Fotos bereitgestellt von Red Bull TV

Das Phänomen Urban Exploration: Kontakt mit einer vergessenen Welt

Die Dänin Elaina Hammeken war Teilnehmerin bei "America's Next Topmodel", mittlerweile klettert sie lieber durch rostige Abflussrohre. Wir haben sie gefragt, warum.

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23 August 2016, 7:20am

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Wie gut kennen wir die Stadt, in der wir leben eigentlich—abseits des Arbeitswegs oder den Ecken, in denen wir einkaufen oder weggehen? Das Unbekannte erforschen und bewusst vom Weg abkommen, das haben sich Urbexer auf die Fahnen geschrieben. Urbex steht für Urban Exploration, das bewusste Erkunden der eigenen Umgebung. Zu den beliebtesten diesbezüglichen Anlaufpunkten gehören in Deutschland beispielsweise die ehemaligen Lungenheilstätten von Beelitz nahe Berlin—einem verlassenen Krankenhauskomplex wie aus einem Horrorfilm.

Mit Urbex – enter at your own risk hat Red Bull TV dem Trend eine eigene Doku-Serie gewidmet und mehrere Städteerkunder bei ihren mal mehr, mal weniger gefährlichen Touren begleitet. Gefährlich, weil es illegal ist, sich ungefragt Zutritt zu einem Gebäude zu verschaffen. Und eben auch, weil die oftmals stark verfallenen Bauten, die morschen Böden und halbeingefallenen Dächer, an sich ein großes Sicherheitsrisiko darstellen. Für Elaina Hammeken macht das einen Teil des Reizes aus. Die Dänin ist die einzige Protagonistin der Doku, bekannt wurde sie einer größeren Öffentlichkeit allerdings durch ihre Teilnahme bei America's Next Topmodel. Wir haben Elaina gefragt, wie gefährlich Urban Exploration wirklich ist und warum sie den Catwalk gegen verrostete Abflussrohre getauscht hat.

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Broadly: Ich kann mir vorstellen, dass es für Urban Explorer wichtig ist, ihren Körper gut zu kennen, insbesondere wenn sie viel klettern müssen. Hat es dir geholfen, davor als Model gearbeitet zu haben—ein Job, bei dem es ja auch sehr viel auf Körpergefühl ankommt?
Elaina Hammeken: Tatsächlich ist meine Geschichte ein bisschen anders. Ich war begeisterte Snowboarderin, die für den Sport gelebt hat, bis ich eine lebensverändernde Knieoperation hatte. Damals wusste ich nicht, ob ich jemals wieder laufen kann und hätte mir nie ausgemalt, dass ich irgendwann mal Gebäude hochklettere. Diese Verletzung hat mir so viel genommen und ich habe mich erst, als ich mit Urban Exploration angefangen habe, wieder wie ich selbst gefühlt. Als ich auf den Dächern stand, hat es sich angefühlt wie damals, als ich auf Bergen stand. Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Snowboard-Erfahrung sich dahingehend auszahlt, dass ich einen ziemlich guten Gleichgewichtssinn und kein Problem mit Höhen habe. (In Kopenhagen lassen Leute ihre Kinder an vereisten Klippen vorbeifahren. Das Einzige, was sie davon abhält hinabzustürzen, ist ein orangenes Seil.) Beim Urbexing geht es darum, seinen Körper und seinen Grenzen zu kennen, es ist Snowboarden also ziemlich ähnlich. Aber als Kind bin ich auch schon überall hoch- und rumgeklettert, deswegen waren meine Eltern nicht so wirklich überrascht, als sie diese Fotos von mir gesehen haben.

Wenn du mich auf der Straße treffen würdest, hättest du wahrscheinlich keine Ahnung, dass ich schon auf deinem Dach oder in den Tunneln unter deinen Füßen war.

Meine Modelerfahrung hat sich aber tatsächlich sehr auf die fotografische Seite ausgewirkt. Ich habe innerhalb der Modeindustrie immer gesagt bekommen, dass meine Haut zu dunkel sei oder ich als erste bei America's Next Topmodel rausgeflogen bin. Durch Urbexing kann ich mir selbst und der Welt beweisen, dass ich nicht „braun" oder zu irgendwas bin, um ganz vorne dabei zu sein. Das ist auch die Botschaft, die ich anderen mitgeben möchte. Es gib da draußen so viele schöne Mädchen, denen gesagt wird, dass sie zu was auch immer sind, dabei sind sie perfekt, genau wie sie sind. Ich will beweisen, dass man kein Makeup, keine Stylisten, kein künstliches Licht, keine Fotografen und auch nicht die Erlaubnis von irgendjemandem braucht, um seine Träume zu verfolgen. Was auch immer sie sein mögen.

