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Die deutsche YouTube-Szene ist sexistischer als jede Mario-Barth-Show Die deutsche YouTube-Szene ist sexistischer als jede Mario-Barth-Show

Beziehungsexpertin Senna Gammour. Foto: imago | Future Image

Die deutsche YouTube-Szene ist sexistischer als jede Mario-Barth-Show

12 Jul 2016

Über die sozialen Medien erreichen YouTuber wie ApeCrime, Joyce Ilg oder DieLochis Millionen junger Menschen – und setzen ihnen Geschlechterbilder aus dem vorletzten Jahrhundert vor.

Marie Meimberg ist Produzentin, Musikerin und Autorin. Sie ist die erste Academy-Präsidentin des Webvideopreises, gefragte Speakerin, gründete letztes Jahr ihre eigene Firma, mit der sie auch Formate für andere produziert und bespielt nebenbei noch ihren eigenen YouTube-Kanal. Sie kennt, vernetzt und liebt die Szene. Nur manchmal—da kippen ihre Gefühle.

Männer furzen in der Öffentlichkeit, eigentlich immer. Das ist cool, das ist rough und ein großer Vorteil im Geschlechterkampf. „Mann versus Frau", denn Frauen können das gar nicht, öffentlich furzen. Völlig klar: Keine Frau furzt vor einem Mann, es sei denn natürlich, der Mann ist schwul. Dann öffnen sich wie durch Magie die Darmpforten der Damen und lassen heraus, was sonst niemals ans Tageslicht darf. Dafür sind Frauen viel selbstständiger: Während sie schon früh wissen, worauf es ankommt—Kochen und Putzen—, brauchen Männer dafür immer eine Frau oder Putzfrau, die das für sie erledigt.


Was klingt wie eine schlechte Vorlage für ein „Comedy"-Programm von Mario Barth oder Atze Schröder, ist leider noch nicht einmal ein schlechter Witz, für den man sich später auf Facebook entschuldigt, sondern die Meinung des YouTuber-Trios ApeCrime. Die drei Kölner André, Jan und Cengiz zählen auf ihren beiden Kanälen insgesamt 4.818.147 Abonnenten.

„Frauen VS. Männer (mit Regina)" wurde von knapp einer Million Menschen geklickt und „Worauf stehen Männer bei Frauen?—mit MELINA" haben sich sogar über eine Million angesehen. Shitstorm? #Aufschrei? Facebook-Entschuldigung-Spenden-Statement? Fehlanzeige.

Mehr lesen:„Ich möchte keine ‚geile Sau' sein"—Visa Vie über Sexismus im Deutschrap

Und dabei erreichen YouTuber weit mehr Zuschauer als Atze Schröder und Mario Barth zusammen. Und das nicht nur auf ihren eigenen YouTube-Channels, Twitter oder Snapchat Accounts. Sie füllen Hallen, moderieren TV-Shows und interviewen die Bundeskanzlerin. Die Szene, die sich immer wieder als Gegenkonzept zu RTL und den veralteten deutschen Print- und TV-Machern sieht, die sich als das Neue feiert und ihre Freiheiten lebt, ausgerechnet jene überflutet ihre jungen Zuschauer mit Geschlechterrollenklischees, die selbst Berlin—Tag & Nacht zu billig wären.


Jetzt sitzen einstige Szenepioniere wie Die Außenseiter auf ihrem Sofa und fragen: Welchem YouTuber gehört dieser Arsch? Und wem diese Titten? Während Mert Matan seinen Vater damit prankt, schwul zu sein.

Ich habe vor vielen Jahren das Internet als neuen öffentlichem Raum entdeckt, der für mich eine neue Möglichkeitsarena war, für Kunst, für Gesellschaft und Diskurs. Für Unterhaltung und Austausch. Ich saß in Räumen mit anderen Künstlern und Medienmachern, die mich ausgelacht haben, weil ich sagte, dass dieses Internet bald the New Shit ist. Und sie, dass ich spinne. Bei aller Scheiße, die seither passiert ist: Ich bin nicht bereit, diesen Ort jenen zu überlassen, die ihn nur als Geldmaschine und geistige Müllhalde sehen.

Ich bin nicht bereit, diesen Ort jenen zu überlassen, die ihn nur als Geldmaschine und geistige Müllhalde sehen.

