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Foto mit freundlicher Genehmigung von Erika Lust

Die Sexpreneurinnen – warum Frauen die Zukunft der Pornografie sind

Marinela Potor

Theresa Lachner führt einen der wenigen Sexblogs Deutschlands, Erika Lust dreht feministische Pornos und Cindy Gallop fordert "Make love not porn". Wir haben mit ihnen über Sex-Start-Ups und die Schwierigkeiten der Branche gesprochen.

Foto mit freundlicher Genehmigung von Erika Lust

Einer Studie aus dem Jahr 2013 zufolge, besteht 30 Prozent des gesamten Internettraffics aus pornografischen Inhalten. Ganz gleich, ob man „Fahrrad fahren" oder „Yogamatte" in die Suchmaske eingibt: rein gefühlt ist mindestens ein Suchergebnis immer ein Porno. Sex sells, lautet die logische Schlussfolgerung deswegen für viele Werbetreibende. Egal, ob uns jemand ein Parfüm, ein Erfrischungsgetränk oder einen Joghurt verkaufen will—je verführerischer die Werbung, umso besser die Verkaufszahlen. So zumindest die Theorie. „Falsch," korrigiert Theresa Lachner, Journalistin und Frau hinter Lvstprinzip, einem der erfolgreichsten Sexblogs in Deutschland.

„Es ist eben nur eine ganz bestimmte Art von Sex, die sich gut verkauft. In Frauenzeitschriften ist es zum Beispiel immer so eine Art Selbstverbesserungsmaschinerie, wie etwa ‚Pornostars verraten ihre besten Tricks'. Es geht also immer darum, wie ich als Frau besser werden kann, damit er mir nicht davon rennt", erklärte sie dieses Jahr bei einem Vortrag auf der re:publica. Einer von vielen Gründen, warum es in Deutschland Tausende Foodblogs gibt, aber nur eine Hand voll Sexblogs. Seit ihren journalistischen Anfängen beim erotischen Kulturmagazin Feigenblatt, spricht Lachner ohne Scheu, oft und offen über Sex. Weil sie aber keine Lust mehr hatte, den tausendsten Blow-Job-Guide zu schreiben und „nicht mehr über Sex, sondern direkt MIT dem Sex reden" wollte, ging sie im April 2015 mit Lvstprinzip an den Start. Theresa Lachner geht es nicht darum, traditionellen Porno zu verurteilen—sie möchte Alternativen anbieten.

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Was Leser hier finden: lustige, traurige sowie nachdenklich stimmende Texte wie die Frage nach geographischer Polygamie oder eine „Ode an die Hode". Für die nahe Zukunft ist außerdem ein Porno-Guide namens „Kommen mit Stil" gefragt, was Leser dagegen garantiert nicht finden: Zehn Tipps für den heißesten Parkplatzsex. Mit genau solchen Artikeln könnte sie eigentlich sehr viel mehr Geld verdienen, doch sie verzichtet ganz bewusst darauf, erklärt sie gegenüber Broadly. „Ich habe hier ja auch noch einen journalistischen Anspruch," lacht sie.

„Pro Porn. Pro Sex. Pro knowing the difference" ist auch Cindy Gallops Geschäftsphilosophie. Auf ihrer Webseite make love not porn, kurz MLNP, finden sich unter dem Hashtag #reallifesex Sexvideos, die Nutzer selbst hochladen. Wie der Hashtag schon sagt, es geht hier um echten Sex, der genau so im realen Leben passiert ist. Anders als auf einschlägigen Pornokanälen fliegen einem deshalb hier weder Silikonbrüste noch Genitalien in Nahaufnahme um die Ohren. Platte Pornoklischees sind auf MLNP tabu.

Es ist kein Problem, wenn Paare mit Strapons spielen wollen, solange wir verstehen warum.

„Sex ist viel komplexer als Mainstream-Pornos uns das glauben lassen," sagt Gallops Mitarbeiterin Sarah Beall, beziehungsweise Madam Curator, wie ihre offizielle Stellenbezeichnung lautet. Als weltweit erste und einzige Kuratorin für Pornovideos im Netz hat sie gewisse Ansprüche an die Inhalte, die hochgeladen werden: „Unsere Makelovenotporn-Stars müssen festgelegten Kriterien folgen, damit ihre Sexvideos gestreamt werden. Dazu gehören Einvernehmlichkeit, Kreativität, Klischeefreiheit, kreativer Umgang mit Kondomen und Kontext." Gerade letzteres ist Beall besonders wichtig: „Es ist okay, wenn unsere Nutzer auch mal Pornoklischees in ihren Videos haben, aber nur wenn sie kontextualisiert werden. Es ist kein Problem, wenn Paare mit Strapons spielen wollen, solange wir verstehen warum." 50 Prozent der Einnahmen gehen an die Videoproduzenten.

Das Problem für Frauen wie Lachner oder Gallop ist nicht so sehr, dass sie sich öffentlich mit Sex beschäftigen und auch nicht unbedingt, dass sie als Frauen ein Unternehmen führen. Auch wenn beides schon schwierig genug ist, kommt bei ihnen noch ein dritter Faktor hinzu: Mit ihren Geschäftsentwürfen fahren sie gegen eine riesige Wand mit der Aufschrift: „Kein Sex. Kein Porno." Egal wie geschmackvoll Lachners Artikel, egal wie ethisch korrekt die Videos auf Gallops Webseite sind, der Stempel, den sie aufgedrückt bekommen, ist immer der gleiche: Porno ist eklig. Sex ist tabu! Wer damit etwas zu tun hat, wird automatisch in die Schmuddelecke geschoben.

