Illustration: Julia Kuo

Aus dem Tagebuch einer Borderlinerin

Als ich mit der Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurde, dachte ich, am Boden zu sein. Damit fingen meine Probleme aber erst richtig an.

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Feb. 1 2017, 11:05am

Illustration: Julia Kuo

Montag
Der Montag war relativ entspannt. Ich habe es geschafft, vor zehn Uhr bei der Arbeit zu sein – also nur 30 Minuten zu spät. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mich mein Chef hasst. Zumindest behandelt er mich ziemlich herablassend, was vermutlich auch daran liegt, dass ich in neun von zehn Fällen zu spät komme und es selten schaffe, Deadlines einzuhalten. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass er weiß, dass ich einen Großteil meiner Arbeitszeit damit verbringe, auf der Toilette zu heulen. Er hat mich aber auf jeden Fall noch nie darauf angesprochen.

Noch vor der Mittagspause habe ich mich vor Angst übergeben und mein Facebook-Profil zum millionsten Mal in dieser Woche gelöscht. Gegen drei Uhr nachmittags rufe ich meinen Ex-Freund an und bettele ihn an, zu mir zurückzukommen. Er sagt Nein und bittet mich, auf die Toilette zu gehen, mir meine Hände in die Hose zu stecken und ihm ein Foto davon zu schicken. Ich tue es. Mein Zittern und Schwitzen verschwindet für eine Weile. Es beginnt erst wieder, als ich kurz vor halb Sieben nach Hause gehe. Mein Zimmer ist das reinste Chaos: überall schimmlige Teller, dreckige Unterwäsche und Fliegen. Ich lasse mich auf mein Bett fallen, schalte Rick and Morty an, schmeiße mir ein paar Schlaftabletten ein und wache erst am Dienstag wieder auf.

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Dienstag
Auf der Arbeit ist es heute richtig beschissen. Ich bin zwar pünktlich da und schaffe es sogar, eine zweistündige Mittagspause einzuschieben, aber ab der Hälfte des Tages werde ich unerträglich nervös und überrede eine Freundin, mit mir Mittagessen zu gehen. Wir gehen in ein Restaurant namens Lyle's und trinken eine Flasche Wein. Dazu essen wir Ziegenherz und -brust. Ich schaue 42 Mal auf mein Telefon, fühle mich aber schon deutlich weniger ängstlicher, als ich zurück zur Arbeit gehe. Allerdings bin ich eindeutig ziemlich betrunken. Entsprechend unproduktiv ist auch mein restlicher Arbeitstag.

Am Abend sind die Batterien meines Vibrators, kurz bevor ich komme, leer. Ich spüre die Wut in mir hochsteigen und schmettere ihn gegen die Wand, bis ich ihn knacken höre. Ich rufe meine Mutter an und heule sie voll, bis ich irgendwann einschlafe.

Gegen drei Uhr nachts wache ich schweißgebadet auf. Ich kann die Schweißperlen von meinen Achseln tropfen spüren. Mein T-Shirt klebt fest an meinen völlig durchnässten Brüste. Meine Brust hebt und senkt sich hektisch. Mein Herz fühlt sich an, als würde es meinen Hals hoch wandern. Ich habe von meinem Ex-Freund geträumt, dessen mangelndes Vertrauen in mich mich immer wieder heimsucht. Ich schaue auf mein Telefon, schicke ein paar Entschuldigungen an Freunde, die ich sitzen gelassen habe (ich versuche eigentlich, nie fest zuzusagen, weil ich immer das Gefühl haben muss, dass ich mich in einer Situation befinde, in der es vollkommen OK wäre, plötzlich in Tränen auszubrechen – das heißt, ich gehe so gut wie nie irgendwohin) und schlafe gegen fünf Uhr morgens schließlich wieder ein.

Wenn diese seltsamen Geräusche anfangen, in meinem Schädel zu hämmern, weiß ich, dass ich verloren habe.

