„Es blieb alles schwarz"—wie es sich anfühlt, kein Vorstellungsvermögen zu haben

Kannst du dir einen Strand bildlich vorstellen oder ist dein inneres Auge blind? Wenn du es nicht kannst, könnte das an einem neurologischen Zustand namens Aphantasia liegen.

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Okt. 17 2016, 7:44am

Photo by Luca Pierro via Stocksy

„Wenn ich dir sage, dass du die Augen schließen und dir einen Strand vorstellen sollst, kannst du das dann?" Das ist wohl eine der mit Abstand unerwartetsten und seltsamsten Fragen, die mir meine Freundin Sam in den vergangenen zehn Jahren unserer Freundschaft je gestellt hat. „Mein Bruder hat mir vor Kurzem gesagt, dass das die meisten Leute können, wir aber nicht", erklärt sie mir, während ich noch immer verwundert schaue.

Mit 26 hat Sam festgestellt, dass sie zu den schätzungsweise 2 Prozent der Bevölkerung gehört, die Aphantasia haben, was im Endeffekt bedeutet, dass ihr inneres Auge blind ist.

„Als mich mein Bruder zum ersten Mal gefragt hat, ob ich mir das blaue Wasser und den gelben Sand wirklich bildlich vorstellen konnte, wirkte die Frage zuerst ziemlich lächerlich", meint sie. „Er hat einen Artikel über Aphantasia gelesen und meinte, dass die meisten Leute so eine Art inneres Bild vor Augen haben, wenn sie sich Dinge vorstellen—ich aber nicht. Bei mir blieb alles schwarz."

„Zunächst", sagt sie weiter, „dachte ich, dass das wahrscheinlich reine Auslegungssache wäre, aber dann habe ich mit anderen darüber gesprochen und was sie mir beschrieben haben, war definitiv nicht das, was ich in meinem Kopf erlebe. Ich reagierte irgendwie enttäuscht, so als hätte ich soeben herausgefunden, dass alle anderen irgendeine unglaubliche Superkraft haben, die sie bis dahin vor mir geheim gehalten haben."

Der Begriff Aphantasia geht erst seit 2015 um. Geprägt wurde er von Adam Zeman, einem Professor für kognitive Verhaltensneurologie an der University of Exeter in England. Professor Zeman hat seither von ungefähr 10.000 Menschen gehört, die—genau wie Sam—nicht in der Lage sind, sich Dinge bildlich vorzustellen.

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Vor ungefähr zehn Jahren ist der Forscher zum ersten Mal auf diesen Zustand gestoßen. Damals erzählte ihm ein Patient Mitte 60, dass er sein bildliches Vorstellungsvermögen infolge einer Herzoperation verloren hatte. „Er war ein sehr sprachgewandter, intelligenter Mann und hat sich vor seiner Operation gerne die Gesichter seiner Freunde oder Orte, an denen er bereits war, vorgestellt. Er hat auch immer viel gelesen und genoss es, in die visuelle Welt der Romane einzutauchen", erklärt Zeman.

„Es ist absolut unklar, was während seiner Herzoperation passiert ist, aber wir vermuten, dass er wahrscheinlich einen leichten Schlaganfall erlitten hat. Wenn dem so war, dann könnte das der Grund dafür sein, dass er die Fähigkeit verloren hat, sich Dinge bewusst bildlich vorzustellen."

Nachdem über diesen Fall im Discover Magazine berichtet worden war, fingen Leute an, Zeman zu kontaktieren und meinten: „Mir geht es genau wie diesem Mann, aber bei mir war es schon immer so." Genau wie Sam sind viele von ihnen ihr Leben lang davon ausgegangen, dass das, was in ihren Köpfen passiert, nicht anders ist als bei anderen Leuten.

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Tamara, 32, hat mit 23 herausgefunden, dass sie Aphantasia hat, während sie mit ihrer Mutter eine neue Couch kaufen war. „Meine Mutter ist ziemlich gut darin, sich Dinge vorzustellen. Sie kannte damals nur den Grundriss von meinem neuen Zimmer. Als ich eine Couch gesehen habe, die mir gefiel, hat sie nur einen kurzen Blick darauf geworfen und gesagt: ‚Nein, die wird nicht passen.' Ich zog das Maßband raus und siehe da, sie war zu groß", erzählt sie.

„Ich habe sie gefragt, wie sie das wissen konnte. Sie meinte nur, dass sie die Couch genommen und gedanklich in die Ecke des Grundrisses gestellt hat. Ich war total verwirrt und habe angefangen immer mehr Leute zu fragen, ob sie das auch können."

Als ihr klar wurde, dass ihr die Fähigkeit ihrer Mutter, Dinge zu visualisieren, fehlte, begann Tamara, insgesamt 463 verschiedene Personen zu fragen, ob sie sich Dinge bildlich vorstellen können. „Keiner von ihnen hatte Aphantasia. Die Bilder in ihren Köpfen waren allerdings alle anders, auch verschieden stark, und jeder hat seine visuelle Vorstellungskraft auf eine andere Art und Weise eingesetzt", sagt sie.

Woher kommt diese mentale Eigenart? Als Neurologe sagt Professor Zeman: „Das ist eine sehr gute Frage. Ich würde vermuten, dass irgendetwas am Gehirn [von Leuten mit Aphantasia] ein wenig anders ist. Außerdem könnte es auch eine genetische Komponente geben. Es gibt Leute, die mit Aphantasia zur Welt kommen und manche, die es erst bekommen, wenn dem Gehirn etwas Schlimmes zustößt—ich schätze, das könnte psychologische Gründe haben."

