All photos by Juanita Wilson

Wie queere Hexen zu Beltane ihre Sexualität feiern

Jedes Jahr versammeln sich im australischen Brisbane hunderte von Hexen, um den Frühlingsanfang und das sexuelle Erwachen zu feiern. Wir haben uns mit Jae Llewellyn getroffen, der uns erklärt hat, warum das heidnische Fest für viele eine so große...

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09 November 2016, 8:00am

All photos by Juanita Wilson

Anfang November zogen wieder hunderte Hexen durch das australische Städtchen Brisbane, um den Frühlingsanfang zu feiern. Die Wildwood Faery Parade und das Beltane Ritual sind die größten Veranstaltungen ihrer Art im Sonnenscheinstaat Queensland und locken jedes Jahr unzählige Einheimische und Reisende an, die zusehen, wie die gender-fluiden Feierlichkeiten langsam ihren Höhepunkt erreichen.

Beltane kommt von dem keltischen Wort bel, was so viel bedeutet wie „helles Feuer". Es markiert das Ende der Dunkelheit und den Beginn eines fruchtbaren Frühlings. Bei den Kelten war es damals Brauch, das Vieh zwischen Lagerfeuern hindurch zu jagen, um es vor Krankheiten zu schützen. Im modernen Neuheidentum hat Beltane für viele Menschen eine sehr viel größere Bedeutung erlangt—vor allem für diejenigen, die bis dahin in der bitteren Kälte ihres Coming-outs ausharren mussten.

Viele der jungen Hexen, die zum Beltane kommen, wurden von ihren Familien verstoßen und nutzen die Feierlichkeiten, um zu zeigen, mit welchem Stolz sie das Heidentum erfüllt hat. Wir haben uns mit Jae Llewellyn (s.u.), einem Mitglied der Hexengemeinschaft von Brisbane, getroffen und mit ihm über die Bedeutung des Festes und das Leben in den Hexenzirkeln gesprochen.

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Broadly: Kannst du uns gleich zu Beginn erklären, welche Bedeutung diese Feier für die Hexenzirkel in Queensland hat?
Jae Llewellyn: Es ist ein Anlass, zu dem alle zusammen zusammenkommen—egal welcher Gruppe oder welchem Hexenzirkel sie angehören. Außerdem bietet es alleinstehenden Hexen die Gelegenheit, sich zu outen und zum Ausdruck zu bringen, wer sie wirklich sind. Sie tragen die unglaublichsten Gewänder, um ihr innerstes, magisches Ich zu finden und es in all seiner Pracht zum Vorschein zu bringen. Wir kommen zusammen und laufen durch die Stadt—singen, feiern und nehmen jeden auf.

Wie kommt es, dass diesem altertümlichen Fest mittlerweile wieder eine so große Bedeutung beigemessen wird?
Die Menschen verlieren immer mehr die Verbindung zur Natur. Man kann heutzutage nur noch gegen die Welt rebellieren, wenn man sich wieder naturnahen Theologien und Traditionen zuwendet.

Aus diesem Grund wächst die Hexenbewegung in Australien auch exponentiell. Allein in Brisbane gibt es 39 Hexenzirkel—von einer Gruppe 16-Jähriger bis hin zur EarthWorm-Gruppe, die es seit 30 Jahren gibt und deren Mitglieder im Schnitt zwischen 65 und 70 Jahr alt sind.

Erzähl mir vom Wildwood-Hexenzirkel.
Eigentlich bin ich nicht direkt Mitglied eines Hexenzirkels—ich ziehe von einer Gruppe zur anderen und stehe mit ihnen allen in Kontakt. Der Wildwood-Hexenzikel ist eine der jüngeren Gruppen, deren Mitglieder im Schnitt 18-25 Jahre alt sind.

