Als verdeckte Ermittlerin im Kampf gegen die Massentierhaltung

Als Tierschutzermittlerin ist es Lisas Aufgabe, in Mastbetrieben und Schlachthöfen zu arbeiten, um die Gewalt zu dokumentieren, die sie eigentlich stoppen möchte. Wir haben sie gefragt, wie sie damit umgeht und gleichzeitig verhindert, dass sie...

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Dez. 22 2016, 8:20am

Photo courtesy of Mercy for Animals

Bei Sonnenaufgang kräht der Hahn, auf einem offenen grünen Feld steht eine große rote Scheune und im Schatten eines großen, alten Apfelbaums liegt eine Kuh und macht eine Pause vom Grasen. Wie Kinderbücher, Serien und Filme vermeintlich typische Bauernhofromantik darstellen, hat mit der Realität nicht viel zu tun.

Jedes Jahr leben und sterben hierzulande 778 Millionen Tiere in Massentierhaltung. Obwohl der Fleischkonsum kontinuierlich abnimmt, bleibt Deutschland nach wie vor das „Schlachthaus Europas." Von 2011 bis 2015 sank der Pro-Kopf-Verzehr von 62,8 auf 59,2 Kilogramm, dennoch produzierten die deutschen Schlachthöfe laut Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2015 eine neue Rekordmenge von 8,22 Millionen Tonnen Fleisch, größtenteils für den Export. (Zum Vergleich: In den USA, dem Spitzenreiter unter den Fleischkonsumenten, lag der Pro-Kopf-Verzehr 2013 bei rund 90,9 Kilogramm.) Der Trend geht allerdings auch hin zu immer größeren Mastbetrieben und immer weniger Bauernhöfen, so Greenpeace, die sich auf den „Fleischatlas 2016" der Heinrich-Böll-Stiftung beziehen.

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Lisa* hat ihr Leben dem Kampf gegen die Massentierhaltung verschrieben. Sie arbeitet als verdeckte Ermittlerin für die gemeinnützige Organisation Mercy for Animals (MFA), die sich gegen den Missbrauch von Nutztieren und für die Förderung von humaneren Haltungsbedingungen einsetzt. Ihre Aufgabe ist es, herumzureisen und sich auf Stellen in Mastbetrieben zu bewerben. Wenn sie die Stelle bekommt, lebt sie—je nach dem, wo ihr neuer Arbeitgeber ist—in abgeschiedenen ländlichen Gegenden oder großen belebten Städten und bleibt hierfür teilweise wochenlang in Motels oder irgendwelchen billigen Unterkünften über Nacht. Gleichzeitig muss sie immer darauf achten, dass ihre wahre Identität nicht aufgedeckt wird. Bei der Arbeit trägt sie immer eine versteckte Kamera bei sich. Damit filmt sie ihre Umgebung und dokumentiert schwere Fälle von Tierquälerei. Nach einem aufreibenden Arbeitstag und Stunden voller harter körperlicher Arbeit, notiert sich Lisa die Geschehnisse des Tages, sichert ihr Videomaterial und bereitet sich auf einen weiteren Arbeitstag längsseits der Brutalität, die sie zu stoppen versucht, vor.

Ich muss meine Gefühle und Emotionen unterdrücken, bis ich irgendwo bin, wo es sicher ist sie zuzulassen und rauszulassen.

Lisa hat noch keinen einzigen Arbeitstag erlebt, an dem sie nicht Zeuge von irgendeiner Form von Tierquälerei wurde, sagt sie. Eine der schrecklichsten und erschreckenderweise sehr weit verbreiteten Praktiken ist das „Ferkelklopfen." „Das bedeutet im Grunde, dass sie mit dem Kopf voraus auf den Asphalt geschmettert werden. Sie sterben durch das Trauma, dass diese stumpfe Gewalteinwirkung verursacht", erklärt sie. Diese Tötungsmethode wird bei kümmerlichen, verletzten oder kranken Ferkeln angewendet.

Einer der schlimmsten Fälle von Tierquälerei hat Lisa in einem Milchbetrieb erlebt: Wenn die Kühe an den Melkmaschinen ungeduldig wurden, versuchten manche von ihnen, sich die Anschlüsse von ihren Eutern zu treten. Die Arbeiter reagierten darauf, indem sie ruckartig an den Schwänzen der Kühe zogen—oft unter Einsatz ihres vollen Körpergewichts, sagt sie. Wenn das nicht funktioniert hat, „nahmen sie einfach die metallene Anschlüsse der Maschine und schlugen die Kühe damit."

„Sie waren vollkommen wehrlos", sagt sie.

