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Illustrations by Ben Thomson

Wenn Tagträume zu einer psychischen Krankheit werden

Rebecca Kamm

In unseren Träumen sind wir immer ein bisschen glücklicher, erfolgreicher und schöner. Manche Menschen weigern sich allerdings, diese Traumwelt wieder zu verlassen – mit schwerwiegenden Folgen.

Illustrations by Ben Thomson

Andrea tut es drei Stunden am Tag. Sie rollt sich auf ihrem Bett von einer Seite auf die andere und hört dazu Musik. Es gibt ihr ein "sicheres, warmes, aufgeregtes, glückliches, zufriedenes und ausgeglichenes" Gefühl. Sie glaubt allerdings auch, dass ihre Tagträume der Grund sind, warum sie nie geheiratet hat. Sie ist Kommissarin und hat Angst, dass irgendwer davon erfahren könnte.

Bills Tagträume können bis zu acht Stunden dauern. Der Hausmeister tut es in der Dunkelheit seines Schlafzimmers oder auf langen, einsamen Spaziergängen. Dazu hört er immer wieder dieselbe Playlist in Dauerschleife. Einmal ist er fünf Stunden am Stück spazieren gegangen, ohne es zu merken. Als er schließlich anhielt und an sich runterschaute, sah er, dass seine Fersen bluteten.

Für Julia ist es undenkbar, einen Beruf zu haben, denn ihre "Trigger lauern überall." Stattdessen lacht, weint, singt und redet sie tagsüber während ihrer Tagträume. Meist taucht sie erst Stunden später völlig erschöpft wieder aus dem Nebel ihrer Wachfantasien auf, die mehr als 70 Prozent ihrer Zeit in Anspruch nehmen. Sie glaubt, dass ihre Freunde schon bemerkt haben, dass irgendetwas mit ihr los ist.

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Im Jahr 2002 bemerkte Dr. Eli Somer, Professor für klinische Psychologie an der Universität von Haifa in Israel, dass sechs der 24 Missbrauchsopfer, die er damals in Behandlung hatte, "gelegentlich von der geheimen, inneren Fantasiewelt erzählten, in der sie lebten."

Allerdings ließen sie nicht nur ihre Gedanken schweifen, wie es so die meisten von uns tun. Sie spielten in ihren Gedanken überaus reale und minutiös ausgearbeitete Geschichten durch, die einen Großteil ihrer Wachzeiten einnahmen. Sie träumten von idealisierten Versionen von sich selbst, von engen Freundschaften, Ruhm, Liebe, Rettung oder Flucht. Auch berühmte Schauspieler und Sänger tauchten häufig in ihren Traumwelten auf.

Viele von ihnen führten repetitive Bewegungen aus – gehen, wiegen, drehen oder einen Ball in die Luft werfen – und spielten dazu emotionsgeladene Musik ab, weil es ihnen – wie sie selbst sagten – half, ihre Lieblingsszenarien hervorzurufen und zu verlängern.

Was Somer beunruhigte, war nicht die Intensität dieser Aktivität, sondern vielmehr die Zeit, die das Ganze in Anspruch nahm. "Die meisten Menschen haben Tagträume", sagt er von seinem Büro in Haifa aus. "Das ist ein ganz normales Phänomen, das wie jedes andere psychiatrische Phänomen auf einer Skala von normal bis anormal stattfinden kann." Seine Patienten zeigten keine Anzeichen für eine Psychose oder eine Schizophrenie und wussten selbst mitten im Tagtraum, dass das Ganze nicht real war.

Ich hatte noch nie den Drang zu verreisen – selbst auf den Eiffelturm zu steigen, ist in meinem Kopf tausendmal besser.

Was Somer auch beunruhigte, war die Tatsache, dass seine Patienten nicht aufhören konnten tagzuträumen. Sie behaupteten, süchtig zu sein und wie bei jeder anderen Sucht litt auch ihr Alltag darunter. Freunde, Karriere, Beziehung – selbst wenn sie sich ein "normales Leben" aufgebaut zu haben schienen, begann ihre Fassade meist nach kurzer Zeit an den Rändern zu bröckeln.

Ratlos veröffentlichte Somer seine Ergebnisse im Rahmen einer Forschungsarbeit und nannte dieses Verhalten "Maladaptive Daydreaming" (MD), auch Wachfantasien genannt. Er beschrieb dieses Phänomen als "exzessive Aktivität der Fantasie, die menschliche Interaktion ersetzt und/oder die schulische, zwischenmenschliche oder berufliche Funktionstüchtigkeit einschränkt." Doch die Mitglieder der Forschergemeinde zuckten noch nicht einmal mit der Schulter. Also stellt er seine Arbeit ein.

