Illustration: Eleanor Doughty

Wann zählt Sex auf MDMA als Vergewaltigung?

Drogen wie MDMA machen offener – auch sexuell. Und es gibt Menschen, die das ausnutzen.

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Sep. 4 2017, 7:00am

Illustration: Eleanor Doughty

Nachdem es auf dem schwedischen Bravalla-Festival dieses Jahr zu 27 sexuellen Übergriffen gekommen war, ist die Debatte um die Sicherheit von Frauen auf Musikfestivals wieder entfacht. Während dadurch klar wurde, dass diese für viele Festivals seit Jahren ein Problem ist, ist nicht abschließend geklärt, welche Rolle beliebte Partydrogen dabei spielen.

Während sogenannte Vergewaltigungsdrogen in der Regel narkotisierende Substanzen sind, die dem potentiellen Opfer heimlich in ein Getränk oder das Essen gemischt werden, um sie zu betäuben und damit wehrlos gegenüber sexuellen Übergriffen oder einer Vergewaltigung zu machen, nehmen Festivalbesucher oft freiwillig Drogen. Die häufigsten als Vergewaltigungsdrogen eingesetzten Substanzen sind Benzodiazepine, GHB/GBL und Ketamin. Die populärste Droge auf Musikfestivals dürfte neben Alkohol und Marihuana hingegen MDMA sein.

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MDMA – oder in Pillenformal als Ecstasy – ist in den letzten Jahren immer wieder in den Nachrichten oder im popkulturellen Kontext als Vergewaltigungsdroge genannt worden. Der Song "One Night In NYC" von The Horrorist beispielsweise widmet sich dem Thema und schaffte es 2001 auf Platz eins der deutschen Dance Charts. Vor einem echten Gericht musste sich 2014 hingegen CeeLo Green verantworten. Eine Frau beschuldigte ihn, dass er ihr bei einem gemeinsamen Abendessen heimlich Ecstasy in den Drink getan hatte. CeeLo gab an, dass sie die Droge freiwillig genommen und mit ihm Sex gehabt habe, enthielt sich allerdings letztendlich bei der Schuldfrage. Der Rapper wurde zu drei Jahren Bewährung und 360 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Im März 2016 musste sich ein weiterer Mann in Los Angeles vor Gericht verantworten, weil er versucht hatte, seiner Kollegin heimlich MDMA ins Getränk zu mischen.

Dr. James Giordano ist Dozent für Neurologie und Biochemie am Georgetown University Medical Center. Gegenüber Broadly erklärt er, dass eine Person, die vorhat, jemanden mithilfe einer Droge zu sexuellen Handlungen zu nötigen, wahrscheinlich nicht MDMA dazu wählen würde. Schließlich würde die Substanz einen nicht bewusstlos oder hilflos machen. Und obwohl die Droge vor allem für ihre euphorische Wirkung bekannt ist, kann sie Konsumenten auch sensibler gegenüber unangenehmen Situationen machen – also die Wahrscheinlichkeit steigern, dass der oder die Betroffene eine Szene macht. Psychopharmakologin Dr. Julie Holland, Autorin von Ecstasy: The Complete Guide, stimmt dem zu: "Es gibt keinen Erinnerungsverlust für die Zeit, in der du unter dem Einfluss von MDMA stehst", sagt sie gegenüber Broadly. "Es wirkt außerdem in keiner Weise sedierend oder einschläfernd."

Während manche Drogen Menschen reaktionslos und damit wehrlos machen, kann MDMA dazu führen, dass man zu Dingen "Ja" sagt, denen man sonst nie zustimmen würde.

Auf die Frage allerdings, ob es als sexueller Übergriff zählt, wenn jemand ganz bewusst eine Person auf MDMA ins Visier nimmt – schließlich kann das Wirkungsspektrum der Droge erhöhte sexuelle Erregung und Bereitschaft, sexuelle Risiken einzugehen, beinhalten –, antwortet sie: "Wahrscheinlich". Ähnlich sieht das Dr. Ian Hindmarch, der Dozent für Humanpsychopharmakologie an der University of Surrey ist. Allerdings "können sich die Opfer durch MDMA 'verknallter' fühlen und damit Sex eher 'zustimmen'."

