Wie Taylor Swift zur Neonazi-Ikone wurde

Einer Verschwörungstheorie zufolge will die Sängerin die Welt durch ihre Musik mit rechtem Gedankengut infiltrieren. Grund genug für die rechtsextreme Szene, sie als arische Gottheit zu verehren.

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Mai 25 2016, 6:30am

Image via Wikimedia Commons

Jede Gruppe in unserer Gesellschaft hat ihre Popikone: Homosexuelle Männer verehren Cher, afroamerikanische Frauen lieben Beyoncé und Neonazis vergöttern Taylor Swift—das dünne, blonde Mädchen aus Pennsylvania, das sie als ihre „arische Göttin" bezeichnen. Nazis und Mitglieder der alternativen Rechten—eine Internetsubkultur, die man am besten als Schnittmenge zwischen der Hipsterkultur und der Neonaziszene bezeichnen könnte—haben die Theorie aufgestellt, dass Taylor Swift insgeheim ein Nazi ist. Sie behaupten, dass Swift mithilfe ihrer Songs die Welt mit ihrem konservativen, rassistischen Gedankengut infiltrieren würde. (Taylor Swifts Vertreter, der Publizist Tree Paine, wollte hierzu gegenüber Broadly keinen Kommentar abgeben.)

„Taylor Swift ist zuallererst eine reine arische Göttin wie aus einem klassischen griechischen Gedicht—eine wiedergeborene Athene. Das ist das Allerwichtigste", erklärt Andre Anglin, einer der Autoren hinter dem Nazi-Blog The Daily Stormer. „Zudem ist es eine allgemein bekannte Tatsache, dass Taylor Swift insgeheim ein Nazi ist und einfach nur darauf wartet, dass ihr Donald Trump den Weg ebnet, bis es sicher genug ist, um sich zu outen und der Welt ihre arischen Ansichten zu verkünden. Höchstwahrscheinlich wird sie sich mit Trumps Sohn verloben und dann werden sie zu den Königen Amerikas gekrönt." (Eigentlich hält Swift ihre politischen Ansichten aus der Öffentlichkeit fern, aber nachdem Obama zum Präsidenten gewählt wurde, sagte sie gegenüber dem Rolling Stone: „In meinem ganzen Leben habe ich noch nie erlebt, dass dieses Land nach einer politischen Entscheidung so glücklich war. Ich bin froh, dass das meine erste Wahl war.")

Es ist nicht klar, seit wann der Popstar in der Neonaziszene derart verehrt wird. Anglin glaubt, dass die Swift-Nazi-Memes wahrscheinlich seit „Teardrops on My Guitar" existieren. „Manche Leute sagen, dass sie nur durch die Memes so berühmt wurde—aber das kann man natürlich nicht so genau sagen", meint er. „Wir sind jedoch sicher, dass Nazis sich vom ersten Moment an, als sie sie gesehen haben, durch ihre formvollendete arische Erscheinung und ihr engelsgleiches Auftreten angezogen gefühlt haben."

Foto: Unbekannter Autor | Wikimedia Commons | Public Domain

Milo Yiannopoulos von dem rechten Magazin Breitbart News Network glaubt, dass die Memes ursprünglich von einem Pinterest-User namens @poopcutie stammen. Hinter dem Nutzernamen verbirgt sich eine Teenagerin namens Emily Pattison. 2013 hat sie angefangen Memes zu pinnen, in denen sie Swift Zitate von Adolf Hitler in den Mund gelegt hat, um wiederum Memes zu parodieren, die inspirierende Zitate fälschlicherweise mit Marilyn Monroe in Verbindung gebracht haben. Pattison versah ein Bild, das Swift in einem Ballkleid unter Bäumen zeigt, mit einem Zitat von Hitler: „Wie bei allem ist die NATUR, das beste Vorbild." BuzzFeed übernahm ihre Posts ohne Pattinsons Einwilligung und so wurden ihre Memes ein viraler Hit. „Jeder möchte, dass die eigenen Inhalte viral verbreitet werden", sagt sie. Sie musste jedoch bald lernen, dass der kurzweilige Ruhm im Netz auch seine Schattenseiten hat, nachdem Swifts Anwalt J Douglas Baldridge einen Drohbrief an Pinterest geschrieben hat, welcher Broadly von Pattinson zur Verfügung gestellt wurde. In einem Abschnitt des Briefes heißt es:

Die Assoziation von Miss Swift mit Adolf Hitler ist unbestreitbar ‚rufschädigend', ‚beleidigend', ‚ethnisch anstößig', ‚beleidigend gegenüber anderen Menschen', ‚verleumderisch' und ohne Zweifel auch ‚auf andere Weise anstößig'. Es tut nichts zur Sache, dass Miss Swift eine Person des öffentlichen Lebens ist oder dass Pinterest nun zweckdienlich argumentiert, dass es sich bei dem vorliegenden Deliktmaterial um reine Satire beziehungsweise eine Parodie handelt. Personen des öffentlichen Lebens haben Rechte. Und es gibt bestimmte historische Figuren wie Adolf Hitler, Charles Manson oder andere, die im Rechtsfall und in der Popkultur allgemein emotionale und negative Reaktionen anziehen.

