Die fünf Stadien der Frauenfreundschaft

Nicht selten ist die Verbindung zur besten Freundin enger als die zum Partner. Doch was schnell und innig beginnt, endet oft auch ebenso intensiv.

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Sep. 5 2016, 7:16am

Foto: Blondinrikard Fröberg | Flickr | CC BY 2.0

Ihr schreibt euch die ganze Zeit über, kommt euch innerhalb kürzester Zeit unglaublich nahe und seht euch an mehreren Abenden die Woche. Es läuft super, du bist total aufgeregt und erzählst deiner Mutter davon. Doch dann geht es bergab. Ihr versteht euch irgendwie nicht mehr so gut wie früher, es gibt immer mehr Kleinigkeiten, die euch am anderen stören und schnell wir klar: Es waren vielleicht nur ein paar Monate oder sogar Wochen, aber solange es hielt, war es schön.

Frauenfreundschaften können extrem intensiv und erfüllend sein, aber nicht alle anfänglich so großen Gefühle entwickeln sich zu lebenslangen Freundschaften wie in Broad City. Über gescheiterte platonische Beziehungen wird eher selten gesprochen, dennoch scheint es viele Frauen zu geben, die dieses Gefühl kennen—vor allem in ihren Zwanzigern. Wir haben mit einigen von ihnen über ihre Erfahrung mit kurzen und dafür aber umso intensiveren Frauenfreundschaften gesprochen und wie sich herausgestellt hat, lassen sich diese Liebschaften unter Frauen in fünf Stadien einteilen.

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1) Das überwältigende Kennenlernen

Ihr lernt euch auf einer Party, im Unterricht oder bei der Arbeit kennen, habt vielleicht einen gemeinsamen Ex-Freund oder zumindest Erfahrung mit demselben traumatischen Erlebnis, was euch von Anfang an verbindet. „In meinem Fall waren es immer Leute, die ähnlich seltsame oder komische Erfahrungen gemacht haben wie ich—Leute, die ich in der Psychiatrie kennengelernt habe oder mit denen ich über sexuellen Missbrauch gesprochen habe", sagt Lisa, 24. Sie hat in der Regel drei bis fünf solcher intensiver Frauenfreundschaften im Jahr. „Wenn man sich unter solchen etwas ‚unwirklichen' Umständen kennenlernt, dann ermutigt es einen dazu, sich viel schneller über all diese intensiven, ernsten und persönlichen Themen zu unterhalten. Normalerweise dauert das viel länger oder es kommt nur unter besonderen Umständen dazu. Solche Sachen mit jemandem zu teilen, den man im Grunde gar nicht kennt, kann schon fast berauschend sein." Die Verbindung wird meist unmittelbar spürbar—ganz unabhängig vom Kontext. „Es hat sich tatsächlich angefühlt, als wäre ich verknallt", sagt die 26-jährige Bankangestellte Tamara, die von ihrer jüngsten Frauenfreundschaft mit ihrer Kollegin erzählt. „Mich hat total beeindruckt, wie cool sie war und ich wollte unbedingt, dass sie mich mag."

Mich hat total beeindruckt, wie cool sie war und ich wollte unbedingt, dass sie mich mag.

