"Wie ein Tier im Käfig": 6 Frauen über die Erfahrung, einen Stalker zu haben

Stalking kann jede Person treffen. Und oft erkennen wir die Warnzeichen viel zu spät.

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Juli 30 2018, 8:49am

Jedes Jahr erleben Tausende Menschen eine Form von Stalking, sei es online oder in Person. Etwa 20.000 Anzeigen gehen in Deutschland jährlich bei der Polizei ein, die Dunkelziffer dürfte jedoch weitaus höher liegen. Viele sind sich außerdem gar nicht bewusst, dass sie gestalkt werden. Männer sind zwar auch betroffen, doch mit 80 Prozent stellen Frauen die weitaus größere Opfergruppe dar. Die meisten Stalker wiederum sind männlich.

Obwohl Stalking in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist, halten sich hartnäckige Vorurteile. Filme porträtieren Täter häufig als verrückte Einzelgänger oder romantisieren die Besessenheit als wahre Liebe. Ein weiteres Klischee: dass Stalking vor allem Prominente trifft. Broadly hat mit sechs jungen Frauen darüber gesprochen, wie es ist, Opfer von Stalking zu sein. Wir haben einige Namen geändert, um die Privatsphäre dieser Personen zu schützen.

Ellie, 20

Es begann mit einer Beziehung, die mir anfangs wie ein Märchen vorkam. Liebe auf den ersten Blick. Ich kam gerade frisch aus einer Beziehung und war ziemlich verletzlich. Trotzdem kamen wir innerhalb weniger Wochen zusammen – und er war geradezu besessen von mir.

Am Anfang einer Beziehung merkt man oft nicht, dass man mit einem Kontrollfreak zusammen ist. Wenn deine Bekannten Bedenken äußern, denkst du vielleicht sogar, dass sie nur neidisch auf eure Verbindung sind. Im Nachhinein fallen mir allerdings schon einige Situationen ein, die mich hätten stutzig machen sollen. Ich erinnere mich noch, wie er mich zu Beginn des Semesters unbedingt zur Uni bringen wollte, damit die ganzen Jungs sehen, dass ich einen Freund habe.

Ich versuchte, ein paar Mal, mit ihm schlusszumachen. Er schaffte es immer wieder, mich zu überreden, dass sich die Dinge ändern würden. Als ich dann das letzte Mal mit ihm Schluss machte, akzeptierte er das Nein nicht. Wenn ich ihn blockierte, erstellte er einfach neue Facebook-Accounts, um mir Nachrichten schreiben zu können. Er benutzte auch eine andere Telefonnummer. Dann fing er an, mir Blumen zu schicken.

Zwei Wochen lang jeden Tag eine einzelne Rose auf deiner Türschwelle zu finden, ist heftig. Für mich war das wie eine Nachricht von ihm, dass er mich nie in Ruhe lassen würde. Das Fass zum Überlaufen brachte er allerdings, als er versuchte, in meine Wohnung zu kommen. Er hatte es irgendwie geschafft in den Hausflur zu kommen, ohne zu Klingeln. Dann stand er vor meiner Tür und erklärte mir, dass er eine Lieferung für mich habe. Ich weiß nicht, warum ich seine Stimme nicht direkt erkannte. Vielleicht wollte ich nicht paranoid wirken, vielleicht wollte ich mir selbst beweisen, dass es keinen Grund gab, ständig in Angst zu laben. Also öffnete ich die Tür.

"Eines Tages stand er vor meiner Tür. Es war, als wäre ein Albtraum Wirklichkeit geworden."

Als ich ihn sah, versuchte ich sofort, die Tür wieder zu schließen, doch er klemmte eine der Krücken, die er damals tragen musste, in den Türspalt. Erst als meine Mitbewohnerin kam und sich ebenfalls gegen die Tür warf, bekamen wir sie zu. Als er merkte, dass er nicht in meine Wohnung kommen würde, zog er endlich ab.

