Dieser Mann hat seinen Doktor in flotten Dreiern gemacht

Nach einer unvergesslichen Nacht mit zwei Frauen hatte Ryan Scoats die Idee, sich diesem wenig untersuchten Thema auch akademisch voll und ganz zu widmen.

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Okt. 20 2017, 7:15am

Foto: imago | Westend61

Sozialwissenschaftler setzen sich gerne mit allen möglichen Aspekten des gesellschaftlichen und sexuellen Lebens auseinander. Ryan Scoats, ein Forscher an der Birmingham City Universität, hat sich dabei eine ganz besondere Nische ausgesucht.

Vor Jahren bauten Scoats und seine damalige Freundin eine Freundschaft mit gewissen Vorzügen mit einer weiteren Frau auf. Scoats wurde neugierig – und suchte nach wissenschaftlichen Untersuchungen zu seiner neuen Beziehungsform. Viel Auswahl hatte er jedoch nicht, und die meiste Forschung zu Dreiern behandelte das Thema eher in Zusammenhang mit Polyamorie und Swingen. All das traf jedoch nicht auf ihn zu. Er befand sich ja weder in einer offenen Beziehung, noch sah er sich selbst als Swinger.

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Um mehr über Dreier an sich herauszufinden, entschied sich Scoats dazu, das Thema selbst zu untersuchen. Das Resultat: eine Doktorarbeit über Dreier mit zwei Männern und einer Frau (MMF). Außerdem wird er 2018 auch ein Buch darüber veröffentlichen.

Aber warum sollte man sich überhaupt so eingehend mit Dreiern beschäftigen? Nun, sie geben uns einen interessanten Einblick in die Einstellungen zu Geschlechterrollen und Sexualität. "Von Frauen wurde sehr lange fast schon erwartet, bisexuell oder geschlechtsflexibel zu sein", merkt Scoats an. Auf eine Art und Weise wird Frauen in Ländern der westlichen Welt mehr Raum gegeben, um sich mit ihrer sexuellen Orientierung auseinanderzusetzen.


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Dennoch hatten weniger Frauen als Männer schon mal einen Dreier. Im Zuge einer kanadischen Studie haben nur acht Prozent der befragten Frauen angegeben, bereits Teil eines gemischtgeschlechtlichen Dreiers gewesen zu sein. Bei den befragten Männern waren es hingegen 24 Prozent. Die Anfang des Jahres veröffentlichte Untersuchung ergab zudem, dass die weibliche Welt bei der Organisation von Dreiern eher faul ist: "Es ist wahrscheinlich", schreiben die Autorinnen Ashley E. Thompson und E. Sandra Byers, "dass Männer, und nicht Frauen, den Anstieg von gemischtgeschlechtlichen Dreier-Erfahrungen bei Heterosexuellen verursachen."

Statistiken der Dating-App 3Somer schlagen in die gleiche Kerbe. Laut dem Mitgründer John Martinuk, der 3Somer als die "größte Dreier-Dating-App" beschreibt, nutzen um die 450.000 Userinnen und User den Service. Und mit 47 Prozent machen Männer den größten Teil dieser User aus. Heterosexuelle Pärchen liegen mit 42 Prozent knapp dahinter, während Frauen nur magere neun Prozent stellen.

Ein Grund für das unterschiedliche Interesse an Dreiern ist der Umstand, dass die Popkultur diese Sexform klassischerweise vor allem Männern schmackhaft macht. Forscherinnen wie Breanne Fahs und Aktivistinnen wie Shiri Eisner haben bereits darüber geschrieben, wie die Fernsehen und Pornos die Erwartung an Frauen schüren, "bisexuell zu performen". Männer sind dabei sowohl Zuschauer als auch Partizipanten. Für sie ist die Vorstellung von Sex mit zwei Frauen oft sehr aufregend. Scoats' Forschungen zeigen, dass viele Frauen hingegen erstmal eingeschüchtert sind, wenn sie andersrum an einen Dreier mit zwei Männern denken. Das gilt jedoch nur, wenn sich diese beiden Männern nicht berühren. Wenn alle drei Beteiligten sexuell interagieren, dann ist das für Frauen schon ein größerer Turn-On.

Die 26-jährige Studienteilnehmerin Isa drückt das Ganze folgendermaßen aus: "Ohne Homo kein Trio. Ich finde es richtig nervig, wenn sich die beiden Männern nicht berühren wollen. Ich mag es, wenn ich mit jemandem rummache, und ich mag es auch, wenn diese Person mit jemand anderem rummacht." Die ebenfalls 26 Jahre alte Kirsty stimmt dem zu: "Bei einem Dreier sollte es um alle drei Beteiligten gehen. Das Ganze wirkt einladender, wenn sich auch die Männer aneinander 'erfreuen'."

