Dominanz im Bett ist mehr, als Kontrolle über jemanden auszuüben

Ich habe an einem Femdom-Workshop teilgenommen und viel über meine eigenen Bedürfnisse gelernt.

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Nov. 20 2018, 10:07am

Foto mit freundlicher Genehmigung von Zoe Ligon

Ich habe mich selbst nie als sexuell dominante Frau gesehen. Ich bevorzuge es, wenn mir jemand anderes sagt, was ich tun soll. Bis mich meine Freundin Midori, Autorin von Wild Side Sex, ermutigte, ihren Workshop ForteFemme in San Francisco zu besuchen, in dem sie Frauen ein Wochenende lang in weiblicher Dominanz coacht. Durch den Workshop wollte ich mich in erster Linie professionell als Sex-Coach weiterentwickeln. Letztendlich erlebte ich jedoch viele persönliche Aha-Momente und lernte ganz neue Möglichkeiten kennen, über meine Bedürfnisse nachzudenken. Hier kommen die wichtigsten Dinge, die ich bei dem Workshop gelernt habe:

Was bedeutet es überhaupt, im Bett dominant zu sein?

In Filmen und Pornos werden größtenteils sadistische "Tops" und unterwürfige, masochistische "Bottoms" gezeigt. Dabei gibt es in dieser Konstellation noch so viele intime Facetten zu entdecken.

Wenn wir von Dominanz sprechen, meinen wir den Wunsch, Kontrolle zu haben. Das kann bedeuten, dass du darüber bestimmst, wie du stimuliert wirst, oder darüber entscheidest, wie du deine Partnerin oder deinen Partner stimulieren willst. Es kann auch sein, dass dir der Kontrollaspekt egal ist und es dir nur darum geht, ob du stimulierst oder stimuliert wirst – und umgekehrt. Wenn du beiden Gebieten völlig neutral gegenüber stehst, dann praktizierst du das, was gemeinhin als "Vanilla" bezeichnet wird. Und obwohl der Begriff oft herablassend verwendet wird, haben selbst die Menschen mit dem größten Kink manchmal Lust auf ein bisschen Vanille.

So erkennst du, ob der devote Part Spaß hat

Am Morgen des ersten Workshop-Tages wollte Midori von uns wissen, an welchen körperlichen Signalen eine andere Person erkennen könne, dass wir erregt sind. Diese Signale können schließlich sehr unterschiedlich ausfallen: Es gibt Menschen, die lachen, wenn sie angespannt sind und sich unwohl fühlen. Andere weinen, wenn sie glücklich sind. Umso wichtiger ist es, diese Signale richtig deuten zu können, wenn du als dominanter Part Kontrolle über eine andere Person ausübst. Schließlich willst du nicht nur deine, sondern auch ihre Bedürfnisse befriedigen.

Die Übung fiel uns allen nicht leicht und machte eins ganz deutlich: Unsere Körper kommunizieren ständig. Wenn wir über Einvernehmlichkeit sprechen, konzentrieren wir uns oft nur auf Worte und reden nicht über die subtileren Hinweise unserer Körpersprache. Mir wurde klar, dass ich die Anzeichen meines eigenen Partners gar nicht kannte – schließlich ist nicht mal eine Erektion ein sicheres Zeichen, dass jemand sexuell erregt ist.

So verstehst du deine eigenen sexuellen Bedürfnisse

Für die nächste Übung sollten wir daran denken, was wir als Kinder besonders gern gespielt haben. Das Ziel: Unseren sexuellen Bedürfnissen auf die Schliche zu kommen. Ich brauchte eine Weile, mich durch meine Kindheitserinnerung zu wühlen. Dann fiel mir allerdings ein, dass ich am liebsten Geburtstagsfeiern für mein liebstes Kuscheltier veranstaltet habe. "Du wünschst dir Aufmerksamkeit und Bewunderung!", rief eine andere Teilnehmerin des Workshops sofort.

Sie hatte völlig recht. Ich finde es lustig, dass es mir so schwer fiel, etwas zu erkennen, was für eine Fremde völlig offensichtlich war. Andere erzählten von ihren Fantasien, sich um andere zu kümmern oder Menschengruppen zu kontrollieren, und wir übersetzten diese Fantasieren in mögliche Rollenspiele.