Ich fühlte mich wie ein gefangenes Tier in einem Käfig. Würde er jemals aufhören? Eine Woche später stand er wieder vor meiner Wohnung und ein paar Monate später schrieb er mir noch einmal bei Facebook. Das war das Letzte, was ich von ihm gehört habe.

Beth Rylance, 27

Mir fiel irgendwann auf, dass ich eine Menge Twitter-Benachrichtigungen von diesem einen Typen bekam. Ich hatte ihn noch nie persönlich getroffen, aber er war Ende 50. Er antwortete auf jeden einzelnen Tweet, den ich postete, mit übertriebener Vertrautheit – als würde er mich schon lange kennen. Eines Tages schickte er mir einen Link zu einem Blogeintrag. Der Inhalt: "Ich habe das Gefühl, Dich treffen zu müssen. Hier sind meine Nummer und meine E-Mail. Bitte melde Dich."

Ich wollte ihn blockieren, klickte im ersten Moment aber aus Versehen auf den “Folgen”-Button. Ich korrigierte meinen Fehler, doch er hörte nicht auf, Dinge über mich zu twittern. Irgendwann fing er an, Links zu Videos zu posten, die er von mir gemacht hatte. Er nannte mich seine Frau. Es war gruselig. Ich fühlte mich so machtlos. Jedes Mal, wenn ich ihn bei Twitter meldete, löschte er einfach alle seine Tweets. Mein Freund versuchte mich damit zu trösten, dass der Typ immerhin nicht wisse, wo ich lebe. Ich müsse also nicht befürchten, dass er irgendwann vor meiner Haustür auftaucht. Doch eines Tages stand er dann vor meiner Tür. Es war, als wäre ein Albtraum Wirklichkeit geworden.

Es war kurz vor Weihnachten. Es klingelte, ich öffnete die Tür und dort stand er auf meiner Türschwelle. Ich schrie, knallte die Tür zu, rannte nach oben und rief die Polizei. Ich befürchtete, dass er einfach abhaut und die Polizei ihn nicht mehr erwischt. Als die Beamten aber eintrafen, saß er immer noch vor meiner Tür und wartete darauf, dass ich runterkomme.


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Die Polizei erklärte mir, dass sie ihn ein Dokument unterschreiben lassen könnten, dass er nie wieder in meine Nähe kommt. Oder sie könnten ihn verhaften. Der Polizist ließ außerdem durchblicken, dass er das schon mit anderen Frauen getan hatte. "Verhaftet ihn", sagte ich. Schließlich war er tagelang durch die Nachbarschaft gelaufen und hatte mich gesucht.

Er bestritt den Vorwurf des Stalkings und der Belästigung, also mussten wir vor Gericht. Fünf Monate nachdem er vor meiner Tür aufgetaucht war, kam es endlich zur Verhandlung. Seine Verteidigung argumentierte, dass wir in einer Beziehung seien – als Beweis gaben sie die Zeit an, die ich ihm versehentlich auf Twitter gefolgt war. Ich musste dem Gericht erklären, wie Twitter funktioniert.

Am Ende wurde er in beiden Punkten schuldig gesprochen und bekam ein zweijähriges Kontaktverbot auferlegt, musste mir umgerechnet 225 Euro Strafe zahlen und 36 Sozialstunden ableisten. Zum Glück habe ich nie wieder von ihm gehört, doch die Angst blieb lange.

Heute bin ich sehr vorsichtig. Ich gehe sorgsam mit Social Media um und dem, was ich poste. Wenn ich heute Menschen, die Instagram-Stories auf den Straßen machen, in denen sie leben, und freimütig ihre aktuelle Position teilen, läuft es mir kalt den Rücken runter, und ich kann nur eines denken: Wenn du einen Stalker hast, dann ist der in Minuten da.