Mittwoch
Obwohl ich es geschafft habe, mich den ganzen Tag über zusammenzureißen, wird der Abend ziemlich schlimm.

Ich stoße auf ein Foto von meinem Ex-Freund, der es gewagt hat, sein Mittagessen auf Instagram zu posten – eigentlich ein unbedeutender Zwischenfall, aber als ich es entdecke, habe ich das Gefühl, meine Eingeweide auskotzen zu müssen. Die Angst steigt schubweise in mir hoch. Ich zittere und muss mich übergeben. Es fühlt sich an, ich würde Rasierklingen kotzen. Ich krieche in die Küche, paffe drei Zigaretten hintereinander und wiege mich selbst vor und zurück. Dabei entfährt mir immer wieder ein heulender Schrei. Ich spüre, wie mich mein Körper langsam aber sicher im Stich lässt. Ich höre ein verfremdetes, gurgelndes Brummen in meinem Kopf und schlage mit zitternden Hände auf meine Ohren. Mit unerträglichen Angstzuständen habe ich gezwungenermaßen gelernt umzugehen, aber wenn diese seltsamen Geräusche anfangen, in meinem Schädel zu hämmern, weiß ich, dass ich verloren habe. Das letzte Mal, als ich anfing, Dinge zu hören, bin ich in einer Menschenmenge an der Haltestelle an der Liverpool Street zusammengebrochen und musste auf die Polizeiwache und von dort aus ins Krankenhaus gebracht werden. Ziemlich ätzend.

Also rufe ich vollkommen hysterisch meinen Vater an und flehe ihn an, vorbeizukommen und mich abzuholen. Das tut er auch. Er verbringt die nächsten zwei Stunden damit, sich mitten im Feierabendverkehr seinen Weg durch die vollen Straßen zu bahnen, um mich zu retten. Einen großen Applaus für dich, Papa.

Donnerstag
Ich kann heute nicht zur Arbeit. Ich wache auf, übergebe mich, sage meinem Chef, dass ich Migräne habe und werde ordnungsgemäß von meiner Mutter zum Arzt gefahren. Ich google "Wie man sich an einem Heizkörper erhängt", während ich im Wartezimmer sitze. Ich gehe kurz raus, um zu weinen. Während ich auf der Toilette sitze und heule, höre ich aus dem Nebenzimmer, wie ich von der freundlichen Stimme der Sprechstundenhilfe aufgerufen werde.

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Mein Arzt ist ein ungemein angenehmer Mensch. Er ist unglaublich geduldig und hat das außergewöhnliche Talent, einem das Gefühl zu geben, nicht ganz so allein zu sein. Am liebsten redet er darüber, ob meine Erkrankung erblich oder durch mein Umfeld bedingt ist. Er empfiehlt mir immer, dass ich mir ein elastisches Band ums Handgelenk wickeln soll, um daran zu zupfen, wenn ich mich besonders schlecht fühle. Ich erzähle ihm, dass mich nur noch der Gedanke, dass ich mich zur Not auch umbringen könnte, ruhig schlafen lässt. Er sagt mir, dass er meine nächste Therapiestunde nach vorne schieben wird und erinnert mich daran, dass ich – wenn nötig – auch die Notfallseelsorge anrufen kann.

Auf dem Rückweg zu meinen Eltern fragt mich meine Mutter, wann ich mich zum letzten Mal gewaschen habe. Es ist acht Tage her. Sie ist so entsetzt, dass sie komplett am Rad dreht und mich regelrecht anschreit. Außerdem passt es ihr nicht, dass ich die Therapie vor ein paar Wochen geschwänzt habe. Ich versuche ihr zu erklären, dass ich das peinlich, unangenehm und wenig hilfreich finde, weil sich dadurch keines meiner Probleme lösen lässt. Wir streiten. Ich gebe ihr die Schuld für meine Erkrankung und sage ihr immer wieder, dass sie die Klappe halten soll.

