Foto: imago | PhotoAlto

Instagram ist der beste Weg, um mit alten Freunden in Kontakt zu bleiben

Erwachsenenfreundschaften sind hart. Und manchmal ist ein Herz-Emoji der beste Gesprächseinstieg nach jahrelanger Funkstille.

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Juli 26 2018, 8:52am

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Vor ein paar Monaten habe ich zwei Wochen in Mexico City verbracht. Mit dabei hatte ich eine Freundin, dürftige Spanischkenntnisse, und ein "Manuskript", an dem ich ein wenig "arbeiten" wollte – ansonsten hatte ich keine konkreten Pläne. Nachdem ich einige Instagram-Stories aus der Stadt gepostet hatte, meldete sich plötzlich eine Freundin aus Uni-Tagen bei mir. Ich wusste nicht mal, dass sie in Mexico City wohnte. "Ich würde unglaublich gern mit dir ausgehen!", schrieb Ana.

Wir hatten uns fast vier Jahre lang nicht gesehen, und in der Zeit auch kaum miteinander gesprochen. Plötzlich saßen wir gemeinsam auf einem Boot in Xochimilco, tranken Bier und redeten über alles, was in den letzten Jahren passiert war. Danach sahen Ana und ich uns fast täglich.

Weil ich keinen Handyempfang hatte, verabredeten wir uns über Direktnachrichten, um gemeinsam zu essen oder in Cafés zu arbeiten. Es war toll, sie nach so langer Zeit wiederzusehen. Es fühlte sich fast so an, als wenn wir die Uni nie verlassen hätten. Die glückliche Fügung, uns die uns wieder zusammengebracht hatte, faszinierte mich. Trotz der räumlichen Trennung hatten wir über Instagram wieder zusammengefunden.

Ich bin nicht sicher, ob das vor ein paar Jahren möglich gewesen wäre. Schließlich hatte ich nicht aktiv nach Kontakten gesucht. Ich habe nicht über Facebook gefragt, ob jemand in der Stadt ist oder ob mir jemand etwas empfehlen kann. Indem ich relativ passiv über Instagram-Stories mitteilte, was ich gerade tat, konnte Ana sich bei mir melden und ein Treffen ausmachen – und überraschte uns vermutlich beide damit, wie einfach das sein konnte.

Ich stamme von der US-Westküste und bin vor acht Jahre an die Ostküste gezogen. Darum fühlt es sich so an, als ob mein Herz eine Orange ist, die zwischen vielen verschiedenen Leuten aufgeteilt wurde – die einzelnen Scheiben sind über die ganze Welt verteilt. Es gibt sehr viele Menschen, die mir etwas bedeuten, aber nur wenige Gelegenheiten, um Zeit mit ihnen zu verbringen. Skype-Verabredungen oder spontane Facetime-Anrufe erfüllen ihren Zweck, aber manchmal sind wir einfach alle zu beschäftigt. Wenn ich überarbeitet, depressiv oder generell von allem überfordert bin, vergehen manchmal Monate, in denen ich nicht mit guten Freunden rede. Doch statt mich damit abzufinden, mich einsam und verlassen zu fühlen, habe ich neue Wege entdeckt, um Kontakt zu halten und in meinem chaotischen Lebensrhythmus Platz für Freundschaften zu finden.

Da sich heutzutage so viele Dinge von jedem Ort der Welt erledigen lassen, kann man gut unabhängig von einem festen Wohnsitz leben. Indem wir nach Lust und Laune durch die Welt reisen, haben sich auch unsere sozialen Kreise erweitert. Die lokalen Freundeskreise, die wir vielleicht in der Jugend hatten, werden durch flexible, teilweise lose, weit verstreute Netzwerke abgelöst. Diese Freundschaften kommen und gehen und variieren in ihrer Tiefe – aber wenn man genau hinschaut, gibt es immer wieder Momente, in denen wir uns (mit Hilfe von Technologie) nahe fühlen können, beispielsweise indem wir kleine Details aus unserem Alltag miteinander teilen.

Lassen wir einmal außen vor, dass unser Privatleben zunehmend von einer Handvoll Unternehmen kontrolliert wird und konzentrieren uns stattdessen darauf, wie wunderbar einfach es ist, mit anderen Menschen in Kontakt zu bleiben. Wenn ich verkatert bin, mache ich nichts lieber, als mir die Insta-Stories meiner Bekannten anzugucken. Anders als der schreckliche Müllstrudel Twitter, auf dem ich jeden Morgen hilflos treibe bis ich mich zum Selbstschutz auslogge, sind die Instagram-Stories ein angenehmer Wasserfall an Inhalten, die mich tatsächlich interessieren. Während die Instagram-Seiten der meisten Leute sorgfältig kuratiert werden, geben die Stories einen ungefilterten, deutlich authentischeren Einblick in das Alltagsleben.


