Foto: freestocks.org | Pexels | CC0

Wie junge Frauen auf Kleiderkreisel sexuell belästigt werden

Immer wieder geben sich Männer als Frauen aus, um an Unterwäschefotos von Nutzerinnen zu kommen, andere schicken gleich Penis- und Masturbationsfotos.

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Okt. 21 2016, 7:10am

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Thomas' Augen huschen suchend über den Bildschirm. Von links nach rechts, Zeile für Zeile. Niete, Niete und auf einmal „Treffer!". Er grinst. Thomas, der sich „Nina1997" nennt, ist fündig geworden—ein 80D-BH, Push-Up, die Brüste der Trägerin prall zusammengedrückt. Ob da mehr geht? Sein Jagdinstinkt ist geweckt. „Hey, interessiere mich für deinen BH, bin mir aber bei der Größe nicht sicher—könntest du mir ein paar weitere Tragefotos machen, von allen Seiten, wenn's geht?" Senden. Thomas ist fiktiv, seine Handlungen sind es nicht.

Dutzende, hunderte solcher Nachrichten erreichen junge Frauen, die auf Kleiderkreisel gebrauchte Klamotten anbieten und dabei—naheliegenderweise—auch ihren Körper präsentieren. Die potenzielle Kundin will schließlich auch wissen, wie das Ganze getragen aussieht. Seit 2009 existiert das Portal, das sich Weitergabe von Kleidung von privat an privat verschrieben hat. Sharing-Economy nennt sich das auf Neudeutsch. Für Männer gibt es bei Second-Hand-Börsen traditionell eher weniger zu holen und auch bei KK ist die überwiegende Anzahl der User weiblich. Mehr als 12 Millionen registrierte Nutzer_innen sind es aktuell, die fast das Doppelte an Artikeln anbieten. Eine davon ist Jule*.

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„Das schlimmste bisher", setzt sie an, „war wirklich, dass jemand immer wieder Fotos von sich bei der Selbstbefriedigung geschickt hat und immer wieder forderte dass ich ihm ebensolche schicke. Dieser Nutzer hatte mehrere Konten. Ich bin mit dem melden gar nicht so schnell hinterher gekommen. Das war sehr unangenehm."

Immer wieder stieß ich in der Vergangenheit im Kleiderkreisel-Forum auf Threads, die sich mit übergriffigen Nachrichten auf der Plattform auseinandersetzten. Von Männern, die nach getragener Wäsche fragen, war dort die Rede, von unverlangt erhaltenen Nacktfotos. Zwischen all den Student_innen, Schüler_innen, jungen Frauen und Männern auf der Suche nach erschwinglicher Second-Hand-Mode sollten sich also Personen herumtreiben, die sich an den Bildern und der Kommunikation mit jungen Frauen aufgeilten? Ich wollte der Sache auf den Grund gehen.

Gefordert wird immer dasselbe: Von getragener Wäsche (Slip/Nylonstrümpfe) über Nacktfotos bis hin zum Treffen.

„Seit mittlerweile drei Jahren bin ich nun bei KK angemeldet, dass ich unseriöse Angebote bekomme, war von Anfang an der Fall", sagt Jule. Auch sie zeigt sich in Unterwäsche. Ohne Gesicht, aber dafür mit dem Hinweis, dass keine weiteren Tragebilder mehr gemacht werden. Denn ganz ohne scheint es nicht zu gehen. Kleidung die nicht nur auf dem Bügel fotografiert wurde, verkaufe sich besser. Auch Stephie bestätigt das und führt aus „Ich möchte dazu nicht groß interviewt werden, aber kann dir sagen, dass ich diese Bilder einstelle, um eine größere Reichweite zu erzielen. Diese Bilder haben in der Regel dreimal so viele Aufrufe wie Klamotten, die nicht getragen abfotografiert werden", schreibt sie per Mail. Ihren richtigen Namen will auch sie nicht im Artikel wiederfinden, ihre am Ende übermittelnden Grüße wirken abschließend. Ist es die Angst davor, nichts mehr zu verkaufen, öffentlich angegangen zu werden oder gar Probleme mit den Verantwortlichen zu bekommen? Eine Antwort bleibt aus.

