Illustration by Jennifer Kahn

Ich habe aufgehört zu kiffen und es war ein absoluter Albtraum

Von Schmerzen über Selbsthilfegruppen bis zur Erkenntnis, dass "Der Bachelor" nicht lustig ist: Als ich beschloss, dass aus meinem Entspannungsmittel ein echtes Problem geworden war, blieb mir absolut gar nichts erspart.

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13 März 2017, 9:40am

Illustration by Jennifer Kahn

Eine Binsenweisheit, die ich nur allzu gut kenne, ist: Das Leben kann sich von einem Moment auf den anderen komplett ändern. Und wie es mit Binsenweisheiten nun mal so ist, treffen sie fast immer zu. Vor drei Wochen habe ich mal wieder einen ganzen Samstag im Bett verbracht. Ich habe von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang gekifft und mir stumpfe, uninteressante Fernsehsendungen reingezogen. Statt entspannt zu sein, fühlte mich aber irgendwann nur noch eklig.

In den letzten vier Jahren hatte ich mehrere solche Momente, an denen ich mich mit meinem Konsum nicht mehr wohlfühlte. Wenn ich ehrlich zu mir bin, muss ich feststellen, dass Gras meinen Alltag bestimmt. Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, greife ich in der Regel sofort nach meiner amethystfarbenen Kristallpfeife, die ich mir bei Etsy für 95 Euro gekauft habe. Trotzdem dauerte es ziemlich lange, bis mir klar wurde, dass Marihuana meinem Leben nicht gut tut – und dann saß ich da mit diesem Gedanken und war nicht sicher, was als nächstes passieren würde.

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ich habe in letzter Zeit allgemein versucht, gesünder zu leben. Ich habe mir eine Therapeutin gesucht, mache regelmäßig Sport und gehe seit Neuestem sogar zur Akupunktur. Bei einem dieser Akupunkturtermine kam es dann auch zum großen Durchbruch. Als mich mein Akupunkteur Max fragte, ob ich das schöne Wetter hatte genießen können, machte ich erst Witze. Ja, sagte ich, schließlich hätte ich mich den ganzen vorherigen Tag zu Hause im Dunkeln verkrochen. Da musste ich die verlorene Zeit ja reinholen.

Als die Worte über meine Lippen kamen, traf es mich plötzlich wie ein Schlag. "Ich liebe Gras, aber ich glaube, ich sollte damit aufhören", schob ich nach, plötzlich ernst geworden. In dem Moment, als ich es zum ersten Mal laut ausgesprochen hatte, bekam ich Angst. Zuvor hatten Max und ich lediglich daran gearbeitet, mein Qi in Fluss zu bringen, um meine Depressionen und Angstzustände in den Griff zu kriegen. Deswegen wies mich Max in diesem Moment sanft darauf hin, dass das intensive Kiffen vermutlich auch zu meinen Problemen beitragen würde. Ich wusste, dass er Recht hatte.

Ich fühlte mich sehr befreit und optimistisch. Ich würde es tun. Ich würde aufhören, Gras zu rauchen!

Trotzdem zogen all die positiven Erfahrungen, die ich beim Kiffen gemacht hatte, vor meinem inneren Auge vorbei. Ein bisschen so, als würde ich gerade die Trennung von einem Partner durchmachen und wäre gerade in der Trauerphase, in der man sich nur an die guten Momente erinnert. In Gedanken hielt ich die Hände eines riesigen Joints fest umklammert und drehte mich mit ihm in Zeitlupe im Kreis. Außerhalb meines Tagtraums wartete Max, um mir zu sagen, dass er einige Nadeln in mein Ohr stecken würde, um mir den Abschied von meinem geliebten Gefährten etwas leichter zu machen. Ich nickte. Es war an der Zeit.

