Rafael Santeria. Foto: Jermain Raffington

"Ich fand mich selbst eklig": die Geschichte eines Hatefuck-Aussteigers

Rafael Santeria drehte Hardcore-Pornos und gab öffentlich den omnipotenten Frauenhasser. Dann wird er mit realem Missbrauch konfrontiert.

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Mai 10 2016, 7:00am

Rafael Santeria. Foto: Jermain Raffington

„Pack eine Frau und lass das Tier aus dir raus. Du willst ihr schaden? Schade ihr! Du willst sie verletzen? Verletze sie! Du willst sie fertig machen? Mach sie fertig! Du bist ihr ungnädiger Schöpfer und Zerstörer. Ihr Henker, Sklaventreiber, Vergewaltiger, Folterknecht." Was nach der Rachefantasie eines Splatter-Film-Bösewichts mit Mutterkomplex klingt, ist ein Originalzitat von Rafael Santeria und stammt aus einem Interview, das er im vergangenen Jahr VICE gegeben hat. Zum damaligen Zeitpunkt war er eine ebenso aufstrebende wie strittige Figur in der deutschen Hardcore-Szene, der selbsternannte Posterboy des Hatefuck-Porn, bei dem die Grenze zwischen gespieltem und tatsächlichem Missbrauch zum Teil bewusst offen gehalten wird.

Rund ein halbes Jahr später sieht Rafael Santeria nicht mehr so sehr nach ungnädigem Schöpfer und Zerstörer aus. Eher nach jemandem, der seit längerem nicht mehr sonderlich gut geschlafen hat. Wir sitzen in der Küche des Berliner VICE-Büros, um zu reden. Nicht primär darüber, wie geschmacklos es ist, mit Frauenhass als PR-Strategie Pornos verkaufen zu wollen, sondern darüber, was in der Zeit nach seiner „zweifelhaft erfolgreichen Promo-Phase", wie er selbst sagt, passiert ist. Santeria hat nach eigener Aussage Dinge innerhalb der Hardcore-Branche mitbekommen, nach denen er es nicht mehr länger mit sich vereinbaren konnte, weiterhin Teil dieser speziellen Szene zu sein. Situationen, in denen Darstellerinnen bewusst überfordert wurden. Geschichten, in denen augenzwinkernd von realen Vergewaltigungen die Rede gewesen sein soll.

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Dabei begann Santerias Karriere im Pornobusiness vergleichsweise harmlos. „Ich bin 2013 durch so eine Art Probearbeiten hinter der Kamera aufgetaucht." erzählt er. „Meine ehemalige Agentur hatte ein großes Casting gemacht; eine Billigproduktion mit 100 Gästen, vier, fünf Sets, ein bisschen SM und hauptsächlich Gangbang." Rafael hatte damals bereits zwei Studiengänge abgebrochen, bezeichnet sich selbst als „perspektivlos" und wusste nur eins: Wenn sonst nichts klappt, macht er halt Amateurpornos. Er bekommt einen Job hinter der Kamera und erste Einblicke hinter die Kulissen. Dass eine Frau „16 Stunden für 500 Euro da gelegen hat, und sich von 120 Männern hat durchvögeln lassen" will ihm schon damals komisch vorgekommen sein. Seine ehemaligen Geschäftspartner erklären ihm aber, dass das durchaus „branchenüblich" sei—und immerhin hat Santeria große Pläne. Er will vor die Kamera.

„Ich habe mir überlegt, dass man vielleicht auch einen provokativen Gestus braucht, um aufzufallen. Wenn Battlerap seit 10, 15 Jahren funktioniert, warum soll das dann nicht auch im Porno gehen?", begründet er seine Entscheidung, in eine extreme Richtung zu gehen. Im Dezember 2014 ist er zum ersten Mal nicht nur Produzent, sondern auch Darsteller und bringt seine bisherigen, nach eigener Aussage „moderaten" SM-Erfahrungen auf ein neues Level. Schläge, Anpissen, verbale Erniedrigung vor der Kamera. Den dazu passenden frauenfeindlichen Mindstate kommuniziert er über seine Social-Media-Kanäle. Problematisch findet er seine „Badboy PR", wie er sie selbst nennt, zum damaligen Zeitpunkt noch nicht.

Diese paradoxe Spaltung ist möglich, indem man eine künstliche Grenze zwischen Inszenierung und realer Gewalt zieht.