Und ja, die Szene diskutiert über Mert und Vereinzelte beschweren sich über das Titten-YouTuberinnen-Memory, aber meisten nur dann, wenn der Kackscheiß auf dem Silbertablett serviert wird. Während für viele YouTuber „Titten-Thumbnails" und die ebenso offenherzige wie explizite Vloggerin Katja Krasavice inzwischen Reizwörter sind—Katja als Spitze des billigen Trash-Eisbergs entlarvt und Clickbaiting-Thumbnails als peinliche Bild-Zeitungs-Methoden beschimpft werden—, wurden die Ape-Jungs unter anderem mit der 1Live Videokrone und Melina jüngst mit dem Webvideopreis in der Kategorie VIP Female ausgezeichnet.

 Im Video „Worauf stehen Männer bei Frauen?—mit MELINA" sitzt sie neben den Jungs auf dem Sofa, die Stimmung ist entspannt, man reicht sich eine Strichliste mit Punkten und findet das alles ziemlich witzig. Und sich cool.


André fängt einfach mal an. Erster Punkt: „Wenn sie großen Bruder hat, merkt man das" und er findet, er kann das gut erklären. Wenn Mädchen mit einem großen Bruder aufwachsen, wachsen sie ein bisschen mehr auf wie Jungs und, so findet André, „so schwul sich das jetzt anhört, aber wenn man mit einer Frau so richtig schnell auf einer coolen Wellenlänge ist wo man sich denkt: Hä, was ist mit der, die ist so anders? Dann ist wirklich in 80 Prozent der Fälle die Antwort: Die hat nen großen Bruder."


Man kennt das ja: Wenn eine Frau cool ist, dann wundert man sich natürlich, denn Frauen sind ja nicht cool, es sei denn natürlich, ein Mann/großer Bruder hat sie cool gemacht. Und das klingt natürlich schwul.

Die lustigen Jungs von ApeCrime bei der Verleihung der 1Live Krone 2013. Foto: imago | Sven Simon

Wir sind erst bei Minute 01:04 des Videos und ich bin schon richtig gut druff. Gut, dass Melina dabei ist, denk ich mir. Verwerfe diesen Gedanken aber sofort, als sie ergänzt, viel lieber mit Jungs als mit Frauen abzuhängen, weil die ja viel stressfreier sind.


Den nächsten Punkt auf der Strichliste darf Cengiz vorlesen. Was er ziemlich „behindert" findet, weil es um Essen geht. Ich erwarte, dass im nächsten Satz jemand irgendwas Rassistisches sagt, damit ich auf meiner Bullshit-Strichliste ein Bingo habe und aufhören darf, das Video zu schauen, kommt aber nicht. Stattdessen sagt Cengiz: „So altmodisch das auch klingt, wenn ne Frau nicht kochen kann, ist es [sic!] keine Frau!".

Ich schalte aus.

Was hatte ich auch erwartet? Erst letzten Monat hat André in einem Twitter-Video eine fremde Frau völlig selbstverständlich auf der Straße als „Hoe" bezeichnet - auch hier folgten zwar vereinzelte Beschwerden anderer YouTuber wie Flo, eine Reaktion von André auf die Kritik blieb aber aus. Stattdessen beefte ein befreundeter YouTuber Flo an, er sei ein Heuchler, der sich anstelle.

Später tauchen noch Argumente auf, wie: Die Jungs waren doch unter sich, als André die Frau Hure nannte [Anmerkung der Autorin: und haben sich dabei gefilmt und es dann auf Twitter für ihre 527.433 Follower hochgeladen]. Dann wird noch mit einem Seitenhieb auf die Ex-YouTuber DAT ADAM verwiesen, die immer wieder offen zu ihrem Marihuanakonsum stehen. Bevor man sich wegen einer kleinen „Hure" so aufrege, solle man lieber mal jene angreifen, die kiffen und öffentlich dazu stehen.


Und damit war das Thema vom Tisch.

Ganz anders als bei Katja Krasavice, die inzwischen auch von Bild und VICE besprochen wird. Und das nicht nur wegen ihrer „Brüste wie Medizinbälle". Katja hat das Prinzip Titten-Thumbnail, welchem sich vor einigen Jahren vor allem männliche YouTuber bedienten, auf eine neue Stufe gehoben. Sie lebt diese Thumbnails auch im Video weiter, blickt öfter in den eigenen Ausschnitt, als in die Kamera und redet über Brüste, Selbstbefriedigung und „S*X in ner Höhle". Auf den Thumbnails kommt das alles gepaart mit schönen roten Kreisen und Schlagwörtern wie GEIL oder P*NIS. Und in den Videos selbst vermischt sich eine schonungslose Ehrlichkeit mit inszeniertem Kokettieren. Nie bekommt man wirklich, was man sich vom Videotitel erhofft, aber wer erwartet, was versprochen wird, sollte sich ohnehin lieber auf Pornhub umschauen.

