diskriminierung

Mit Kopftuch auf einer islamfeindlichen Kundgebung

Eine der großen Erkenntnisse des Abends: Die Anhänger von Breitbart und Co. hassen keine Muslime, sie hassen den Islam – und die Leute, die ihnen ihr Recht auf Islamhass wegnehmen wollen.

Sarah Hagi

Jake Kivanç

Ich habe mein ganzes Leben in der schlichten Eintönigkeit Kanadas verbracht. Meine Eltern kamen ursprünglich als somalische Flüchtlinge ins Land und haben mich in einem absolut durchschnittlichen mittelständischen Haushalt groß gezogen. Mein Vater arbeitet mittlerweile seit über 20 Jahren für die kanadische Regierung. Ich hatte zwar schon einige islamfeindliche und rassistische Erlebnisse, doch im Großen und Ganzen war ich sowohl in meiner akademischen wie auch in meiner beruflichen Laufbahn immer von offenen und toleranten Menschen umgeben. Entsprechend hatte ich bisher auch kaum direkte Berührungspunkte mit dem politischen Aufstieg von Trump und dem wachsenden Einfluss rechtsextremer Gruppen. Ich habe das Ganze immer nur durch die Linse des Internets erlebt. Diese Erfahrung hat es allerdings auch in sich.

Als wären Kundgebungsvideos rechtspopulistischer Politiker nicht genug, werde ich immer wieder von rassistischen Trollen auf Twitter angeschrieben, die anscheinend einfach nicht mit der Tatsache leben können, dass ich existiere. Das würden sie natürlich niemals zugeben, nach eigener Aussage haben diese Leute nämlich nichts gegen Muslime: Sie hassen nur den Islam und kämpfen für ihr Recht zu hassen.

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, wie es wäre, auf eine rechtsextreme Kundgebung zu gehen – so wie man manchmal darüber nachdenkt, wie es wäre, einem Raubtier in freier Wildbahn gegenüberzustehen. Ich habe genug Naturdokumentationen gesehen, um zu wissen, dass mich ein Bär innerhalb von Sekunden in Stücke reißen könnte, aber würden mich islamophobe Rassisten auch ohne die schützende Anonymität des Internets offen angreifen?

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Die Gelegenheit, dieser Frage nachzugehen, bekam ich deutlich früher als gedacht. Nur zwei Wochen, nachdem sechs Muslime bei einem rechtsextremen Terroranschlag auf eine Quebecer Moschee ums Leben kamen, veranstaltete The Rebel, eine Art kanadischer Ableger von Breitbart, eine Kundgebung in Toronto.

Die Veranstaltung wurde von den Organisatoren von Rebel Media als "DRINGENDE Kundgebung für die Meinungsfreiheit" angepriesen, eine treffendere Beschreibung wäre allerdings "Veranstaltung gegen Anti-Islamfeindlichkeit" (oder Pro-Islamfeindlichkeit?) gewesen. Schließlich war sie eine direkte Reaktion auf den Antrag des liberalen Parlamentmitglieds Igra Khalid, "einen Gesamtregierungsansatz zu erarbeiten, um systematischen Rassismus und religiöse Diskriminierung zu reduzieren und zu eliminieren, darunter auch Islamfeindlichkeit". Anscheinend ein absolutes Unding für Teile der kanadischen Gesellschaft: Über 1.000 Menschen sagten auf Facebook zu, obwohl The Rebel den Veranstaltungsort zwischenzeitlich wechseln musste, weil das Hotel, in dem die Kundgebung ursprünglich stattfinden sollte, dem öffentlichen Druck nachgegeben und den Veranstaltern abgesagt hatte.

In ihren Augen ist der Antrag nichts weiter als ein Gesetz, das Menschen das Recht nimmt, den Islam zu hassen und stellt eigentlich nur ein Anti-Blasphemie-Gesetz dar, das sich gegen Patrioten und die Werte der kanadischen Gesellschaft richtet. Die Redner machten auch deutlich, dass Kanada schon bald unter dem Gesetz der Scharia leben wird, sollte das Gesetz verabschiedet werden – genau wie es George Orwell in 1984 prophezeit hat. Im Allgemeinen wurden immer wieder ebenso dramatische wie falsche Vergleiche zwischen Orwells dystopischem Albtraum und der aktuellen kanadischen Gesellschaft gezogen.