„Ich habe eine Zeit lang gedacht, es gäbe womöglich eine versteckte, intellektuelle Kaste, die genau auf diesem misanthropischen Stern lebt", sagt er. Das ändert sich, als er erstmals konkret damit konfrontiert wird, welche Art von Publikum er mit seinen Hardcore-Streifen wirklich bedient. „Dann habe ich aber gemerkt, dass das, was zu mir kommt, Bodensatz ist. Das sind Leute, die halt wirklich runter sind." Was Santeria wirklich zu überraschen scheint, ist es eigentlich nicht. Es gibt eben doch einen bedeutenden Unterschied zwischen nicht ganz ernst gemeinter verbaler Gewalt (wie in einem Raptext) und physischer Gewalt—sei sie nun für die Kamera „gespielt" oder nicht.

„Diese paradoxe Spaltung ist möglich, indem man eine künstliche Grenze zwischen Inszenierung und realer Gewalt zieht," erklärt Traumatherapeutin Tabea Freitag. Eine Grenze, „die es in der Realität der Sexindustrie für die realen Frauen, die real ausgepeitscht und von drei Männern gleichzeitig penetriert werden, nicht gibt." Sie hat bereits mit Frauen, die aus der Sexbranche ausgestiegen sind, gearbeitet und kennt die psychischen und physischen Auswirkungen, die Hardcore-Pornografie insbesondere auf Frauen haben kann. Tatsächlich verschwimmt die Grenze zwischen „gespieltem" und realem Missbrauch bei den Drehs von Santeria aber nicht nur für den Zuschauer, sondern nach und nach auch für die Beteiligten vor der Kamera.

„Es kam zu Situationen, in denen mir Begleiter von Darstellerinnen gesagt haben: ‚Es ist ganz gut, wenn die nicht über alles Bescheid weiß, die soll ja auch überfordert wirken.'", erklärt Santeria. „Auch von Produktionsleuten wurde öfter geäußert, dass sie es sinnvoll finden, wenn die Frau drangsaliert wirkt. Teilweise sagen die Darstellerinnen das auch selber: ‚Ich will nicht alles wissen, damit die Situation für mich rauschiger wird.'" Angesprochen darauf, ob er das nicht grundlegend für problematisch halte, beruft sich Rafael Santeria immer wieder darauf, dass die beteiligten Frauen es ja auch wollten, darauf standen. Trotzdem begann er damals, das „moralische Gefüge", in dem er sich befand, erstmals richtig in Frage zu stellen: „Da begann es natürlich schon merkwürdig zu werden."

Rafaels Verlobte, Jezzi Cat. Foto: Jermain Raffington

„‚Überfordert' ist in diesem Zusammenhang natürlich eine euphemistische Umschreibung," sagt Traumatherapeutin Tabea Freitag, „und extreme Verharmlosung für das, was dahinter steht, nämlich sexuelle Handlungen an einer Frau, die oft extrem schmerzhaft, traumatisierend, angstauslösend und demütigend sind und vielfach nicht folgenlos bleiben, weder körperlich noch psychisch."

Insbesondere diese vermeintlich „freiwillige" Aufgabe der expliziten Zustimmung hält auch Gerard Schaefer, Psychologe am Institut für Sexualpsychologie in Berlin, für bedenklich: „Ein solches Szenario hat mit ‚gespielt' nichts zu tun, sondern dürfte—unabhängig von der juristischen Einschätzung—unschwer als Missbrauchssituation entlarvt werden. Immer dann, wenn davon ausgegangen werden kann, dass der andere der Interaktion wohl nicht zustimmen würde, liegt bewusstes grenzverletzendes Verhalten vor. Hier könnten die psychologischen Folgen im Einzelfall sogar dramatischer sein, wenn Scham und Schuldgefühle aufgrund der vermeintlich freiwilligen Mitwirkung schwerer aufzulösen sind."

Ebenfalls eine Rolle spielt—insbesondere für Frauen, die frisch in der Branche sind—sicherlich auch die Angst, sich bei einem Dreh offen etwas zu verweigern und dadurch zu riskieren, als „schwierig" zu gelten. Schon alleine deshalb stellt sich auch abseits der Hardcore-Branche die Frage, wie sich Einvernehmlichkeit an einem Pornoset wirklich sicherstellen lässt. „In den USA, vereinzelt auch in Deutschland, gibt es inzwischen Frauen, die unter Pseudonym ihre Geschichten erzählen, auch hier ehemals ‚freiwillige' Darstellerinnen. Allerdings ist die Grenze zwischen freiwillig und unfreiwillig oft fließend", weiß die Traumatherapeutin Tabea Freitag, die dafür vor allem „verstrickte Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse, den Einsatz von Schmerz- und Betäubungsmitteln und vielfältige vorausgegangene Grenzverletzungen bzw. normalisierte sexuelle Gewalt" verantwortlich macht.

Das sind Leute, die offen damit kokettieren, sich das Stockholm-Syndrom zunutze zu machen.

