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Illustration by Laura Callaghan

Wie es ist, übergewichtig zu sein und trotzdem an Anorexie zu leiden

Amelia Tait

Amelia Tait

Nur weil unsere Gesellschaft das Konzept eines „dicken Magersüchtigen“ nicht versteht, heißt es noch lange nicht, dass es nicht existiert.

Illustration by Laura Callaghan

Als Jacqui Valdez 16 war, dokumentierte sie jede einzelne Kalorie, die sie zu sich nahm. Sie schluckte jeden Tag Abführmittel, fastete immer wieder und aß tagelang nur Obst oder Gemüse. Über einen Zeitraum von zwei Jahren verlor sie 37 kg. Das sind alles eindeutige Symptome einer Essstörung. Trotz alledem galt Vadelz nie „offiziell" als magersüchtig. Warum? Weil sie nicht untergewichtig war.

Laut der fünften Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) muss eine Person starkes Untergewicht haben, damit die Diagnose Anorexia nervosa gestellt werden kann. In der Praxis bedeutet das, dass Ärzte ihre Patienten abwiegen müssen, um festzustellen, ob sie an der Krankheit leiden. Untergewicht—und somit Anorexie—hat man erst ab einem Body Mass Index (BMI) von weniger als 18,5. Der Zugang zu lebensrettender Behandlung hängt demnach von dieser Diagnose ab.

„Mein Höchstgewicht war um die 85 kg und mein niedrigstes 49 kg", sagt Valdez, die heute 27 ist und als Verwaltungsassistentin arbeitet. Mit ihren 1,60 m müsste sie weniger als 47 kg wiegen, um als untergewichtig zu gelten.

Weil Valdez als Jugendliche übergewichtig war, war sie auch nach ihrem drastischen Gewichtsverlust nicht untergewichtig. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht gelitten hat. Valdez war nicht mehr oder weniger magersüchtig mit 18 Jahren und 49 kg, als mit 16 und 68 kg. Zu beiden Zeitpunkten litt sie an einer psychischen Krankheit, durch die sie wie besessen Kalorien zählte, ihre Nahrungsaufnahme einschränkte und sich und ihren Körper hasste.

Valdez mit 17, als sie immer noch an ihrer Essstörung litt. Sie wog 53 kg. Foto mit freundlicher Genehmigung von Jacqui Valdez.

„Meine Zähne waren verrottet, ich hatte ingesamt um die 90 kg abgenommen und chronisch niedrigen Blutdruck", sagt sie. „Egal, wie viel ich dafür tat, wie viele Tage ich gar nichts aß und wie viel Abführmittel ich nahm—es war alles für nichts, weil ich nie mein Zielgericht erreichte."

Ihr Zielgewicht waren 47 kg, genau die Zahl, die sie hätte erreichen müssen, um als untergewichtig zu gelten. Durch das Gewichtskriterium wird Anorexie nicht nur von einer psychischen Störung auf eine physische reduziert, es diente für Vadlez auch als Ansporn.

Valdez würde laut DMS-5 in die Kategorie einer „atypischen Magersüchtigen" fallen. Seit 2013 wurde eine neue Störung, OSFED (Other Specified Feeding or Eating Disorder), in die Liste aufgenommen. An einer OSFED leidet, wer weder die Kriterien für Anorexie, noch für Bulimie erfüllt. Einer der fünf Untertypen von OSFED ist atypische Anorexie, was die offizielle Bezeichnung für Krankheitsausprägungen wie die von Valdez ist: Betroffene haben ein gestörtes Essverhalten, aber nicht das niedrige Gewicht, das mit Magersucht assoziiert wird.

Obwohl diese neue Definition bereits ein ausgezeichneter Fortschritt ist, ist der Nutzen für die Praxis gering. Momentan gibt es in Großbritannien kein Behandlungszentrum, das auf OSFED spezialisiert ist, und für eine Behandlung von Anorexie müssen Patienten einen sehr niedrigen BMI aufweisen. Bei einer Umfrage von Beat, der wichtigsten britischen Wohltätigkeitsorganisation für Essstörungen, aus dem Jahr 2013 unter 500 Patienten zeigte sich, dass 40 Prozent gesagt worden war, ihr BMI wäre nicht niedrig genug für eine Behandlung. In den USA dürfen Krankenversicherungen sich weigern, für die Kosten für die Behandlung einer Essstörung aufzukommen, wenn der Patient nicht die eigenen Kriterien der Versicherung für eine Diagnose erfüllt.