Jule hat sich derweil mit der Situation arrangiert, irgendwie jedenfalls: „Geschockt haben mich diese Anfragen noch nie, denn ich bin parallel bei eBay angemeldet und dort ist das ebenso an der Tagesordnung. Ich ignoriere so etwas oder wenn es nicht aufhört, wird derjenige dem Kleiderkreisel-Team gemeldet. Gefordert wird immer dasselbe: Von getragener Wäsche (Slip/Nylonstrümpfe) über Nacktfotos bis hin zum Treffen."

Folgt Broadly bei Facebook, Twitter und Instagram.

An den Nachrichten sei sie irgendwie ja auch selbst schuld, sagt sie. Schließlich seien ihre Fotos „schon sehr freizügig." Ihre Verkäufe haben sich seitdem erhöht. „Sonst würde ich das nicht tun", erzählt sie mir.

„Selbst wenn man keine freizügigeren Katalogfotos hat, sich nicht für ein hübsches Profilbild in Szene setzt oder gar eindeutige Aufforderungen in die Beschreibungen mit einbaut—das gibt's ja auch—: Man bekommt auch so tatsächlich viele unmoralische Angebote", erzählt wiederum Lena und entkräftet damit direkt die These, dass man es als Frau ja irgendwie auch selbst in der Hand hat, ob man nun sexuell belästigt wird oder nicht. „Ich habe öfter Anfragen von Socken-, Fuß- und anderen Fetischisten bekommen und gemeldet. Nach einer Weile waren diese gesperrt, aber manchmal dauerte es. Ich habe außerdem ungefragt freizügige Bilder von ein paar Männern erhalten."

Beitrag einer Nutzerin im Kleiderkreisel-Forum | Screenshot: Kleiderkreisel.de

Wer als Frau Kleidung im Internet verkaufen möchte, so scheint es, muss nicht nur Haut zeigen, sondern auch damit leben, obszöne Mails zu erhalten—und die kommen nicht immer nur von Männern. Neben der sexuellen Belästigung durch männliche Nutzer, ist nämlich auch Slut-Shaming durch andere Frauen ein großes Problem auf der Plattform. „Fotze, präsentierst du dein Loch auch so wie deine nicht erkennbaren Brüste? Hahah", ist auf dem Screenshot einer Mail zu lesen, die in mein Postfach flatterte. Sophie hat sie mir weitergeleitet. „Das größte Problem hier sind nicht die Männer, sondern die Frauen", sagt sie. Zeigen sich Nutzerinnen im Web also beispielsweise in Unterwäsche, so die absurde Logik, wären sie demzufolge also selbst schuld, wenn ihnen irgendein Typ ungefragt ein Foto seines steifen Schwanzes schicken würde.

Die Sexualisierung von Kleiderkreiselnutzerinnen findet aber nicht nur in Privatnachrichten, sondern mitunter auch ganz offen statt. „KKBeauties" auf Twitter beispielsweise sammelte Bikini- und Unterwäschefotos und machte sie öffentlich. Der Account ist mittlerweile zwar gesperrt, wie viele Bilder sich dennoch als Wichsvorlage im Netz befinden, lässt sich kaum beziffern. Auf der Plattform selbst kann jeder den Shop durchstöbern oder im Forum lesen, um an Bilder der Nutzerinnen zu kommen, muss man nicht einmal angemeldet sein. „Ich fände es gut, wenn jedes Profil richtig verifiziert wäre", sagt Jule. „Zumal hier genügend Minderjährige angemeldet sind, die garantiert auch solche Anfragen erhalten." Einen Sicherheitsmechanismus gibt es nicht, das einfache Anklicken, dass man 18 Jahre alt ist, muss ausreichen—das Häkchen ist bei der Registrierung sogar schon gesetzt.

Einer spammte mich mit Penisbildern voll und selbst als ich ihn auf der App blockierte, wurden mir seine Nachrichten noch angezeigt.

Das ist vor allem deswegen schwierig, weil Kleiderkreisel mit seinem Angebot bewusst junge Frauen anspricht, die modeinteressiert sind, aufgrund ihres Alters oder einer laufenden Ausbildung kein großes Budget haben. Ein Geschäftsmodell, das funktioniert. Erst Ende 2015 hat Kleiderkreisel's Mutterfirma Vinted eine Finanzspritze von 24 Millionen Euro erhalten. Die Firma mit Sitz in Litauen soll expandieren, bereits jetzt ist Kleiderkreisel in zehn Ländern aktiv—einschließlich der USA. Trotzdem sieht sich das einstige Start-Up-Unternehmen, das sich durch das Anregen zur Weitergabe der Kleidung vermeintlich der Wegwerf-Gesellschaft entgegenstellte und sein Anti-Kommerz-Image stets pflegte, vermehrt Kritik ausgesetzt. Es geht um ehemals anfallende Gebühren, Zensur, gefälschte Artikel, fehlende Transparenz, aber eben auch immer wieder Belästigungen sexueller Art.