2) Die Flitterwochen-Phase

Wenn man verknallt ist, gehört es im nächsten Schritt immer dazu, dass man vor anderen Leuten mit seiner neuen Beziehung—oder in diesem Fall Freundschaft—angibt. „Am Anfang ist es bei mir normalerweise so, dass ich meiner neuen Freundin die ganze Zeit schreibe und sie überall hin mitnehme", sagt Michelle, 27, aus London. „Wir entwickeln so eine Art Freundschafts-Steno, was dazu führen kann, dass Außenstehende überhaupt nicht mehr verstehen, was wir sagen." Viele Beziehungspartner oder langjährige Freunde sagen, dass sie angesichts der neuen Frauenfreundschaft eine mehr oder weniger ernst gemeinte Eifersucht entwickelt haben. „Eine meiner ältesten Freundinnen meinte, dass es rückblickend ziemlich witzig ist", sagt Michelle, „aber sie wurde wirklich sauer, wenn ich an einer anderen Frau dranhing, die ich kaum kannte und dann für ein paar Wochen verschwand." Im Grunde, sagt Lisa, ähnelt der Beginn einer Frauenfreundschaft den ersten verblendeten Wochen einer Liebesbeziehung. „Da gibt es diese zwanghafte Nähe und den Wunsch, all seine Geheimnisse mit dem anderen zu teilen. Man will den anderen ständig um sich haben oder man möchte die erste Person sein, die der andere anruft, wenn er gute Neuigkeiten hat. Man legt sich total aufeinander und wird schnell eifersüchtig." Wenn du wissen willst, wie verknallt du bist, solltest du nachsehen, wie viele Liebes- und Herz-Emojis du deiner neuen besten Freundin am Tag so schickst.

3) Die Grenzüberschreitung

An dieser Stelle beginnt es, kompliziert zu werden. Im Prinzip ist eine Frauenfreundschaft etwas rein Platonisches, aber einige Frauen sagen auch, dass es ein entscheidender Schritt in der Entwicklung einer kurzlebigen Frauenfreundschaft ist, dass die Beziehung irgendwann sehr intim, wenn nicht sogar sexuell wird (sich voreinander umziehen, beim Weggehen gegenseitig angrabschen und so weiter und so fort). „Wir haben uns mitten am Tag betrunken und uns dann ins Bett gelegt und gekuschelt", sagt Sara, 23, aus Vancouver. Mit einem männlichen Freund hat sie nach eigener Aussage noch nie das Bett geteilt.

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Dass man unter Freundinnen weiß oder zumindest annimmt, dass die andere hetero ist, scheint eine komfortable Pufferzone zum Experimentieren zu bieten: Es wirkt weniger riskant (und gilt auch nicht primär als Flirten), wenn man Freundinnen Nacktbilder von sich schickt. „Ich nehme meine Beziehungen mit Männern nicht so ernst, weil ich schon von Anfang an davon ausgehe, dass sie mich irgendwann enttäuschen werden", sagt Kathryn, 24, aus Texas. „Das Einzige, was mir bei Frauenfreundschaften fehlt, ist die körperliche Intimität, was aber nicht heißt, dass diese Beziehungen weniger romantisch sind." Dazu, dass die Situation manchmal etwas eigenartig werden kann, sagt sie: „Ich habe mich schon oft gefragt, ob es daran liegt, dass ich queer bin, mich aber nicht vollständig geoutet habe. Gleichzeitig frage ich mich dann aber auch immer, was die andere Person davon hat, wenn sie hetero ist? Das hat mich wirklich schon oft verunsichert—als könnte ich die Zeichen nicht richtig deuten."

Foto: femme run | Flickr | CC BY-ND 2.0

4) Das Ende

Jede Verliebtheit ist irgendwann mal zu Ende und die meisten Frauen, mit denen ich gesprochen habe, haben mir erzählt, dass auch die meisten ihrer affärenhaften Frauenfreundschaften nicht länger gedauert haben als ein paar Monate. Wenn es darum geht die Freundschaft zu beenden, gibt es zwei Optionen—und beide sind nicht so richtig schön: Du kannst warten, bis sich die Freundschaft im Sande verläuft oder du bereitest ihr ein jähes Ende. Jeder der schon mal einen modernen heterosexuellen Mann gedatet hat, weiß, wie es sich anfühlt, wenn sich eine Beziehung im Sande verläuft: Nachdem ihr eine Zeit lang intensiven Kontakt hattet, ist es plötzlich vorbei, weil sich einer von euch oder beide nicht mehr melden. „Ich wusste, dass es ein Problem gab, als sie aufgehört hat, meine Tweets zu liken", sagt die 25-jährige Masterstudentin Stephanie aus Kalifornien. „Das klingt vielleicht lächerlich, aber kurz danach hat sie dann auch aufgehört, auf meine Nachrichten zu antworten. Irgendwann hat sie sich dann auch im Gchat unsichtbar gemacht, was ich schon ziemlich hart fand."

