Entmutigend und unmenschlich: Muslimas über Europas neues Kopftuchverbot

Arbeitgeber können ihren Angestellten seit Kurzem verbieten, Kopftuch zu tragen. Ein Urteil, das muslimische Frauen erst recht unsichtbar machen könnte.

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März 17 2017, 11:35am

Photo courtesy of subject

Der europäische Gerichtshof hat in dieser Woche entschieden, dass das Tragen eines Kopftuchs bei der Arbeit ab sofort verboten werden darf. Das Urteil ist allerdings nur eines von vielen, das sich allen Anschein nach direkt gegen muslimische Frauen richtet – von dem kontroversen Bericht von Dame Louise Casey im vergangenen Dezember, nach dem sich muslimische Gemeinden in Großbritannien selbst isolierten, bis hin zu Trumps aktuellem Einreisestopp. Ironischerweise kommen Muslime in dieser Debatte überhaupt nicht zur Sprache.

Muslimische Frauen werden auf dem Arbeitsmarkt schon seit Langem benachteiligt. Wie die Zeit berichtet, stellte eine Studie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) im vergangenen Jahr fest, dass muslimische Frauen mit Kopftuch vier Mal so viele Bewerbungen schreiben müssen, um zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, wie Frauen mit identischen Qualifikationen, die kein Kopftuch tragen. Das aktuelle Urteil könnte nun zur Folge haben, dass Frauen mit Kopftuch noch stärker vom Arbeitsmarkt isoliert werden.

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Laut dem Urteil des europäischen Gerichtshofs handelt es sich um keine direkte Diskriminierung, "politische, philosophische oder religiöse Symbole" am Arbeitsplatz zu verbieten. Dabei muss man im Hinterkopf behalten, dass sich dieses Regelung auf sämtliche religiöse Symbole (wie Kruzifixe oder Turbane) übertragen lässt. Dennoch bleibt kein Zweifel daran, dass diese Regelung ein weiterer Weg ist, um das Aussehen und die Entscheidungen muslimischer Frauen zu kontrollieren. Man denke nur an das Burkini-Verbot, das vergangenen Sommer in mehreren französischen Städten dazu geführt hat, dass Frauen am Strand von bewaffneten Polizisten gezwungen wurden, sich auszuziehen.

Doch was halten muslimische Frauen von dieser Regelung? Immerhin sind sie es, die von der Entscheidung am direktesten betroffen sind. Wir haben mit sechs Frauen gesprochen, die uns erklärt haben, was sie über die jüngste Entwicklung denken.

Alle Fotos zur Verfügung gestellt von der jeweils abgebildeten Person

Afia, 23

Entmutigt ist wohl ein gutes Wort, um zu beschreiben, wie meine erste Reaktion war. Ich erwarte aber nicht, dass es jemand ernst nehmen könnte, was ich zu sagen haben. Es scheint sowieso so zu sein, dass all diese Regelungen nur dazu dienen, mir meine die Stimme zu verbieten.

Ich bin Mutter, gehe arbeiten und studiere nebenbei. Ich halte solche Regelungen für absolut kontraproduktiv, denn letztendlich sind es Frauen wie ich, die die Hauptlast und die Konsequenzen dieser Entscheidung zu tragen haben. Wenn ich über meine Ausbildung und meinen Abschluss nachdenke, denke ich mir oft nur noch: Wozu? Wozu mach ich das alles, wenn schon ein Stück Stoff reicht, um mich von dem abzuhalten, was ich tun möchte? Ein Stück Stoff, das mich nicht weniger kompetent macht als meine Kollegen.

Ich bin immun geworden gegen solche entmutigenden Entwicklungen. Wenn überhaupt, dann habe ich das Gefühl, dass die aktuelle Entwicklung noch nicht einmal die schlimmste von allen ist. Ich wurde auch schon dazu aufgefordert, die ignoranten Menschen und die idiotischen Verbrechen, die sie im Namen meiner Religion begehen, zu verurteilen. Ob mich das Urteil also betroffen macht? Nicht mehr, nein.

Asma, 26

Ich möchte, dass Sport integrativer wird und neue Rollenvorbilder für muslimische Frauen fördern. Wenn wir sportlich alles erreichen können, was wir wollen, dann ließe sich das auch auf andere Lebensbereiche übertragen – aber dann passiert so etwas.

Es geht um die Angst vor dem Unbekannten. Sie wissen nicht, wie menschlich wir sind. Das hängt auch mit den Medien zusammen. Sie haben die Islamfeindlichkeit geschürt und den Menschen das Gefühl gegeben, dass sie Angst vor uns haben sollten. Sie haben zugelassen, dass die Situation eskaliert und nun sind wir soweit, dass es auch das Leben von Frauen beeinflusst. Wir sagen uns selbst immer wieder, dass wir tolerant sind und muslimischen Frauen mehr Freiheiten geben wollen, dabei degradieren wir sie nur. Das ist ziemlich entmutigend.