Symbolfoto: Helen Harrop | Flickr | CC BY-SA 2.0

Freitag
Am Freitagmorgen liege ich wegen meiner Depressionen komplett flach. Nicht nur, dass ich wieder nicht zur Arbeit kann, zum Aufwachen habe ich eine wirklich traurige Nachrichten bekommen: Die Schwester einer Freundin ist schwer krank. Ich bleibe 18 Stunden lang im Bett und schicke meiner Freundin ein paar halbherzige Nachrichten, um ihr mein Mitgefühl mitzuteilen. Dann schiebe ich das Ganze einfach weg.

Die lähmendste Eigenschaft an BPS ist in meinen Augen die Unfähigkeit, Situationen zu relativieren. Es war mir egal, was mit ihrer Schwester war. Ich konnte mir darüber überhaupt keine Gedanken machen. Ich hatte überhaupt nicht die Energie dazu. Meine Angstattacken nahmen mich komplett in Anspruch. Wenn ich mich ritzen würde, würde ich vielleicht schrecklich bluten, aber sonst würde nicht viel passieren. Ich war innerlich komplett leer.

Ich schlafe noch ein paar Stunden und werde gegen ein Uhr mittags wach. Ich weine vor Wut. Warum zum Teufel kann ich keine bessere Freundin sein? Ich bin vollkommen inkompetent in jeglicher Hinsicht. Ich hasse mich. Ich bin Abschaum.

Im Büro ist man verärgert über meine Abwesenheit, schreibt man mir per Mail. Ich wechsle häufig meinen Job, weil ich oft Mist baue. Ich habe ab und zu sehr produktive Phasen, in denen ich relativ anspruchsvolle und gut bezahlte Jobs im Social-Media-Bereich bekomme. Doch meine heimtückische Krankheit holt mich immer wieder ein und am Ende geht doch wieder alles den Bach runter.

Ich überlege, ob ich mir eine Rasierklinge über die Schenkel ziehen soll, weil das normalerweise echte Wunder bei mir wirkt – es gibt einfach kein befreienderes Gefühl.

Ich habe jetzt seit sechs Tagen mit niemandem außer meinen Eltern gesprochen. Gegen zwei Uhr nachmittags bin ich in Angstschweiß gebadet und bestelle mir indisches Essen. Zwei Portionen scharfes Hühnchen, eine Portion Masala, eine Portion Korma, gebackenes Hühnchen, vier gebackene Zwiebel-Bhajis, eine Portion Shami Kebab, zwei Portionen Zwiebelreis und zwei Portionen Naan-Brot mit Knoblauch – macht alles zusammen rund 63 Euro.

Bulimie ist seit acht Jahren ein immer wiederkehrender Bestandteil meines Lebens. Wenn meine Situation mal wieder unerträglich wird, stopfe ich mich voll und übergebe mich danach. Curry eignet sich dafür ziemlich gut, weil es leicht wieder hoch kommt. Während ich auf mein Essen warte, kann ich meine Ungeduld nicht länger in Zaum halten und leere vier Schüsseln Cornflakes.

Gegen halb vier nachmittags liege ich wieder im Bett – mit Magenkrämpfen und einem schwammigen, vernebelten Kopf. Ich werde erst am nächsten Morgen gegen halb sieben wieder wach.