„In den meisten Fällen wird der Nutzer nur gesperrt, wenn mehrere Meldungen vorliegen. Man muss zusätzlich einen Screenshot der Belästigung anhängen. Teilweise sind die sehr eindeutig, von daher finde ich es umso schlimmer, dass die Bearbeitung so lange dauert. Es dauert nämlich immer ein paar Tage bis überhaupt irgendwas passiert", erzählt Jule.

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Auch Lena findet, dass Kleiderkreisel viel zu wenig für einen besseren Schutz seiner Nutzer_innen tut. Wie Jule beschreibt sie das Melden von Nutzern als umständlich und langwierig, das Bemühen der Firma als eher halbherzig. „Einer spammte mich mit Penisbildern voll und selbst als ich ihn auf der App blockierte, wurden mir seine Nachrichten noch angezeigt. Nach einer Meldung passierte tagelang nichts. Ich hab mich echt verarscht gefühlt", sagt sie und fordert: „Hier sollte eindeutig mehr Verbraucherschutz betrieben werden. Ich denke, eine Jahresgebühr, die bei Eintritt in die Community bezahlt werden müsste, würde schon viel Abhilfe schaffen. Vielleicht sollte man sogar über die Verifizierung mittels Perso nachdenken".

Dass das in naher Zukunft eintritt, glaubt Lena allerdings nicht. Sie hat eine Theorie, warum Kleiderkreisel sich davor scheut, seine Community stärker zu reglementieren: „Je mehr Userzahlen, desto besser. So einfach ist leider oft die Rechnung. Ich will nicht sagen, dass Fetischisten, Perverse oder gar pädophilen Straftätern bewusst eine Plattform geboten werden soll, auf keinen Fall, aber manchmal habe ich das Gefühl, man nimmt diese und andere Störenfriede zumindest in Kauf. Das mit den Penisbildern hat ja auch etwas von virtuellem Exhibitionismus und ist genauso verstörend, wenn man morgens schlaftrunken auf sein Handy schaut und ein hässlicher Penis einen anlächelt, als wenn ein Mann sich vor einem an der Bushaltestelle entblößt."

Fotze, präsentierst du dein Loch auch so wie deine nicht erkennbaren Brüste?

Lena hat zu dem Thema eigene Recherchen angestellt, sagt sie. Verifizieren lassen sich diese Geschichten nicht. „Es soll sogar in diversen Fetischforen herumerzählt werden, dass KK besonders gut geeignet ist, um den eigenen Fetisch auszuleben. Es sollen sogar Mitgliedernamen ausgetauscht worden sein, bei denen man angeblich Erfolg hat." Ein Verhalten, das sie höchst übergriffig findet: „Ich bin hier, um mich mit Leuten auszutauschen, um Second-Hand-Kleidung zu kaufen oder zu verkaufen und stelle mich nicht für derlei Dienste zur Verfügung."

[Update, 01.11.2016] Die Plattform selbst betont in einem Statement gegenüber Broadly, sie nehme „das Wohlbefinden ihrer Mitglieder" und „Verstöße gegen unsere Mitgliederpolitik" sehr wohl ernst. Da Privatnachrichten der Nutzer aber nicht mitgelesen würden, sei es wichtig, „unangemessene Aktivitäten direkt mitzuteilen, sobald sie auftreten. Sobald das betreffende Mitglied gemeldet und Beweise vorgelegt werden, wird der Fall geprüft und das Mitglied, falls nötig, gesperrt."

Nach eigener Aussage arbeitet Kleiderkreisel außerdem daran, das Meldesystem als solches zu verbessern: „Im Moment arbeiten wir an einigen Produktverbesserungen in Bezug auf Vertrauen und Sicherheit, um zu verhindern, dass solche Aktivitäten weiterhin auftreten. Zudem verbessern wir unser Mitglieder Reporting-System, so dass die Benutzer solche Fälle leichter kennzeichnen können."

Wann diese Änderungen in Kraft treten sollen, teilte das Unternehmen nicht mit.


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