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Sex

„Es geht darum, die Macht der Frauen zu spüren”

BDSM-Wrestling ist eine Mischung aus Wrestling, Sex und BDSM—ein Fetisch, bei dem Männer viel Geld dafür bezahlen, von Frauen zu Boden gerungen und bis zur Besinnungslosigkeit gewürgt zu werden.

Gareth May

Gareth May

Photo by Lumina via Stocksy

Es ist drei Uhr an einem Mittwoch Nachmittag und ich liege in einem Meer aus blauen Turnmatten. Mein Kopf klemmt zwischen den Beinen einer Frau. Die letzten 20 Minuten über wurde ich mehrmals durch den gesamten Raum gezerrt—gestoßen, geschubst, gefoltert—und Runde um Runde lassen mich meine Gliedmaßen immer mehr im Stich.

Mittlerweile hat sie ihre Oberschenkel fest um meinen Hals gelegt—ein Griff, der sich die „Kopfschere" nennt. Sekunden später läuft mein Gesicht knallrot an und ich werfe zum achten und letzten Mal das Handtuch.

Willkommen in der Welt des BDSM-Wrestlings, wo Männer dafür bezahlen, von Frauen niedergerungen zu werden. Die Wrestling-Sessions sind ein absoluter Nischenfetisch, der vor allem in Großbritanniens Szene immer beliebter wird. Der Submission Room ist eine von Londons Agenturen, die verschiedene Arten von Sessions anbieten, darunter auch Sessions mit 20 verschiedenen Wrestlerinnen. Zu ihnen gehört unter anderem auch eine Frau, die sich passenderweise Amethyst Hammerfist nennt, sowie auch die rothaarige Inferno mit dem feurigen Blick und Pussy Willow, deren Anakonda-Beine ich immer noch an meiner Kehle spüren kann.

Ein einstündiger privater Kampf mit einer der Wrestlerinnen kostet umgerechnet rund 190 Euro. Ich wurde jedoch kostenlos vermöbelt. Der Gewinner (Achtung, Spoiler: Das sind fast immer die Frauen) ist derjenige, dessen Gegner öfter auf der Matte liegt und aufgibt oder derjenige, der es schafft, seinen Gegner öfter mit der Schulter für länger als drei Sekunden in die Matte zu drücken.

Neben den privaten Sessions veranstaltet der Submission Room auch drei Mal im Jahr Vorführungen. Im letzten Monat fand eine solche Vorstellung in einer Lagerhalle in Sussex statt. Der Eintritt kostete um die 60 Euro und ich nahm mit 20 bis 30 anderen Männern im Publikum Platz. Als die Vorstellung mit dem ersten von einer Reihe von Kämpfen, die nur unter den Wrestlerinnen ausgetragen werden, beginnt, ist der Raum von einem aufgeregten Brummen erfüllt. Jedes Mal, wenn eine der Wrestlerinnen die Oberhand erlangt, höre ich, wie jemand in den Reihen hinter mir ein Geräusch macht wie ein schlafender Hund: ein tiefes, nahezu wehleidiges Knurren. Die Kämpfe zwischen den Frauen sind eine Mischung aus Wettkampf und Fantasy Wrestling.

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Als Infernos rechte Brust fast aus ihrem Oberteil poppt („Hallo!?", sagt sie überrascht und lächelt), bricht die Menge in schallendes Gelächter aus. In der Pause holt neben mir ein Mann mittleren Alters eine Ausgabe des Sunday Times Magazine aus der Tasche. Die Leute reden über den Urlaub und Fußball. Wenn eine der Wrestlerinnen nach Wasser ruft, bringt ihnen ein junger, stämmiger Kerl, der weiter hinten im Raum sitzt, eine Flasche Evian. Die Bilder der heutigen Kämpfe werden später auf Fetischseiten wie Clips4Sale verkauft, genau wie 30-minütige Videoclips, die man sich für rund 17 Euro ansehen kann.

Pussy Willow, eine der Wrestlerinnen des Submission Room. Foto: Pussy Willow

Pippa the Ripper ist die Gründerin des Submission Room. Sie hat mit dem BDSM-Wrestling angefangen, nachdem sie als Studentin knapp bei Kasse war und auf eine Anzeige in einer Lokalzeitung geantwortet hat. „Ich hab die Anzeige gesehen und dachte: Das könnte Spaß machen. Ich hatte noch nie zuvor davon gehört. Deswegen hat es mich neugierig gemacht", sagt sie. Auch nach 10 Jahren gibt sie selbst immer noch Sessions, obwohl sie sich seit der Gründung des Submission Room vor etwa vier Jahren eher um das Management kümmert.

Die meisten Frauen auf ihrem Dienstplan, sagt sie, arbeiten nebenberuflich als Wrestlerinnen. Viele von ihnen sind Personal Trainer, Fetisch- oder alternative Models oder professionelle Dominas. Nachdem BDSM-Wrestling eine Art Anschlussberuf in der Szene ist, werden neue Wrestlerinnen hauptsächlich über Mundpropaganda angeworben. „BDSM-Wrestling ist ziemlich ungewöhnlich. Wenn es jemand tun möchte, dann hat er auch Lust darauf. So kommen die meisten Mädchen zu uns", sagt sie.