Es ist völlig egal, ob hier ein YouTuber oder eine YouTuberin vor der Kamera steht, was dabei rauskommt, ist wirklich sexistischer Klischeescheiß vom allerfeinsten.


Dass Katja auch immer wieder gerne mal ihre 14-jährige Nichte vor die Kamera holt, sie zu einer „Bitch umstylt" oder die Zuschauer auffordert, ihr Dick-Pics auf Snapchat zu schicken, macht das Alarmpaket komplett. Und so regt sich ein MrTrashpack (der so etwas wie die Gala der YouTube-Szene ist) genauso über Katja auf, wie Jim Hergert für das YouTube-Szenenmagazin Broadmark oder Paul Garbulski für VICE. Und auch sonst ist auffällig, dass vor allem Männer sich die Frage stellen, ob Katja nicht das Frauenbild ihrer jungen Zuschauer verdirbt und junge Mädchen sexualisiert.


Versteht mich nicht falsch. Ich empfinde Katjas Content als absoluten Billig-Trash und die Frage, ob die Aufforderung zur Schwanz-Snaps-Schickung an eine 14-Jährige emanzipatorisch oder scheiße ist, spannend—aber über die Aufregung muss ich schon ein bisschen lachen. Die Unterschätzung junger Mädchen, die hier angeblich verdorben werden, macht mich wiederum traurig. Und richtig wütend macht mich, wie Katja zum Einzelproblemfall gemacht wird, wenn es um das Thema Sexismus auf YouTube geht.

Endlich können die vermeintlich coolen, aufgeklärten YouTuber mit dem Finger auf jemanden zeigen und sagen: Ja, das finde ich auch wirklich nicht gut. Das geht gar nicht. Damit möchten wir nichts zu tun haben. Die Szene ist besser als das.


AM ARSCH IST SIE DAS.


Denn ApeCrime sind mit ihrem sexistischen Content leider nicht allein. Das zieht sich in der deutschen YouTube-Szene durch alle Altersklassen und Content-Genres, betrifft Menschen, die ich privat mag und solche, die ich auch privat ziemlich scheiße finde. Von den 16-jährigen Zwillings-Lochis bis hin zur 32-jährigen Joyce Ilg, von einer Kelly aka MissesVlog bis hin zu ImbaTorben—überall findet man sie, die Videos, die den wirklich wichtigen Fragen der Menschheit nachgehen: „Was Männer an Frauen geil finden" oder „Was Frauen nie sagen, aber denken" oder was „Männer von Frauen nicht wissen", wie Frauen streiten oder lügen ... und völlig egal, ob hier ein YouTuber oder eine YouTuberin vor der Kamera steht, was dabei rauskommt, ist wirklich sexistischer Klischeescheiß vom allerfeinsten.

„Am Ende des Tages ist natürlich jedes Mädchen verschieden, das heißt, nicht jedes Mädchen nervt auf die und die Weise, sondern nur ein Großteil nervt auf die und die Weise." (Liont, 23, im Video „MÄDCHEN DU NERVST!" vom 30.06.2016)

„Ich bin ja selber ein Mädchen ne, aber es gibt Dinge, die regen mich an Mädchen sowas von auf, kennt ihr das?" (Joyce Ilg, 32, im Video „10 Dinge, die an Mädchen nerven")

DieLochis bei der Premiere ihres ersten Films „Bruder vor Luder". Foto: imago | Horst Galuschka


Was folgt sind veraltete Geschlechterrollen und Vorurteile, die Millionenfach geklickt werden.


Frauen zicken, Frauen sind schön, Frauen können kochen, Frauen sind anstrengend, Frauen reden zu viel, Frauen sind zu emotional, Frauen wissen nicht, was sie anziehen wollen, Frauen dürfen nicht den ersten Schritt machen, Frauen müssen kochen können, Frauen dürfen keine Schlampen sein, Frauen müssen beim Essengehen die Rechnung nicht bezahlen—die bezahlen dann ja mit [Blowjobgeste], meint Lochi Nummer 1.

Männer hingegen sind Jäger. Männer furzen, Männer können nicht kochen, Männer sind Schweine, Männer können nicht gut sprechen, Männer haben keine Gefühle, Männer sind cool, Männer sind stark, Männer sind der Versorger und ACHTUNG, Frauen: Männer wollen an deinen Cookie. Letzteres erklärt mir Ex-Monrose-Sängerin Senna, während sie mich abwechselnd Schwester oder Tulpe nennt. Drei wichtige Fakten hat sie für Frauen, denn die machen einiges falsch beim First Date.

