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Diese Frauen stecken hinter den Kostümen und Waffen von 'Game of Thrones'

Zu Besuch in der indischen Firma, die offizielle Requisiten und Merchandise-Artikel für Serien und Filme herstellt – von 'Harry Potter' über 'The Walking Dead' bis hin zum "Lied von Eis und Feuer".

Sunaina Kumar

Rashi Goil. Foto: imago | Hindustan Times

Die Hitze und Schwüle erdrückten mich fast, als ich durch Jon Snows schweren Pelzmantel einen ersten Eindruck davon bekomme, wie kalt es im Norden von Westeros eigentlich sein muss. Das Material des Mantels ist sehr dick und besteht aus einem schweren, eng gewobenen Baumwollstoff.

Neben Jon Snows Outfit erblicke ich auch Ned Starks Klamotten – die braune Lederweste, das gesteppte Woll-Gambeson und das Hemd. In Anbetracht meines aktuellen Aufenthaltsorts ebenso unpassend. Ich befinde mich nämlich nicht in der zunehmend kälter werdenden Fantasiewelt von George R.R. Martin, sondern in Noida, einer indischen Industriestadt am Rande von Delhi, die vor allem für günstige Grundstücke, eine florierende Unterwelt und kriminelle Gangs bekannt ist.

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Rashi Goil ist Teilhaberin des Familienbetriebs RS Windlass & Sons, der Requisiten und lizensiertes Merchandise für große Film- und Serienproduktionen herstellt – wie eben Game of Thrones. Die selbstbewusste 23-Jährige sitzt mir in einem riesigen Musterzimmer des Unternehmens gegenüber und erzählt, wie es zur Zusammenarbeit mit der aktuell wohl größten TV-Serie der Welt gekommen ist. Extra für LARPing gedachte Nachbildungen von Jon Snows und Ned Starks Schwertern liegen auf dem Tisch zwischen uns. Sie sehen aus wie aus echtem Valyrischen Stahl gefertigt, aber als ich sie berühre, versinken meine Finger in weichem Latexschaum. "Von Weitem sind sie vom Original nicht zu unterscheiden", sagt Goil lächelnd.

LARPing-Schwerter und -Schutzschilder in der firmeninternen Werkstatt. Alle Fotos, außer anders angegeben: Sunaina Kumar

Im Jahr 1943 gründete Goils Urgroßvater, Ved Prakash Windlass, die Unternehmensgruppe in der Kleinstadt Dehradun am Fuße der Himalayas. Windlass Steelcrafts versorgte die britisch-indische Armee während des Zweiten Weltkriegs mit sogenannten Khukuris, also typisch nepalesischen Krummmessern. Heutzutage gehört die Firma zu den weltweit größten Herstellern von Schwertern, Schildern, Schutzkleidung, Messern und Bajonetten. Zu den Kunden zählen Armeen aus der ganzen Welt sowie Film- und TV-Produktionsstudios.

1996 wagte sich die Familie in den Markt für historische Kostüme vor, indem sie die beiden amerikanischen Unternehmen Atlanta Cutlery Corporation und Museum Replicas Ltd. aufkaufte. Deren Auftrag ist es nun, neue Geschäftspartner an Land zu ziehen, während die Produktion weiterhin in Indien stattfindet. Im Falle von Game of Thrones hat der für das US-Geschäft zuständige Mitarbeiter Pradeep Windlass die Filmsets in Irland besucht, sich dort mit den Kostüm- und Waffendesignern Michele Clapton und Augusto Grassi getroffen und die Requisiten genau angeschaut. Die in Noida hergestellten Nachbildungen sollen schließlich so akkurat wie möglich sein und die gleichen Details aufweisen.

Eine Mitarbeiterin der Fabrik in Noida

RS Windlass hat schon Großproduktionen wie Batman Begins, Die Chroniken von Narnia, Indiana Jones, Fluch der Karibik und The Walking Dead mit Kostümen und Waffen versorgt. Dazu kommen noch Merchandise-Verträge mit Filmen wie 300, Vom Winde verweht, Harry Potter, Herr der Ringe oder Troja. Aber erst die GoT-Kollaboration hat das Unternehmen in Indien berühmt gemacht.

