Meine verzweifelte Suche nach Feminazis

Männerrechtler beschwören immer wieder die böse, männerhassende Feministin. Nur: Wo genau finden sie diese Frauen?

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21 Juli 2017, 7:00am

Foto: imago | Westend61 [Symbolfoto]

Feminismus ist Faschismus, durch den Männer "wie früher die Juden als wertlose Lebensform abserviert" werden. Das steht zumindest in einem Kommentar auf dem Wordpress-Blog Männerstreik. Laut den Nutzern der einschlägigen Männerrechtsseite sei das besonders unfair, weil es ausschließlich Männer seien, die die Gesellschaft in den letzten 30.000 Jahren weitergebracht hätten. Die nach Gleichberechtigung strebende Frau als ultimative Nemesis, die nach der vollständigen Auslöschung des männlichen Geschlechts strebt, ist ein beliebtes Bild in der antifeministischen Szene. Aber gibt es diese "Feminazis" überhaupt?

Ich frage die Betreiber des Blogs nach einem Statement, das ich nur per Kontaktformular schicken kann, und bekomme keine Antwort. Auch Monate später nicht. Im Impressum steht kein Name, keine Anschrift. Wer auch immer hinter der Seite steckt, scheint die Vergleiche in jedem Fall nicht problematisch zu finden. Sie werden weder gelöscht, noch kritisch kommentiert. Und Männerstreik ist nicht die einzige Webseite, die Feminismus und Männerhass zumindest ein enges Verhältnis unterstellt.

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Ähnlich sieht es bei WikiMANNia aus, einer Plattform, die von Aussehen und Struktur an Wikipedia erinnern soll – nur eben für Männerrechtler. Hier wird auch der Begriff des "Feminazis" erklärt, "ein Weib, das einen pathologischen Hass auf alles Männliche kultiviert, normalen Sex am liebsten als Vergewaltigung verbieten würde, gleichzeitig für die Abtreibung für normale Frauen und für das Adoptionsrecht für Lesben eintritt und Männer am liebsten ausrotten würde." Wie genau man sich solche Frauen in der Realität vorstellen kann und wo sie zu finden sind, erfährt man nicht.

Laut ihrem Impressum repräsentiert die Website verschiedenste Meinungen "wie ein Kaleidoskop". Statt inhaltliche Kritik an feministischen Bewegungen zu üben, liefert die Seite allerdings vor allem eins: menschenverachtende Stereotype.


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Gleichzeitig verstecken sich der oder die Verantwortlichen, die einen Unterschied zwischen "normalen" Frauen und Lesben machen, hinter dem Pseudonym "Rainer Luka", wie der Standard recherchierte. Als Adresse ist eine Straße in Istanbul angegeben.

Ich wende mich an eine Organisation, die zumindest mit ihren Gesichtern für ihre Überzeugung eintritt: die österreichische Männerpartei. Sie zählt zu den gemäßigteren Stimmen in der Männerrechtsszene. Trotzdem ist der Bundesvorsitzende Hannes Hausbichler überzeugt, dass es Frauen besser hätten als Männer, erklärt er mir am Telefon. Auch wenn die Männerpartei mit dieser Überzeugung vielerorts offene Türen einrennt, konnten sie bisher keine großen politischen Erfolge erzielen. Bei vergangenen Wahlen blieb die Partei weit unter einem Prozent der Stimmen. Aktuell sammelt sie Unterstützungserklärungen, um bei den kommenden österreichischen Nationalratswahlen antreten zu können.

Der Männerpartei geht es nicht darum, etwa die Rechte von geflüchteten, schwulen oder trans* Männern zu stärken. Ihr Hauptaugenmerk legen sie auf klassische Männerrechtler-Themen wie Scheidung, Alimente und Sorgerecht. Im Newsletter und auf der Website werden Geschichten konstruiert, in denen beispielsweise eine Frau den Richter mithilfe eines kurzen Rockes auf ihre Seite gezogen hätte. Die Erzählungen sind einseitig, polemisch und zeichnen ein hässliches Frauenbild.

