Verhütung

Kein Kondom, keine Hormone: Wie sicher ist die „Temperaturverhütung“?

Bei der symptothermalen Verhütungsmethode schluckt man keine Tabletten, sondern beobachtet seinen Zyklus. Wir haben Experten gefragt, ob sie wirklich eine Alternative zur Pille ist.

Caroline Petritsch

Symbolfoto: imago | blickwinkel

Zwei Wochen im Monat Sex ohne Kondom und das ohne Hormone oder sonstige Hilfsmittel? Das hörte sich für mich fast zu gut an, als mir eine Freundin vor gut einem Jahr von der symptothermalen Methode erzählte, mit der sie seit längerer Zeit erfolgreich verhütet. Ich hatte damals nach fast zehn Jahren die Pille abgesetzt, weil sie erhebliche negative Auswirkungen auf meinen Gemütszustand hatte. Somit war jede andere hormonelle Verhütungsmethode für mich vom Tisch, wobei mir Alternativen zum Kondom völlig unbekannt waren. Von einer Verhütungsmethode, bei der man nur seinen Menstruationszyklus beobachten muss, hatte ich noch nie gehört.

Damit bin ich nicht allein. Laut einer Statistik der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2011 ist die Pille das Verhütungsmittel Nummer eins für 53 Prozent der Deutschen Frauen, trotz allen bekannten Risiken. 37 Prozent verhüten exklusiv mit Kondom und rund zehn Prozent mit der Spirale. Natürliche Verhütungsmittel, wie die symptothermale Methode, scheinen jedoch mit ein bis vier Prozent kaum bekannt zu sein.

Bei der symptothermalen Verhütungsmethode wird jeden Morgen vor dem Aufstehen die Temperatur (Basaltemperatur) gemessen—vorzugsweise in der Vagina. Außerdem wird der Zervix Schleim, das, was diese hellen Flecken in der Unterhose verursacht, nach einem Schema auf Fruchtbarkeitsanzeichen überprüft. Anschließend werden diese Daten in einen Zykluskalender übertragen. Damit können der Eisprung und das Einsetzen der Periode sehr genau bestimmt werden. Sobald der Eisprung und somit die fruchtbare Zeit vorbei ist, kann man bis zu zirka einer Woche vor dem nächsten Eisprung ungeschützt Geschlechtsverkehr haben (Je nach Zyklus sind das ungefähr zwei Wochen). Diese Methode nutzt also aus, dass eine Frau in der Regel nur etwa an zwei bis drei Tagen im Monat schwanger werden kann.

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Gemäß internationalem Pearl Index liegt die Zuverlässigkeit dieser Verhütungsmethode, sofern sie korrekt angewendet wird, bei 0,4 (von 100 Frauen, welche diese Methode während einem Jahr anwenden, werden 0.,4 schwanger). Zum Vergleich: der Pearl Index der Pille liegt bei 0,1 bis 0,9).

Nadia Scherer, Fachfrau für Frauengesundheit bei der Gruppenpraxis Paradies in Binningen bei Basel, empfiehlt die symptothermale Methode vor allem Frauen, die bewusst auf Hormone oder eine Kupferspirale verzichten möchten. „Je nach Lifestyle benötigten Frauen verschiedene Verhütungsmethoden. Ein Wechsel zu den hormonfreien Methoden findet zwar immer häufiger statt, jedoch ist die Pille aufgrund ihrer Zuverlässigkeit und der einfachen Anwendung bei jungen Frauen weiterhin sehr beliebt.", sagt sie. Es brauche ein gewisses Maß an Disziplin, an den fruchtbaren Tagen dann auch wirklich mit einem Kondom oder einem Diaphragma zu verhüten, sagt sie. Manchen sei das zuviel. Außerdem kann die Basaltemperatur auch durch andere Faktoren ansteigen—beispielsweise Alkoholkonsum, Stress oder Erkrankungen.

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„Das ist ungefähr so, als würde man sagen: Man braucht Disziplin fürs Pille einnehmen. Oder Disziplin fürs Zähneputzen", meint Christian Maas. Er hat mit myNFP.de eine Webseite und App entwickelt, die Frauen bei der symptothermalen Verhütungsmethode unterstützen soll. Der Informatiker widmet sich seit 2006 dem Thema. Durch Zufall habe er während seinem Studium begonnen, Algorithmen für einen Zykluskalender zu programmieren. Bald darauf war die Nachfrage so groß, dass er sich nur noch mit myNFP beschäftigte. „Die Abläufe werden nach ein paar Wochen zur Gewohnheit und für die meisten Frauen ist es total spannend zu sehen, was im Körper alles passiert", erklärt er.