Die Alternative ist noch etwas dramatischer, geht dafür aber auch schneller. „Meine letzte Frauenfreundschaft endete in einem riesigen, theatralischen und ziemlich hitzigen Streit. Wir haben uns auf offener Straße angeschrien—das volle Programm", sagt Lisa. „Ich glaube, wir sind uns in so kurzer Zeit so nahe gekommen, dass wir dachten, wir würden uns besser kennen als wir es in Wirklichkeit taten. Wenn du jemanden so schnell kennenlernst, findest du auch ziemlich schnell raus, dass ihr auf lange Sicht nicht zusammenpasst."

Seither habe ich versucht mich selbst immer wieder daran zu erinnern, [...] dass ich dankbar für die Zeit sein sollte, die wir zusammen hatten.

Es gibt noch eine dritte, aber nicht besonders ratsame Option: zunehmend passiv-aggressiver zu werden. Auf eine Zeit der intensiven Freundschaft folgte bei ihr eine Eiszeit, sagt Katrina, 29. „Sie fing an, alle möglichen Sachen über Integrität, Ehrlichkeit und Prinzipien auf Facebook zu posten." Eine Freundschaft zu beenden, scheint im Endeffekt immer schwierig zu sein. Dagegen wirkt es fast schon wie ein Kinderspiel, die richtigen Worte zu finden, um seinen Liebhaber oder Partner zu verlassen.

5) Die Zeit danach

Die Nachwirkungen einer toten Frauenfreundschaft kommen dem Trennungsschmerz einer Beziehung zum Teil schon ziemlich nahe. „Ich war berechtigterweise ziemlich verletzt", sagt Stephanie. „Zuerst war ich einfach nur verbittert und sauer, aber dann eines Nachts habe ich mich dabei erwischt, wie ich hasszerfressen ihr Instagram-Profil gestalkt habe und dachte mir: Verdammt, was mache ich hier eigentlich? Seither habe ich versucht mich selbst immer wieder daran zu erinnern, dass nicht immer eine lebenslange Freundschaft daraus wird und dass ich dankbar für die Zeit sein sollte, die wir zusammen hatten. Es war dennoch schwierig, weil ich mich so zurückgewiesen gefühlt habe."

Die meisten Frauen sagen, dass sie sich am Ende einer kurzen aber intensiven Frauenfreundschaft betrogen oder zurückgewiesen gefühlt haben. Die, mit denen ich gesprochen habe, konnten aber kein Ventil für die Gefühle finden, die geblieben sind. „Ich glaube, die Leute erwarten, dass man einfach weitermacht, wenn man sich von Freunden getrennt hat", sagt Lisa. „Keiner möchte sich mit einem hinsetzen und zuhören wie man rumheult, weil man eine Freundin vermisst. Beim Ende einer Beziehung ist das ganz anders. Ich schätze das liegt daran, dass ein Partner einen festen Platz in deinem Leben einnimmt. Freundinnen kann man dagegen viele haben, weswegen sie nicht als fester Bestandteil deines Lebens betrachtet werden. Doch auch Freundschaften—vor allem die besonders intensiven—können eine äußerst wichtige Rolle spielen und wenn die Freundschaft zu Ende geht, kann das ebenfalls ziemlich niederschmetternd sein, finde ich."

Viele Frauen erzählen auch, dass sie sich schon wenige Wochen danach in eine neue Frauenfreundschaft gestürzt haben, um sich über den Trennungsschmerz hinweg zu trösten. „Ich erkenne gewisse Muster bei mir und muss sagen, dass ich mich damit nicht besonders wohl fühle", sagt Stephanie, „aber es fühlt sich einfach gut an, anderen so nahe zu stehen."


Foto: Blondinrikard Fröberg | Flickr | CC BY 2.0