Trotzdem musste die Tierschutzaktivistin in diesen Momenten ruhig bleiben—schon der geringste Ausdruck von Mitgefühl mit den Tieren hätte ihre Tarnung auffliegen lassen können. „Ich muss meine Gefühle und Emotionen unterdrücken, bis ich irgendwo bin, wo es sicher ist sie zuzulassen und rauszulassen", erklärt sie.

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Eine Frau zu sein, bringt sowohl Vor- als auch Nachtteile mit sich, wenn man als verdeckte Ermittlerin arbeitet, sagt Lisa. Als sie einmal dazu aufgefordert wurde, beim Ferkelklopfen zu helfen, konnte sie veraltete sexistische Klischees zu ihrem Vorteil nutzen. „Frauen werden im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen generell als schwächer angesehen. Deswegen wird es auch eher akzeptiert, wenn man ein wenig zimperlicher ist oder vieles ekliger findet [als seine männlichen Kollegen]", sagt sie.

Von gewissen Jobs ausgeschlossen zu werden, bedeutet allerdings auch, dass sie die Tierquälerei, die in den Mastbetrieben stattfindet, nicht immer in ihrer Gänze dokumentieren kann: „Man hat es als Frau von vornherein sehr schwer, eine Stelle in einem Mast- oder Schlachtbetrieb zu bekommen, weil die Arbeit körperlich sehr anspruchsvoll ist. Manchmal macht es die Arbeitgeber aber auch einfach nur misstrauisch, weil sie sich fragen, warum eine Frau an einem solchen Ort arbeiten wollen würde."

Manchmal komme ich an einen Punkt, an dem ich denke, dass ich es einfach nicht schaffe, noch einen weiteren Tag zur Arbeit zu gehen.

Unterstützer von Mercy for Animals betonen immer wieder, dass der schwere Missbrauch von Nutztieren ein systematisches und branchenweites Problem ist. Laut Nathan Runkle, dem Präsidenten von MFA, neigen Menschen, die sich Dokumentationen über Tierquälerei ansehen, häufig dazu, den landwirtschaftlichen Mitarbeitern die Schuld zu geben. Aus seiner Sicht ist diese Auffassung allerdings vollkommen verfehlt. Im Rahmen eines Vortrags an der Journalistenschule der New York University sagte er, dass die eigentliche Schuld beim System liegt, das seiner Meinung nach derartige Grausamkeiten nicht nur zulässt, sondern im Namen der Effizienz auch aktiv fördert. Die meisten Mastbetriebe und Schlachthäuser beuten ihre Angestellten hemmungslos aus und auch die Arbeitsbedingungen sind unglaublich schlecht: Viele Arbeiter in den deutschen Schlachthäusern kommen aus dem Ausland, vor allem aus Osteuropa. Der Großteil von ihnen wird über Werkverträge bei Subunternehmen angestellt. Auf diese Weise können sie sich weder organisieren, noch für ihre Rechte eintreten, ohne die fristlose Kündigung befürchten zu müssen.

Es ist nicht zu leugnen, wie schlimm die Arbeitsbedingungen für die Arbeiternehmer in der Fleischwirtschaft sind. Die profitorientierte Politik dieser Branche schadet letztendlich aber auch den Konsumenten, meint Lisa. Als sie in einem Geflügelschlachthof gearbeitet hat, hatte sie die Aufgabe, die toten Tiere auf Verunreinigungen wie Ausscheidungen oder Federn zu untersuchen. Allerdings bekam sie auch die Anweisung, Verunreinigungen durch Fäkalien ab einem bestimmten Punkt bei der Kontrolle nicht mehr zu dokumentieren—und zwar an einem der letzten Kontrollpunkte, bevor die Hühner verpackt und verschickt werden.

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Mercy for Animals dokumentiert nicht nur Fälle von Tierquälerei in der Agrarindustrie, die Organisation arbeitet auch daran Gesetze zu schaffen, die die Mastbetriebe in den USA dazu verpflichten, von bestimmten Praktiken Abstand zu nehmen. Vergangenes Jahr erlangten sie in einem historischen Sieg gegen Walmart: Das Unternehmen hat sich nach langem Ringen endlich dazu bereit erklärt, keine Produkte aus Mastbetrieben mit Kastenständen und anderen Formen der Käfighaltung mehr zu beziehen. Solche Siege sind für Lisa die schönste Seite an ihrem Beruf.

Sie möchte ihre Arbeit nicht beschönigen, aber ihre Überzeugungen sind der Grund, warum sie jeden Tag aufsteht. „Manchmal komme ich an einen Punkt, an dem ich denke, dass ich es einfach nicht schaffe, noch einen weiteren Tag zur Arbeit zu gehen", sagt Lisa. „Dann drehe ich mich um und denke an die Tiere. Das macht mir Mut und gibt mir die Kraft weiterzumachen."


*Name wurde geändert.