Wildwood verbreitet ein visionäres Statement in ihrem Lied: Ihrer Meinung nach sind wir alle eins und sind durch Einheit, Ehrlichkeit und Wahrheit miteinander verbunden. Sie fordern Akzeptanz, Liebe und Verständnis für jedermann. Sie wollen Licht aus Dunkelheit, Respekt aus Verleumdung und Wissen aus Ignoranz schaffen.

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Sie wollen lernen, einander zu berühren und zu lieben, ohne dass es etwas Sexuelles haben muss. Aus diesem Grund schließen sich Leute einem Hexenzirkel an: Man ist unter Brüdern und Schwestern. Sie bekommen die Unterstützung einer Familie, nachdem sie von ihren eigentlichen Familie verstoßen wurden, weil sie in deren Augen schwarze Schafe waren.

Spielt Sexualität auch eine Rolle bei den Hexen von Wildwood?
Ja, eine sehr große sogar. Es geht allerdings mehr um sexuelle Autonomie und Selbstbestimmung als um Sexualität selbst. Viele junge Menschen, die sich mit 18 oder 19 einem Zirkel anschließen, haben sich gerade vor ihren Eltern geoutet oder stehen noch ganz am Anfang ihrer Reise zu sexueller Diversität. Innerhalb des Zirkels haben sie die Möglichkeit, innige Beziehungen in einem sicheren Umfeld aufzubauen.

Denkst du, dass sich junge Menschen in Hexenzirkeln—besonders diejenigen, die sich geoutet haben—schon immer von der Gesellschaft ausgeschlossen gefühlt haben?
Oh ja, das ist einer der Hauptgründe, warum sich Menschen einem Hexenzirkel anschließen: das Zugehörigkeitsgefühl, das Gefühl von Verbundenheit und das Gefühl, zum ersten Mal Teil einer Gruppe zu sein—vor allem, weil viele von ihnen von Gleichaltrigen für ihre Talente verspottet wurden, wie die Zukunft vorauszusagen oder Gedanken zu lesen.

Was tun Hexenzirkel, um eine sichere Atmosphäre zu schaffen, in der jeder seine eigene Sexualität erforschen kann?
Es ist eine dynamische Erfahrung: Jeder Hexenzirkel hat einen inneren Kreis von Hohenpriestern und -priesterinnen, die in der Regel schon mehr als drei Jahre Mitglied des Zirkels sind. Dann gibt es da noch den äußeren Kreis: das sind die Neuen, die die Abläufe des Zirkels erlernen wollen.

Der innere Kreis ist dafür verantwortlich, dass sich die Menschen im äußeren Kreis sicher fühlen. Das hat auch viel mit Mentoring zu tun. Viele junge, homosexuelle Männer, die sich gerade geoutet haben, empfinden es als äußerst bestärkend und belebend, erwachsene homosexuelle Männer zu sehen, die ein hohes Ansehen genießen.

Worum geht es beim Brisbane Beltane March?
Es geht darum, den Frühling und das Erwachen der Sexualität zu feiern—das Bedürfnis, nach dem Winterschlaf nach draußen zu gehen, einen neuen Partner zu finden und die Energie und das Blut in Wallung zu bringen. Man springt mit Leuten, zu denen man eine enge Beziehung hat, durchs Feuer, um das Band zu erneuern. Das Feuer ist ein Symbol für unsere Schwierigkeiten, die wir mit der Liebe und Unterstützung des anderen überwinden.

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Der Trank, den die Hexen vorbereiten—was ist das?
Das ist Glühwein, der zum Teil noch von Ritualen stammt, die vor vielen, vielen Jahren stattgefunden haben. Was übrig bleibt, wird in einer traditionellen Flasche gesammelt und in das Gebräu des nächsten Jahres gemischt.

Vor dem Ritual verbringen die Hexen mehrere Tage damit, sich um das Gebräu zu kümmern und es mit Liebe und Energie anzureichern. Das ist ein wunderschönes, sinnliches Schauspiel und man kann einfach nicht anders, als sich von der saisonalen Stimmung und dem Fluss des Lebens mitreißen zu lassen.