Anders als beim Profi-Wrestling im World Wrestling Entertainment gibt es beim BDSM-Wrestling kein „Kayfabe" (ein Begriff aus dem Profi-Wrestling, wenn gespielte Kämpfe so dargestellt und präsentiert werden, als wären sie echt, um eine Geschichte um den Kampf herum aufzubauen). Wenn ein Mann aufgibt, dann gibt es keine vierte Wand. Er gibt auf, weil er Schmerzen hat. Pussy Willow hat es geschafft, dass ich innerhalb von 15 Sekunden zum ersten Mal aufgab. Wenn ein Kampf im WWE so schnell zu Ende wäre, würde keiner dafür bezahlen, im Publikum zu sitzen.

Das ist der große Unterschied zwischen BDSM-Wrestlerinnen und weiblichen Profi-Wrestlern im WWE. Es ist intimer, persönlicher und vor allem schmerzhafter. Eine der Wrestlerinnen des Submission Room hat mir erzählt, dass einige ihrer Klienten sogar dafür bezahlen, von ihr gewürgt zu werden—und zwar richtig. Bis sie das Bewusstsein verlieren.

Während Pippa und ich ein wenig über die Szene quatschen, beginnen die Hauptkämpfe: Die gemischten Sessions. Mittlerweile sind zwei Drittel des Publikums verschwunden, vermutlich weil sie genug von den dreistündigen Frauenkämpfen hatten. Von den verbliebenen Männern verschwindet einer nach dem anderen im zementgrauen Inneren des Lagerhauses und kommt in Sportkleidung zurück, um sich von der Wrestlerin seiner Wahl und ihren flinken Gliedmaßen auf die Matte werfen zu lassen. Fünf Minuten kosten 12 Euro, 10 Minuten 25 und das Geld fließt in Strömen.

Als Außenstehender fasziniert mich vor allem, wie verspielt das Ganze wirkt. Den Männern werden die Haare zerzaust, sie werden geschubst und gekitzelt. Ein stämmiger Typ, der dafür bezahlt hat, von zwei Frauen fertig gemacht zu werden, sprudelt förmlich vor guter Laune und fragt: „Ist es Zeit zu kuscheln?"

Anders als bei den meisten Kämpfen beim WWE (s.o.) wird die BDSM-Wrestlingszene von Frauen dominiert. Foto: Xander Hieken | Flickr | CC BY-SA 2.0

Sowohl die Wrestlerinnen, als auch ihre Opfer kichern wie schwitzende, glückliche Kinder. „Das gibt mir den Kick", gibt Pippa zu. „Im Grunde ist Ringen ein spielerischer Kampf—etwas, das man auch als Kind gemacht hat und es macht wirklich Spaß. Ich setze meine Kraft, mein Können und meinen Körper ein, um einen Mann als Wrestlerin zu dominieren."

Die Amerikanerin Kelli Provocateur ist Schauspielerin, Fitnessmodel, Profi-Bodybuilderin und Domina. Seit 12 Jahren ringt sie Männer nieder. Vom BDSM-Wrestling hat sie zum ersten Mal durch einen Kunden während einer Session erfahren. Als „Ebenholz-Muskel-Göttin", wie sie sich selbst beschreibt, ist sie bereits durch Australien, den Mittleren Osten und Asien getourt. Sie erzählt mir, dass es auf der ganzen Welt Männer gibt, die den Wunsch haben, von einer extrem starken Frau dominiert zu werden.

„Es geht darum, die Macht der Frau zu spüren", sagt sie. „Immer wenn ich sie auf die Matte lege, wollen sie spüren, wie mein Trizeps und Bizeps pulsieren. Ich habe viele Männer, die sagen: ‚Ich will, dass du mich grün und blau schlägst.'" Es verwundert nicht, dass Provocateur besonders beliebt bei Männern ist, die auf Muskeln stehen.

Zurück im Submission Room spreche ich mit Pussy Willow, die als BDSM-Wrestlerin und professionelle Domina tätig ist und mich noch in derselben Woche in einem chancenlosen Kampf 8-0 schlagen wird. Sie ringt seit einem Jahr und ist wie dafür gemacht: Sie ist breit gebaut, groß, stark und sie liebt es, zu kämpfen.

„Schüchtere ich dich ein?", sagt sie neckisch. „Nur auf die gute Art, hoffe ich? Du hast keine Angst, oder? Nur auf die Art von: ‚Komm her und lass mich dir einen Klaps geben..."

Kelli Provocateur ist eine professionelle Bodybuilderin und Domina, die das BDSM-Wrestling durch einen Kunden kennengelernt hat. Foto: Kink.com

Als Pussy Willow vor ungefähr einem Jahr wieder zurück nach England kam, hat sie mit dem BDSM-Wrestling angefangen. Zuvor hat sie eine Zeit lang im Ausland als professionelle Domina gearbeitet. Was anfangs nur dazu dienen sollte, ihr Angebot zu erweitern, hat sich mittlerweile zu einer echten Leidenschaft entwickelt.