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Da ist mein Kumpel mit einem Hund! Hier sind Infos über eine politische Aktion in meiner Gegend! Infos über eine politische Aktion aus einer anderen Stadt! Ein unidentifizierbares, stark rangezoomtes Stück Müll (?), das eine befreundete Grafikdesignerin gepostet hat! Eine gute Freundin will wissen, welche Ohrringe zu ihrem Outfit passen!

Ich stimme bei ihrer Umfrage ab. Ich stimme bei allen Umfragen ab und ich liebe es. Ich mag die erotischen Bilder. Ich mag sogar die schlechte Bild- und Tonqualität in den Stories, die um vier Uhr morgens aus dem Club gesendet werden. Ich freue mich, wenn mein New Yorker Freundeskreis zur selben Zeit Bilder vom Sonnenuntergang posten. Das ist dann wie ein kleiner Film, der über verschiedene Bildschirme läuft.

Die Stories meiner Bekannten fühlen sich echt und zugänglich an. Es sind Momentaufnahmen aus ihrem Leben. Sie sind visuell und leicht zu verarbeiten, nicht so wie Twitter-Threads. Und ich kann sie, anders als hektische Whatsapp-Gruppen, passiv konsumieren. Was nicht bedeutet, dass ich nicht auch interagiere – und sei es, dass ich Herz-Emojis verschicke, um Menschen mitzuteilen, dass ich an sie denke.

In einer Zeit, in der unsere Leben zunehmend durch Smartphones bestimmt werden, kann sich eine Textnachricht wie eine Störung anfühlen; ähnlich wie ein unerwarteter Anruf oder eine E-Mail ohne Betreffzeile. Es könnte alles dahinter stecken: Die Absage für eine Verabredung, der Beginn eines Beziehungsstreits, ein neuer Auftrag, schlechte Neuigkeiten oder ein freundliches Hallo.

Manchmal ist es auch nicht leicht, den Einstieg zu finden, wenn man mit jemandem lange nicht geredet hat. Wo soll man anfangen? Meist läuft es dann auf "Ich wollte mich schon ewig bei dir melden" oder "Ich vermisse dich" hinaus. Sich nach jahrelanger Funkstille bei Bekannten zu melden, kann Angst machen. Wird es komisch? Werden wir uns zu viel zu erzählen haben oder – noch schlimmer – gar nichts mehr gemeinsam haben?

Instagram Stories bieten Anknüpfpunkte, von denen aus sich eine Unterhaltung natürlicher entfalten kann. Du meldest dich als Reaktion auf etwas – ein Outfit, ein Urlaubsfoto oder eine unterstrichene Textstelle in einem Buch. Eine Instagram-Nachricht umgeht die immer gleichen "Ich vermisse dich"-Plattitüden. Und trotzdem zeigt sie: Ihr seid immer noch miteinander verbunden, immer noch für den anderen präsent.

Mein Freund Justin reist gerade. Eben noch war er in Paris, jetzt ist er in Japan. Ich reagiere auf ein Landschaftsbild, das er gepostet hat. "Omg!", schreibt er zurück. "Wie geht's dir?". Sehen werden wir uns in der näheren Zukunft wahrscheinlich nicht, trotzdem teilen wir diesen kurzen Moment miteinander.

Nachdem ich eine besonders kitschige Story über das Verliebtsein gepostet habe, fragt mich meine Freundin Tracy scherzhaft, ob ich sicher bin, dass mein Sternzeichen nicht Krebs ist. Zwischen Kelly und mir entspinnt sich eine längere Unterhaltung aus einem Kommentar zu unseren Lieblingsgemälden. Zach und ich quatschen über die neue Single von Mitski, nachdem ich gepostet habe, dass ich gerade an einem Text über das neue Album sitze. Sarah schreibt mir eine Nachricht, dass sie sich treffen will, weil sie gerade in der Stadt ist.

Dieser Austausch mit Freunden, die ich nicht oft sehen kann, gibt mir das Gefühl, in ihren Leben präsenter zu sein. Die Momente sind klein, aber spürbar. Wir halten die Freundschaft lebendig und finden Möglichkeiten, den anderen in unser verrücktes, chaotisches digitales und nicht-digitales Leben einzubauen.

Lange, nachdem ich aus Mexico City zurückgekehrt bin, reagiert Ana auf eine Story, in der ich schreibe, dass ich nach einem Platz zum Coworking suche. "Ich wünschte, ich könnte mit dir zusammenarbeiten!", schreibt sie.

"Oh!", antworte ich und denke an die Nachmittage in Condesa zurück, in denen ich an Artikeln arbeitete, während sie für ihre Prüfung büffelte. "Das wäre schön!" Anschließend tauschen wir uns über die Arbeit und unser Liebesleben aus – alles was seit meiner Rückkehr in die USA passiert ist. Ich weiß nicht, wann ich Ana das nächste Mal sehen werde. Aber wir bedeuten einander etwas und plötzlich fühlen wir, dass wir am Leben der anderen teilhaben können, auch aus Tausend Kilometern Entfernung. Ich doppelklicke auf den Bildschirm und schicke ihr ein großes rotes Herz. Sie schickt mir eins zurück.

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