„Eine Grenze zu ziehen zwischen nicht ganz freiwilligem ‚gespieltem' Missbrauch und ‚tatsächlichem' Missbrauch würde jede Form des sexuellen Missbrauchs verharmlosen und jede Prävention von sexuellem Missbrauch ad absurdum führen. Diese aufzuweichen in die Beliebigkeit halb einvernehmlicher Grauzonen ist brandgefährlich und unterschätzt zudem die abhängigen und co-abhängigen Beziehungs- und Machtgefüge, die selbstbestimmtes sexuelles Handeln untergraben."

Dieses Beziehungs- und Machtgefüge ist es auch, was Santeria weiterhin in der Branche hält, obwohl sich über Monate hinweg Vorfälle häufen, bei denen sich der Hatefuck-Darsteller in seiner Rolle zunehmend weniger wohlfühlt. Seine spätere Verlobte „Jezzi Cat", die ebenfalls Pornos dreht, lernt er kennen, als sie in einem Swingerclub zusammenbricht. Sie soll von Branchenvertretern bewusst unter Drogen gesetzt worden sein—angeblich keine unübliche Praxis in den unscharfen Grenzbereichen der Amateurpornoszene. Er wird Zeuge davon, wie Kolleginnen von szenebekannten Stalkern verfolgt und bedroht werden, ohne dass jemand einschreitet. Selbst zur Polizei gehen tut er damals allerdings auch nicht. Auch dann nicht, als ihm immer krassere Geschichten zugetragen werden.

„Ein paar Leute haben sich einfach freimütiger geäußert, ein paar Sachen sind mir mehr aufgefallen, weil ich mehr im Thema drin war und mich mehr darauf konzentriert habe. Die Erfahrungen wurden vielfältiger und ein paar Sachen kamen einfach über uns hineingestürzt." Die schockierendste „Anekdote über halb- oder mehr minder gar nicht einvernehmliche Gewaltsituationen": Der angebliche Vorfall, bei dem eine junge Frau von mehreren Männern durch einen Wald gejagt und vergewaltigt worden sein soll. „Ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt oder nur irgendein Stammtischgeplapper war, schließlich ist die Frau auch noch da. Aber sie haben mir Fotos von ihr, heulend in einer Bettdecke, gezeigt. Und das sind Leute, die offen damit kokettieren, sich das Stockholm-Syndrom zunutze zu machen. Auch Kindesmissbrauch wurde mehrfach als mehr oder weniger ‚spaßiges' oder ‚faszinierendes' Thema aufgetischt."

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Richtig Angst bekommen er und seine Verlobte, als auch das zuvor so familiäre Verhältnis zwischen ihren Geschäftspartnern und ihnen kippt. Man könnte auch sagen: Als sich die dunklen Seiten der Branche nicht mehr nur auf andere, sondern auch auf sie selbst auswirken. Als Rafael mit ihnen ein Restaurant besucht, wird er dazu aufgefordert, Jezzi mit einem der Anwesenden auf Toilette zu schicken. „Als ich gesagt habe ‚Nein', hat man mich angegrinst und gesagt ‚OK, dann weiß ich ja, wo wir stehen.'" Hier schaltet sich auch Jezzi Cat ein, die bisher vor allem zugehört hat. „Sie wollten, dass er das macht, um seine ‚Loyalität' zu beweisen. Natürlich war mir absolut unwohl in der Situation, weil die Person schon Tage vorher damit angefangen hatte, mich bewusst zu verängstigen. Die hat mir erst noch mal die Vergewaltigungsgeschichte erzählt und ist anschließend mit mir nachts durch irgendwelche Gassen gefahren und hat gesagt ‚Oh, ich glaube wir haben uns verfahren'—einfach nur, damit ich Angst kriege."

Rafael und Jezzi, beide ohne festen Wohnsitz, flüchten sich zu Freunden. Der Versuch einer Aussprache per Mail scheitert, ihre Partner streiten alles ab—auch die Missbrauchsgeschichten, mit denen sie sich zuvor vor ihnen gebrüstet hatten. „Sie wollten wissen, warum wir denn jetzt aus einer Mücke einen Elefanten machen wollen und ich sei doch selber so ein krasser Hatefucker und meine Freundin ‚sexbesessen'. Im selben Zeitraum habe ich dann schon wieder von KO-Tropfen oder Stalking gehört und SMS von Leuten gekriegt, die fragen, ob sie meine Frau ‚zu Tode ficken' sollen. Nach diesem Oktober ist meine Produktion völlig zusammengekracht. Ich wollte nicht mehr, ich fand mich selbst eklig."

