Was ich als Sex-Telefonistin über einsame Männer gelernt habe

Manche Männer träumen von sexualisierter Gewalt, andere reden über ihre Beziehungsprobleme – und einer hat sogar sexuelle Fantasien mit Eichhörnchen.

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Juni 5 2018, 11:03am

Illustration: Erin Aniker

Ich war 20 und arbeitete gerade als Makeup-Artist in einem Stripclub, als mir eine Tänzerin erzählte, wie viel Geld sie als Telefonistin verdiente. Ein weiter Bonuspunkt: Sie konnte von zu Hause arbeiten. Ich war sofort interessiert – auch wenn ich anfangs keine Ahnung hatte, was mich erwarten würde. Die ersten Wochen waren hart, es dauerte, bis ich mich mit meiner neuen Rolle wohlfühlte und Geld verdiente.

Mittlerweile bin ich 24, mache den Job also seit vier Jahren. Es gibt einen Grund, warum ich beim Telefonsex gut bin: Ich bin ziemlich direkt und versuche, authentisch zu klingen.

Schon mein erster Anrufer hatte einen ziemlich ungewöhnlichen Wunsch. "Bist du aufgeschlossen? Würdest du alles für mich tun?", fragte er mich. "Natürlich", antwortete ich. Daraufhin sagte er: "Ich möchte, dass du mir den Arsch trocken föhnst." Er ließ sich auf seiner Seite des Telefonhörers auf alle Viere nieder und ich schnappte mir einen Föhn und hielt ihn neben den Hörer. Währenddessen sollte ich schmutzige Dinge zu ihm sagen.

Danach war ich verwirrt und auch ein bisschen angeekelt. Mit so etwas hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Andererseits, sagte ich mir, müsse es ja einen Grund geben, dass Leute bei Sex-Hotlines anrufen. Wahrscheinlich können sie ihre Fantasien im echten Leben mit niemandem teilen, nicht einmal mit ihrer Partnerin. Der Gedanke, dass ich nicht mit Freaks sprach, sondern Menschen, die mir etwas intimes anvertrauten, half mir dabei, meinen Job besser zu verstehen. Heute bin ich nicht nur Mitarbeiterin bei einer Sex-Hotline, ich bin wortwörtlich eine Therapeutin. Diese Typen erzählen mir einfach alles.

Männer rufen mich nämlich nicht nur für Telefon-Sex an. Sie öffnen sich und erzählen, dass ihre Frau sie betrügt, dass sie gefeuert wurden oder dass sie ihre Kinder seit der Scheidung nicht mehr sehen dürfen. Manchmal geben sie ihre eigenen Fehler zu, manchmal schieben sie die Schuld auf andere. Ich höre immer zu und zeige Mitgefühl. "Es tut mir leid, dass du das durchmachst, aber es gibt immer Licht am Ende des Tunnels”, sage ich oft. “Du wirst nicht alleine sein. Du wirst die Person finden, die perfekt zu dir passt."

Oft geht es aber doch um Sex. Und auch dadurch kann man sehr viel über männliche Befindlichkeiten, Wünsche und Ängste lernen.

Wenn jemand bei der Hotline anruft, für die ich arbeite, wählt er zuerst eine bestimmte Kategorie aus. Das könnte "gerade erst volljährig" oder "alles ist möglich" sein. Meinen Charakter passe ich dann je nach Kategorie an. Wenn ein Anrufer beispielsweise "gerade erst volljährig" ausgewählt hat, fragt er immer als erstes, wie alt ich bin.


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Also sage ich sowas wie: "Darf ich ehrlich sein? Ich bin erst vor zwei Tagen 18 geworden. Meine Eltern sind grad im Urlaub und ich bin eine verwöhnte Göre. Meine Freunde rufen manchmal diese Hotline an und erzählen mir immer, wie toll das ist. Denn hier können sie mit so vielen reifen Typen reden! Also will ich das auch mal probieren und ein bisschen Spaß haben. Ich hab wirklich keine Ahnung, was ich hier mache. Ich hoffe, das stört dich nicht." Die meisten glauben mir das. Wie gesagt: Ich kann am Telefon sehr authentisch klingen.

