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Wie es ist, als Vergewaltigungsopfer mit Sexualstraftätern zusammenzuarbeiten

Was für viele nach einem absoluten Albtraum klingen dürfte, ist für diese Gefängnisangestellten Teil ihrer ganz persönlichen Traumatherapie.

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06 Juni 2017, 7:58am

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"Meine Arbeit ist mit einem gewissen Stigma behaftet. Ich würde nicht direkt beim ersten Date darüber sprechen – und auch nicht beim Fünften. Für Dinnerpartys ist es auch kein gutes Thema", sagt Suzy. Sie ist Gefängniswärterin und arbeitet mit Sexualstraftätern, deren Zahl in ihrer Heimat Großbritannien ein neues Rekordhoch erreicht hat.

Sexualstraftäter machen dort knapp ein Fünftel der Gefängnisinsassen aus. In Deutschland gab es laut Angaben des Statistischen Bundesamtes allein im Jahr 2015 rund 1000 neue Verurteilungen wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung. Doch wie ist es, als Frau tagtäglich mit den Menschen zu tun zu haben, wegen denen man nachts nur ungerne allein durch dunkle Gassen läuft?

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Suzy erzählt, sie sei aus einer "feministischen Neugier" heraus zum Justizvollzugsdienst gekommen. "Ich wollte wissen, ob Frauen mit gewalttätigen Männern arbeiten und durch Intelligenz, Verstand und Mitgefühl Ordnung wahren und die Kontrolle behalten können", sagt sie. "Das Ganze war ein persönliches Experiment, um mir selbst zu beweisen, dass ich auch in einem 'Männerberuf' erfolgreich sein kann."

Die meisten von ihnen wurde wegen Gewalttaten verurteilt, die sie gegen Frauen begangen haben, sagt Suzy. "Trotzdem reicht ein einziges Wort von mir aus, um 80 verurteilte Gewaltverbrecher zum Schweigen bringen. Das ist das Befriedigendste an meiner Arbeit."

Eine Befriedigung auf mehreren Ebenen, die Britin musste nämlich am eigenen Leib erfahren, was es heißt, wenn jemand dein "Nein" nicht akzeptiert: Suzy wurde von ihrem Ex-Freund vergewaltigt – ein Schicksal, dass sie mit vielen teilt. Laut Angaben der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte erleben 22 Prozent der europäischen Frauen körperliche und/oder sexalisierte Gewalt innerhalb einer Partnerschaft. Für Suzy war es der Auslöser dafür, sich auf ihre Karriere zu konzentrieren und eine Ausbildung zur Gefängniswärterin zu machen.

"Die Meisten, mit denen ich arbeite, sind ganz normale Männer, die einen Job und Familie haben."

Anfangs hatte sie Schwierigkeiten zu verstehen, wie aus ihrem Partner nach drei Jahren Beziehung ein Vergewaltiger werden konnte. Durch ihr Arbeit mit "Monstern" habe sie allerdings gelernt, dass auch andere Sexualstraftäter nach außen hin ganz "normale Kerle" zu sein scheinen. "Man stellt sehr schnell fest, dass die Sexualstraftäter, die man in Filmen sieht – die Verrückten, die Einzelgängern und die Männer, die in dunklen Gassen lauern – nur einem geringen Prozentsatz entspricht", sagt Suzy. "Die Meisten, mit denen ich arbeite, sind ganz normale Männer, die einen Job und Familie haben."

Die Gefährlichsten seien die, die trotz ihrer Verurteilung noch immer nicht verstehen, was Einvernehmlichkeit bedeutet. "Sie verharmlosen [ihre Tat] und sagen: 'Wir hatten doch sonst auch immer Sex, wenn wir betrunken waren' oder 'Sie wollte es, wirklich'." In solchen Fällen sei es kaum möglich, den Tätern die Schwere ihrer Tat begreiflich zu machen.

Auch Kate arbeitet überwiegend mit inhaftierten Sexualstraftätern zusammen und organisiert einen wöchentlichen Buchklub im Gefängnis.


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"Insbesondere für mich als Frau ist es eine ziemlich bizarre Erfahrung, in einen Raum zu kommen und zu wissen, dass jeder Mann, der vor einem sitzt, ein Sexualdelikt begangen hat", sagt sie. Trotzdem kommt sie nicht umhin, die Insassen im Lauf der Zeit nicht mehr nur als Täter, sondern als menschliche Wesen wahrzunehmen.

Kate möchte die Männer dazu inspirieren, sich auf ihre Ausbildung zu konzentrieren. Sie glaubt, dass Bildung zu mehr Empathie und kritischem Denken führt. Außerdem soll es ihnen helfen, ihre Aussichten auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern und sie mit sozialen Kompetenzen ausstatten, die sie davor bewahren sollen, erneut straffällig zu werden oder noch mehr Menschen zu verletzen.

"Ich vergesse dabei nicht das Leid, das die Menschen, denen wir helfen wollen, anderen angetan haben. Was diese Männer getan haben, ist durch nichts zu entschuldigen", sagt Kate. Ihre Aufgabe sei es allerdings, die Insassen für Bildung zu begeistern – nicht, mit ihnen ihre Straftaten aufzuarbeiten. "Dafür gibt es unzählige andere Organisationen, die qualifiziert sind."

"Ich hatte das Gefühl, einem Monster in einem Käfig gegenüberzustehen."

Außerhalb der Gefängnismauern werden Sexualstraftäter durch Bewährungshelfer und Sozialarbeiter betreut. Eine von ihnen ist Bianca. "Ich habe immer geglaubt, dass jeder Mensch eine zweite Chance verdient", sagt sie. "Die Arbeit mit Strafentlassenen ist also perfekt für mich. Ich liebe, was ich tue."