Samstag
Ich bekomme einen Nottermin bei meinem Arzt. Er ist auch der Meinung, dass ich zu einem unkontrollierbaren, neurotischen Häufchen Elend mutiere. Er schreibt mich für die kommende Woche krank. Um mich zu erholen, krieche zurück zu meiner Mutter – mit fest eingezogenem Schwanz. Zu Hause liege ich auf meinem Kissen und heule. Mein Chef wird so unglaublich sauer sein. Die Angst beginnt in meinen Eingeweiden zu pochen, als ich daran denken muss, wie er mich in hohem Bogen rausschmeißen wird, sobald er Wind von meiner Abwesenheit bekommt. Ich habe ihm einmal in einer Bar nach Feierabend erzählt, dass ich unter Angstzuständen leide, woraufhin er mich eine 'Pussy' genannt hat. Ich schreibe ihm tausend Entschuldigungen und verspreche ihm, dass ich jede einzelne Minute, die ich fehle, wieder aufarbeiten werde. Ich überlege, ob ich mir eine Rasierklinge über die Schenkel ziehen soll, weil das normalerweise echte Wunder bei mir wirkt – es gibt einfach kein befreienderes Gefühl. Doch auf Anordnung des Arztes hat meine Mutter alle scharfen Gegenstände aus dem Bad konfisziert. Ich schreie, bis ich anfange am ganzen Körper zu zittern.

Sonntag
Ich habe keine Worte mehr und tippe diesen Text unter Tränen. Meine Mutter sitzt neben mir und sagt, dass alles gut werden wird – und dafür liebe ich sie. Ich habe keine Ahnung, wo ich ohne die Unterstützung meiner Familie wäre. Meine Woche auf diese Weise noch einmal gedanklich durchzugehen, wirkt nicht nur unerklärlich erschreckend, sondern auch meditativ. Ich schätze, es scheint tatsächlich etwas zu bringen, über bestimmte Dinge zu sprechen. Wer hätte es gedacht?

Ich habe bemerkt, dass es seit Kurzem immer mehr Berichte von Menschen mit BPS gibt, was unglaublich gut ist. Denn obwohl ich seit acht Jahren verschiedene Therapien angefangen und wieder aufgehört habe, habe ich erst vor zwei Jahren die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung bekommen. Mir wurde auch gesagt, dass diese irrsinnig gefährlich klingende Krankheit auch eine Erklärung für meine unzähligen schlechten Angewohnheiten sein könnte – von meinen fragwürdigen Versuchen, empathisch zu wirken über meine Wutausbrüchen bis hin zu meinem selbstverletzenden Verhalten. Mein Arzt schien mir immer nur zu sagen: "Das Problem ist nicht irgendeine Krankheit. Du bist es." Dafür habe ich mich irgendwie immer geschämt – was mich wahrscheinlich auch dazu gebracht hat, das komplette Jahr 2015 hindurch Antidepressiva zu schlucken, immer wieder zur Verhaltenstherapie zu rennen und täglich 16 Stunden zu schlafen.

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Doch Persönlichkeitsstörung hin oder her: Erwachsenwerden ist scheiße. Manchmal helfen mir die Erfahrungen anderer junger Menschen mit BPS dabei, mich weniger allein zu fühlen. Gleichzeitig machen mich ihre Geschichten auch so neidisch, dass ich ihnen am liebsten vor die Tür kacken würde. Sie erinnern mich daran, wie weit ich davon entfernt bin, mich gut zu fühlen und ich bekomme das Gefühl, zurück in die Dunkelheit zu fallen.

Das werde ich den anderen auf gar keinen Fall vor, ich will nur sagen: Ich habe keinen guten Rat für jemanden, der dasselbe durchmacht wie ich. Ich kann niemandem sagen, wie er es da wieder rausschafft, weil ich es selbst noch nicht weiß. Ich bin es gewohnt, allein zu leiden. Vielleicht geht es dir genauso. Ich bin immun gegen Hilfe oder Unterstützung, was mich auch zu keinem guten Vorbild macht. Was ich allerdings weiß, ist, dass nichts so heilsam und beruhigend ist, wie zu wissen, dass man in schlimmen Momenten nicht allein ist – zu wissen, dass es noch andere gibt, die einen verstehen, die exakt dasselbe durchmachen und es auch noch nicht hinter sich haben.

Klar, die Erlösung scheint trotzdem noch immer unerreichbar, aber es gibt eine Sache, die mir geholfen hat, den ersten Schritt in die richtige Richtung zu machen: Ich habe angefangen zu reden. Das kann ich auch anderen empfehlen.