Manche Anrufer sind sehr süß und machen mir Komplimente. Andere sind aggressiv und rufen an, um mich runterzumachen und zu erniedrigen. "Du bist eine Schlampe, eine Hure, du bist nichts, du bist nur eine Frau", bekomme ich dann oft zu hören.

Egal, was passiert – es ist meine Aufgabe, mich jeder Fantasie anzupassen. Wie bei jedem anderen Job gibt es auch als Sex-Telefonistin Aspekte, die nicht so viel Spaß machen. Dafür kann ich auch Geschichten über Kunden erzählen, die man als Büroangestellte nicht erlebt.

Jim beispielsweise ist es egal, ob du 18 oder 80 bist. Sein Fetisch ist die Vorstellung, eine Frau zu schwängern. Inklusive detaillierter Beschreibung davon, wie er sie befruchtet. Tiny Tim hingegen will erniedrigt werden. Er hat einen kleinen Penis und steht darauf, beleidigt zu werden. "Das ist widerlich”, soll ich ihm beispielsweise sagen. “Wie willst du mich denn mit diesem winzigen Ding befriedigen?"

Am wichtigsten ist es, spontan zu sein, mit dem Unerwarteten zu rechnen und sich nicht irritieren zu lassen. Ein Anrufer wollte zum Beispiel, dass ich so tue, als ob ich ein fettes Eichhörnchen sei, das von Baum zu Baum springt. "Wie zur Hölle klingt ein fettes Eichhörnchen?", schoss mir als erstes durch den Kopf. Also improvisierte ich: "Wirf mir eine Nuss zu. Füttere mich. Ich bin immer in deinem Garten und springe von Baum zu Baum, weil du mich fütterst." So machte ich ihn 45 Minuten lang heiß.

In diesem Fall fand ich die Fantasie vor allem witzig, manchmal machen mich die Telefonate aber auch selbst an. Wenn Männer mit sexy Stimmen am Telefon sind, denen auch wichtig ist, dass ich bei der ganzen Sache Spaß habe, kann auch ich mal kommen. Bei den anderen 80 Prozent sind die Orgasmen gespielt. Wenn du einen 80-Jährigen am Telefon hast, den du kaum verstehst, kannst du dich darauf nicht richtig einlassen. Also tue ich nur so. Das Wichtigste in meinem Job ist es schließlich, den Anrufer so lange wie möglich am Telefon zu halten. Je länger sie mit dir sprechen, desto mehr verdienst du. Für mich sind das zwischen 1.000 und 1.200 Euro die Woche.

Der Kontakt mit all den verschiedenen Persönlichkeiten am anderen Ende der Leitung ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Am Anfang setzte es mir echt zu. Im Supermarkt fing ich plötzlich an, Männer zu analysieren. Ist das der Typ, der von Sex mit Minderjährigen träumt? Ist das der Typ, der Frauen vergewaltigen möchte? Ist das der Firmenchef, der fantasiert, in seinem Büro mit einem Dildo penetriert zu werden?

Doch nach einer Weile merkte ich, dass die Männer diese Sachen wahrscheinlich im echten Leben gar nicht wollen. Es ist nur Gerede; eine Fantasie. Mir ist es lieber, wenn diese Typen zum Telefon greifen und in diese Rolle schlüpfen, als dass sie alles in sich hineinfressen, bis es irgendwann überkocht. So können sie den Druck wenigstens ablassen.

Auch ich spiele eine Rolle. Der Unterschied ist, dass ich es für Geld tue. Sie bezahlen mich. Ich spiele bei ihren Fantasien mit. Mir ist es lieber, dass sie sich mir gegenüber öffnen, als einiges davon im echten Leben auszuprobieren. Darum sage ich: "Rede mit mir."

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