Als sie sieben Jahre alt war, wurde Biancas Vater aus dem Gefängnis entlassen. Er musste eine kurze Strafe absitzen, weil er Teil einer kriminellen Vereinigung war. Sie kann sich noch ganz genau an den Sozialarbeiter erinnern, der ihrer Familie nach der Entlassung ihres Vaters regelmäßig Besuche abgestattet hat. Von da an wusste sie, was sie später mal werden wollte.

Allerdings war es nicht immer leicht für sie, ihrem Traumberuf nachzukommen: Auch Bianca wurde sexuell belästigt. Sie wurde eines Nachts, als sie mit dem Taxi nach Hause fuhr, von einem Taxifahrer angegriffen.

Bianca hat niemandem davon erzählt und musste ganz allein damit fertig werden. Sie dachte, nie wieder ihrem Traumberuf nachgehen zu können. "Ich hatte Angst, dass durch meine Arbeit alles wieder hochkommen würde. Doch dann wurde ich eines Morgens wach und beschloss, dass ich mir meinen Beruf, den ich mir so hart erarbeitet habe, nicht von diesem Mann zunichte machen lasse."

Foto: ErikaWittlieb | Pixabay | CC0

Ihr Trauma zu überwinden, um ihre Arbeit machen zu können, sei letztendlich allerdings das Schwierigste gewesen. "Ich musste lernen, alles aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten", sagt sie. "Ich hatte das Gefühl, einem Monster in einem Käfig gegenüberzustehen – anders kann ich es nicht erklären. Das, wovor du am meisten Angst hattest, ist vor dir in einem Käfig gefangen und kann dich nicht mehr verletzen."

Als die Bedrohung beseitigt war, begann sie, das Ganze mit anderen Augen zu sehen, sagt sie. "Wenn die Angst keine Macht mehr über dich hat, dann übernimmt man wieder selbst die Kontrolle."

Dass Bianca und Suzy bereitwillig mit Sexualstraftätern zusammenarbeiten – trotz allem, was sie selbst erlebt haben–, erinnert an eine Form von Täter-Opfer-Ausgleich. Dabei bekommen Opfer und Täter die Möglichkeit zu einer außergerichtlichen Aussprache unter Aufsicht eines unparteiischen Dritten. Eine solche Mediation soll allen Beteiligten helfen, die Bedeutung und den vollen Umfang des Verbrechens zu verstehen. In Großbritannien soll sie das Risiko einer erneuten Straffälligkeit um 14 Prozent reduziert haben. (Natürlich arbeiten Bianca und Suzy nicht mit den Männern, von denen sie angegriffen wurden, sondern ausschließlich mit Männern, die ähnliche Verbrechen begangen haben – eine Art stellvertretende opferorientierte Justiz.)

"Ich mache diesen Job, weil ich davon überzeugt bin, dass jeder eine zweite Chance verdient."

Katerina Georgiou berät Opfer von sexuellem Missbrauch und ist überzeugt, dass moderierte, kontrollierte Begegnungen durchaus einen positiven Effekt haben können – "zum Beispiel, wenn sich Opfer und Täter in einem Raum unter genau geregelten Bedingungen treffen und von einem professionellen Mediator betreut werden. Das Opfer hat dadurch die Möglichkeit, seine Fragen zu stellen, während der Täter sich mit den Folgen seiner Handlungen konfrontieren muss."

Obwohl Bianca und Suzy ihre Arbeit als überaus heilsam empfinden, warnt Georgiou: "Einerseits gibt ihnen ihre Arbeit Einblicke, die ihnen helfen können, in die Gedankenwelt des Täters einzutauchen. Andererseits kann genau das aber auch sehr riskant sein. Wenn dieser Prozess nicht moderiert wird, riskieren sie damit, das Trauma erneut zu triggern oder sich selbst eine Situation zu schaffen, in der sich missbräuchliche Verhaltensmuster oder Dynamiken wiederholen können – sowohl bewusst als auch unbewusst."

Georgious Sorgen sind nicht unbegründet. Obwohl Suzy, Kate und Bianca sehr professionell mit ihrem Beruf umgehen, hatte keine der Frauen, mit denen wir uns unterhalten haben, eine spezielle Ausbildung im Umgang mit Sexualstraftätern. Die mit Abstand umfassendste Ausbildung hatte Suzy, die einen einwöchigen Kurs zum Umgang mit Gewaltstraftätern absolvieren musste. Bianca hat durch ihre Ausbildung und ihre Arbeit als Sozialarbeiterin derweil Einblicke in das Thema psychische Gesundheit bekommen, die Gefängniswärter momentan noch nicht erhalten.

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Ihre beruflichen Beziehungen zu den Straftätern sind zwar ganz unterschiedlich, was alle Frauen verbindet, ist allerdings ihr Wunsch, eine positive, langfristige und grundlegende Veränderung in den Männern hervorzurufen, die in den Augen unserer Gesellschaft unverbesserlich sind.

"Ich mache diesen Job, weil ich davon überzeugt bin, dass jeder eine zweite Chance verdient", sagt Bianca. "Ich habe schon echte Reue gesehen und erlebt, dass Täter wieder vollkommen rehabilitiert wurden." Ihr Job hat ihr die Selbstbestimmung, die ihr in der Vergangenheit genommen wurde, zurückgegeben: "Jetzt habe ich die Kontrolle, aber ich nutze sie zum Guten."

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