Es ist diese "Zustimmung" oder das "Einvernehmen", die die Einordnung von MDMA als Vergewaltigungsdroge potenziell kompliziert machen. Während manche Drogen Menschen reaktionslos und damit wehrlos machen, kann MDMA dazu führen, dass man zu Dingen "Ja" sagt, denen man sonst nie zustimmen würde – oder sie sogar initiiert.

"Ich erinnere mich an ein Date, bei dem das Mädchen, mit dem ich unterwegs war, zum ersten Mal in ihrem Leben MDMA genommen hat, ohne mir davon was zu sagen", erzählt Daniel Saynt, der den Sexclub NSFW leitet und Workshops zu den Schwerpunkten Einvernehmen und Drogenkonsum gibt. "Ihr Tanz wurde wilder und sie zog mich immer wieder zu sich heran, um mich zu küssen." Außerdem habe sie auch andere Menschen ganz bewusst angetanzt und einem anderen Mädchen Küsse aufgedrängt. Obwohl sie dieses Verhalten eindeutig selbst initiiert hatte, entschied Saynt, dass sie ihre Handlungen zu sehr von der Droge beeinflusst waren. Er nahm sie mit sich von der Tanzfläche und setzte sich mit ihr hin, bis sie sich etwas beruhigt hatte.


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Allerdings geht nicht jeder so mit Menschen auf MDMA um. Laut Dr. Fiona Vera-Gray von der Durham Law School und Koordinatorin eines Notrufs für Vergewaltigungsopfer, gäbe es Personen, die ganz bewusst Konsumentinnen auflauern. Sie erklärt, dass Menschen, bewusst Vergewaltigungsmythen ausnutzen, um ungestraft mit ihren Handlungen davonzukommen.

"Das bedeutet auch, dass Frauen ins Visier genommen werden, die wahrscheinlich nicht über die Taten dieser Männer sprechen – weil sie sich selbst irgendwie schuldig fühlen oder befürchten, kritisiert zu werden", erklärt sie. "Oder sie wählen Frauen, denen nicht geglaubt werden würde, wenn sie Vorwürfe erheben. Weil zum Beispiel ihre Erinnerungen zum Teil verschwommen sind oder sie sich in einer Weise verhalten haben, die in den Augen der Gesellschaft nicht zu einem Vergewaltigungsopfer passt – weil sie sich danach eine Lieblingsband angeguckt haben oder auf Fotos eine gute Zeit zu haben scheinen."

Tracey Wise, Gründerin von Safe Gigs for Women, ist ebenfalls der Meinung, dass Drogen eine Rolle bei der Epidemie sexueller Übergriffe auf Festivals spielen und dass "jemand, der ausnutzt, wenn jemand bereits auf MDMA ist, genau so problematisch ist, wie es jemandem heimlich zu geben. Die Person weiß schließlich, dass die andere Person nicht wirklich ihr Einvernehmen geben kann."

Die meisten seriösen Tätowierer würden sich weigern, jemanden zu stechen, der high ist. Drogen beeinflussen die sexuelle Entscheidungsfindung genauso.

Tatsächlich zeigt eine Studie des amerikanischen Departmens of Justice von 2005, dass zwar nur 4,2 Prozent von 144 Menschen, die einen sexuellen Übergriff meldeten, unter Drogen gesetzt worden waren, 35,4 Prozent während des Vorfalls allerdings unter Drogeneinfluss standen. Neben der heimlichen Verabreichung von K.O.-Tropfen lässt sich also auch das vorsätzliche Ausnutzen des Rauschzustands einer Person als eigene Vergewaltigungstaktik beschreiben.

Ein weiteres Szenario des drogengestützten Übergriffs liegt vor, wenn das Opfer die Droge bewusst und freiwillig vom Täter annimmt. Eine Frau, die anonym bleiben möchte, erzählt gegenüber Broadly, dass ein ehemaliger Sexualpartner ihr 2011 MDMA in Pulverform gegeben hatte, bevor er sie vergewaltigte. "Ich glaube, er hat mir das MDMA gegeben, weil er Sex mit mir wollte und sich wohl dachte, das würde die Wahrscheinlichkeit steigern", berichtet sie. Sie kann sich nicht mehr genau daran erinnern, was passiert ist, nachdem sie das MDMA genommen hat. Sie hat ihn nicht angezeigt.