Kurz darauf erreichte ihn eine Flut von E-Mails.

"Sie haben 'intensive Fantasien' und andere Schlagwörter gegoogelt und fanden meinen kurzen Artikel", sagt Somer, der von der Resonanz seines Textes noch immer beeindruckt ist. "Mich erreichten zigtausend E-Mails aus allen Ecken der Welt. Viele flehten mich an: 'Bitte helfen Sie uns. Wir gehen zum Hausarzt, zum Psychologen, aber wir werden nicht ernstgenommen. Bitte helfen Sie uns.'"

Dr. Eli Somer: "Ich wurde von E-Mails überflutet."

Mindestens sechs Stunden am Tag beziehungsweise den ganzen Tag, wenn sie allein ist – so viel Zeit nehmen die Tagträume von Natalie Switala in Anspruch.

Es ist zu einfach, sich sein Hoch zu holen, wenn man Konsument und Dealer in einer Person ist, sagt die 26-Jährige. "Meine verdrehte Logik ist: Warum sollte ich mein Leben leben, wenn ich es mir so viel besser erträumen kann? Ich hatte noch nie den Drang zu verreisen – selbst auf den Eiffelturm zu steigen, ist in meinem Kopf tausendmal besser."

Die Studienberaterin aus dem australischen Canberra fragte sich jahrelang, was mit ihr los war. Dann stieß sie im Netz auf Somers Arbeit, die "alles veränderte."

Mittlerweile sucht sie Unterstützung auf Wild Minds Network – einer Support-Webseite mit mehr als 5.500 selbstidentifizierten "MDlern". "Ich habe mich jahrelang allein gefühlt und war komplett verängstigt, so als wäre ich der einzige Mensch auf dem gesamten Planeten, dem es so geht", heißt es im Informationstext der Webseite. "Ich habe mich unglaublich geschämt und hatte unfassbare Angst davor, dass jemand davon erfahren könnte. Es ist Zeit, dass sich das ändert. Wir sind keine Freaks."

Die riesige Online-Community der MDler ist ein Zeugnis dafür, wie schnell sich neue medizinische Begriffe im Zeitalter des Internets verbreiten. Es gibt Yahoo- und Facebook-Gruppen, Subreddits, Gesundheitsforen, persönliche Blogs und YouTube-Videos – Seiten über Seiten voll umfangreicher Berichte und verzweifelter Fragen: "Überspringst du Teile?", "Muss es dunkel sein?" oder "Wissen deine Freund davon?"

Somer und Kohorten ernten nun, was durch ihre laufende Forschungsarbeit gesät wurde. Ihre neueste Untersuchung wurde anhand von 447 Probanden aus 45 verschiedenen Ländern durchgeführt. Die jüngste Tagträumerin ist 13 Jahre alt, die älteste 78. "Man muss sich eine Fernsehserie vorstellen, die über 30 Jahre lang immer wieder erneuert wird", sagt Teilnehmer Nummer 221. "Man muss nur mal an all die Erfahrungen denken, die die Figuren in dieser Zeit gemacht haben und die man natürlich alle miterlebt hat. Genau das hat mein Kopf in den letzten 30 Jahren gemacht."

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Die Forschung steckt noch immer in den Kinderschuhen, sagt Somer, aber sie wissen nun, dass ein Kindheitstrauma nicht unbedingt der Auslöser von MD ist (obwohl schätzungsweise ein Viertel der Betroffnen während der Kindheit missbraucht wurde). Vielmehr "werden die Menschen wahrscheinlich bereits mit einer Veranlagung zu immersiven, lebhaften Tagträumen geboren." Einige wenige stellen dann fest, dass sie ihre Tagträume gegenüber ihrem echten Leben bevorzugen und können ihrem Reiz einfach nicht widerstehen.

Der Drang zum Tagträumen fühlt sich in etwa so an, als wäre man auf eine Drehscheibe gebunden, die nicht aufhört, sich zu drehen, sagt Natalie, deren Tagträume durch nahezu alles getriggert werden können: ein Lied, eine Werbung – manchmal reicht es schon, wenn sie sich Kleider in einem Magazin ansieht. "Ich stelle mir sofort vor, wie ich in diesen Kleidern aussehen würde und baue eine Geschichte darum herum auf."

