Was ich gelernt habe, als ich mich ein Jahr nicht rasiert habe

Wenn man sich als Frau gegen die Haarentfernung entscheidet, muss man sich im wahrsten Sinne des Wortes ein dickes Fell wachsen lassen.

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Sep. 19 2017, 7:00am

Foto von der Autorin

Ich komme aus einem reinen Frauenhaushalt, in dem aus Nacktheit und Behaarung noch nie eine große Sache gemacht wurde. Beides war bei uns so normal, dass ich als Elfjährige bei meiner Mutter auf absolutes Unverständnis stieß, als ich meine Beine rasieren wollte. Mein erster Selbstversuch endete in einer großen Schnittwunde. Obwohl ich damals noch nicht einmal richtigen Flaum an den Beinen hatte, verband ich schon als Kind die Haare an meinem Körper mit Scham und Ekel. Ein Gefühl, dass Frauen in unserer Gesellschaft schon sehr früh beigebracht bekommen.

"Zwischen den beiden Formen der Anforderungen zu unterscheiden, also denen der Gesellschaft und ihren persönlichen, ist nicht immer einfach, da Sie ein von der Gesellschaft geprägtes Wesen sind", erklärt die psychologische Psychotherapeutin Stefanie Pfister. Wenn es um die Entscheidung "Körperbehaarung, ja oder nein?" geht, spielt also nicht nur eine Rolle, was wir selbst "schöner" finden. Und die Gesellschaft ist sich beim Thema weibliche Körperbehaarung recht einig.

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Eine Studie der Huffington Post in Zusammenarbeit mit AskMen.com von 2015 zeigte, dass 84 Prozent der 5000 befragten Männer eine Präferenz hatten, wenn es um die Körperbehaarung bei Frauen ging. 41 Prozent der Männer gaben an, es zu bevorzugen, wenn die Frau komplett enthaart sei, 38 Prozent hingegen präferierten eine "getrimmte und gut gepflegte" Intimbehaarung. Nur 15 Prozent sprachen sich dafür aus, dass Frauen es mit ihrem Intimbereich so halten sollten, wie sie sich "wohl und sexy" fühlen.

Das Bewusstsein darüber, dass die Entscheidungsgewalt über meinen Körper nicht bei mir liegt, sondern durch die Gesellschaft beeinflusst wird, war mir bei dem Versuch meiner ersten Rasur nicht bewusst. Ich dachte nicht darüber nach, dass die Jungs in meiner Klasse ganz selbstverständlich ihre Achseln zeigen konnten und wir Mädchen nicht und dass da etwas komisch dran sein müsste. Es brauchte zwanzig Lebensjahre, bis ich mich getraut habe, dieses Erkenntnis auf mein Handeln anzuwenden – und aufhörte, mich zu rasieren. Und das ausgerechnet im Sommer.


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Neben der deutlichen Reduzierung der Farbe Pink in meinem Badezimmer, was dem Fehlen der "Damenpflegeprodukte" geschuldet war, und dem ausbleibenden Wasserstau in der Dusche, veränderte sich zuallererst mein Verhalten. Anstatt in träumerischer Hippie-Manier mit erhobenen Armen der Sonne entgegen zu laufen, fühlte ich mich furchtbar unfrei und versuchte, so gut es ging meine Achselbehaarung zu verbergen. Trotz sommerlicher Hitze, trug ich lange Ärmel und offene Haare, oder hielt meine Arme eng an meinen Körper gepresst. Die Angst davor, als unattraktiv wahrgenommen zu werden, meinte ich mir eigentlich in der Schulzeit abtrainiert zu haben. Trotzdem hatte ich Angst vor den Reaktionen anderer – und dass ich mich wegen dieser Leute meines eigenen Körpers schämte, machte mich wütend.

Diese Wut half mir dabei, mich nach einigen Wochen nicht mehr ganz so fremd in meinem Körper zu fühlen. Vielleicht lag es auch daran, dass ich massiv auf der Serie Girls hängengeblieben war, bei der weibliche Körperbehaarung weder glorifiziert noch verteufelt wurde. Sie war eben einfach da. Wahrscheinlich hatte ich mich aber auch einfach mehr an das veränderte Aussehen meines Körpers gewöhnt.

"Ich finde das total super, dass du das machst, aber ich würde mich das ja nie trauen."

Mit der kälteren Jahreszeit wurde die Situation einfacher. Eingehüllt in Strick, dicke Jeans und Strumpfhosen, lebt es sich leicht mit zwei Kilo Körperhaar. Bis man im Club alle Hüllen fallen lässt, weil man sich sonst totschwitzt . Weil sich mit herunterhängenden Armen nur schwer tanzen lässt, hielt ich sie in einem 45 Grad Winkel vor den Körper und versuchte verzweifelt so zu tun, als würde ich die Musik einfach ganz besonders fühlen. Das sah allerdings erstens scheiße aus, und machte zweitens überhaupt keinen Spaß. Es brachte mich aber zumindest durch die Nacht, ohne Gespräche über meine Körperbehaarung führen zu müssen.

Schlussendlich hatte ich im Verlauf eines Jahres genau eine selbstbewusste "I don´t give a shit"-Phase. Geholfen hat mir dabei Instagram. Accounts wie die der Künstlerinnen Arvida Bystrom und Molly Soda behandeln weibliche Körperbehaarung als ganz normalen Teil des Lebens und zeigen, dass sie nicht unästhetisch sein muss. Kurzzeitig kann einen das schon ganz erheblich pushen.