Sexuelle Aktivitäten mit einer Person, die unter dem Einfluss irgendeiner Droge steht, die die Fähigkeit zum richtigen Einvernehmen beeinflusst – selbst wenn die Person ihr Einvernehmen zu signalisieren scheint –, könne rechtlich als Übergriff oder Nötigung gewertet werden, sagt Strafverteidigerin Yosha Gunasekera gegenüber Broadly. Das trifft zu, wenn der Täter die Droge verabreicht oder ausnutzt, dass jemand unter ihrem Einfluss steht. In letzterem Fall müsse die Staatsanwalt allerdings beweisen, dass der Angeklagte über den Zustand seines Opfers bescheid wusste. In Deutschland fallen solche Fälle unter den Strafbestand des sexuellen Missbrauchs widerstandsunfähiger Personen und schließen auch legale Drogen wie beispielsweise Alkohol ein.

Foto: Trinity Kubassek | Pexels | CC0

Die Staatsanwaltschaft muss in der Regel beweisen, dass die Droge das Opfer "betäubt" – oder eben widerstandsunfähig gemacht – hat, wie es in einem Aufsatz in der Fachzeitschrift Journal of Psychoactive Drugs heißt. Strafverteidiger Todd A. Spodek sagt auf eine Anfrage von Broadly, dass er auf dieser Grundlage einem Mann zum Freispruch verholfen habe. Seinem Mandanten wurde vorgeworfen, eine Frau, die auf MDMA war, sexuell genötigt zu haben. "Wenn du die ganze Nacht in einem Club durchtanzt, mit Freunden abhängst und trinkst, in ein Auto steigst, wach bist und eine Unterhaltung führen kannst, bevor du zu Bett gehst, würden die Beweise für ein mögliches Einvernehmen sprechen."

Einige Anwälte sehen das allerdings anders. Hindmarch hat einmal als Experte in einem Fall ausgesagt, in dem dem Beschuldigten ein sexueller Übergriff mithilfe MDMA zur Last gelegt wurde. Er argumentierte als Experte, dass die Droge das Opfer tatsächlich "betäubt" habe. Schließlich sei Betäubung ein Zustand, "in dem das Verhalten nicht länger bewusst unter Kontrolle ist". Da MDMA ein Entaktogen ist – eine Droge, die das Empathievermögen verstärkt –, könne es die eigene Fähigkeit zum Einvernehmen beeinträchtigen. Bei der Entscheidung des Gerichts setzte sich letztendlich allerdings die Betäubungsdefinition des Verteidigers durch. Eine Betäubung liege nur vor, "wenn eine tatsächliche Betäubung herbeigeführt wird."

Der Neurologe Dr. Giordano sieht in der Wirkung des MDMA auch eine Beeinträchtigung der eigenen Willenskraft. Da es das Gehirn mit Serotonin überflutet, könne es Konsumenten entspannt und leichtgläubig genug machen, um bei allem mitzumachen, was andere vorschlagen. Wenn Hemmungen abgebaut werden, könne das zu einer erhöhten Beeinflussbarkeit führen Kombinier das mit einem Verlangen nach Bindung, Berührung und Sympathiebekundungen für Menschen, die du sonst nicht mögen würdest, und schon sagst du vielleicht Ja zu Dingen, die du normalerweise ablehnen würdest. Dr. Giordan macht einen anschaulichen Vergleich: Die meisten seriösen Tätowierer würden sich weigern, jemanden zu stechen, der high ist. Drogen beeinflussen die sexuelle Entscheidungsfindung genauso.

"Wenn die Droge dazu verwendet wird, die Fähigkeit einer Person zu beeinträchtigen, ihr Einvernehmen zum Sex zu kommunizieren, dann ist das Vergewaltigung."