Mein Interesse war geweckt. Ich besorgte mir zur Unterstützung eine verhütungsbegleitende App, kaufte mir in der Apotheke ein Thermometer und begann, meinen ersten Zyklus auszuwerten. Die ersten drei Monate beobachtete ich nur und verhütete weiterhin durchgehend mit Kondomen. Das Aha-Erlebnis kam, als ich sah, wie meine Temperatur zuverlässig jede Monatsmitte zum Eisprung hin in die Höhe schoss und auch der Zervix Schleim sich von klumpig (unfruchtbar) zu zähflüssig (fruchtbar) veränderte. Es war, als ob sich mein Uterus mit einem kräftigen High-Five mit mir verbündete. Seit etwas mehr als einem Jahr vertraue ich nun wirksam meinem Zyklus, habe keinerlei Nebenwirkungen oder (bis auf die Anschaffung des Thermometers) finanzielle Aufwendungen.

Wir Frauen sollten die Kraft der Menstruation und Fertilität genießen, sprich das Frau sein bewusst wahrnehmen.

Tatsächlich merkte ich durch das ganze Temperaturnehmen und Ausfluss-Analysieren erst, wie wenig ich bisher über keinen Zyklus Bescheid wusste. Ein Punkt, der mich mit vielen jungen Frauen eint.

Schon in der Schule wird im Sexualkundeunterricht dem weiblichen Zyklus oft wenig Beachtung geschenkt. Während in diesem Alter die offene Auseinandersetzung mit solchen Themen sowieso schon peinlich ist, legen die Lehrkräfte erfahrungsgemäß den Fokus darauf, die Jugendlichen hauptsächlich zur Benützung eines Kondoms zu motivieren. Es scheint, als ob den Teenagern oftmals die Fähigkeit zur Eigenverantwortung abgegolten würde, indem man ihnen detailliertes Wissen über ihre Körperfunktionen nicht beibringt. Dasselbe gilt für Gynäkologiepraxen, wo jungen Mädchen die Pille zur Verhütung, gegen Menstruationsbeschwerden oder unreine Haut verschrieben wird, ohne andere Verhütungsmethoden und Therapievorschläge zu erwähnen. Für eine vernünftige Aufklärung und Beratung fehlt offenbar häufig die Zeit.

Dies bestätigt auch Nadia Scherer: „Es braucht viel Zeit für die Beratung von jungen Frauen. Teilweise überweisen Frauenärztinnen und Frauenärzte Patientinnen zu uns, wenn sie keine Ressourcen für eine ausführliche Beratung aufwenden können." Es sei wichtig, die Mädchen in die Verantwortung zu nehmen und sie zu motivieren, sich mit ihren Körpern auseinanderzusetzen.

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Dieses veränderte Körpergefühl konnte ich bereits nach wenigen Monaten feststellen. Ein Ziehen im Unterbauch brachte ich mit dem bevorstehenden Eisprung in Verbindung und wenn ich nur noch heulen wollte, oder meine Brüste geschwollen waren wie zwei Wasserballons, dann zeigte meine Zyklus-App zuverlässig die bevorstehende Periode an. Mittlerweile spüre ich sogar den Eisprung jeweils wechselseitig im linken oder rechten Unterbauch da sich die Eierstöcke beim Ausstoßen der Follikel monatlich abwechseln.

„Wir Frauen sollten die Kraft der Menstruation und Fertilität genießen, sprich das Frau sein bewusst wahrnehmen. Die Auswertung des Zyklus, entweder zur Verhütung, zur Erfüllung eines Kinderwunsches, oder einfach aus Neugierde, ist dafür optimal.", fügt Scherer an. Vielleicht ist der größte Vorteil natürlicher Verhütungsmethoden also die Tatsache, dass man gezwungen ist, mehr auf den eigenen Körper zu hören.

„Plötzlich kannst du Gemütszustände und Befinden exakt in deinen Monatszyklus einordnen", sagt Nadia Scherer. „Wenn du deinen Zyklus kennst, bist du sehr nah bei dir."


Titelfoto: imago | blickwinkel [Symbolfoto, nicht die Autorin]