"Die Wahrnehmung von Schönheit hängt mit verschiedenen biologischen Mechanismen zusammen", erklärt Dr. Winfried Menninghaus die Tatsache, dass die Bilder so einen Einfluss auf meine Selbstwahrnehmung hatten. Er ist Direktor der Abteilung Sprache und Literatur am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik und weiß: "Das wiederholte Ansehen beispielsweise, führt zu einer höheren Akzeptanz des Gesehenen und steigert die Wahrnehmung der Schönheit des Betrachteten. So könnte man diesen Mechanismus auch nutzen, um die Akzeptanz von Körperbehaarung bei Frauen zu steigern."

Trotzdem bleibt Instagram ein virtueller Raum. So viel Zuspruch perfekt ausgeleuchtete Bilder von Achselhaaren auch bekommen mögen, die Realität sieht anders aus. Wenn man sich als Frau gegen die Haarentfernung entscheidet, muss man sich im wahrsten Sinne des Wortes ein dickes Fell wachsen lassen. Durch Aussagen wie "Ich finde das total super, dass du das machst, aber ich würde mich das ja nie trauen" fühlte ich mich das Jahr über von anderen Frauen alleine gelassen. In manchen Fällen konnte ich dabei sogar das "aber" nachvollziehen. Zum einen das "aber dann schwitzt man mehr", weil es einfach stimmt. Zum anderen das "aber meine Haare sind viel dunkler als deine". Als blonde Frau mit durchschnittlicher Behaarung, kann ich meine Erfahrungen nicht mit denen vergleichen, die meine Freundinnen arabischer Herkunft machen. Von starker Unterbauchbehaarung über Haare auf den Zehen bis hin zu schwarzem Damenbart – all das habe ich nicht.

Egal, wie stark man behaart ist, Aufmerksamkeit ist einem so oder so gewiss. Und die ist meistens negativ. Verändern könnte man das laut Dr. Menninghaus, indem man Werbung für Körperhaare macht, anstatt sie als etwas darzustellen, was es zu beseitigen gilt. "Man müsste gegen den aktuellen Trend massiv Bilder in die öffentliche Wahrnehmung bringen. Das würde die Akzeptanz der Körperbehaarung von Männern und Frauen steigern und aus dieser Toleranz der Behaarung kann auch Gefallen an der Behaarung entstehen", erklärt er.

Meine Mutter meinte neulich, dass meine Achselhaare aussähen wie Toupets.

Unterwäsche-Shows mit Models, die nicht davor von oben bis unten gewachst werden oder Magazin-Cover mit Frauen, die ihren Damenbart nicht gebleicht haben – die Welt könnte so viel ehrlicher werden und entspannter sein. Stattdessen bekommen wir Spots, in denen Frauen komplett glatte Beine "rasieren", oder Designer Guido Maria Kretschmer Frauen wegen ihrer Armhaare beleidigt.

Es ist exakt zwei Jahre her, dass ich mich dazu entschieden habe, nicht mehr regelmäßig zum Rasierer zu greifen. Darauf folgten Phasen mit Rasur und Nicht-Rasur, Selbstakzeptanz und Selbsthinterfragung. Ich würde ja gerne einen "Ich habe mich ein Jahr nicht rasiert und bin aus meinem neu gewachsenen Körperhaar aufgestiegen wie ein Phoenix aus der Asche"-Artikel vorlegen, aber dann würde ich den Prozess, den ich dieses eine Jahr durchlaufen habe, nicht ehrlich darstellen. Was ich sagen kann ist: Ich mag meine Beinhaare im Sommer. Wenn sie, von der Sonne gebleicht, flockig um mein Bein liegen, kann ich mir gar nicht vorstellen, warum ich mich mit meinem pieksigen, dunkleren "Winterfell" so unwohl fühle.

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Meine Achselhaare hingegen haben immer eine total uncoole Farbe. Mit ihrem unansehnlichen dunkel-dunkel-blond erinnern sie an zwei deformierte Ratten ohne Schwänze. Meine Mutter meinte neulich, dass sie aussähen wie Toupets. "Wenn ich als Frau meine Achseln unrasiert lasse, beeinflusst das, wie ich wahrgenommen werde", erklärt psychologische Psychotherapeutin Stefanie Pfister. Deswegen mache es durchaus Sinn, genau in sich reinzuhorchen, wann und warum einem die eigenen Haare unangenehm sind. "Diese Aufmerksamkeit muss nicht immer negativ sein, aber mit dieser gesteigerten Aufmerksamkeit muss erstmal umgegangen werden" Sollten die Reaktionen Anderer dazu führen, dass man bestimmte Körperteile versteckt oder rasiert obwohl man das eigentlich gar nicht möchte, sei es wichtig, sich zu fragen, warum einem die Meinung anderer überhaupt so wichtig ist. Zu einer schlechteren Feministin macht einen das trotzdem nicht.

Dr. Menninghaus gibt mir zum Abschluss allerdings noch einen Gedanken mit auf den Weg, der mich wirklich zum Nachdenken bringt. "Die Behaarung, die Frauen in der heutigen Zeit aufweisen sind ein Marker dafür, was über Jahrtausende als sexuell ansprechend wahrgenommen wurde und so ist unsere heutige Ablehnung von jeglicher Körperbehaarung bei Frauen nur ein kurzzeitiger Trend", sagt er. "Denken Sie daran: So wie Sie jetzt aussehen, wurden Frauen über Jahrtausende als sexuell attraktiv wahrgenommen und das wird sich sicherlich auch nicht durch einen kurzzeitigen kulturell bedingten Trend ändern."

Haare an Beinen oder Achseln sind also keinesfalls "eklig", Teile der Gesellschaft sehen sie nur als ein Relikt aus einer vergangenen Zeit – so wie Buffallo-Plateauschuhe zum Beispiel. Und die sind ja auch wieder zurückgekommen.

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