"Der Kontrollverlust ist enorm", erklärt sie, "und nach dem Hoch, kommt dann der Fall. Wenn ich versuche aufzuhören, habe ich immer ein Gefühl, als hätte ich einen körperlichen Entzug. Ich werde krank, erbreche und bekomme Migräne." Vor Kurzem schrieb sie in einem lokalen Newsletter zum Thema psychische Gesundheit über ihre Erfahrung. Sie hat kein Problem damit, ihren echten Namen zu nennen. Sie möchte, dass MD normalisiert wird, "damit sich andere Kinder, die stumm leiden, Hilfe suchen können."

"Ich möchte, dass darüber nicht mehr nur im Internet, sondern auch auf der Straße gesprochen wird."

Doch nicht alle Betroffenen wollen mit ihren Gewohnheiten brechen. Den wärmenden Kokon ihrer Fantasie verlassen zu müssen, macht ihnen Angst. "Ich verbringe nahezu jede Sekunde meines Lebens damit", schreibt Redditor SaveItForARainyDay17 und meint, dass er erst vor Kurzem festgestellt hat, dass das, was er tut, einen Namen hat. "Wenn ich das nicht hätte, würde ich wahrscheinlich versuchen, mich umzubringen. Viele Menschen nehmen Drogen, trinken oder spielen, um der Realität zu entfliehen, aber ich habe eben diese Welt."

MD ist eine Kompensationshandlung, sagt Somer. "Nehmen wir zum Beispiel extrem schüchterne und introvertierte Menschen oder Menschen mit sozialen Ängsten: Sie trösten sich damit, sich vorzustellen, dass sie mit Popstars und Rockstars rumhängen oder selbst extrem berühmt sind."

Missbrauchsopfer träumen oft, sie wären Superhelden, die durch die Nacht fliegen und traurige Kinder retten. Manchmal sind sie aber auch diejenigen, die gerettet werden. Männliche Missbrauchsopfer neigen dazu, die gewalttätigsten Tagträume zu haben. "Sie führen Kriege, kämpfen Schlachten mit Schwertern oder bombardieren ihre Feinde."

Natalie stellt sich vor, berühmt zu sein und mit anderen Berühmtheiten befreundet zu sein. Ihr geht es dabei um die Verbindung, sagt sie. Oft geht es um die Rettung "der Jungfrau in Not" – "ein Mann kommt, um mich zu retten und macht durch eine einzige Umarmung alles besser." Manchmal stellt sie sich auch ihren eigenen Tod vor und weint.

Ab einem bestimmten Punkt fühlt es sich wirklich so an, als hätte man zwei verschiedene Leben.

Es ist keine Seltenheit, dass Menschen mit MD ihre Tagträume mit Tragödien Würze verleihen, sagt Somer. "Meine Vermutung ist, dass es dabei immer um eine innere Traurigkeit geht, die zu bedrohlich wirkt, um sie auszusprechen. Also stellen sie sich vor, dass etwas schreckliches passieren würde, wissen dabei aber, dass sie die Intensität ihres Schmerzes regulieren können."

Natalie wurde als Teenager sexuell missbraucht. Ihr Vater war nicht oft zu Hause, sagt sie. "Ich glaube, dass sich meine Träume von einem Mann, der mich liebt, auf meine unerfüllten emotionalen Bedürfnisse zurückführen lassen."

Eigentlich hat sie (im wahren Leben) einen liebevollen Freund, der auch von ihren Tagträumen weiß, aber die beiden reden nicht viel darüber, weil ihre Wachfantasien meist erst dann anfangen, wenn er zur Arbeit gegangen ist. Heute Morgen, sagt Natalie, saß sie im Bett und war umringt von Freunden – einige von ihnen kannte sie, andere nicht. "Gegenüber von mir sitzt immer ein Mann oder jemand, den ich beeindrucken möchte", sagt sie.

"Ich habe Play gedrückt und die Musik fing an, 'Born To Die' von Lana Del Rey zu spielen – so als würde es in meinem Tagtraum tatsächlich spielen. Dann begann ich einfach, drauf los zu singen und die Leute spielten die Instrumente."

Einige Betroffene nutzen die Musik als emotionale Kulisse, ähnlich wie Filmmusik. Andere, so wie Natalie, singen die Texte selbst, als wären sie der Star eines Musikvideos. "Es ist so, als würde ich mir diesen Song spontan ausdenken", sagt sie. "Ich spüre ihren Schmerz." Sie kichert und lacht und redet auch in ihren Tagträumen. "Nichts wichtiges, nur ganz alltäglichen Kram, über den Freunde meiner Vorstellung nach eben so reden."