Tahmeena, 25

Ich habe viele Frauen in meiner Familie, die ein Kopftuch tragen. Deswegen bin ich ziemlich unsicher, wie die Zukunft aussehen wird. Wir scheinen für Rechte von Frauen und ihre Freiheiten zu kämpfen, schließen muslimische Frauen von diesem Kampf aber gleichzeitig aus. Wir kämpfen für unsere Rechte, aber nicht für die Recht muslimischer Frauen. Wir kämpfen für Freiheit – vor allem, für die Freiheit, tragen zu dürfen, was wir wollen –, vergessen dabei aber die Freiheit von muslimischen Frauen. Wir gehen sehr selektiv vor, wenn es darum geht, wen und was wir unterstützen, fordern gleichzeitig aber die Gleichberechtigung von allen Menschen.

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Niemand ist frei, solange man gesagt bekommt, was man tragen soll, wie man sich zu verhalten hat oder wie man "frei" ist. Das verfehlt den Zweck. Die meisten Menschen scheinen zu glauben, dass unsere Entscheidung, ein Kopftuch zu tragen, ein Zeichen von Unterdrückung ist. Dabei gehen wir diesen Schritt voller Stolz. Trotzdem wird unsere Entscheidung immer wieder angezweifelt und hinterfragt. Das klingt für mich nicht nach Freiheit, sondern mehr nach dem Versuch, Frauen in eine Form pressen zu wollen, wie eine freie Frau ihrer Meinung nach auszusehen hat.

Fauzi, 22

Ich weiß nicht mehr, wie ich mich noch fühlen soll – es kommt eine Überraschung nach der anderen. Unterm Strich wäre ich nicht überrascht, wenn das Urteil tatsächlich zur Anwendung käme. Wenn mein Arbeitgeber das Kopftuchverbot durchsetzen würde, würde ich kündigen. Ich möchte mich keiner solchen Unmenschlichkeit aussetzen, die mir mein Recht auf Religionsfreiheit verwehrt.

Lina, 24

Es schockiert mich eigentlich kaum, dass uns mal wieder gesagt wird, was wir anziehen sollen. Es macht mich eher wütend und ich bin es auch leid. Wir haben das Jahr 2017, verdammt noch mal. Wo bleibt denn die "Neutralität", wenn ein Arbeitgeber religiöse Kleidungsstücke verbieten darf? Warum sind solche irrationalen Vorurteile mehr Wert als die Rechte jedes Einzelnen?

Dieselben Menschen, die Muslimen vorwerfen, Frauen zu unterdrücken, wollen uns jetzt sagen, was wir tragen dürfen und was nicht? Uns wird gesagt, dass wir uns anpassen sollen und wir tun es. Dann sagen sie uns, dass wir unser Gesicht zeigen müssen oder entlassen werden, also machen wir uns frei – von unserer Identität und unserer Existenz.

Man kann ganz klar beobachten, dass es eine weltweite Tendenz gibt, die muslimischen Frauen sagen möchte, was sie tragen sollen. Das Gleiche haben wir auch im vergangenen Jahr mit dem Burkini-Verbot erlebt. Es geht dabei nicht um Säkularismus. Es geht darum, uns vorzuschreiben, wie wir unsere Religion nach den Regeln des weißen Westens praktizieren dürfen.

Ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass sich muslimische Frauen auch von diesem Urteil nicht verunsichern lassen. Das haben sie noch nie.

Yasmin, 24

In einem jämmerlichen Versuch, die Tatsache zu verschleiern, dass das Urteil mit chirurgischer Präzision Frauen mit Kopftuch ins Visier nimmt, hat das Gericht in seiner Entscheidung noch angemerkt, dass davon alle sichtbaren religiösen Symbole betroffen sind. Die Botschaft ist allerdings eindeutig: Beruhigt euch, wir diskriminieren alle Religionen. Als ob das besser wäre.

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Muslimische Frauen – vor allem Frauen, die ein Kopftuch tragen – haben in dieser islamfeindlichen, sexistischen Arbeitswelt enorme Probleme, einen Job zu finden. Es ist schon längst bekannt, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass Frauen mit Kopftuch gar nicht erst eingestellt werden oder entlassen werden, wenn sie ihr Kopftuch bei der Arbeit tragen. Doch das sagt einem kein Arbeitgeber direkt. Das macht diesen Fall so bedeutsam.

Die Entscheidung des Gerichts sendet die Nachricht, dass muslimische Frauen in der Arbeitswelt und im weiteren Sinne auch in der Öffentlichkeit nicht willkommen sind. Stattdessen bestärken sie Arbeitgeber, die Freiheitsrechte muslimischer Frauen einzuschränken. Das Gericht sollte sich vielmehr darum kümmern, warum muslimische Frauen, die ein Kopftuch tragen, scheinbar so eine Bedrohung darstellen.