Die Nadeln im Ohr waren extrem unangenehm. Nachdem ich eine halbe Stunde lang das Gefühl hatte, dass ich kopfüber an eine Decke gehängt wurde, fühlte ich mich sehr befreit und optimistisch. Ich würde es tun.Ich würde aufhören, Gras zu rauchen! Als ich raus auf die Straße ging, rief ich meinen Freund Rion an. Ich musste ihm einfach direkt mitteilen, dass ich fest entschlossen war, mein Stoner-Leben hinter mir zu lassen. Zumindest eine Zeit lang. Seine Reaktion klang, als hätte er bereits sehnsüchtig auf diesen Moment gewartet: "Dann bekomme ich endlich wieder meine Freundin zurück", sagte er.

Als ich wieder in meiner Wohnung war, nahm ich das Gras und die Pfeife von meinem Nachttisch und steckte beides in die Schublade meiner Kommode. Ich dachte keine Sekunde lang darüber nach, es in einer großen, dramatischen Geste wegzuwerfen. Es war Februar. Ich würde einen Monat lang aufhören, vielleicht auch zwei und dann würde ich mich selbst fragen, wie ich weitermache, dachte ich. Vielleicht würde ich meine wiedergewonnene Willensstärke auch am 20. April,dem internationalen Kiffer-Tag, belohnen.

Am Dienstag ging ich zu meiner Therapeutin und erzählt von meinem Vorhaben. "Ich möchte meine Beziehung zum Kiffen verbessern", erklärte ich ihr. Statt jeden Tag zu kiffen, würde mir eine kleine Pause doch sicherlich dabei helfen, es wieder in Maßen genießen zu können. Oder?

Sie lächelte und nahm mir direkt den Wind aus den Segeln. Wieso ich es nicht einfach komplett sein ließe, fragte sie mich. Schließlich könne man seine Depressionen nicht mit Gras behandeln, sondern würde die Behandlung nur hinausschieben. Ich nickte. Die Vorstellung, Gras für immer abzuschwären, erschien mir trist und unerträglich. Schließlich macht mit Gras einfach alles mehr Spaß! Das ist fast so etwas wie ein Naturgesetz. Vielleicht hatte meine Therapeutin aber doch recht.

Ich erklärte, erst mal für einen Monat lang aufzuhören, um dann zu sehen, wie ich mich fühlte. Sie hielt das für eine sehr gute Idee und betonte, stolz auf mich zu sein. Ich machte also einen Schritt in die richtige Richtung.

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Als ich am selben Tag nach der Arbeit nach Hause kam, überkam mich das Bedürfnis zu kiffen. Ich sagte mir selbst, dass mich nur die Erinnerungen an meine alten Gewohnheiten heimsuchen würden. Statt die Pfeife hervorzukramen, suchte ich auf Reddit nach Leuten, die ebenfalls mit dem Kiffen aufgehört hatten. Ein großer Fehler, wie ich schon kurze Zeit später feststellte. Ich stieß auf mehrere Posts, in denen ehemalige Kiffer berichteten, dass die Entzugssymptome mehrere Monate lang anhalten können. Einige davon hatte ich sogar selbst schon erlebt: Ich schlief schlecht, mein Hals tat ständig weh und ich hatte andauernd das Gefühl, als würde ich krank werden. Außerdem hatte ich regelmäßig Schmerzen in der Lunge und war schlecht gelaunt.

Anscheinend hätte es mich aber noch deutlich schlimmer treffen können. Manche Nutzer im Subreddit r/leaves schrieben, dass sie Harz husteten.

An meinem dritten nüchternen Tag in Folge wurde ich um 6:30 von Rion geweckt. Aus irgendeinem masochistischen Grund hatten wir am Vorabend beschlossen, noch vor der Arbeit zum Sport zu gehen. Widerwillig setzte ich mich auf und versuchte dabei möglichst unglücklich zu wirken. Ich hatte so viele seltsame Träume, dass ich kaum geschlafen hatte. Immerhin hatte ich in dieser Nacht keine Panikattacke bekommen. Das Melatonin, das meine Bong ersetzen sollte, zeigte Wirkung.