Lucy, 29

Nachdem mein Freund und ich miteinander Schluss gemacht hatten, wohnten wir noch getrennt in unserer gemeinsamen Wohnung. Er verdächtigte mich, dass ich mich mit anderen Typen treffe, also ist er an meinen Laptop und hat sich in mein iTunes eingeloggt. Ich glaube, er hat dort die Find My Friends-App installiert, weil er plötzlich an den Orten auftauchte, an denen ich war. Er schrieb Leuten SMS, mit denen ich in Kontakt war, und versuchte sie einzuschüchtern.

Er erstellte Fake-Accounts bei Facebook und fügte Typen hinzu, von denen er vermutete, dass sie mit mir etwas hatten. Manchmal schrieb er auch deren Freundinnen an und sagte: "Dein Freund geht fremd." Nachts, wenn ich schlief, las er meine Nachrichten.

Dass er all das tat, fand ich erst später heraus – weil ich tatsächlich ein Date hatte. Mein Ex-Freund schrieb dem Typen, während ich mit ihm in einer Bar saß. "Das ist verdammt strange", sagte mein Date, und zeigte mir die Nachricht. Dadurch verstand ich endlich, was los war. Ich konfrontierte meinen Ex und er gab alles zu.

"Er hatte Radiosender angerufen, bei denen ich arbeitete, und hörbar masturbiert."

Als mir klar war, was er tat, änderte ich alle Passwörter zu meinen Accounts. Doch auch als wir nicht mehr zusammenwohnten, hörte mein Ex nicht auf, mir nachzustellen. Ich bekam eine Sicherheitsmail, in der stand, dass jemand sich in meine Facebook eingeloggt hatte. Ich wusste sofort, dass er es war. Als Entschuldigung schickte er mir Blumen ins Büro, was ich richtig beschissen fand. Ich musste allen erklären, von wem und warum ich die Blumen bekommen hatte.

Durch diese Erfahrung bin ich sehr vorsichtig geworden. Ich lasse mein Telefon oder meinen Rechner nicht mehr unbeobachtet in der Nähe anderer Leute. Ich musste auf die harte Tour lernen, dass nicht jeder deine Privatsphäre respektiert.

Ellen, 28

Sechs Jahre lang hatte ich einen Stalker. Und ich bekam es erst mit, als er sich aus dem Nichts bei mir meldete. Er schickte mir eine Mail, in der er sich als die Person outete, die mich sechs Jahre lang auf diversen Plattformen und in diversen Jobs belästigt hatte. "Mir tut es unglaublich leid, Dich belästigt zu haben. Ich habe Dir explizite Nachrichten auf Tumblr geschrieben und in Deinem Büro angerufen”, schrieb er. “Ich war in Dich verknallt und habe meine Besessenheit die Überhand gewinnen lassen. Ich habe großen Respekt vor Dir."

Ich arbeitete beim Radio und war die ganzen Jahre davon ausgegangen, dass es sich bei den Vorfällen um unzusammenhängende Geschichten gehandelt hätte. Ich hatte anonyme Nachrichten zu meinem Körper erhalten, die sexuell sehr explizit waren. Er hatte Radiosender angerufen, bei denen ich arbeitete, und hörbar masturbiert. Allerdings hatten meine Kolleginnen ähnliche Geschichten erlebt. Ich tat es also einfach als lästigen Aspekt meiner semi-öffentlichen Rolle ab. Erst jetzt fügten sich die einzelnen Puzzle-Stücke zusammen.

Foto: sebastiaan stam | Pexels | CC0

Wie sich herausstellte, waren wir zusammen zur Uni gegangen. Erinnern konnte ich mich allerdings nicht an ihn. Ich war angeekelt von der E-Mail. Und ich war sauer, weil ich nicht wusste, ob ich Teil eines kaputten Machtspielchens war: Versuchte er einfach, eine Reaktion von mir zu bekommen? War das nur eine weitere Möglichkeit für ihn, auf seine Kosten zu kommen? Ich bin zur Polizei und bat sie, ihm einen Besuch abzustatten und mit ihm zu sprechen. Allerdings sahen die meinen Fall wohl als nicht allzu dringend an.