"Man klatscht sich mit seinem Kumpel über ihrem Rücken ab und das war es eigentlich."

Eine der wichtigsten Entdeckungen von Scoats' Forschungsteam: Die ungeschriebenen Gesetze bezüglich "akzeptierter" sexueller Aktivitäten für Heteros werden immer lockerer (zumindest in Großbritannien und Nordamerika, wo der Großteil der Untersuchungen durchgeführt wurde). Scoats dokumentierte, dass auch MMF-Dreier immer mehr Akzeptanz finden, und nicht nur die stereotypischen FFM-Dreier aus den Fantasien heterosexueller Männer.

"Früher wurden Männer noch komisch angeschaut, wenn sie MMF-Dreier hatten", sagt Scoats. Die jungen Männer, die er interviewte, schienen jedoch kein Problem damit zu haben, zumindest ihren Freunden von einem erlebten MMF-Dreier zu erzählen. Der Forscher führt das auf den Homophobie-Rückgang innerhalb unserer Gesellschaft zurück: "Männer können so diese Art des Gruppensex haben, ohne sich darüber Sorgen machen zu müssen, was andere Leute deswegen von ihnen denken."

Man muss hier jedoch anmerken, dass sich die Resultate von Scoats' Forschungen nur auf weiße Studenten aus der Mittelschicht beziehen. "Das gilt vor allem für junge, weiße Briten", sagt der Forscher bezüglich der gestiegenen Offenheit, wenn es um die sexuellen Grenzen von Heteros geht. "Es gibt jedoch auch Forschungen in Großbritannien, die zeigen, dass Menschen aus niedrigeren sozioökonomischen Schichten gleich denken. Und bald werden auch Forschungsergebnisse bezüglich Menschen mit anderer Hautfarbe veröffentlicht."

Heterosexuelle Männer sind inzwischen zwar experimentierfreudiger, aber auch nur bis zu einem gewissen Punkt: Viele der Studienteilnehmer, die Scoats interviewt hat, konnten schon MMF-Dreier-Erfahrung vorweisen, aber zwischen den beiden involvierten Männern lief dabei nicht viel. Bei der ganzen Sache ging es mehr darum, die Freundschaft zu stärken, anstatt mit einem anderen Mann zu schlafen. In einem Forschungsbericht mit dem Titel "I don't mind watching him cum" (Deutsch: "Mir macht's nichts aus, ihm beim Kommen zuzusehen") erzählt ein Interviewpartner namens Brent: "Man klatscht sich mit seinem Kumpel über ihrem Rücken ab und das war es eigentlich."

Eine solche Einstellung lässt sich häufig beobachten. "Männer haben eher einen MMF-Dreier, wenn sie den anderen Mann gut kennen", erklärt Scoats. "Wenn es sich allerdings nicht um einen guten Freund handelt, dann stehen die Chancen nicht so gut."

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Die Offenheit von Männern für gemischtgeschlechtliche Dreier scheint sich tatsächlich nur auf die MFM-Variante zu beschränken – also die, bei der sich die beiden Männer nicht berühren (der Buchstabe in der Mitte zeigt an, welche Person sich auch beim Sex sozusagen in der Mitte befindet). So schreibt ein Reddit-User in einem Thread über Gruppensex: "Ich will nicht, dass der Typ mich berührt – selbst wenn es nur unabsichtlich ist."

Laut Scoats werden solche Ansichten auch durch TV-Sendungen und Filme vorangetrieben, in denen gemischtgeschlechtliche Dreier nur dann als heiß dargestellt werden, wenn sich die involvierten Männer nicht aus Versehen berühren (bestes Beispiel: A Good Old Fashioned Orgy aus dem Jahr 2011). Nur die Drama-Serie Skins bildet dem Forscher zufolge eine Ausnahme. "Die Fernsehlandschaft und Popkultur muss erst noch damit klarkommen, dass Männer vermehrt solche Sachen zusammen machen. Derzeit gilt das Ganze noch als Comedy-Klischee", so Scoats.

Falls du eine heterosexuelle Frau bist und dir dein Freund also vorschlagen sollte, doch mal einen Dreier auszuprobieren, dann erinnere ihn daran, dass er sich dabei auch mit dem anderen Mann beschäftigen sollte. So würde er sich immerhin vom Rest der männlichen Welt abheben.

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