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Als kanadische Muslimin befürworte ich den Antrag allerdings aus mehreren Gründen. Zum einen hätten solche Maßnahmen potenziell das Leben von sechs Menschen retten können (der Anschlag auf die Mosche wurde von einem bekannten Mitglied der rechtsextremen Szene begangen). Zum anderen hat die kanadische Regierung die Bedrohung, der Muslime als gesellschaftliche Minderheit in Kanada gegenüberstehen, noch immer nicht anerkannt.

Letztendlich fand sie Kundgebung im Canada Christian College statt – einer evangelischen Einrichtung, von der ich noch nie zuvor gehört habe. Meine drei Kollegen und ich kamen etwa zehn Minuten nach Veranstaltungsbeginn an. Allerdings mussten wird mit unseren Jacken und Taschen zunächst durch die Sicherheitskontrollen am Eingang. Als wir schließlich in den Saal kamen, hatten wir Schwierigkeiten einen Sitzplatz zu finden. Letztendlich kam der Organisator und Gründer von Rebel Media auf uns zu und fragte uns, was wir hier wollten – dass unsere Gruppe aus zwei farbigen Frauen (von denen eine ein Kopftuch trug) und einem Mann mit einem Tattoo am Hals bestand, ließ anscheinend keinen Zweifel daran, dass wir nicht da waren, um Kanada "great again" zu machen. Doch nachdem wir ihm versichert hatten, dass wir Journalisten und keine Aktivisten waren, hieß er uns willkommen und setzte uns mitten in die überwiegend weiße Menge.

Als ich mich in dem Meer aus schätzungsweise 1.000 Menschen umsah, wusste ich nicht, worauf ich zuerst achten sollte. Der Saal sah aus wie das Miniaturmodell einer Megachurch. Ich wurde unsicher. Ich war umgeben von Menschen, die mich mit hoher Wahrscheinlichkeit hassten und begann mich bei jedem bösen Blick, den ich erntete, zu fragen, ob es vielleicht an mir lag und ich vielleicht einfach übertrieben reagierte. "Schauen die mich an?", fragte ich meine Kollegen nervös. "Ähm, ja", entgegneten sie mir.

Kurz darauf betrat die Moderatorin die Bühne – eine echte Größe bei Rebel Media. Sie heizte die Menge mit Phrasen ein, die ich schon in dutzenden Videos von ihr gesehen hatte. Sie sprach davon, dass die Regierung Patrioten mundtot machen wolle und warnte, dass wir uns im Kampf der Kulturen befänden. Während ihrer Rede und der anderen, die folgten, musste ich immer auf den Antrag schauen, den ich mir vorsichtshalber ausgedruckt hatte. Dabei wurde mir klar, dass die meisten Menschen jenseits der Bühne einfach keine Ahnung hatten, was in dem Antrag stand. Wenn überhaupt, dann war dieser Antrag das Beste, was The Rebel hätte passieren können, weil er ihnen einen neuen Anlass lieferte, um den Mythos von der "Bedrohung der kanadischen Werte" aufrechtzuerhalten. Das primäre Ziel war schließlich, Daten und Informationen über politisch motivierte Verbrechen gegen Muslime zu sammeln, um einen Weg zu finden, wie die Gemeinden besser geschützt werden können.

Mit der Zeit begann es allerdings an mir zu zehren, dass jeder Redner mehr oder weniger dasselbe sagte, nur damit die Menge begeistert aufstand und klatschte. Die Veranstaltung erinnerte mich an die Dokumentation Jesus Camp – nur dass hier keine Kinder, sondern ganz durchschnittlich aussehende Kanadier saßen, die scheinbar echte Probleme damit hatten, einen 175 Worte langen Antrag zu verstehen, oder ihn einfach nicht verstehen wollten. Manche Beiträge waren so absurd, dass ich einfach lachen musste. Als ein Redner beispielsweise erzählte, dass der kanadische Premierminister Justin Trudeau gerne Moscheen besuchen und dabei seine Abaya tragen würde. Zum besseren Verständnis: Eine Abaya ist eigentlich ein Kleidungsstück für Frauen. Aber wen kümmert's, in den Ohren der Islamophobiker hörte sich das schließlich ziemlich bedrohlich an.

Nach dem Auftritt einiger Kunstturner, die die olympische Goldmedaille verdient hätten, meinte einer der Redner dann: "Ich habe eine Tochter und ich will nicht, dass sie eine Burka tragen muss", woraufhin sich die Leute reihenweise umdrehten und auf mein Kopftuch starrten.