Wenn ich versuche, mir Bilder vorzustellen, sehe ich manchmal Lichtblitze.

Zeman hält auf jeden Fall fest, dass die Forschung noch einen weiten Weg vor sich hat. „Alles, was ich dir bisher sagen kann, basiert auf subjektiven Berichten und Fragebogendaten. Wir fangen gerade erst an, das autobiografische Gedächtnis und so weiter zu erforschen beziehungsweise zu messen und Leute in den Scanner zu stecken, um zu sehen, ob sich ihr Gehirn anders verhält, wenn sie versuchen, einen Gedanken zu visualisieren", erklärt er.

Die Doktorandin Tamara war so fasziniert von Aphantasia, dass sie dieses Jahr einen TEDx Talk zum Thema „Wie man die Welt ohne inneres Auge sieht" hielt.

„Aphantasia umfasst alles bei mir—Bilder, Gerüche, Geschmäcker, Geräusche. Es gibt aber auch Leute mit Aphantasia, die ein geringes Maß an bildlicher Vorstellungskraft besitzen und auch in Bildern träumen", erklärt sie. „Ich fand es hochinteressant, dass die Vorstellungskraft jedes einzelnen unterschiedlich ausgeprägt ist, obwohl jeder von uns denkt, dass er die Dinge in seinem Kopf genauso sieht wie alle anderen."

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Verschiedene Quellen im Netz—unter anderem auch Tamaras TEDx Video—haben auch Sam geholfen, ihre Erfahrungen in Worte zu fassen. „Wenn ich versuche, mir Bilder vorzustellen, sehe ich manchmal Lichtblitze, aber unfreiwillig. Es ist, als würde ich versuchen, die Signale meines Gehirn zu interpretieren, statt sie zu einem Bild zu verarbeiten und dabei aber einen Schritt überspringen. Das Endergebnis ist allerdings immer dasselbe", sagt sie.

„Ich weiß natürlich, wie Brot aussieht, sich anfühlt, riecht und schmeckt und wenn ich Brot sehe, dann bin ich auch in der Lage, es als Brot zu identifizieren. Das sind aber eher verbale als sensorische Informationen", sagt sie. „Wenn ich an einen Freund denke, dann weiß ich zum Beispiel auch, wie er aussieht, aber ich habe einfach kein Bild vor Augen. Es ist so, als stünde er im Dunkeln vor mir—es ist stockdunkel, sodass ich ihn nicht sehen kann, aber ich bin 100 Prozent sicher, dass er da ist."

Zoe, 31, hat angefangen über ihre Vorstellungskraft nachzudenken, nachdem sie einen Online-Post gesehen hat, der von dem Firefox-Gründer Blake Ross auf Facebook geteilt wurde. „Ich habe es 30 Jahre lang immer nur für eine Metapher gehalten, dass Leute sagen, dass sie irgendwelche Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekommen oder wenn sie solche Sachen sagen wie: ‚Stell dir das mal bildlich vor'", meint sie.

Im Gegensatz zu Sam und Tamara ist Zoe nicht komplett aphantastisch. Zu dem Beispiel mit dem Strand sagt sie: „Mein Vorstellungsvermögen ist sehr begrenzt, aber wenn ich mich wirklich konzentriere, dann kann ich mir den Strand bildlich vorstellen. Allerdings ist das Bild sehr verschwommen und die Farben sind verblasst—wie bei einem alten Foto. Es ist alles sehr exemplarisch."

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Während Sam und Tamara bei all ihren Sinnen Probleme haben, sie sich ins Gedächtnis zu rufen, meint Zoe: „Ich kann den Sand zwischen meinen Zehen spüren und die warme Nachmittagssonne auf meiner Haut. Ich höre das sanfte, rhythmische Rauschen der Wellen, die auf den Strand treffen. Ich kann die salzige Luft und den Duft von Sonnencreme riechen. Es ist nur so, als hätte ich in diesem Moment meine Augen geschlossen. Das finde ich allerdings auch sehr viel nützlicher, als mir ein Bild machen zu können."

Laut Professor Zeman ist das aber ziemlich normal. „Es gibt ein bestimmtes Spektrum, das natürlich davon abhängt, ob nur die bildliche Vorstellungskraft betroffen ist oder ob alle Sinne betroffen sind", erklärt er. „Wenn man eine große Gruppe von Leuten fragt, wie anschaulich ihre Gedanken sind, dann bilden die Ergebnisse eine glockenförmige Kurve. Menschen mit Aphantasia—so wie deine Freundin, die einfach nichts sehen kann—sind losgelöst von dieser Kurve. Sie sind also etwas Besonderes."

Für Sam war es äußerst frustrierend festzustellen, dass sie Aphantasia hat. „Für mich hat es etwas Magisches, dass Leute einfach ihre Augen schließen und sich etwas vorstellen können—ich würde das die ganze Zeit machen, wenn ich es könnte", sagt sie. „Irgendwer meinte auch, dass er sich seine Mutter, wenn er die Augen schließt, so genau vorstellen kann, dass er das Gefühl hat, sie stünde vor ihm. Vielleicht bewerte ich das auch total über, aber wenn ich höre, was andere Leute beschreiben, dann wirkt Aphantasia ziemlich beschissen."


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