Chardonnay Madkins, Projektmanagerin von End Rape on Campus, sagte gegenüber Broadly, dass die Wirkung von MDMA, andere Menschen zufriedenstellen zu wollen, jeden vermeintlichen Konsens unter Einfluss der Droge infrage stellt. Die Therapeutin und Sexualpädagogin Dr. Kathryn Stamoulis stimmt zu, dass MDMA zwar die Fähigkeit, sich zu wehren intakt lässt, aber das Verlangen, sich zu wehren, beeinträchtigen kann. "Die Droge soll ein Gefühl der Harmonie, Euphorie, Entspannung, etc. hervorrufen. Dementsprechend ist ein Mensch unter ihrem Einfluss nicht wirklich fähig, das Gefahrenpotential einer Person einzuschätzen", erklärt sie gegenüber Broadly. "Der Kampf-oder-Flucht-Instinkt ist dementsprechend gestört."

Nichtsdestotrotz nehmen viele Menschen MDMA, haben Sex und wachen am nächsten Tag auf, ohne sich missbraucht oder ausgenutzt zu fühlen. "Sex mit jemandem, der zu beeinträchtigt für richtiges Einvernehmen ist, ist immer Nötigung. Ich würde aber sagen, dass es auf die Person, die Dosis und die verbleibenden kognitiven Fähigkeiten ankommt. Man müsste das Fall für Fall betrachten", so Mel Kelly von Safer Gigs for Women gegenüber Broadly. "Einvernehmen würde voraussetzen, dass die Person sich in vollem Bewusstsein darüber ist, was sie tun wird und womit sie OK ist. Die Beteiligten müssen die Entscheidung treffen." Selbst diese Definition lässt ein paar Unklarheiten offen – was zählt als "in vollem Bewusstsein sein" und wie lässt sich mit Sicherheit sagen, ob jemand "OK" mit etwas ist? Da diese Maßstäbe vollkommen subjektiv und anfällig für Missverständnisse oder absichtliche Fehlinterpretationen sind, schlägt Vera-Grey vor, als Indikator zu nehmen, ob die Person nur mit einem Sex will, weil sie drauf ist. Wenn das unklar ist, lässt man die Sache besser sein.

"Es gibt verschiedene Rausch-Abstufungen und wenn man es verantwortungsvoll und mit einem Partner macht, dem man vertraut, können bewusstseinsveränderte Zustände zu einer großartigen sexuellen Erfahrung führen", sagt Saynt. In seinen Workshops weißt er allerdings darauf hin, dass man diese Erfahrungen auf Partner beschränken sollte, die man gut kennt. Man sollte die Sache außerdem nüchtern planen und sich währenddessen immer wieder bei seinem Gegenüber vergewissern, weil sich die Wirkung der Droge im Laufe vielleicht erhöht oder verändert. Er rät auch dazu, die Freunde eines potentiellen Partners zu fragen, ob er oder sie sich normal benimmt. Generell solle man sexuelle Interaktionen mit jedem meiden, der lallt, sich ungewöhnlich körperlich verhält oder Probleme hat, eine Unterhaltung zu führen.

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Angesichts der vielfältigen und bisweilen unvorhersehbaren Arten, auf die MDMA Konsumenten beeinflussen kann, sei die Zustimmung einer Person, die gerade im Rausch ist, allerdings nie zu 100 Prozent gewährleistet, so Giordano. "Die Präsenz einer Substanz, die den emotionalen Zustand und die Fähigkeit einer Person beeinflusst, rationale Entscheidungen zu treffen, wird ihre Fähigkeit beeinträchtigen, ein kompetentes Urteil zu treffen. Die Grenzen zwischen 'Ja, ich will das' und 'Nein, das will ich nicht' sind dann verändert."

Die Antwort darauf, ob MDMA eine Vergewaltigungsdroge sein kann, hängt davon ab, wie man den Begriff definiert. Um der komplexen Bandbreite und Realität sexueller Übergriffe, bei denen Drogen im Spiel sind, gerecht zu werden, brauchen wir vielleicht eine breitere Definition. Madkins definiert eine Vergewaltigungsdroge als eine, "die dazu verwendet wird, Vergewaltigungen zu erleichtern – egal, ob das Opfer sie freiwillig genommen hat, oder nicht." Und weiter: "Wenn die Droge dazu verwendet wird, die Fähigkeit einer Person zu beeinträchtigen, ihr Einvernehmen zum Sex zu kommunizieren, dann ist das Vergewaltigung. Die Droge wird in diesem Fall verwendet, um jemanden zu vergewaltigen."

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