Valerie Solanas nennt Männer wandelnde Abtreibungen und schreibt ihnen einen minderwertigen Charakter zu. Heute ist sie ein regelrechtes Schreckgespenst im Universum der Männerrechtler.

Feminismus sei eine männerfeindliche Ideologie, bekräftigte Hausbichler schon 2012 gegenüber dem österreichischen Online-Magazin Profil. Als Beispiel dafür, führt der Bundesvorsitzende die Schriftstellerin Valerie Solanas an.

Als Valerie Solanas am 3. Juni 1968 ihrem guten Bekannten Andy Warhol gegenübersteht, holt sie eine Pistole hervor und schießt drei Mal. Erst beim dritten Mal trifft sie. Die Kugel durchbohrt Warhols Lunge, seinen Magen und die Leber. Warhol überlebt. Die Schützin stellt sich der Polizei. Später sagt sie: "Ich hätte Schießübungen machen sollen." Als Valerie Solanas Teil des Kreises rund um Andy Warhol und seiner Factory wurde, hatte sie schon viel hinter sich. Von ihrem Großvater geschlagen und von ihrem Vater sexuell missbraucht, war sie seit ihrem 15. Lebensjahr auf sich allein gestellt.

Vor dem Mordversuch schrieb Solanas ihr kontroverses Werk, das SCUM Manifest. SCUM steht für Society for Cutting Up Men, also die Männer-zerstückelnde Gesellschaft. Sie ist eine fiktive Gemeinschaft für Frauen, die mit wahllosen Morden an Männern den Kapitalismus stürzen sollen. Die Männer müssen sterben, weil sie sowohl Begründer als auch Nutznießer des Kapitalismus ("money-work-system") seien. Solanas nennt Männer wandelnde Abtreibungen und schreibt ihnen einen minderwertigen Charakter zu. Im Jahr 1988 verstirbt Solanas unbekannt und verarmt.

Heute ist sie ein regelrechtes Schreckgespenst im Universum der Männerrechtler, quasi der Prototyp des "Feminazis". Trotzdem ist kein einziger Fall bekannt, in dem sich eine Frau nach einem Mord an einem Mann auf Solanas und ihr Manifest berufen hätte. Morde, denen Hass auf ein bestimmtes Geschlecht zugrunde liegt, ist im Allgemeinen kein Frauenmetier.


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In jüngerer Vergangenheit war es mit Eliott Rodger ein Mann, der in seinem Manifest einen "Tag der Vergeltung" ankündigte. Er wolle sich rächen an all den Frauen, die ihn nie beachtet hätten. In einem Video spricht er von einer Welt, in der sich Frauen vor ihm fürchten. Im Jahr 2014 tötet er schließlich sechs Menschen – vier Männer und zwei Frauen – und dann sich selbst .

In meiner Heimat Österreich begingen 2015 laut Statistik Austria 19 Männer Mord, drei Männer Totschlag und 29 versuchten zumindest, jemanden umzubringen. Im Vergleich wurden im selben Jahr vier Morde und sechs versuchte Morde von Frauen begangen. Totschlag gab es keinen. Trotzdem haben Männerrechtler "Angst" vor Feministinnen.

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Ich frage Hannes Hausbichler von der Männerpartei, ob er sich vor dem Einfluss einer Frau fürchtet, die vor langer Zeit gestorben ist. Ob er Angst hat, ihm werde unter dem Deckmantel des Feminismus körperliche Gewalt angetan. "Die Träger einer kranken Ideologie mögen tot sein. Doch Ideen sterben nicht, auch nicht die menschenfeindlichen, aggressiven und bösartigen", antwortet er. "Viele Menschen bemerken nur nicht, wie sie gerade in einem System mitwirken, das sich ständig selbst betätigt, so befremdlich auch die ständig wiederholen Ansichten sein mögen, wie es die feministischen eben sind." Auf die Frage, welche gefährlichen Gruppierungen ich in Österreich übersehen haben könnte, antwortet er nicht.