"Was ich sage und wie ich mich verhalte, entspricht dem, wie ich eigentlich gerne wäre."

Das Gehirn ist ein effizienter, aber äußerst vertrackter Verwalter, der Traumata und Schmerzen auf der Stelle ausblendet – koste es, was es wolle.

Sarah aus Neuseeland ist einsam und deprimiert, aber auch verliebt. Ihr Freund Paul war zunächst nur einer von vielen Menschen in ihren Tagträumen – eine Figur, die sie aus einer Fernsehserie übernommen hat. Nun ist er für fünf Stunden am Tag ihr ein und alles.

Sie weiß, dass das Ganze extrem seltsam klingt. "Ich meine, er existiert ja nicht wirklich. Das ist mir schon klar", schreibt sie in einer E-Mail. "Er ist die große Liebe, die ich niemals haben werde. Der Gedanke an ihn tröstet mich – ganz besonders, wenn ich irgendeine Form von emotionalem Stress habe. Es schmerzt mich wirklich zu wissen, dass ich niemals mit ihm zusammen sein kann. Ich habe den Gedanken, einen Freund zu finden, längst aufgegeben, weil ich glaube, dass ihm sowieso niemals jemand das Wasser reichen kann."

Sarah ist Medizinstudentin und träumt von vergangenen Zeiten. Manchmal kämpft sie im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis oder ist eine mittelalterliche Prinzessin, sagt sie. "Manchmal bin ich auch eine politische Aktivistin aus den 60er-Jahren und eine Schauspielerin oder Autorin aus den 20ern. Es fällt mir ziemlich schwer, mich auf meine alltägliche Arbeit zu konzentrieren. Seit Kurzem habe ich auch Probleme in meinem Studium, was mir wirklich Angst macht."

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"Ab einem bestimmten Punkt fühlt es sich wirklich so an, als hätte man zwei verschiedene Leben. Man fängt an, sich mehr mit seiner Fantasie als mit der Realität zu identifizieren. Das kann von Zeit zu Zeit auch ziemlich frustrierend sein und einem das Gefühl geben, vollkommen hilflos zu sein. Gleichzeitig wird das Bedürfnis, der Realität zu entfliehen, dadurch umso stärker."

Menschen mit MD können ihrem idealisierten Selbstbild nur selten widerstehen. William kommt aus Neuseeland und hat sich als Musiker und Verleger versucht – "aber ich habe mehr Zeit damit verbracht, mir meinen Erfolg vorzustellen, als tatsächlich dafür zu arbeiten."

Der 43-Jährige spielt regelmäßig Konzerte, gibt Lesungen und steht Schulter an Schulter mit Berühmtheiten. Während er träumt, spielt er die Szene in seinen Bewegungen mimisch nach: Wenn er eine Lesung hält, gestikuliert er vor dem Publikum. Wenn er einen Auftritt hat, bewegt er sich hin und her, als wäre es auf der Bühne. Er bekommt vorab sogar Lampenfieber.

Diese Welt ist allerdings weit von der Realität entfernt: In Wahrheit ist William arbeitslos und wartet jeden Tag darauf, dass seine Frau von der Arbeit nach Hause kommt.

"MD ist so ähnlich, wie wenn man sich Pornos ansieht", sagt er. "Du würdest niemals zugeben, dass du es tust und dir ist auch klar, dass du deine Zeit mit etwas sinnvollerem zubringen könntest, aber du tust es trotzdem. Ich würde es aber wenigstens gerne zurückschrauben, damit ich mehr Zeit habe, um wirklich etwas zu tun. Ich weiß aber nicht, was Menschen mit ihren Gedanken machen, wenn sie nicht die ganze Zeit über träumen."

Somers hat das Ziel, maladaptive Tagträume formell als psychiatrische Erkrankung nach dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) anerkennen zu lassen. Dieses Klassifikationssystem wird von Ärzten auf der ganzen Welt verwendet wird, um die psychische Gesundheit ihrer Patienten zu diagnostizieren und zu behandeln.

"Infolgedessen gäbe es auch mehr Psychiater und Psychologen, die die Störung korrekt diagnostizieren würden", sagt er. "Außerdem würde von Seiten der Ärzte auch mehr unternommen werden, um mögliche Behandlungsmethoden zu erforschen." Hinzu kommt aber auch, dass es die Tür für Forschungszuschüsse öffnen würde, die nicht anerkannten Störungen nur äußerst selten gewährt werden.

