihren Kollegen, Freunden oder sogar Ehepartnern zeigen, sagt Ruri. Das verursache existenzielle Einsamkeit, wie sie es ausdrückt.


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"Vor ein paar Jahren habe ich meine Freunde und meine Familie auf dem Land zurückgelassen, um in Tokio einen netten Job und einen Mann zu finden. Jetzt arbeite ich in einer Hostessen-Bar und schenke reiche Männern Getränke ein”, sagt Nonna, die ähnliche Erfahrungen gemacht hat. “Die denken, dass ich sie liebe, aber für mich ist das einfach nur Arbeit." Obwohl es in Tokio und ganz Japan zahlreiche solcher Hostessen-Bars gibt, ist es immer noch ein Tabu, mit Freunden oder Familie über diesen Job zu sprechen. Obwohl Nonna viel Geld damit verdient, muss sie ihre Arbeit in ihrem Privatleben verheimlichen.

Geduldig hört Ruri Nonnas Nöten und Sorgen zu, nickt immer wieder bestätigend mit dem Kopf. Nach einer knappen Stunde schaut Ruri auf die Uhr. "Lass uns in eine Karaoke-Bar gehen!", ruft sie aufgeregt. Die beiden Frauen verlassen das Café.

Als sich die Tür der Karaoke-Kabine hinter ihnen schließt, gibt es für Nonna kein Halten mehr. Voller Leidenschaft singt sie ihre Lieder. Ruri sitzt artig daneben und rasselt mit einem Tamburin. Nach einer Stunde gesanglicher Katharsis verabschieden sie sich. Ruri ist es egal, dass ihre Kundinnen sie nie etwas fragen würden. "Es geht um die Klientin. Mein Leben ist irrelevant. Ich bin froh, dass sie Spaß hatte." Werden sie sich wieder sehen? Ruri zuckt mit den Schultern.

Ruri (rechts) trifft ihre neue Klientin, Nonna

Mietfreundschaften gibt es allerdings nicht nur zwischen jungen Frauen, wie Akis Fall zeigt. Die 27-Jährige sitzt am Tisch eines italienischen Restaurants in Tokios Shopping-Viertel Shinjuku. Das Setting erinnert sie einen ihrer Stammkunden, Hokuto, ein Manager im Ruhestand.

"Als er 60 wurde, musste er seinen Job aufgeben. Das ist das offizielle Rentenalter in Japan", sagt sie. "Er wurde depressiv. Er hatte eine führende Position in einer Werbeagentur. Plötzlich hatte er jeden Sinn in seinem Leben verloren." In einem Land, in dem sich viele Menschen über ihre Arbeit definieren, kann der Ruhestand eine Identitätskrise verursachen.

Er begann zu trinken. Aki erinnert sich genau an ihre erste Begegnung: "Er trank wie ein Wahnsinniger – Bier, Sake, alles. Er war richtig fertig und verhielt sich aggressiv gegenüber den Restaurant-Angestellten." Während Aki erzählt, arrangiert sie gelassen den Tisch und schenkt Getränke ein. Schnell versteht man, warum sorgengeplagte Menschen bei ihr Ruhe finden können.

"Je öfter wir uns getroffen haben, desto weniger hat er getrunken. Er wurde besser darin, seine Gefühle auszudrücken", sagt sie. "Für japanische Männer in seinem Alter ist es sehr selten, über Gefühle zu sprechen, verstehst du? Aber die Gespräche mit mir haben ihm Last von den Schultern genommen."

Ich frage, ob sie jemals in eine brenzlige Situation geraten sei, ob ihr Klienten jemals Angst gemacht haben. Mit einer Geste verweist sie auf die vielen Menschen um uns herum: "Wir treffen uns immer an öffentlichen Orten, umgeben von ausreichend Menschen. Aus Prinzip treffen wir uns nicht in Privathäusern und ich begleite Klienten auch nie nach Hause."

Aki hat keine Ahnung, ob Hokuto eine Familie hat, ob er sich heimlich mit ihr trifft. "Das ist auch egal. Unsere Beziehung ist rein platonisch."

Ruri und Nonna suchen in der Karaoke-Bar ein Lied aus

Eine Beziehung habe sie allerdings schon mit einem Kunden gehabt – natürlich eine fingierte. Yoshi, ein Student, hatte sich mit einem besonderen Wunsch bei ihr gemeldet: Kann sie sich einen Tag lang als seine Freundin ausgeben? Seine Großmutter sei krank gewesen, sagt Aki, und der Arzt meinte, sie hätte nur noch wenige Wochen zu leben. "In Japan ist es eine Frage des Stolzes, dass deine Kinder erfolgreich im Leben sind, auch im Liebesleben", erklärt sie.

Eine andere Klientin, ein Teenager-Mädchen, habe Aki eine Stunde dafür bezahlt, gemeinsame Fotos für ihren Instagram-Account zu machen. Andere Kunden wollen mit ihr shoppen oder ins Kino gehen.

Das sind die Aufträge, bei denen sich Aki mehr um das Wohlergehen ihrer Kunden sorgt. Zu ihren ernsteren Fällen gehören auch sogenannte Hikikomori – Menschen, die ihr Zimmer seit Langem nicht verlassen haben und abgeschottet von der Außenwelt leben. Der japanischen Regierung zufolge sind rund 540.000 Menschen im Land Hikikomori, der Großteil von ihnen ist männlich. Manchmal melden sich Familienangehörige von Betroffenen bei Client Partners in der Hoffnung, dass die Mietfreunde sie aus ihrer Isolation holen können.

"Einmal hat eine Frau bei mir angerufen, die sich Sorgen um ihren Sohn gemacht hat. Er wurde in der Schule gehänselt. Wochenlang wollte er sein Zimmer nicht verlassen und machte nichts anderes, als Comics zu lesen." Aki nutzte ihre gemeinsames Interesse an Manga, um mit ihm ins Gespräch zu kommen. "Irgendwann habe ich es geschafft, ihn nach draußen zu bekommen. Jetzt treffen wir uns alle zwei Wochen an öffentlichen Orten, um über sein Leben zu sprechen."

Auch wenn die Mietfreundinnen Bücher über Psychologie und Psychotherapie lesen müssen, betont Client Partners, dass man niemandem helfen könne, der unter einer Depression leide. Entsprechende Personen würde man an einen Arzt oder Therapeuten weiterleiten. Obwohl die japanische Gesellschaft inzwischen offener über psychische Gesundheit spricht, ist es dort immer noch nicht so üblich wie in westlichen Gesellschaften, einen Therapeuten zu besuchen.

Aki warnt ihre Klienten immer wieder davor, dass sie keine echten Freunde sind, auch wenn es manchmal so wirken mag. "Das einzige, was ich tun kann, ist ihnen zu zeigen, wie man echte Freundschaften aufbaut."

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