Sind Feminazis also mehr urbaner, frauenfeindlicher Mythos, als tatsächlich existierende Personen, die den männlichen Teil unserer Gesellschaft bedrohen? Wenn es sie gibt, wo sind dann ihre Zusammenschlüsse, ihre modernen SCUM Manifeste?

"Sie werden nichts finden", sagt mir Ulli Koch, Literatur- und Genderwissenschaftlerin, als ich ich ihr von meiner erfolglosen Suche nach männerhassenden Feministinnen berichte. Koch kennt selbst keine aktuelle, deutschsprachige Literatur, die in irgendeiner Form zu Gewalt gegen Männer aufruft. Solanas' SCUM Manifest sei unter Feministinnen im deutschsprachigen Raum weitgehend unbekannt.

Valerie Solanas ist keine feministische Ikone. Ihr folgen keine Scharen an gewaltbereiten Frauen, die Männer morden wollen.

Woher der Vergleich von Feminismus mit dem Nazi-Regime kommt, kann sie sich ebenfalls nicht erklären: "Im Gegenteil. Wenn man sich feministische Literatur ansieht, geht es vielmehr darum, die Lebensrealität von Frauen sichtbar zu machen. Feministinnen lesen zwar vereinzelt Literatur, in der das Matriarchat ausgerufen wird, diese wirkt sich aber nicht auf reale Forderungen aus." (Gleichzeitig steht ein "Matriarchat" aber eben auch nicht zwingend für das gewalttätige Vorgehen gegen die Vertreter des männlichen Geschlechts, wie beispielsweise dieses Dorf in China zeigt.)

Valerie Solanas ist keine feministische Ikone. Ihr folgen keine Scharen an gewaltbereiten Frauen, die Männer morden wollen. The Valerie Solanas ist kein Name einer radikalen Gruppierung, sondern der einer belgischen Band. Die Solanas-Fan-Page mit den meisten Likes hat 69 "Gefällt mir"-Angaben. Selbst die Männerpartei kann mir keine konkreten männerfeindlichen Gruppierungen nennen.

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Birgit Sauer ist Politikwissenschaftlerin und Professorin an der Universität Wien. Sie erklärt, dass Erfolge in der Frauenbewegung in der Geschichte immer wieder antifeministische Reaktionen hervorriefen. So entstand Ende des 19. Jahrhunderts die Figur der männerhassenden Feministin, die ihre Stellung in der Gesellschaft auf Kosten der Männer verbessern wollte. "Dieses Argumentationsmuster hat bis heute – wenn auch mit Abwandlungen – überdauert." Heute ist der Mann nicht mehr Familienernährer, die Frau ist zumindest vor dem Gesetz gleich und Frauenquoten bedrohen die männliche Vormachtstellung in der Wirtschaft. Das alles löse Angst aus und diese äußere sich manchmal eben in Antifeminismus.

Es gibt durchaus Frauen, die sich selbst als Feministin sehen und nationalsozialistisches Gedankengut in sich tragen – wortwörtliche "Feminazis" also. Meine Suche nach Feministinnen, die Männer am liebsten ausrotten wollen, war allerdings erfolglos. Stattdessen bin ich auf viele Menschen gestoßen, die sich im Web hinter der Anonymität verstecken, um alle Frauen, die um ihre Rechte kämpfen, als Nazis zu diskreditieren. Vielleicht gibt es irgendwo vereinzelt auf der Welt Frauen, die solche Pläne schmieden. Die den Untergang des männlichen Geschlechts herbeisehnen und das Patriarchat im Zweifelsfall auch mit körperlicher Gewalt beenden wollen. Ich habe sie nicht gefunden.

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