Unter Berufung auf die Satirefreiheit hat sich Pinterest geweigert, die Hitler-Swift-Memes zu löschen. „Ich habe keine weiteren Memes mehr gemacht, aber ich habe meine Pinnwand auch nicht gelöscht", sagt Pattinson gegenüber Broadly. Gleichzeit tauchten jedoch neue Accouts mit Hitler-Swift-Memes auf.

Auf Facebook gibt es eine Gruppe mit dem Namen „Taylor Swift für Fascist Europe", also „Taylor Swift für ein faschistisches Europa", die mehr als 18.000 Likes hat. Der Admin der Gruppe—der anonym bleiben möchte—sagte Broadly in einer E-Mail, dass er sich wünscht „Europa [mithilfe des Faschismus] zu bewahren". „Der Faschismus widersetzt sich dem Marxismus nicht nur traditionsgemäß, vielmehr stehen die antimarxistischen Prinzipien im Zentrum unserer Ideologie, anstatt—wie die traditionellen konservativen Ideologien—nur eine einfachen Opposition gegen den Kommunismus zu bilden", schreibt er. „Nur durch die Zerschlagung des Marxismus kann Europa zu seiner alten Größte zurückkehren und nur der Faschismus kann diese Zerschlagung garantieren." Obwohl er nicht glaubt, dass Swift die Massen insgeheim beeinflusst, ist er doch der Meinung, dass sie den arischen „Geist" verkörpert.

Screenshot: Taylor Swift for Fascist Europe

„Arisch zu sein, hängt nicht nur mit dem Blut zusammen, sondern ist auch eine Frage des Geistes", sagt der Gruppenadministrator in seiner E-Mail an Broadly. „Nehmen wir beispielsweise Kim Kardashian oder Miley Cyrus: Beide haben dasselbe nordische Blut wie Swift, aber weshalb sind die beiden dann zu degeneriert, um zu Ikonen des Faschismus zu werden? Das liegt—unabhängig von ihrem arischen Blut—daran, dass die beiden nicht arisch im Geiste sind. Nur wer arisch im Geiste ist, ist eine Bereicherung für den Faschismus."

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Tatsächlich bewundern die Faschisten Taylor Swift. Der Daily Stormer hat 24 Beiträge über Swift veröffentlicht, darunter auch „Die arische Göttin Taylor Swift wird beschuldigt, rassistisch zu sein, weil sie sich in einem ihrer Musikvideos wie ein Affe benommen hat" und „Feministin nennt Taylor Swift einen Nazi." Wie Yiannopoulos betont, befürchtet der Blogger Michael Collins, dass sich Swift „dem Handel beugen" könnte—ein Nazicode für „jüdisch".

„Es ist unglaublich, dass sie von all diesen dreckigen, pervertierten Juden umgeben ist und dennoch in der Lage ist, noch immer die Reinheit, Weiblichkeit und Unschuld der 50er-Jahre auszustrahlen", sagt Anglin. „Sie ist die Anti-Miley. Während Miley Gruppensex mit farbigen Männern hat, bleibt Taylor Swift zu Hause mit ihrer Katze und liest Jane Austen."

Yiannopoulos schreibt, dass Swift eine Offenbarung für die Rechtsextremen ist, weil sie die Ausstrahlung einer geborenen Konservativen hat, ihre politischen Überzeugungen gleichzeitig aber auch vor der Öffentlichkeit unter Verschluss hält. Aufgewachsen ist der blonde, blasse Star in Pennsylvania, einer der 13 alten amerikanischen Kolonien, während ihr Vater als Vermögensverwalter und Vizepräsident der US-Bank Merrill Lynch tätig war. Zu Beginn ihrer Karriere hat Swift vor allem Country-Songs gesungen—das Genre, das auch die Menschen lieben, die gleich zwei Mal für George W. Bush gestimmt haben.

Die Anhänger des rechtsextremen Flügels sagen außerdem, dass die Memes nur dazu da sind, um die Leute zu ärgern und zu provozieren—die Seite von „Taylor Swift for Fascist Europe" wird beispielsweise als Satireseite auf Facebook aufgeführt. Das mag zwar sein, aber die Sache mit rassistischen Witzen ist eben die: sie kommen oft genug aus dem Mund von Rassisten. „Die gesamte rechtsextreme Bewegung wartet auf den Tag, an dem wir unsere Schwerter niederlegen und vor ihrem Thron niederknien können", sagt Anglin, deren Engagement für Swifts Aufstieg als Galionsfigur der Rechtsextremen ungebrochen ist, „während sie uns den Befehl gibt, weiterzuziehen und die degenerierten Feinde der arischen Rasse niederzumetzeln."


Titelbild: Eva Rinaldi | Flickr | CC BY-SA 2.0