Mir wurde erst sehr spät klar, wie ernst die Leute die Redner nahmen. Sie waren wirklich überzeugt davon, dass Kanada – eines der demokratischsten Länder der Welt – auf dem sicheren Weg war, vom Gesetz der Scharia regiert zu werden. Eigentlich verteidigten sie aber nur ihr "Recht zu hassen", wie es ein Redner formulierte. Ich persönlich hielt es für ziemlich unwahrscheinlich, dass sich einer der Redner genauer mit dem Islam beschäftigt hatte oder arabisch sprach.

Was mir an den Menschen, die sich dort versammelt hatten, allerdings am meisten auffiel – abgesehen davon, dass sie das Wort "Snowflake" verwendeten, um deutlich zu machen, dass liberale und linksgerichtete Menschen angeblich weder mit Kritik noch mit Konflikten umgehen können – war ihr Opfer-Komplex. Die Redner betonten immer wieder, dass sie eigentlich am allermeisten unter der anhaltenden Diskussion über Islamfeindlichkeit litten, weil sie nicht mehr darüber sprechen dürften, wie sehr sie Muslime hassen. Die unschuldigen Menschen, die bei dem Attentat in der Moschee in Québec verletzt oder ermordet wurden, wurden nicht mit einem Wort erwähnt und das obwohl nach den Reden kein Zweifel mehr bestand, dass die politischen Ansichten des Attentäters in einer Linie mit den Aussagen standen, die im Rahmen der Kundgebung verbreitet wurden. Ich konnte nicht anders, als mich zu fragen: Wissen diese Leute eigentlich, dass die überwältigende Mehrheit der Opfer extremistischer Gruppen wie dem IS oder der al-Shabaab-Miliz Muslime sind?

Als Kanadierin mit somalischen Wurzeln und Familie in Somalia kenne ich die Bedrohung durch Extremismus und Terror nur allzu gut. Meine Eltern bekommen regelmäßig Anrufe von Freunden und Verwandten, die ihnen mitteilen, dass einer ihrer Bekannten oder Angehörigen gestorben ist. Die Anrufe sind schon so alltäglich geworden, dass meine Eltern meist nur noch ein kurzes Gebet sprechen und danach einfach weitermachen. Im vergangenen Jahr wurde ein Mann, den ich kannte, seit ich ein Kind war, bei einem Anschlag auf ein Hotel getötet, vermutlich während er in seinem Zimmer schlief. Einer meiner Cousins ersten Grades versuchte vor Jahren, seinem Leben in Somalia zu entkommen und machte sich auf den Weg nach Malta. Wir haben nie wieder von ihm gehört. Hinzu kommt, dass in jeder großen Moschee, die ich in Kanada besucht habe, Informationen gegen Extremismus ausliegen. Das alles ist den Menschen bei den Kundgebungen aber natürlich vollkommen egal.

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Kurz vor Ende der Reden beschlossen meine Kollegen und ich, aufzustehen und uns einen Überblick über die Versammlung zu schaffen – in der Hoffnung, uns am Ende unter die Leute mischen zu können. Als uns der Gründer von Rebel Media an der Wand stehen sah, nutzte er die Gelegenheit, um der Menge von der Bühne aus zuzurufen, dass VICE News über keine Geschichte berichtete, die er in seinen Augen wichtig war. (Ein Journalist, der ebenfalls vor Ort war, stellte später über Twitter klar, dass VICE sowohl auf Englisch als auch auf Französisch über den Anschlag auf die Moschee in Québec berichtet hatte.) Die Menge begann uns hämisch auszubuhen und uns "Fake News!" und "Cuck!" zuzurufen – wohlgemerkt einer Gruppe von vier jungen Menschen, darunter eine Frau, die ganz eindeutig die einzig erkennbare Muslim im gesamten Saal war.

Nachdem wir eine Weile lang ausgebuht worden waren (ja, die Menge liebte uns), bahnten wir uns unseren Weg nach draußen und gingen in ein nahegelegenes Café, um uns wieder zu sammeln. "Ist das gerade wirklich passiert?", war die Frage, die uns alle umtrieb. Saß ich gerade wirklich in einem Saal, in dem tausend Menschen um ihr Recht kämpften, mich und meine Familie zu hassen und das nur zwei Wochen nach einem islamfeindlich motivierten Terroranschlag? Ich ging nach Hause und erzählte meiner Familie von meinem Abend. "Tja, ja", meinte meine Mutter. "Sie hassen uns. Sie werden uns immer hassen. Das ist nichts neues."