Die Erfahrung hat meinen Umgang mit dem Internet total verändert. Erst vor Kurzem habe ich meine Instagram-Account wieder auf öffentlich gestellt. Ich poste keine Stories mit Geotag und wenn ich die Stadt besuche, in der er lebt, erwähne ich das auf keinem meiner Accounts. Sicher ist sicher.

Sabrina, 21

Ich lebte mit drei Mädchen in einer Erdgeschosswohnung. Eines Nachts ging meine Mitbewohnerin gegen 3 Uhr ins Badezimmer. Sie hörte ein Geräusch, drehte sich um und sah einen Typen mit seinem Gesicht am Fenster, der sie beobachtete. Sie bekam Panik, rannte in mein Zimmer und erzählte, was passiert war. Dann kam auch eine andere Mitbewohnerin dazu und sagte: "Da steht ein Typ vor meinem Schlafzimmerfenster."

Es blieb nicht bei diesem einen Vorfall: Immer wieder bemerkten wir ihn nachts vor unseren Fenstern. Die Polizei tat ihn als Spanner ab und beließ es dabei. Auch unsere Versuche, ihn zu fotografieren, scheiterten. Entweder war es zu dunkel, oder er verschwand, sobald er die Handys in unseren Händen sah. Bald darauf sagte uns ein Bekannter, dass er jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit einen Typen vor unseren Fenstern stehen sehe. Wir bekamen Angst.

Mit der Zeit wurde er immer dreister und ging sogar auf unseren Balkon. Jedes Mal, wenn wir die Polizei riefen, verschwand er. Das ging so über Monate und wir hatten Angst, spät abends nach Hause zu kommen oder das Haus zu bestimmten Zeiten zu verlassen. Wir mussten unsere Fenster verschlossen halten, selbst im Sommer. Es war eine traumatische Erfahrung. Ich konnte mich in meinen eigenen vier Wänden nicht mehr bewegen, ohne befürchten zu müssen, dass mich jemand ständig beobachtet. Durch den Stress kam eine posttraumatische Belastungsstörung aus meiner Kindheit wieder zum Vorschein, und mir blieb schließlich nur eine Wahl: wegziehen. In ein anderes Viertel, möglichst weit weg von ihm.

Rosa, 25

Es fing an, als ich 17 war. Ich hatte mich frisch bei Twitter angemeldet, weil ich Journalistin werden wollte, und mit der Zeit sammelte ich immer mehr Follower. Einer meiner Follower, dem auch ich folgte, fing schließlich an, ständig auf meine Tweets zu antworten. Am Anfang dachte ich mir nichts dabei. Es ging schließlich nur um popkulturellen Kram.

Persönlicher wurden seine Kommentare, als ich einen Podcast aufnahm. "Ich mag den Klang Deiner Stimme", schrieb er mir. Das fand ich ziemlich creepy, wollte ihm aber nicht vor den Kopf stoßen. Ich war zu jung, um zu erkennen, wie komisch er sich eigentlich verhielt.

Immer wieder kommentierte er mein Aussehen und beendete seine Nachrichten mit "Ich will kein komischer Perversling sein". Er bezeichnete mich als “heiß” und fragte mich, ob ich mich darauf freuen würde, an der Uni Sex zu haben. Wirklich ernst nahm ich die Sache nicht, aber irgendwann hatte ich die Schnauze voll. Ich blockierte ihn.

Als ich älter wurde, wurde mir klar, dass er versucht hatte, mich rumzukriegen. Als ich vor Kurzem alte Blogposts von mir durchging, entdeckte ich lauter alte Kommentare von ihm. Später addete er mich auch noch bei LinkedIn. Rückblickend wird mir bei der Geschichte schon etwas anders. Ich frage mich, was wohl passiert wäre, wenn ich mich doch mal mit ihm getroffen hätte. Und bin unendlich froh, dass ich es nie getan habe.

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