Gibt es so etwas wie eine internationale vernetzte Urban-Explorer-Szene? Wie viele Frauen hast du kennengelernt, die das machen?
Durch die sozialen Medien wird die Urbex-Szene immer besser vernetzt. Wenn du mich auf der Straße treffen würdest, hättest du wahrscheinlich keine Ahnung, dass ich schon auf deinem Dach oder in den Tunneln unter deinen Füßen war. Wir interagieren mit einer Welt, die größtenteils versteckt ist und würden wir keine Bilder und Geschichten davon teilen, würde sie wahrscheinlich noch unsichtbarer sein. Wenn ich in eine neue Stadt komme, versuche ich immer erst einmal, andere Explorer über die sozialen Medien zu finden. In den letzten Jahren sind immer mehr Frauen in die Szene gekommen, die richtig rocken. Als ich mal Bilder au Mannheim gepostet habe, hat mich die Urbexerin und wirklich fantastische Fotografin Emily Dyan Ibarra kontaktiert und gefragt, ob ich mit ihren Leuten Europa erkunden möchte. Dass die Leute so aufgeschlossen sind, finde ich an der Urbex-Community wirklich toll.

Elaina in einem Tunnel. Foto bereitgestellt von Red Bull TV

Wie fängt man als Frau am Besten mit Urban Exploration an? Irgendwelche Übungen, mit denen man sich und seinen Körper darauf vorbereiten kann?
Fangt einfach an! Es gibt keine Vorschriften, wie man das richtig macht. Es ist auch Urban Exploration, wenn du in die Kirche gehst, an der du jeden Tag vorbeiläufst, oder einen anderen Weg zur Arbeit nimmst. Aus irgendeinem Grund fühlt es sich verboten an, einfach so in eine Kirche zu gehen. Man kann sein ganzes Leben damit verbringen, an neuen Erfahrungen einfach vorbeizugehen, weil man so festgefahren in seinen Routinen ist. Das Restaurant, dass du immer mal ausprobieren wolltest, es aber nie getan hast. Das interessant aussehende Gebäude, bei dem du dich immer gewundert hast, was wohl darin ist. Oder einfach nur die Frage: Was passiert, wenn ich jetzt einfach mal hier lang gehe? Als würden wir innerhalb unseres Geistes ein Gefängnis aus unserer Angst vor dem Unbekannten bauen.

Beim Urbexing geht es vor allem darum, deine Grenzen auszuloten und deine Neugier zu füttern. In der Urbex-Serie sieht man zum Beispiel, wie Abudi auf einer Brücke einen Handstand macht—das könnte ich nicht mal auf dem Boden. Die Gerüste und Leitern helfen einem natürlich dabei, fitter zu werden, aber am meisten hat sich glaube ich mein Geist verändert. Seine Ängste zu überwinden, aus dem eigenen mentalen Gefängnis auszubrechen, eigenständig Entscheidungen zu treffen und andere nicht um deren Erlaubnis zu fragen ...

Plane jeden Schritt, als ginge es um Leben und Tod und denk immer dran: Wo du raufgeklettert bist, musst du auch irgendwie wieder runterkommen.

Gab es eine Situation, in der du richtig Angst hattest? Angst, runterzufallen oder weil du in einem verlassenen Gebäude komische Geräusche gehört hast?
Ich persönlich mache auf den Dächern nichts, womit ich mich nicht sicher fühle. Jeder Schritt muss geplant sein und man sollte immer einen Plan B haben—oder zwei. Die Momente, in denen ich mir „Oh, scheiße!" dachte, waren eher welche, in denen ich fast erwischt wurde. Ich war in Kalifornien und wir kamen gerade aus einem Parkhaus, als die Sicherheitsleute uns entdeckt haben und meine beiden Bekannten plötzlich an mir vorbeirannten. Weil mir in dem Moment noch mal deutlich bewusst wurde, dass ich gerade nicht mehr in Kopenhagen bin und die Möglichkeit besteht, wegen fotografischem Terrorismus oder was auch immer inhaftiert zu werden, bin ich so schnell gerannt, wie ich nur konnte. Als wir schließlich in Sicherheit waren, haben wir uns nur angeguckt und dachten alle „Oh Mann, was war echt knapp". Aber um ehrlich zu sein, hatte ich wahrscheinlich mehr Angst, als ich in Joburg mit dem Aufzug gefahren bin.

