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Illustration: Na Yon Cho

Wie eine ungewöhnliche Therapieform Missbrauchsopfern ein neues Leben schenkt

Sirin Kale

Sirin Kale

"Ich hatte so viel Angst vor Männern, dass ich fünf Jahre lang keinen Sex hatte."

Illustration: Na Yon Cho

"Denke an das erste Mal, als du dich so gefühlt hast", sagt die Therapeutin, lehnt sich zu ihrer Patientin hinüber und tippt auf ihr Bein. "Erzähl mir von dem ersten Mal, als du dich nicht beschützt gefühlt hast."

"Ich bin 13 Jahre alt", antwortet Claudia Gonzalez. Die 34-jährige Kalifornierin wurde während ihrer Kindheit von ihrem Vater sexuell missbraucht. Als Folge litt auch die Beziehung zu ihrer Mutter, denn Gonzalez fühlte sich von ihr im Stich gelassen. "Ich sitze im Flur unseres Hauses. Ich sitze alleine da, meine Mutter ist bei meinem Vater. Im Flur ist es sehr dunkel. Ich kauere mich auf dem Boden zusammen."

Gonzalez' Therapeutin, Rajani Venkatraman Levis, tippt weiter mit dem Zeigefinger auf ihr Knie. Gemeinsam arbeiten Therapeutin und Patientin die Erinnerung aus dem Flur auf. Dazu verwenden sie eine Methode aus der Psychotherapie, die unter dem Begriff Eye Movement Desensitization and Reprocessing (kurz EMDR) bekannt ist. Auf Deutsch bedeutet das so viel wie "Desensibilisierung und Aufarbeitung durch Augenbewegungen".

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Sie gehen die Szene im Flur mehrmals durch und konzentrieren sich jedes Mal auf einen Aspekt oder eine Erinnerung, von der sich Gonzalez überwältigt fühlt. Während Gonzalez die Bilder aus ihrer Erinnerung beschreibt, berührt Levis ihr Bein oder führt den Finger vor dem Gesicht ihrer Patientin hin und her, so dass ihre Augen dem Finger folgen. Diesen Vorgang wiederholen sie so oft, bis die Erinnerung sich weniger traumatisch anfühlt.

Gegen Ende der Sitzung ermutigt die Therapeutin Gonzalez dazu, ihr 13-jähriges Ich direkt anzusprechen und zu trösten. "Die Dinge haben sich geändert", sagt Gonzales ihrem jugendlichen Ich. "Du bist stark."

Am Ende der Therapiesitzung kommt Gonzalez' Mutter, zu der sie inzwischen eine viel engere Beziehung hat, in die Praxis, um ihre Tochter zu unterstützen. "Das war so, als ob sich der Kreis nun schließen konnte", erklärt Gonzalez später am Telefon. "Erst als ich mit der EMDR-Therapie angefangen habe, konnte ich eine echte Beziehung zu meiner Mutter aufbauen."

"Selbst wenn du 20 Jahre später das Aftershave deines Angreifers riechst, kann dein Körper sofort in Alarmbereitschaft gehen."

EMDR wurde in den 1980er Jahren von der US-amerikanischen Psychologin Francine Shapiro entwickelt. Die Methode wird oft zur Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen verwendet und ist viel körperbetonter als die traditionelle Gesprächstherapie. Unter Anleitung des Therapeuten versetzen sich Patienten zurück in eine traumatische Situation. Währenddessen folgen sie mit den Augen der Hand des Therapeuten. Diese sogenannte bilaterale Stimulation kann auch erzeugt werden, indem Therapeuten ihren Patienten auf die Hand oder das Bein tippen.

"Wenn etwas Furchtbares passiert oder eine Situation auftritt, die das Nervensystem überwältigt, wird dieses Ereignis dauerhaft so abgespeichert, wie es vom Nervensystem aufgenommen wurde", erklärt Levis. "Im Gehirn ist es dann so fest verankert, dass es sehr leicht getriggert werden kann und so übermäßig häufig abgerufen wird." Das heißt: Taucht diese Erinnerung wieder auf, kann sie die betroffene Person immer wieder aufs Neue überwältigen. "Selbst wenn du 20 Jahre später das Aftershave deines Angreifers riechst, kann dein Körper sofort in Alarmbereitschaft gehen und du machst dicht."

Die EMDR-Therapie soll deswegen dafür sorgen, dass die Erinnerungen neu abgespeichert werden, der Kopf also die Vergangenheit von der Gegenwart trennt.


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Levis erklärt ihren Patienten den Vorgang am liebsten so: Wenn du eine gesunde Mahlzeit isst, verarbeitet dein Verdauungssystem die Nährwerte und eliminiert alle schädlichen Abfälle. Wenn du aber etwas sehr Fettiges, Ungesundes isst, kann dein Körper es nicht so einfach verarbeiten. Dann fühlst du dich unwohl, aufgebläht oder unruhig. "Auf die gleiche Weise unterstützt die EMDR-Therapie das Gehirn dabei, eine überwältigende und traumatisierende Erinnerung zu verdauen und mit den toxischen Abfällen umzugehen."