"Nach dem Erfolg von Game of Thrones wollten die indischen Medien wissen, was wir hier überhaupt machen", erzählt Goil. Da in Indien jedes Jahr fast 2.000 Filme in mehr als 20 verschiedenen Sprachen produziert werden, ist die Zusammenarbeit mit einer solchen Produktion eigentlich kaum der Rede wert. Aber in Indien gibt es eben auch eine große Game of Thrones-Anhängerschaft. Einem Bericht der Filesharing-Plattform TorrentFreak zufolge, stand das südasiatische Land in Sachen Downloads der Serie letztes Jahr mit einem Traffic-Anteil von 9,7 Prozent weltweit auf Platz Zwei.


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Weil sich das Geschäft komplett auf dem US-amerikanischen und europäischen Markt abspielt, fliegt Windlass in Indien eher unter dem Radar. "Früher bin ich als kleines Kind immer durch die Fabrik spaziert und fragte mich dabei, wer die ganzen aufwendigen Kostüme und Accessoires überhaupt kauft", sagt Goil. Später lernte sie, dass die privaten Käufer passionierte Fans aus der ganzen Welt sind und solche Sachen entweder sammeln oder für Cosplay-Zwecke verwenden.

"Film-Merchandise und -Requisiten sind ein Nischengeschäft und es kommt dabei vor allem darauf an, wie erfolgreich die Produktion letztendlich ist. Beliebte Filme wie etwa die Harry Potter- oder Herr der Ringe-Reihe sind für uns ein wahrer Segen. Wir haben aber auch schon viel Geld in Projekte investiert, die dann an den Kinokassen floppten. Da blieben wir natürlich auf einem Haufen Ware sitzen", schreibt Pradeep Windlass in einer E-Mail.

Goil mit mehreren 'Game of Thrones'-Kostümen

Goil führt mich durch das Musterzimmer – ein wahres Kostüm-Wunderland aus altertümlichen Umhängen, Jacken, Röcken, Unterkleidern, Korsetts und Roben aus Chenille, Samt, Satin oder Seide. Das meiste davon ist für Mittelalterfeste in Europa und den USA bestimmt. Im Hollywood-Merchandise-Bereich lassen sich hingegen moderne Jedi-Kostüme oder das berühmte grüne Kleid aus Vom Winde verweht entdecken. Die wahren Verkaufsschlager stammen jedoch aus der Harry Potter-Kollektion: ein schwarzer Gryffindor-Umhang mit gesticktem Wappen, Albus Dumbledores graues Gewand und Hermines pinkes Ballkleid aus fallender Seide und Chiffon.

Anschließend gibt Goil mir noch eine Tour durch die Werkstatt, wo fast 150 Angestellte fleißig schneidern, nähen, sticken und Kostüme fertigstellen. Da schon bald Halloween vor der Tür steht, schießt die Nachfrage derzeit natürlich durch die Decke. Goil durchblättert schnell einige verschiedene Aufträge. Jaya Sayal, die als Merchandise-Managerin alles über die Herkunft der Stoffe weiß, zeigt auf die Lederschnüre von Ned Starks Outfit – eine Spezialität der Windlass-Mitarbeiterinnen. "Das ganze feine Handwerk wird hier von Frauen erledigt", erzählt sie.

Eine andere Mitarbeiterin der Fabrik in Noida

Goil sagt jedoch auch, dass ihr Job weniger glamourös sei, als man vielleicht denkt: "Meine Freunde beneiden mich, weil sie glauben, dass ich den ganzen Tag in dieser coolen Fantasy-Welt unterwegs bin. Das Ganze ist allerdings harte Arbeit. Ich beschäftige mich mit kniffligen Aufgaben. Zum Beispiel muss ich herausfinden, wo in Indien ich Perlmuttknöpfe in der genau richtigen Form herbekomme."

Kurz bevor sie zu einem Meeting weitereilt, gesteht mir Goil noch, dass sie die letzte Staffel von Game of Thrones noch nicht gesehen hat. "Dazu fehlt mir gerade einfach die Zeit", sagt sie mit einem reumütigen Lächeln. „Immerhin habe ich alle Folgen schon aufgenommen."

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