Gibt es irgendwelche Sicherheitshinweise, die man unbedingt im Hinterkopf haben sollte, wenn man verlassene Gebäude erkundet?
Ich glaube, dass es grundlegend einfach wichtig ist, gut vorbereitet zu sein und seinen gesunden Menschenverstand zu nutzen. Es ist schwierig, da bestimmte Regeln aufzustellen, weil jedes Gebäude anders ist. Eine universal anwendbare Regel ist aber, dass man keine Spuren hinterlassen sollte, damit das Gebäude nicht dicht gemacht wird. Abgesehen davon sollte man immer auf die Umgebung achten: auf Löcher, scharfe Objekte und Türen, die automatisch schließen zum Beispiel. Beim Urbexing muss man konzentriert sein und immer wissen, was um einen herum passiert. Plane jeden Schritt, als ginge es um Leben und Tod und denk immer dran: Wo du raufgeklettert bist, musst du auch irgendwie wieder runterkommen.

Was war der für dich intensivste, schönste Moment?
Das ist eine echt schwer zu beantwortende Frage. Jede Location hat ihre eigene versteckte Schönheit und Herausforderungen. Wenn ich mir einen Moment aussuchen müsste, dann den, als ich das erste Mal allein unterwegs war. Am Anfang war ich oft mit einem Freund, Anders, unterwegs. Wenn es irgendeine Stelle gab, an der man nicht so einfach weitergekommen ist, wusste ich, dass er mich einfach rausziehen konnte. Als ich die ersten paar Mal auf dem Weg zu den Golden Girls war, gab es ein Abflussrohr, an dem ich immer seine Hilfe gebraucht habe. Eines nachts gab es einen wirklich wunderschönen Sonnenuntergang und die Tür war offen. Ich hatte ein bisschen Angst, alleine hochzugehen, wusste aber, dass ich es schaffen würde. Es war einfach ein ganz anderes Gefühl, es alleine zu schaffen. Ich erinnere mich noch daran, wie nervös ich war, als ich alleine durch die offene Tür gegangen bin. Als ich schließlich am Abflussrohr war, bin ich problemlos hochgekommen, die Angst war wie weggeblasen und die Kopenhagener Skyline wurde on der untergehenden Sonne erleuchtet. Das war glaube ich der erste Moment, in dem ich wirklich verstanden habe, worum es bei Urbexing geht.

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Ich habe in einem Artikel über Urban Exploration in Berlin gelesen, dass es eine sehr wichtige Regel in der Szene gibt: Gib niemals die Adresse eines „guten" Gebäudes heraus, sonst wird es von Touristen überflutet. Wie hat in Anbetracht dessen die Szene darauf reagiert, dass Urbexing durch eure Dokumentation so viel Aufmerksamkeit bekommt?
Ja, es gibt diese unausgesprochene Regel, dass du die Plätze nicht verrätst. Das macht es aber auch noch spannender, den Ort zu erraten und zu versuchen, selbst darauf zu kommen. Glücklicherweise—zumindest für uns—ist es im Allgemeinen so, dass man nur eine begrenzte Zeit die Möglichkeit hat, an bestimmte Plätze zu kommen, bevor sie geschlossen werden oder einfach nicht mehr existieren. Insbesondere von der Community in Kopenhagen habe ich sehr positives Feedback bekommen, aber ich denke das liegt auch daran, dass wir uns einfach alle darüber freuen, die Stadt, die wir lieben, mit der Welt zu teilen.

Wenn es beim Urbexing um Adrenalin und das Entdecken neuer Orte geht—was hat Modeln für dich so interessant gemacht?
Für mich persönlich geht es bei Urban Exploration darum, Herausforderungen anzunehmen und deine Umgebung dazu zu nutzen, dahin zu kommen, wo du hin willst. Ich habe eigentlich gar keine Ahnung vom Modeln oder davon, Fotos zu machen, aber die Herausforderung, die perfekte Pose zu finden, bevor der Zehn-Sekunden-Timer abgelaufen ist, macht es für mich aufregend.