Die absurde Kastrationstheorie hinter Michael Jacksons Stimme

Gerüchten zufolge verdankt der verstorbene King of Pop sein außergewöhnliches Organ den Nebenwirkungen einer fragwürdigen Hormontherapie. Wir sind der Sache auf den Grund gegangen.

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Apr. 26 2016, 8:05am

Image by Callie Beusman

Seit Jahren kursieren Gerüchte, Michael Jacksons berühmte Kopfstimme sei die Folge einer chemischen Kastration.

In seinem Buch Michael Jackson: Das Geheimnis einer Stimme behauptet der französische Gefäßchirurg (und Opernfan) Alain Branchereau, dass Michael Jacksons Stimme die eines operativen Kastraten sei. Junge Männer zu kastrieren, um ihre wunderschönen Soprano-Stimmen zu erhalten, ist eine Praxis, die Mitte des 16. Jahrhunderts in Italien aufkam. Den Jungen wurden die Hoden „operativ" entfernt, sodass der Körper nicht mehr weiter mit Testosteron versorgt und die Geschlechtsreife aufgehalten wurde. Die Jungen wuchsen zwar, aber ihre Stimmen veränderten sich nicht, was ihnen die Lungen eines Mannes und die Stimme einer Mariah Carey verlieh. Diese Praxis war im Mittelmeerraum seit mindestens 400 v. Chr. gängiger Bestandteil der Musikszene und wurde erst 1870 gesetzlich verboten. Männer mit einer hormonellen Störung wie Jimmy Scott werden jedoch auch heute noch manchmal als moderne Kastraten bezeichnet.

Branchereau selbst hat für sein Buch weder mit Michael Jackson, noch mit irgendeinem anderen Mitglied des Jackson-Klans gesprochen. Er vertritt jedoch die Meinung, MJ könnte seine schlimme Akne als Teenager mithilfe einer Hormontherapie mit dem Wirkstoff Cyproteron behandelt haben. Häufig wird Akne bei Frauen mithilfe dieses Wirkstoffs behandelt, der die Androgenrezeptoren (d.h. die Rezeptoren für männliche Geschlechtshormone wie Testosteron) blockiert. Männern wird dieser Wirkstoff nicht verschrieben, da sie die Androgene brauchen. Andernfalls würden sie ihre sekundären männlichen Geschlechtsmerkmale verlieren.


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Cyproteron ist einer der wenigen Wirkstoffe, die zur chemischen Kastration von wiederholt straffällig gewordenen Sexualstraftätern verwendet werden. Dieselbe antiandrogene Therapie, die bei Frauen erfolgreich gegen Akne eingesetzt wird, reduziert bei Männern den Testosteronspiegel und damit auch ihren Sexualtrieb.

Laut Branchereau soll die Einnahme von Cyproteron bei Jungen dazu führen, dass die Entwicklung ihres Kehlkopfes dauerhaft gehemmt wird. Der Patient „behält sein Leben lang den Kehlkopf eines Kindes im Körper eines erwachsenen Mannes", sagte Branchereau 2011 gegenüber der französischen Nachrichtenagentur France-Presse. In der gängigen Literatur über Cyproteron wird diese Nebenwirkung allerdings nicht aufgelistet—vermutlich, da der Wirkstoff heranwachsenden Jungen nicht verschrieben wird. Nie. Zwar wird er erwachsenen Männern mitunter zur Behandlung von Prostatakrebs verabreicht, doch auch hier findet sich in der Liste der Nebenwirkungen kein Hinweis auf einen geschrumpften/„verweiblichten" Kehlkopf. Samenbildungshemmung, Libido-Verminderung, Erektionsstörungen und sogar Kehlkopfkrebs—aber nichts darüber, dass sich die Stimme verändern würde. Zudem klingen all diese Nebenwirkungen wieder ab, wenn man aufhört, das Medikament einzunehmen.

Ist diese Verschwörungstheorie also stichhaltig? Natürlich ist es möglich, dass irgendwer aus Michael Jacksons Gefolge ein nicht zugelassenes Aknemedikament für ihn besorgt hat. Als Michael 12 Jahre alt war, wurde er immer noch von seinem Vater Joe Jackson gemanagt und es ist allgemein bekannt, dass Joe sich mehr für das Geld als für das Wohlergehen seiner Kinder interessierte. Jedoch begann man erst 1970 mit der klinischen Untersuchung von Cyproteron. Es ist also ziemlich unwahrscheinlich, dass Papa Joe seinem Sohn ein Medikament besorgt hat, das zuvor nur an Ratten getestet wurde—aber natürlich ist es auch nicht vollkommen unmöglich. Die Leute tun schließlich die verrücktesten Sachen, um dafür zu sorgen, dass Kinderstars auch niedlich bleiben. Judy Garland war ungefähr im selben Alter, als sie auf eine Diät gesetzt wurde, die aus „Hühnersuppe, schwarzem Kaffee und 80 Zigaretten" am Tag bestand.

„Solange sich keiner aus seinem Gefolge zu Wort meldet, werden wir wohl auch keine endgültigen Beweise haben", sagt Branchereau. Und wahrscheinlich noch nicht einmal dann, denn jeder Aspekt in Jackos Leben wurde wieder und wieder unter die Lupe genommen und hinterfragt. Wenn es doch nur ein unparteiisches wissenschaftliches Dokument gebe, das wir heranziehen könnten. Oh warte, das gibt es. Die amerikanische Boulevardseite TMZ veröffentlichte 2009 den Autopsiebericht von Michael Jackson und darin findet sich kein Hinweis auf einen abnormen Kehlkopf. „Der Hals ist unauffällig", heißt es. Das einzige, was über den Kehlkopf gesagt wird, ist, dass er keine Spuren von Gewalteinwirkungen aufweist, was andernfalls auf eine Strangulation hingedeutet hätte.

Mit anderen Worten: Michael Jackson war ein sonderbarer und bemerkenswerter Mann mit einer außergewöhnlichen Stimme—mit dem Inhalt seines Halses hat das höchstwahrscheinlich aber nichts zu tun.