Da kannst du jeden Typen fragen—ein Mädchen, das schnell zu bekommen ist, wird eine sehr kurze, knappe Geschichte.


1. Sie ziehen sich zu sexy an. Man kann nämlich auch sexy sein, ohne gleich „einen Meter Haut" zu zeigen.

2. Sie geben zu viel von sich preis. Das ist schlecht, denn wer dem Mann zu viel über seine Wünsche und Träume verrät, wird schnell feststellen, dass der die einem erfüllt. Aber nicht, weil er ein guter Mensch ist, sondern weil er an deinen „Cookie" will. Was uns zum 3. Fakt führt:

3. SEX. Über den möchte Senna nicht so gerne sprechen. „Für mich ein sehr unangenehmes Thema, aber wir sind ja unter uns und wir müssen drüber reden." Was dann folgt, hat Trinkspiel-Kult-Potential. Jeder Cookie ein Shot. Denn Senna weiß: „Umso schneller du ihm den Cookie gibst, umso schneller wird er auch weg sein. Aber umso länger du dir Zeit lässt, und er muss dran arbeiten, an diesen Cookie zu kommen, umso mehr wird er es schätzen. Pass auf: Wir haben Mädels hier, die hatten es noch nie gehabt, wir haben Mädels hier die ham's, wir haben Frauen, die haben es grade sogar ..."

Und während ich mich noch frage, ob wirklich jemand Sex hat, während er sich das Video anschaut, stellt Senna klar: „Aber wir sind bei einem Ding immer alle gleich: Wir haben einen Cookie. Der Cookie ist beliebt. Ja. Und er will diesen Cookie. Doch wenn du ihm den Cookie zu schnell gibst, dann wird er satt sein. Und dann wird er es nicht schätzen. Doch wenn du diesen Cookie zulässt und er muss dran arbeiten, dran arbeiten und du dir einfach laaaaange Zeit lässt, was auch richtig ist, dann wird er es schätzen, wenn er es bekommt. Und das ist die Magie. Und da kannst du jeden Typen fragen—ein Mädchen, das schnell zu bekommen ist, wird eine sehr kurze, knappe Geschichte."

Mehr lesen: Wie du dich an deinem YouTube-Kanal dumm und dämlich verdienst


Ja, und die Senna, die muss das wissen. Die hat ihren Cookie im Griff. Nicht so wie ich, die ihren Cookie wild mit allen teilt. Und auch wenn ich echt laut lachen muss bei Sennas Keksgeschichten, möchte ich nach dem Video wirklich nicht Sennas Schwester oder Tulpe oder Süße sein. Denn so witzig das alles klingt, ist es eigentlich wirklich traurig.


Wenn im YouTube-Land die Szene völlig okay mit Dingen ist, die selbst deutschen Comedians zu sexistisch wären und Jugendliche damit aufwachsen, dass völlig überholte und prüde Geschlechterkackscheiße wieder normal ist. Wenn die Möse von Frauen „Cookie" heißt und vor Männern verschlossen werden muss, damit die mit ihrem Jagdinstinkt dran arbeiten müssen, an den Cookie zu kommen. Wenn Frauen, die „einen Meter Haut" zeigen, billige Schlampen sind. Wenn Frauen die Rechnung nicht bezahlen müssen, wenn sie sich mit einem Blowjob revanchieren und dafür kochen und putzen sollen und nerven, wenn sie mal wieder rumzicken—und Männer die coolen furzenden Typen sind—, dann möchte ich mich mit Katja Krasavice bei mir zu Hause einsperren und warme Schoko-Cookies essen.

Gerne lade ich all jene zum Cookie-Date ein, die sich in der deutschen YouTube-Szene als FeministIn geoutet, die sich immer wieder differenziert mit dem Thema auseinandergesetzt haben und wissen, dass kein Thema auf der Plattform zu mehr Hate führt. Vegas, Kwink, Coldmirror, Andre Teilzeit und alle anderen ... noch passen wir an einen Tisch.


Aber ich glaube, dass es mehr Kolleginnen und Kollegen gibt, die ernst genommen werden möchten. Die mehr sein wollen, als die schlimmere Version dessen, was sie als TV-Trash und Bild-Zeitungs-Stumpfsinn verteufeln, die sehen, dass es mehr gibt, als die kleine YouTube-Blase, in der sie sich selbst feiern und feiern lassen. Und ja, ich bin bestimmt auch eine optimistische Pathos-Tante, aber ich glaube, dass auch YouTube-Menschen lieber Cookies essen als sexistische Kackscheiße.

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