Rafael Santeria und Jezzi Cat. Foto: Jermain Raffington

Santeria löscht seine frauenfeindlichen Posts, möchte in persönlichen YouTube-Videos seiner bisherigen Außendarstellung gegenzusteuern und versucht, seine Hatefuck-Homepage vom Netz zu nehmen. Letzteres ohne Erfolg: die Lizenzen liegen bei seiner ehemaligen Agentur. Unter dem Strich, so Santeria, habe ihm sein Hatefuck-Ausflug nicht einmal die Fahrtkosten eingebracht.

Fragt man tiefergehend nach und möchte konkreter wissen, wer wann und wie in bestimmten Situationen beteiligt war, wird Santeria sichtlich nervös. Über viele Dinge, die im Vorgespräch thematisiert wurden, möchte er nun, wo das Aufnahmegerät läuft, nicht mehr ganz so konkret sprechen, was es zum Teil schwierig macht, Abläufe und Zusammenhänge richtig einzuordnen. Namen und konkrete Hinweise auf mögliche beteiligte Personen sollen außen vor bleiben. Im Dezember vergangenen Jahres wird er außerdem bei der Polizei vorstellig. „Ich laufe bis heute sehr paranoid durch die Gegend", sagt er—auch wenn er nach eigener Aussage die Verbindung zu seinem früheren Umfeld gekappt hat und bewusst versucht, mit Leuten in Kontakt zu treten, die ein „normales, humanistisches Feeling dafür haben, was richtig und was falsch ist."

Berechtigte Angst vor Konsequenzen eines Ausstiegs aus der Hardcore-Sexbranche haben nach Tabea Freitag jedoch eher die gewalterfahrenen Frauen: „Als Traumatherapeutinnen sind wir vielfach mit den Drohungen und Strafen, den Macht- und Abhängigkeitsstrukturen dieser Szene konfrontiert, in der es einem Hochverrat gleichkommt, das Schweigen zu brechen", erklärt sie.

Die Normalisierung und Beschönigung von sexueller Gewalt ist eine fatale Botschaft, die jede Missbrauchsprävention ad absurdum führt.

Weil insbesondere junge Frauen recht blauäugig in die Pornoszene hineinstolpern, ist präventive Aufklärung wichtig. Deswegen will Rafael Santeria zukünftig gezielt auf Missstände in einem Bereich der Pornografie aufmerksam machen, in dem die Grenzen zwischen Einvernehmlichkeit und Missbrauch ganz bewusst noch ein bisschen mehr verschwimmen. Vom omnipotenten Frauenhasser zum Frauenrechtler, könnte man meinen. Ein Umschwung, von dem Santeria selbst weiß, dass er nicht sonderlich leicht nachzuvollziehen ist. Auf seiner Facebook-Seite bietet er Brancheneinsteigern bereits an, ihn zu kontaktieren, falls sie irgendwelche Fragen haben. Er will nach eigener Aussage nicht, dass sie dieselben Fehler machen wie er. Wie sich dieses Engagement in Zukunft gestalten wird, bleibt abzuwarten.

Bestehen bleibt derweil die Frage, ob „Hatefuck"-Pornos als recht spezielle Hardcore-Unterart überhaupt eine Daseinsberechtigung haben. Für Tabea Freitag ist die Antwort eindeutig: „Die Normalisierung und Beschönigung von sexueller Gewalt ist eine fatale Botschaft, die jede Missbrauchsprävention ad absurdum führt. Dies als Spiel medial zu normalisieren bedeutet, die Opfer lächerlich zu machen, die Folgen zu verharmlosen und ein schweres Verbrechen gegen die Menschenwürde, die Selbstbestimmung und die körperliche und seelische Unversehrtheit der Lächerlichkeit preiszugeben. Das ist so zynisch und pervers, wie wenn man andere schwere Verbrechen gegen die Menschenwürde als ‚Spiel' inszenieren würde."

Pornos drehen wollen Rafael und Jezzi auch weiterhin, so unverständlich das für Außenstehende auch scheinen mag. „Wir haben darüber sehr, sehr intensiv nachgedacht, ob wir da raus müssen—und haben uns irgendwann dagegen entschieden. Das wäre irgendwie kein gutes Ende der Geschichte.", erklärt Santeria. „Wir wollen zeigen, dass es anders geht und uns mit Leuten zusammenzuschließen, von denen wir das Gefühl haben, dass sie es gut und richtig machen. Wir wollen die negative Energie durch eine positive ersetzen."

Im Gegensatz zu den Darstellerinnen, die nach wie vor in grenzüberschreitenden Konstellationen innerhalb der Hardcore-Szene eingebunden sind, sind Rafael Santeria und seine Verlobte mit ein paar emotionalen Schrammen davongekommen. Was bleibt, von der Zeit als neuer Stern am Hardcore-Himmel, ist das Tattoo über seinem Penis: „Misogyn", frauenfeindlich. Zumindest vorläufig, ein Cover-Up soll geplant sein.