Ich stand auf und ging ins Bad. Als ich im Türrahmen stand, machte ich das Licht an. Plötzlich spürte ich, wie die elektromagnetische Strahlung Löcher in meine Augen brannte, wich blitzartig zurück und schaltete das Licht wieder aus. Als ich versuchte, mir meinen Weg durch das dunkle Badezimmer zu bahnen, lief ich mit dem Kopf voraus in die geflieste Wand neben der Dusche. Weinend ließ ich mich auf den Boden fallen, obwohl es noch nicht einmal weh tat.

Früher hätte ich, wenn ich müde gewesen wäre, einfach alles stehen und liegen gelassen und wäre nach Hause gegangen, um zu kiffen.

Ich habe es trotzdem zum Sport und anschließend zur Arbeit geschafft. Allerdings war ich den Rest des Tages extrem müde und schlecht gelaunt. Damals dachte ich noch, dass ich einfach nur viel zu früh aufgestanden wäre, nur um neben all den Erfolgsmenschen im Fitnessstudio zu stehen. Rückblickend bin ich aber ziemlich sicher, dass ich die Folgen des Entzugs spürte, denn am nächsten Tag war ich ähnlich erschöpft. Nach der Arbeit schleppte ich mich noch zu einer Selbsthilfegruppe – und das, obwohl ich eigentlich nur noch schlafen wollte. Dort traf ich Andrew, der genauso viel rauchte wie ich vor meinem kalten Entzug. Ich erzählte ihm, dass ich ein paar Tage zuvor aufgehört hätte zu kiffen. Ich sah, wie ihm das Gesicht ein wenig entgleiste.

"Wow, das finde ich schade", sagte er.

"Ich weiß, ich auch."

Gleichzeitig erlebte ich auch Momente, in denen ich es ziemlich gut fand, nüchtern zu sein: Zum Beispiel, als ich gemeinsam mit einer Freundin vor meiner Wohnung stand und wir darüber sprachen, was man gegen die Politik von Trump tun und wie man einzelne Bevölkerungsgruppen schützen und stärken könnte. Früher hätte ich, wenn ich müde gewesen wäre, einfach alles stehen und liegen gelassen und wäre nach Hause gegangen, um zu kiffen.

Eines meiner vielen Kiffer-Shirts. Außerdem habe ich knapp 190 Euro für Ohrringe in Form von Hanfblättern ausgegeben und eindeutig viel zu viel (14 Euro) für die hier.

Ich rauche jetzt seit mehr als drei Wochen kein Gras mehr, spüre aber immer noch die Folgen des Entzugs. Allein diesen Satz zu schreiben, fällt mir schwer. Ich bin müde, kann mich nur schwer konzentrieren und fühle mich dümmer, als ich mich jemals gefühlt habe, während ich high war.

Ich denke regelmäßig an die dramatischen Entzugsszenen in Unendlicher Spaß – dem Wälzer von David Foster Wallace, in dem er über all die Dinge schreibt, die wir schätzen, um unser Leben zu bewältigen, aber damit oft das Gegenteil bewirken. Als ich mir das Buch vergangenes Jahr bekifft durchgelesen habe, fand ich einige der Passagen einfach nur albern. Nun machte plötzlich alles Sinn. Ich habe immer gedacht, dass ich meine Gewohnheiten jederzeit umstellen könnte, weigerte mich aber, Kiffen als Gewohnheit zu betrachten. Ich sah einfach keinen Grund, um aufzuhören. Letztendlich war es dann aber doch schwieriger als gedacht. Ich dachte die ganze Zeit darüber nach, dass ich die Entzugssymptome wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen und meinen fehlenden Appetit ganz einfach lindern könnte – und zwar mit Gras!