Krank genug zu sein, um ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, war eines meiner vielen Ziele.

Aufgrund dieses unlogischen Systems warten Ärzte ab, bis der Zustand eines Patienten sich extrem verschlimmert—manchmal sogar lebensbedrohlich geworden ist—, bevor sie ein Heilmittel anbieten. Stellt euch mal vor, man würde so mit körperlichen Krankheiten wie Krebs oder anderen psychischen Störungen wie Schizophrenie umgehen.

Die Organisation Beat ist sich dieser Probleme bewusst. „Der BMI als einziges Kriterium, das über den Zugang zu Behandlung bestimmt, egal ob es um den geistigen oder den körperlichen Aspekt einer Essstörung geht, ist von Grund auf falsch", sagt Lorna Garner, die leitende Geschäftsführerin.

„Da es keine anderen Mittel gibt, ist der BMI das einzige Maß für praktische Ärzte, um zu bestimmen, ob jemand Unter- oder Übergewicht hat. Wir befürworten nicht, dass es komplett abgeschafft wird, aber würden dafür sorgen, dass nicht zu viel Wert darauf gelegt wird ... Genauso wenig befürworten wir das Erreichen eines bestimmten BMI als Zeichen für die Genesung."

Dass ein gesunder BMI niemals automatisch von einem gesunden Geisteszustand zeugt, sollte klar sein. Laura*, eine 29-Jährige, die im Personalwesen arbeitet, litt zwischen 2006 und 2013 an Anorexie. Sie fastete häufig zwischen 7 und 18 Uhr, portionierte ihr Essen für die kommende Woche akribisch genau und machte jeden Tag eine Stunde Sport. Trotzdem tat sie alles, um sicherzustellen, dass sie kein Untergewicht hat.

„Mit meinen 1,58 m war das niedrigste Gewicht, das ich haben konnte, 46 kg", sagt sie. „Ich wollte nicht zu dünn werden, weil ich Angst hatte, dass mir mein Arzt das Adderall wegnimmt oder meine Dosis verringert."


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Laura bekam dieses Medikament verschrieben, als bei ihr ADHS diagnostiziert wurde. „Das Adderall spielte für mein gestörtes Essverhalten eine wichtige Rolle, weil ich dadurch mein Hungergefühl kontrollieren konnte. Vor einem Arzttermin rauchte ich Gras und aß ganz viel Müsli oder Pizza und wenn ich ein neues Rezept hatte, fastete ich wieder, um es wieder zu kompensieren."

Lauras außergewöhnliche Geschichte beweist, dass jeder Fall einzeln betrachtet werden muss. Sie ist nur eine von vielen über- und normalgewichtigen Anorektikern, die nicht die Behandlung, geschweige denn Beachtung bekamen, die sie von ihren Ärzten verdient haben.

Bis 2013 war Amenorrhö, das Ausbleiben von mindestens drei Monatsblutungen, ein notwendiges Merkmal für die Diagnose von Anorexie. Dadurch fielen nicht nur jene durch das Raster, die kein starkes Untergewicht hatten, sondern es wurde auch die Möglichkeit ausgeschlossen, dass männliche Patienten wie Luke, ein 17-jähriger Schüler, an Anorexie leiden. Obwohl dieses Kriterium mittlerweile abgeschafft wurde, ist der BMI immer noch ein Hindernis für die Diagnose von Anorexie bei Männern. Das liegt daran, dass Männer tendenziell mehr Muskelmasse haben als Frauen. Der BMI ist folglich ein irreführender Maßstab für den Gesundheitszustand eines Mannes.

„Mein Hausarzt erkannte das Ausmaß meiner Essstörung nicht, weil ich mich am unteren Ende eines gesunden BMI befand", sagt Luke. „Da ich viel Muskelmasse habe und überdurchschnittlich groß bin, ist der BMI in meinem Fall nicht besonders hilfreich."

Wie Valdez war auch für Luke das Gewichtskriterium für die Diagnose ein Ansporn. „Krank genug zu sein, um ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, war eines meiner vielen Ziele", sagt er. „Mein Wunsch, krank genug für einen Klinikaufenthalt zu sein, kam daher, dass ich der ‚bestmögliche' Anorektiker sein wollte."