Doch eine neue Störung in das DSM zu bekommen, welches von der American Psychiatric Association kontrolliert wird, ist eine Wissenschaft für sich. Selbst der National Institute of Mental Health, die weltgrößte Förderorganisation für die Erforschung von psychischen Krankheiten, ist der Meinung, dass die Kategorisierungsprozesse "eher auf einem gemeinsamen Konsens beruhen" als auf "objektiven Laborwerten."

Ich würde ungern eine [weitere] dubiose Kategorie für Tagträume schaffen, die Individuen als maladaptiv betrachten.

Das größte Hindernis, das Somers im Weg steht, ist die Meinung seiner Kritiker, die ihn einer klinischen Kardinalsünde bezichtigen: der Pathologisierung einer normalen geistigen Aktivität. Dr. Eric Klinger, Professor an der Universität von Minnesota, hat den Zusammenhang zwischen einer Traum-Neigung und der Psychopathologie untersucht. Er ist ebenfalls der Meinung, dass das von Somers identifizierte Phänomen als "eine konkrete Form der Störung" bezeichnet werden könnte und "einer klinischen Untersuchung bedarf."

Allerdings, sagt er, "würde ich ungern eine [weitere] dubiose Kategorie für Tagträume schaffen, die Individuen als maladaptiv betrachten."

Das Schlüsselwort lautet an dieser Stelle "Empfehlung." Tagträume hat vermutlich jeder Mensch mit einem intakten Gehirn, erklärt Klinger. Sie nehmen rund die Hälfte unserer Geistestätigkeit ein, bestehen aus mehr als 2.000 "Ausschnitten" täglich und stehen in der Regel im Zusammenhang mit einem persönlichen Ziel – egal ob bewusst oder unbewusst. Dabei ist es eben auch so, dass manche Menschen intensiver tagträumen als andere und einige aus dieser Unterkategorie wünschen sich, dass sie es nicht tun würden – daher der Begriff "maladaptiv."

Allerdings macht dieser Umstand aus MD noch lange keine einzigartige Störung, so Klinger, der auch auf die häufige Überschneidung mit anderen psychiatrischen Störungen hinweist, wie Depressionen und Zwangsstörungen.

Doch nicht alle zwanghaften Tragträumer sind depressiv oder leiden unter Zwängen, meint Somer. Genauso haben nicht alle depressiven Menschen oder Menschen mit Zwängen lebhafte, unkontrollierbare Wachfantasien. "Das wiederum ist eine einzigartige Charakteristik, die die Abgrenzung von MD als eigenständige Störung rechtfertigen würde."

"Außerdem ist es eine Störung."

Jayne Bigelsen ist eine New Yorker Anwältin, die in Harvard studiert und einen Masterabschluss in Psychologie hat. Sie ist die einzige MD-Forscherin, die die zwanghaften Wachfantasien aus erster Hand kennt. Sie hat sowohl in Zusammenarbeit mit Somer als auch allein bereits Arbeiten zu diesem Thema veröffentlicht.

"Niemand hat bisher davon gehört", sagt Bigelsen. "Erst heute habe ich eine E-Mail von einem Psychologen bekommen, der meinte: 'Eine Patienten kam in meine Praxis und sagte, dass sie das hat.' Er hatte noch nie zuvor davon gehört."

Im Alter von drei oder vier Jahren ist Bigelsen zum Teil stundenlang im Kreis gelaufen, hat ein Stück Schnur geschüttelt oder über ihre Zeit in der Schule und ihre Lieblingsfernsehsendungen fantasiert. Im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren "habe ich dann die Kontrolle verloren", sagt sie. "Ich habe jede freie Minute damit verbracht."

Jayne als Kind: "Meine Eltern sind sich ziemlich sicher, dass ich auf diesem Foto gerade einen Tagtraum hatte."

Ihren Abschluss in Jura hat sie nur geschafft, weil sie ihre Fantasie als Lernwerkzeug verwendet hat. Ihre Tagträume drehten sich um General Hospital, also hat Bigelsen aus ihren Charakteren Jurastudenten gemacht. "Ich dachte mir: 'Oh, diese Person braucht Nachhilfe.' Wärend ich also gelernt habe, habe ich der anderen Person den Stoff beigebracht."

Im Jahr 2008, noch bevor sie Somer getroffen hat, überzeugte Bigelsen ihren Psychiater davon, eine Fallstudie über ihre zwanghaften Tagträume zu schreiben, nachdem sie kurz zuvor auf eine Diskussion in der Kommentarspalte einer indischen Elternwebseite gestolpert ist. Sie sprachen über den Stress und die Scham, ihre abgespaltenen Realitäten zu verstecken und sie erkannte sich sofort wieder.