Psychologen glauben, dass das Gehirn eine traumatische Erinnerung neu verarbeiten kann, wenn Patienten während der Rekapitulation bilateral stimuliert werden – dadurch werde die Erinnerung weniger lebhaft und beängstigend. Mindestens 20 randomisierte, kontrollierte Studien haben sich bereits mit dem therapeutischen Potenzial von EMDR für PTSD-Patienten beschäftigt. Eine Untersuchung von 1997 fand heraus, dass sich bei 90 Prozent der untersuchten Missbrauchsopfer nach drei 90-minütigen Sitzungen eine deutliche Verbesserung zeigte – allerdings wurde die Untersuchung nur mit 18 Teilnehmern durchgeführt.

Es gibt keine klinischen Daten darüber, wie viel Prozent der EMDR-Patienten Opfer sexuellen Missbrauchs wurden, aber Levis schätzt den Anteil ihrer Patienten auf 80 Prozent. Viele von ihnen sind Frauen in ihren Zwanziger oder Dreißigern, die aufgrund von alten, unverarbeiteten Traumata Schwierigkeiten mit Intimität in Beziehungen haben. Tessa Fleming aus San Francisco ist eine von ihnen.

Claudia Gonzalez | Foto mit freundlicher Genehmigung der Abgebildeten

Die 26-Jährige wurde während eines Familienurlaubs in Mexiko vergewaltigt. Ein Mann attackierte sie in einem Nachtklub, nachdem er ihr etwas in den Drink gemischt hatte. Damals war sie 16 Jahre alt. "Ich erinnere mich noch an ein Treppenhaus und den Betonboden im zweiten Stock des Clubs", erzählt Fleming. "Dann habe ich meinen Körper verlassen und aus der Vogelperspektive zugeschaut, wie er Sex mit mir hatte."

Nach diesem Übergriff empfand sie in Zusammenhang mit ihrer Sexualität Angst und Schamgefühl. "Wenn ich vor der EMDR-Therapie an die Vergewaltigung dachte, fühlte es sich wie Messerstiche in meinem Herzen und meinem Magen an", erzählt sie. "Ich hatte so viel Angst vor Männern, dass ich fünf Jahre lang keinen Sex hatte."

Es kann Wochen dauern, bis Fleming und ihr Therapeut Ben Yokoyama mit Hilfe von EMDR ein einzelnes traumatisches Erlebnis aufgearbeitet haben. "Das löscht nicht alle meine Erinnerungen aus, wie im Film Vergiss mein nicht", erklärt uns Fleming. "Aber die Methode schafft es, dass ich mich an die Situation erinnern kann, ohne dass mein gesamter Körper das Trauma wieder durchleben muss."

"Ich glaube, dass mir die vergangenen zwei Jahre mit EMDR mehr Erkenntnisse und Wachstum ermöglicht haben, als 15 Jahre Therapie."

Als generelle Faustregel, erklärt uns Yokoyama, könne man ein einfaches Trauma – wie einen Autounfall, einen Raubüberfall oder ein Erdbeben – in drei bis fünf Sitzungen aufarbeiten. Komplexe Traumata wie sexualisierte Gewalt seien jedoch wesentlich schwerer zu behandeln, vor allem, wenn sie schon lange zurück liegen. "Für Erwachsene, die ein Traumata in der Kindheit überlebt haben, ist die Aufarbeitung langwieriger, da viel mehr Erinnerungskomplexe mit dem Traumata assoziert werden", erklärt Levis.

Patientinnen wie Gonzalez schätzen die EMDR-Methode vor allem deshalb, weil sie schneller Erfolge erzielt als andere Therapieansätze. "Gesprächstherapie ist sehr nützlich, aber es dauert ewig, bis man irgendwas herausfindet. Ich glaube, dass mir die vergangenen zwei Jahre mit EMDR mehr Erkenntnisse und Wachstum ermöglicht haben, als 15 Jahre Therapie."

In Deutschland wurde EMDR 2014 vom gemeinsamen Bundesausschuss in die Psychotherapierichtlinie aufgenommen. Seit 2015 führen auch die gesetzlichen Krankenkassen die Methode in ihrem Leistungskatalog. Während EMDR hierzulande also als Therapieform etabliert ist, steht man der Methode in den USA noch skeptisch gegenüber. Hier wird EMDR nur eingeschränkt von der American Psychological Association empfohlen. Levis wehrt sich gegen die Vorurteile, dass EMDR weniger legitim als andere Therapieformen sei: "Das ist kein Voodoo, niemand wird hypnotisiert. Aber meine Patienten spüren die Veränderung."

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Therapeuten wie Yokoyama sind der Überzeugung, dass nicht nur Traumapatienten von der EMDR-Therapie profitieren können. Sie glauben, dass die Methode auch bei Depressionen, Zwangsstörungen, Psychosen und sogar chronischen Schmerzen helfen könnte. Trauma-Überlebende wie Gonzalez und Fleming sagen, dass EMDR ihnen nicht nur geholfen habe, das Trauma zu verarbeiten – es habe das Leben wieder lebenswert gemacht.

"Ich fühle mich ausgeglichen, ich habe das Gefühl, dass ich Situationen bewältigen kann, ohne in Panik zu verfallen oder in den Krisenmodus zu schalten. Ich kann mein Leben leben. Ich bin kein Opfer mehr", sagt Gonzalez. Fleming stimmt zu. "EMDR hat mir Hoffnung gegeben. Ich hätte nie gedacht, dass ich so frei von meiner Vergangenheit sein könnte. Ich habe zwar immer noch einiges aufzuarbeiten, aber ich freue mich, dass ich mich auf dem Weg der Heilung befinde."

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