Menstruations-Apps tracken nicht nur den Zyklus – sie verkaufen auch deine Daten

Das feministische Cyber-Security-Projekt Chupadados hat sich vier beliebte Zyklus-Apps genauer angeguckt. Mit ernüchterndem Ergebnis.

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Mai 16 2018, 8:22am

Foto: imago | Westend61

Was teilst du alles mit deiner Zyklus-App? Deine Essgewohnheiten? Deine Tagesform? Ob du Alkohol getrunken oder Drogen konsumiert hast? Die Informationen, die wir mit den digitalen Menstruationskalendern teilen, sind ziemlich intim. Dennoch gibt es im Bereich der Gesundheits-Apps kaum eine beliebtere Anwendung, im App Store konkurrieren Hunderte Perioden-Tracker. Doch wie können wir sichergehen, dass die Apps unsere Daten nicht mit Werbe- oder Pharmafirmen teilen? Schließlich finanzieren sich vor allem kostenlose Apps darüber, dass sie Infos über ihre Nutzerinnen und Nutzer sammeln und anschließend an Werbekunden verkaufen. Und: Wie sicher sind wir vor Leaks?

Genau diese Fragen will Chupadados beantworten, ein feministisches Cyber-Security-Projekt aus Brasilien. Das Team, bestehend aus Aktivistinnen, Autorinnen und Tech-Expertinnen, hat vier beliebte Menstruations-Apps (Glow, Cue, My Calendar und Maya) untersucht. Das Ergebnis ist ernüchternd: Alle Apps verdienen laut Chupadados Geld damit, Infos über deinen Körper zu verkaufen.

Dabei handelt es sich nicht nur um Daten zur Menstruation und zum Eisprung. "Mit einer Menstruations-App deinen Zyklus zu dokumentieren, kann bedeuten, dass du mit der App teilst, wann du aus warst, getrunken oder geraucht hast, Medikament genommen hast, wann du geil warst, wann du Sex oder eine Orgasmus hattest und in welcher Position, wie dein Stuhlgang aussah, wie du geschlafen hast, wie dein Hautbild ist, wie du dich fühlst und welche Farbe und Konsistenz dein Ausfluss hat", so Chupadados. Außerdem könnten die Apps je nach Privatsphäre-Einstellungen auch deinen Aufenthaltsort und deine sonstigen Internetaktivitäten abrufen.

Wie auf Facebook und vielen anderen Apps und sozialen Netzwerken werden diese Daten genutzt, um Konsumentenprofile zu erstellen und gezielt Werbung einzublenden. Weil die wenigsten Nutzerinnen die Nutzungsbedingungen wirklich lesen dürften, hat das Team von Chupadados das Kleingedruckte aus allen Apps knapp und verständlich zusammengefasst. Die App Glow mit drei Millionen Nutzerinnen habe zum Beispiel die eingebaute Funktion, Daten mit Dritten zu teilen, Nutzerinnen anhand ihrer Daten über Produkte zu informieren und selbst nach der Löschung des Profils Daten zu behalten. Laut Chupadados werden diese Daten nur im Ausnahmefall anonymisiert.


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Manche fragen jetzt vielleicht: Na und? Dann bekomme ich eben maßgeschneiderte Werbung angezeigt, wenn ich dafür eine App komplett umsonst nutzen kann. Für Joana Varon, die Hauptverantwortliche hinter Chupadados, ist Datenschutz allerdings eine Schlüsselkomponente des modernen Feminismus. Sie will sich dagegen einsetzen, dass die meisten zwar theoretisch den Nutzungsbedingungen zustimmen, aber oft keine Ahnung haben, auf was sie sich da einlassen (man denke nur daran, wie Grindr ohne das Wissen der Nutzer ihren HIV-Status teilte). Hinzu kommt, dass viele Firmen letztendlich gegen ihre eigenen Bedingungen verstoßen, sei es absichtlich oder durch Daten-Leaks.

Varon, die in Brasilien lebt, widmet sich seit mehr als zehn Jahren der Wahrung digitaler Rechte. Nach Wikileaks fing sie an, Kurse in digitaler Sicherheit zu halten. Dabei stellte sie fest, dass die meisten Teilnehmenden Frauen waren. "Mit Frauen konnte ich viel leichter über Safe Spaces und Schutz sprechen, weil sie das aus dem feministischen Diskurs kennen", sagt Varon. "Und im Feminismus geht es auch viel um Einvernehmen. Darauf basieren schließlich die Datenschutzvereinbarungen. Wenn wir wissen, dass das Einvernehmen missbraucht wird, nicht auf richtigen Informationen basiert oder nicht durchgehend gegeben ist, sind das doch alles auch feministische Themen, oder?"

"Privatsphäre und Datenschutz sind Schlüsselkomponenten der freien Meinungsäußerung."

2016 gründete Varon Coding Rights, eine von Frauen geführte Koalition digitaler Aktivistinnen, Künstlerinnen und Tech-Expertinnen. Ihr Auftrag: Cyber-Security und technikverwandte Menschenrechtsfragen verständlich zu machen und Wege zu finden, um sicherer surfen zu können – alles mit einem Fokus auf Geschlechterthemen. "Ich will Räume schaffen, in denen Frauen zusammenarbeiten, zusammen denken und Probleme aus einer weiblichen Perspektive angehen", sagt Varon. "Privatsphäre und Datenschutz sind Schlüsselkomponenten der freien Meinungsäußerung, der Demokratie, der reproduktiven Rechte und der Geschlechtergleichstellung. Das müssen wir den Menschen mitteilen, und wir müssen ihnen erklären, warum das wichtig ist."

Das erste Projekt von Coding Rights war ein Zine, das erklären sollte, wie man seine Nacktfotos vor anderen schützt. Mithilfe der Mozilla Media Fellowship hat das Kollektiv seither immer größere Projekte umgesetzt, darunter auch Chupadados.

Neben der Privatsphäre interessieren sich Varon und ihr Team auch dafür, wie Big Data und nutzerspezifische Werbung rassistische und sexistische Vorurteile nutzen und schüren. Für einen Artikel ließ Varon eine Freundin beobachten, welche Werbungen ihr auf Facebook eingeblendet wurden, als sie schwanger wurde. Die Frau hatte zuvor immer Werbung aus den Bereichen Politik und Technik bekommen, doch während der Schwangerschaft schienen die Algorithmen ganz selbstverständlich davon auszugehen, dass es für sie kein anderes Thema mehr gibt. Auch nach der Geburt wurde sie weiter mit Werbung zu ihrem Dasein als frischgebackene Mutter bombardiert: Plötzlich wurden ihr lauter Ads angezeigt, die ihr dabei "helfen" wollten, ihren Körper wieder in Form zu bringen und dafür zu sorgen, dass ihr Mann sie wieder attraktiv finde.

Auch Zyklus-Apps bedienen laut Varon meist Narrative rund um Mutterschaft und Fruchtbarkeit. Sie bezweifelt, dass das der Fall wäre, wenn die Apps von Feministinnen kreiert worden wären. "Wenn wir nicht so darauf fokussiert wären, dass Kinderkriegen angeblich die gesellschaftliche Funktion der Frau ist, würde da vielleicht stehen: 'Oh, heute bist du echt gestresst, gönn dir einen Drink oder hab Sex!'"

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