Ein paar Jahre später fand sich Bigelsen in einem fMRI-Hirnscanner wieder. Ein Reporter stieß auf ihre psychiatrische Fallstudie und stellte sie einem Professor der Comlumbia University vor, der Bigelsens Gehirnaktivität während ihrer Tagträume beobachten wollte – insbesondere das dorsale und ventrale Striatum, die Regionen des Gehirns, in denen Freude verarbeitet und erlebt wird.

"Während meiner Wachfantasien", sagt Bigelsen, "wurde mein Belohnungszentrum aktiviert, ähnlich wie wenn man einem Heroinkonsumenten Drogen zeigt."

Somer glaubt, dass es mehrere Gründe dafür gibt, dass das Gehirn maladaptive Tagträume entwickelt. Einer davon könnte eine Zwangsneurose sein, da viele Menschen mit MD darüber klagen, dass sie "das Verlangen hatten, die Szenen und Fantasien zu perfektionieren und immer wieder zu wiederholen, zu verbessern und immer weiterzuentwickeln."

Bigelsens Erfahrungen verleihen dieser Theorie ein ganz neues Gewicht: Sie erlebte eine Verbesserung ihres Zustandes, nachdem ihr ihr Psychiater empfohlen hatte, Fluvoxamin zu nehmen – ein Antidepressiva, das oft bei Zwangsneurosen verschrieben wird, welche bei ihr in der Familie liegen. Nachdem sie begonnen hatte, das Medikament einzunehmen, konnte sie überhaupt nicht mehr tagträumen, "nicht mal, wenn ich es wirklich wollte."

Für rund ein Viertel der Betroffenen, die als Kind misshandelt oder vernachlässigt wurden, beginnt MD dagegen nicht unbedingt mit einer Zwangsneurose, sondern vielmehr als wirkungsvoller Schutzmechanismus in der Kindheit. Somers Patienten erinnern sich daran, dass sie sich "eine bessere, alternative" Familie erträumt haben, als sie Kinder waren – ein Weg, um ihrem Schmerz zu entkommen.

"Das Ganze ist wie eine Seifenoper", erklärt Somer. "Allerdings gibt es kein Drama – nur das normale, friedliche Alltagsleben: Frühstück, Schule und so weiter. Das Erfreuliche daran ist die Normalität und die Verbundenheit, die sie erleben. Wir benötigen alle ein Gefühl der Verbundenheit, um ein geregeltes Leben führen zu können."

Eine weitere Ursache könnte stereotypes Verhalten sein: eine Störung, die in der Kindheit auftritt und auch im DSM auftaucht. Die Erforschung dieser Störung (die von der University of British Columbia angeführt wird) befindet sich noch in einem sehr frühen Entwicklungsstadium, doch die Probanden einer Fallstudie schienen dasselbe Verhalten zu zeigen wie Bigelsen in ihrer Kindheit.

"Sie laufen im Kreis", sagt sie, "und klatschen in die Hände. Wenn man sie fragt, was sie machen, sagen sie alle: 'Ich denke mir Geschichten aus.' oder 'Ich stelle mir was vor.' Ich glaube, das könnte ein kindlicher Vorläufer von MD sein."

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Wenn der Zwang allerdings die Kontrolle übernimmt, sagt Bigelsen, sind die Menschen mit MD ihren Psychiatern und Psychologen meist so weit voraus, dass es sie immer wieder überrascht. "Sie kommen mit unseren Artikel rein und sagen: 'Hier! Das ist echt!'"

Sie weiß, dass sich einige – wenn nicht sogar die meisten – Ärzte gegen die Vorstellung sperren, "Kreativität medizinisch zu behandeln". Ein Forscher fragte sie kürzlich: "Welchen Aspekt normalen menschlichen Verhaltens werden wir als nächstes pathologisieren?"

Abgesehen von den Forschungsergebnissen, den Online-Communities und den unentwegten E-Mails, die sie bekommt, weil Leute auf der Suche nach Hilfe sind, kann Bigelsen auf sich selbst verweisen. "Ich kann dir nur sagen, dass ich jetzt, wo ich meine Tagträume unter Kontrolle habe, glücklicher bin", sagt sie. "Ich kenne den Unterschied."

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei The Wireless.


*Einige Namen wurden geändert, um die Anonymität der Personen zu schützen.