Die Leute machten sich keine Sorgen um mich, sie lobten mich.

Es sind jedoch nicht nur die Ärzte und die psychiatrischen Einrichtungen, die ihre Einstellung ändern müssen. Luke sagt, seine Familie und Freunde erkannten nicht, wie schlimm seine Essstörung war. Obwohl die Gesellschaft mittlerweile mehr Verständnis für Anorexie bei Männern entwickelt hat, ist das Konzept eines „fetten Magersüchtigen" immer noch völlig fremd.

Aufgrund dieser Kultur zögert Alex, eine 19-jährige Transgender-Studentin, sich Hilfe zu suchen. „Ich versuche, mich von einem Apfel pro Tag zu ernähren", sagt sie. Wenn sie die Energie hat, fährt sie Fahrrad, um sich sportlich zu betätigen. Trotzdem wiegt Alex 120 kg. Auf ihre 1,72 m bedeutet das ein BMI von 39,5—eindeutig adipös.

„Ich habe noch gar nicht versucht, Hilfe zu suchen", sagt sie. „Ich bezweifle, dass man mich ernst nehmen würde. Manchmal ist es schwierig, das Problem zu sehen. Ich meine, ich nehme ab. Das ist doch etwas Gutes. Es ist schwierig, sich wirklich verbessern zu wollen, weil es sich gut anfühlt, Fortschritte zu machen, egal um welchen Preis."

Durch Alex' Aussage wird klar, wie gefährlich die Ansichten der Gesellschaft zu Gewichtsverlust sind. Wenn eine dickere Person versucht, Gewicht zu verlieren, wird sie für das Ergebnis bewundert—egal, wie es dazu kam. Als der britische Reality-TV-Star Lauren Goodger zugab, dass sie fünf Trainingseinheiten pro Tag absolvierte und sich nur von einem halben Apfel und einem hart gekochten Ei ernährte, wurde sie im Klatschmagazin Closer für ihre „ hot body secrets" gelobt.

„Die Leute machten sich keine Sorgen um mich, sie lobten mich", sagt Valdez. „Hätte ich mit Normalgewicht angefangen und wäre dann untergewichtig geworden, hätten sich die Leute um mich herum vielleicht Sorgen gemacht. Aber ich war übergewichtig. Niemand war besorgt."

Valdez 2015 mit 73 kg, nachdem sie sich von ihrer Essstörung erholt hat. Foto mit freundlicher Genehmigung von Jacqui Valdez.

Der möglicherweise belastendste Aspekt der Diagnosekriterien ist nicht die Art, wie Ärzte und die Gesellschaft Betroffene seiht, sondern wie sich die Betroffenen selbst sehen. Personen mit stark gestörtem Essverhalten können sich leicht überzeugen, dass sie kein Problem haben, wenn sie nicht der engen Definition von Anorexie entsprechen.

„Es ist schwierig für mich zu behaupten, dass ich eine Essstörung hatte", sagt Valdez. „Verdiene ich es wirklich zu sagen, dass ich eine Essstörung hatte? Rational gesehen, ja, klar. Aber ein Teil von mir glaubt es einfach nicht."

Valdez litt, und ihre Geschichte beweist, dass sich unsere Einstellung zu Essstörungen ändern muss. Eine Person kann magersüchtig sein, egal wie dick oder dünn sie ist. Das zu leugnen, bedeutet, den Betroffenen die Hilfe zu verweigern, die sie so dringend benötigen. Es bedeutet, zu warten, bis die Essstörung ihre schlimmste Ausprägung erreicht hat, bevor Hilfe angeboten wird. Es bedeutet, das Leben von Menschen zu gefährden. Wenn der Verdacht besteht, dass jemand an einer Essstörung leidet, sollten sich Ärzte die Psyche genau untersuchen, nicht nur den Körper.

„Hoffentlich erfährt jemand von meiner Geschichte", wünscht sich Valdez, „und erkennt einen Wandel, den gleichen Kampf und Schmerz, bei einer nahestehenden Person, damit sofort Pläne für die Genesung umgesetzt werden können, bevor es zu spät ist."

* Name wurde geändert