Sie will aus der Londoner Szene eine Art WWE machen—mit Geschichten und Fehden. Während der gesamten Nachmittagsvorstellung hackt sie immer wieder auf einer der anderen Wrestlerinnen herum—wie ein Kind, das einen Hund ärgert, bis er zubeißt. Natürlich kocht die Stimmung über und das Publikum bekommt aus dem Stegreif einen Kampf zu sehen, bei dem Pussy Willow ihr Opfer auf die Matte legt. Nicht umsonst ist sie in einschlägigen Kreisen als die Königin des Trash Talks bekannt.

Neben dem hochnäsigen und schlagfertigen Wrestling-Charakter besitzt Pussy Willow ein tiefes Verständnis für den Fetisch—sowohl für die Männer, die dafür bezahlen, unterworfen zu werden, als auch für die Frauen, die die Männer niederringen. Sie selbst sieht den Ursprung ihres eigenen Interesses darin, dass sie schon als Kind mit den Freunden ihres Bruders gerangelt hat.

„Es war ein Spiel, wir haben geschwitzt und es ging um die Vertrautheit, aber es war kein bisschen sexuell", sagt sie. „Ich kann mich noch daran erinnern, dass sie mich einen Weirdo genannt haben, als ich mit 12 immer noch spielen wollte. In der Sekunde, in der man ein Teenager wird, soll man erwachsen sein und erwachsen zu sein heißt auch, nicht mehr zu spielen. Wrestling ist ein ziemlich guter Ausgleich dazu. Es bietet einem die Möglichkeit, in einer kontrollierten Umgebung zu spielen."

Von einer wunderschönen Wrestlerin überwältigt und niedergerungen zu werden, macht unglaublich viel Spaß.

In der Londoner BDSM-Wrestling-Szene ist Pussy Willow vor allem als Fantasy-Wrestlerin bekannt—eine Kämpferin, die sich über dich lustig macht, während sie dich mit ihren Brüsten zerschmettert (ich musste auf die harte Tour lernen, dass das nicht so angenehm ist, wie es sich vielleicht anhören mag) oder sich als Supergirl verkleidet und dich mit ihren Kryptonitschenkeln vernichtet.

Neben dem Fantasy Wrestling gibt es noch zwei weitere Formen des BDSM-Wrestling: das Wettkampf-Wrestlen, bei dem sich auch die Männer mehr anstrengen, um zu gewinnen und beide Wrestler nur zulässige Griffe einsetzen und das verspieltere und weniger wettbewerbsorientierte Wrestling, bei dem es aber nicht weniger hart zugeht.

Wrestler Mike gehört in die Kategorie der Wettkampf-Wrestler. Er hat mit dem gemischten Wrestling angefangen, als er als Kind die amerikanische Fernsehserie Dynasty gesehen hat und „ein Faible für Katzenkämpfe" entwickelt hat. Von da an sah er sich immer mehr Online-Videos von „Katzenkämpfen" an und entwickelte eine Vorliebe für technische Wrestling-Videos sowie für die WWE-Wrestlerin Lita.

„Mixed Wrestling würde ich definitiv als meinen Fetisch bezeichnen ... Von einer wunderschönen Wrestlerin überwältigt und niedergerungen zu werden, macht unglaublich viel Spaß", sagt er. „Es gibt diese konkurrierende Seite in mir, die irgendwie immer ein wenig enttäuscht ist, wenn ich mich unterwerfe, weil ich eigentlich immer gewinnen will. Aber das bereitet mir keine schlaflosen Nächte, denn das süße, berauschende Gefühl, auf der Matte zu liegen—auch dann, wenn ich aufgeben muss—ist es das wert."

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Sunny Megatron ist Sexualpädagogin und Moderatorin der Show Sex with Sunny Megatron. Sie meint, was den Reiz des BSDM-Wrestlings für jeden Einzelnen ausmacht, ist „sehr individuell". Etwas haben die meisten jedoch gemeinsam: Die meisten von ihnen genießen die intensive körperliche Erregung, den Adrenalinstoß und den Schmerz.

„BDSM-Wrestling ist eine Mischung aus Wrestling, Sex und BDSM. Wie genau die Kombination aussieht, hängt vom Geschmack der Teilnehmer ab", sagt sie. „Man muss nur mal zurückdenken, wie es war, als man jung und frisch verliebt war und man spontan anfing, auf dem Boden im Wohnzimmer zu rangeln. Dabei geht es einerseits um eine Art Machtkampf, andererseits ist es aber auch ein Spiel und eine Nachahmung von Sex. Erotisches Ringen ist ziemlich ähnlich."

Für fast alle scheint der Reiz am Wrestling darin zu liegen, noch einmal in die Kindheit zu entfliehen, sich selbst in den wiegenden Bewegungen schwitzender Gliedmaßen zu verlieren und sich kindisch zu beschmipfen—die reinste Form des Spielens und eine Flucht aus dem Erwachsensein. Und wer kann schon behaupten, dass er sich nicht von Zeit zu Zeit danach sehnt?