Ich war beeindruckt, wie präzise Midori die grundlegenden Elemente von sexueller Begierde definieren konnte – und uns dabei half, unsere eigenen Bedürfnisse in jeder Situation in Worte zu fassen (denn ja, die Bedürfnisse verändern sich!).

Zoe Ligon und Sex-Coach Midori
Die Autorin mit Sex-Coach Midori

Wie dein Körper und deine Haltung deine Sexualität beeinflussen

"Männer mit großem Ego laufen so", erklärt Midori und stampft agressiv mit herausgestreckter Brust durch den Raum. Ich fahre seit Jahren regelmäßig U-Bahn und kenne dieses Verhalten. Männer werden dazu erzogen, viel Platz einzunehmen, während man von Frauen erwartet, dass sie passiv mit dem restlichen Raum auskommen. Midori erklärt uns, dass unser Körper auf alles Einfluss hat – von unserem Selbstwertgefühl bis zu unseren Sozialkompetenzen. Paarweise übten wir den "Gang der Königin", wie Midori ihn nannte: Wir nutzten die Kraft aus unseren Hüften, um uns fortzubewegen.

Anfangs fand ich das albern, merkte dann aber, dass ich noch viel an mir arbeiten musste. Ich bin zwar oft laut und aufgedreht, doch mein Körper? Der fühlt sich ehrlich gesagt oft wie ein abgeschlossener Raum für mich an. Mein Körper, der weibliche Körper im Allgemeinen, ist für viele ein sexuelles Objekt. Wir können die Blicke von anderen oft nicht begreifen, weil wir es gar nicht anders kennen. Diese Übung öffnete mir ein Stück weit die Augen.


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So kommunizierst du deine Fantasien

Mein Freund hatte mich nach San Francisco begleitet, weil ich wusste, dass ich meinen engsten Vertrauten für die Partnerübung am Ende brauchen würde. Obwohl es bei dem Workshop um die persönliche Weiterentwicklung ging, wollte Midori uns die Möglichkeit geben, unsere neu erworbenen Fähigkeiten auszutesten. Am Ende des Workshops fühlte ich mich mental und physisch völlig ausgelaugt.

Als wir so auf dem Bett lagen, versuchte ich, meinem Freund all die Fragen zu stellen, die mir seit Beginn des Kurses durch den Kopf schwirrten. Was waren seine Kindheitsfantasien? Würde es mir gelingen, seine sexuellen Bedürfnisse aus seinen Antworten abzuleiten, so wie Midori es uns beigebracht hatte? Mein Freund gab zwar nicht viel über seine sexuellen Wünsche preis, aber er sagte etwas viel Wichtigeres: "Ich will einfach nur wissen, dass du mich willst."

Das musste ich erstmal sacken lassen. Ich hatte mich so darauf versteift, ein Rollenspiel mit ihm anzuleiern, dabei sehnte er sich nur nach etwas Sicherheit.

Am Ende trafen wir uns alle noch einmal und teilten unsere Erfahrungen miteinander. Ich weinte schon, bevor ich anfing zu sprechen. Ich war dankbar für die Erkenntnis, dass ich die Interaktion mit meinem Freund grundsätzlich überdenken musste. Durch meine sexuellen und emotionalen Traumata, ist es mir bisher schwer gefallen, emotionale und körperliche Nähe zusammenzubringen – dass ich beides mit meinem Freund erlebe, macht mir Angst. Das war für mich die wichtigste Erkenntnis aus dem ForteFemme-Wochenende und für meinen Heilungsprozess, mein Selbstwertgefühl und meine Beziehung unglaublich wichtig.

Ich begriff, dass es bei Dominanz und Unterwerfung im Bett nicht darum geht, mich als Domina zu geben, die ich nicht bin. Es geht darum, meinem wahren Ich auf die Spur zu kommen. Mich als Frau zu erkennen, die sich von starren Geschlechterrollen unterdrücken ließ und nun bereit ist, ihren Körper zurückzufordern.

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