Theresa, die Frau hinter dem deutschen Sexblog Lvstprinzip | Foto mit freundlicher Genehmigung von Theresa Lachner

„Sex als ethisches Businessmodell ist für viele leider noch nicht denkbar," sagt Erika Lust. Die schwedische Filmemacherin kämpft seit Jahren ebenfalls mit den Vorurteilen, die ihr als Leiterin einer Produktionsfirma von Indiepornos entgegengebracht werden. So verbannte YouTube eins ihrer Videos aus der populären Reihe XConfessions: „Ich hatte das Video speziell editiert, um damit alle Richtlinien des Portals zu erfüllen. Es gab absolut keine Nacktheit, man sah einfach nur zwei Menschen, die sich begehrten. Trotzdem schmiss YouTube das Video von der Seite, einfach weil mein Name daneben stand."

Erika Lust drehte 2004 ihren ersten Porno, The Good Girl, und gewann 2005 damit prompt den ersten Preis beim Barcelona International Erotic Film Festival. Zwölf Jahre und zahlreiche erfolgreiche Filme später leitet Lust eine Produktionsfirma mit 16 Mitarbeitern. Sie ist eine der erfolgreichsten Indieporno-Produzentinnen und ihr Onlineprojekt XConfessions hat ihr bisher 2 Millionen Euro eingespielt.

Wir können keine Sponsoren finden, da niemand seinen Namen neben einer Sexseite lesen möchte.

Kein Wunder also, dass sie sich nicht nur als Künstlerin und Diskursanregerin versteht, sondern auch als Geschäftsfrau: „Ich finde es schade, dass gerade uns Frauen in der alternativen Sex- und Pornoszene das Unternehmerische immer abgesprochen wird. Alle nehmen automatisch an, dass wir NGOs betreiben. Natürlich haben wir gewisse ethische Ansprüche, aber das heißt doch noch lange nicht, dass wir kein Geld verdienen möchten und sollten."

Auch für Theresa Lachner ist Geldverdienen natürlich nicht nebensächlich, auch wenn ihr Geschäftsmodell genau so ungewöhnlich ist wie ihre Inhalte. Einfach mal ausprobieren lautet ihr Motto: „Ich habe vorher keine Marktforschung betrieben, keine Zielgruppenanalyse gemacht und so ziemlich alles ignoriert, wozu mir andere Blogger in Mastermindgruppen geraten haben. Stattdessen habe ich nur das gemacht, was sich gut angefühlt hat." Und diese Rechnung scheint aufzugehen. Was für jedes andere Business wahrscheinlich direkt in die Pleite geführt hätte, hat Lvstprinzip mit rund 65.000 Besuchern pro Monat zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Sexblogs gemacht. Davon sind übrigens etwa 55% männlich, was zeigt, das auch Männer entgegen aller Klischees Interesse an sexuellen Inhalten abseits von Schmuddelmagazinen und Mainstream-Pornos haben.

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Cindy Gallop launchte ihr Projekt make love not porn 2009 auf einer TED-Konferenz. Mit Erfolg: Über 1,6 Millionen User haben das Video gesehen, 3.000 Nutzer besuchen ihre Webseite jeden Tag und mit rund 600 Sexvideos und 150 MLNP-Stars ist die Domain bei Männern und Frauen gleichermaßen beliebt. Hätte Cindy Gallop ein Start-up in jeder anderen Branche, wäre sie damit eine gemachte Frau. Doch als Sex-Tech kämpft das Unternehmen jeden Tag um's finanzielle Überleben. Ähnlich wie Lachner folgt auch Cindy Gallop bewusst nicht dem Geschäftsmodell anderer Pornoseiten und verzichtet auf Viagra- und Webcam-Werbung. Geschäftlich gesehen sei das beinahe wie ein Kampf gegen Windmühlen, sagt Gallop: „Wir können keine Sponsoren finden, da niemand seinen Namen neben einer Sexseite lesen möchte. Banken geben uns keine Kredite. Typische Start-up Dienste wie Mailchimp oder PayPal dürfen wir nicht nutzen. Denn das Kleingedruckte sagt immer: Keine Erwachseneninhalte."

Es ist Zeit, dass wir aufhören, andere dafür zu kritisieren, wie sie Sex und Porno darstellen und anfangen unsere eigenen Perspektiven einzubringen!

Selbst Erika Lust, immerhin seit Jahren etablierte und erfolgreiche Pornoproduzentin, hat ähnliche Probleme. Banken wollen sie nicht als Kundin, Kreditkartenfirmen berechnen exorbitante Gebühren für die Produkte, die sie über ihre Webseite verkauft, und dann kämpft sie auch noch dagegen, dass ihre Videos ohne Erlaubnis auf genau die Pornoseiten hochgeladen werden, gegen die Lust sich abheben möchte. Dennoch ist es der Filmemacherin und zweifachen Mutter wichtig, dass Frauen wie sie, Gallop und Lachner weitermachen. Denn für diese Frauen sind Sex und Porno nicht nur ein Geschäftsmodell, sondern eben auch ein gesellschaftlicher Diskurs, der viel zu selten und viel zu einseitig geführt wird, sagt Lust.

„Porno oder Sex sind nichts Gutes oder Böses an sich. Zunächst sind sie etwas sehr Natürliches, denn ohne Sex gäbe es gar kein Leben auf der Welt. Dann sind sie aber auch Hüllen. Hüllen, die wir mit den Inhalten und Werten füllen können, die uns persönlich wichtig sind. Es ist einfach Zeit, dass wir aufhören, andere dafür zu kritisieren, wie sie Sex und Porno darstellen und anfangen unsere eigenen Perspektiven einzubringen!"