Auch meine Haut wurde mit einem Mal schlechter, was extrem nervig war. Tatsächlich ist nervig genau der richtige Ausdruck, um zu beschreiben, wie ich mich fühle. Es ist nicht unfassbar schrecklich, aber es zehrt an mir. Ich musste mich sogar schon ein paar Mal bei der Arbeit entschuldigen, weil mich ein undefinierbare Übelkeitsgefühl durch den kompletten Tag verfolgte. Gleichzeitig bin ich aber auch sehr viel glücklicher.

Selbst den "Bachelor" finde ich mittlerweile extrem langweilig und schlecht.

Was mich auch nervt, ist die Tatsache, dass mich all die seichten Fernsehsendungen, die ich immer ironisch genossen hatte, mittlerweile nur noch ankotzen. Selbst den Bachelor finde ich mittlerweile extrem langweilig und schlecht. Natürlich schaue ich immer noch gerne fern – es ist äußerst schwierig der Realitätsflucht komplett abzuschwören, selbst wenn die Medizin nicht wirkt. Ich hoffe aber inständig, dass ich von meinem Leid erlöst werde, sobald die neue Staffel von Terrace House auf Netflix rauskommt. Weniger fernzusehen war jedenfalls eine willkommene Abwechslung.

Was mich davon abgehalten hat, wieder Gras zu rauchen und rückfällig zu werden? Ich habe mich immer wieder daran erinnert, warum ich aufhören wollte. Eine depressive Frau in Unendlicher Spaß hat es so ausgedrückt: "Ich fühle mich immer erbärmlicher und nerve mich selbst, wenn ich so viel rauche [...] Immer wenn ich high werde, denke ich nur darüber nach, wie ich aufhören könnte, so viel Gras zu rauchen. Ich möchte wieder arbeiten gehen und endlich wieder ans Telefon gehen, wenn Leute anrufen. Ich möchte endlich wieder ein verdammtes Leben führen, statt die ganze Zeit über im Schlafanzug rumzusitzen und so zu tun, als wäre ich krank wie ein Drittklässler, nur um letztendlich wieder Gras zu rauchen und fernzusehen."

Sie war gefangen in einem wiederkehrenden Kreislauf aus Entzug und Kiffen, Entzug und Kiffen – und so jemand möchte ich nicht sein. Cannabis hat viele positive Eigenschaften und der Konsum sollte legalisiert werden, um Leuten die Freiheit zu geben, selbst über ihren Konsum zu entscheiden. Außerdem kann Cannabis bewiesenermaßen ganz unterschiedliche positive Effekte auf Menschen haben. Nur eben auf mich nicht.

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Nach meiner ersten Woche ohne Gras bin ich wieder zur Akupunktur gegangen. Während ich mit Nadeln in Ohren, Stirn, Händen, Beinen und Füßen da lag, dachte ich darüber nach, wie ich meine Beziehung zu Marihuana verbessern könnte. Sollte ich es vielleicht mehr zelebrieren, wie so eine Art sakrales Ritual zu Vollmond? Oder sollte ich vielleicht nur einmal im Jahr zum internationalen Kiffer-Tag Gras rauchen? Waren diese Überlegung eine erwachsene, bewusste Entscheidung zum sporadischen Genuss, oder sprach da wieder nur die Sucht aus mir?

Ich habe bis heute keine Antwort gefunden. Ich weiß allerdings, dass ich überhaupt nicht mehr darüber nachdenke, mein Gras rauszuholen, wenn ich die Schublade meiner Kommode aufmache – auch wenn ich den Geruch mag. Ich weiß, dass mir mein Freund subtil zu verstehen gibt, dass ich ein viel aufmerksamerer Mensch geworden bin und ich liebe es, Lob und Komplimente zu bekommen. Seit ich beschlossen habe, einen Monat lang nicht mehr zu kiffen, haben sich Therapiestunden, Sport und Akupunktur zu meiner neuen Sucht entwickelt. Eine Sucht, die mir gut tut.