Auch in Porno-Filmen steckt eine kreative Vision – man muss nur genau hingucken

Darstellerin und Regisseurin Vex Ashley dreht kunstvolle Erotikfilme und sieht Schönheit in vermeintlich ekligen Sex-Momenten. Für uns hat sie aus dem Nähkästchen geplaudert.

von Vex Ashley; aufgeschrieben von Sirin Kale
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Okt. 15 2018, 10:45am

Illustration: Soofiya Andry

Meine Generation war die erste, die mit sozialen Medien und dem Internet aufgewachsen ist. Ich weiß noch, wie ich in der Schule online ging und mit unterschiedlichen Leuten Cybersex hatte. Außerdem las ich viel erotische Fan-Fiction und war in Chatrooms unterwegs, in denen es nur um eins ging. Ich hatte Glück, meine Eltern sind sehr offen mit den Thema Sex umgegangen. Als ich meine Mutter einmal fragte was Masturbation sei, malte sie mir ein Bild von der Vulva und der Klitoris. Für meine Eltern war es auch keine große Überraschung, als ich begann, in der Erotikbranche zu arbeiten. Auch ich bin beim Thema Sex ja immer sehr ehrlich zu ihnen gewesen.

Während meiner Zeit an der Kunsthochschule fing ich an, meinen Körper für meine Kunst zu verwenden. Ich machte Nacktfotos von mir selbst und nutzte mich als Vorlage für Skulpturen. Irgendwann kam ich auf die Idee, mich auf kreative Weise nackt im Internet zu präsentieren. Es entstanden erotische Fotos für eine alternative Website. Einige Mädels dieser Website arbeiteten als Cam-Girls. So rutschte ich in diese Szene rein und es machte mir richtig viel Spaß. Ich lernte eine Community kennen, deren Mitglieder Pornos drehten und durch Sexarbeit ihr Geld verdienten.


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Mir fiel jedoch auf, dass es nicht viele Menschen gab, die Pornos als Möglichkeit sahen, ihre kreative Vision umzusetzen. Mein Freund und ich fingen an, Porno-Musikvideos zu drehen: Zu bestimmten Liedern filmten wir nackte, sich windende Körper, schnitten die Aufnahmen zurecht und luden das Ganze zum Beispiel bei Tumblr hoch. Diese Videos kamen super an. Deshalb wollten wir versuchen, richtige Pornos auf diese Art zu drehen. Was als eine Art Experiment anfing, ist jetzt – fünf Jahre später – immer noch aktuell. Mein Partner und ich nahmen anfangs auch ein Video auf, für das mein Partner mich mit einer Makrolinse auf der Kamera filmte. Die meisten Pornos werden aus der Mitteldistanz gefilmt und wirken eher steril. Deswegen wollten wir wissen, wie erotische Filme aussehen, bei denen die Kamera fast schon unangenehm nah dran ist. Genau so gingen wir bei meinem Solo-Video vor.

Schließlich hielten wir es für einen gute Idee, eine dritte Person ins Boot zu holen. Ich chattete schon eine Weile mit einem Typen, den ich für geeignet hielt. Allerdings hatte ich zu diesem Zeitpunkt außerhalb meiner Beziehung mit noch keinem anderen Menschen geschlafen.

Der Dreh war vor allem für meinen Freund schwieriger als erwartet. Ich versuchte die ganze Zeit, so gut wie möglich zu performen. Als wir durch waren, fiel mir auf, dass mein Partner sehr wütend wirkte. Ich hatte mit einem anderen Mann geschlafen. Das machte meinem Freund schwer zu schaffen. Deshalb mussten wir erstmal an uns selbst und an unserer Beziehung arbeiten. Wir mussten überlegen, was es wirklich für uns bedeutet, Pornos zu drehen. Menschliche Emotionen sind total faszinierend: Man kann sich vorher noch so oft denken, dass man etwas in Ordnung findet, und am Ende doch von der tatsächlichen Reaktion überrascht werden.

Wenn man das erste Mal Drogen nimmt, sei es am schönsten, heißt es. So erging es mir bei Pornos. Bei meinem ersten Dreh war alles noch aufregend neu und ich vergaß sogar, dass ich gefilmt wurde. Inzwischen denke ich beim Filmen aber viel mehr nach – darüber, was mein Partner macht oder wie die Szene aussieht.

Wenn ich für mein Projekt Four Chambers bei Pornos Regie führe, dann will ich vor allem mit der Ästhetik von Sex spielen und mithilfe von Sexualität Dinge auf eine konzeptuelle Art ansprechen. Ich stehe auf alles, was total schräg ist. Ich habe zum Beispiel schon Eier oder Fische beim Dreh eingesetzt. Meiner Meinung sind Pornos viel interessanter, wenn sie eine Prise Ekel enthalten. Sex ist wundervoll, aber eben auch dreckig – und für mich erst dann richtig heiß, wenn er eben auch ein bisschen eklig ist.

Vier Porno-Darstellerinnen liegen zusammen im Bett
Foto: bereitgestellt von Vex Ashley

Mit Four Chambers will ich die Atmosphäre beim Sex einfangen, nicht nur den expliziten Akt an sich. Ich frage mich immer wieder: Wie kann man die steigende Intensität rüberbringen, ohne einfach alles auf einmal zu zeigen?

Mir ist sehr wichtig, sowohl Darstellerin als auch Regisseurin zu sein. Nur so kann ich wirklich verstehen, wie sich die Dynamik dahinter anfühlt. Wenn ich in einem Porno mitspiele, bei dem ich auch Regie führe, dann bin ich am Set immer die erste, die sich nackt macht oder die pikanteren Szenen dreht. Damit zeige ich, dass ich alles mache, was ich von den anderen erwarte.

Eine der besten Erfahrungen, die ich je an einem Porno-Set gemacht habe, kam beim Pornfilmfestival Berlin. Am Morgen nach der Abschlussparty wollten wir eine Szene drehen, aber ich war eigentlich viel zu fertig. Am Set entstand dann plötzlich diese überwältigende Energie. Beim Höhepunkt der Szene hatte eine der Darstellerinnen dann einen total intensiven Orgasmus. Sie zitterte am ganzen Körper und weinte, während wir sie umarmten und aufs Gesicht küssten. Das Ganze fühlte sich fast schon magisch an. Wir alle verloren uns total in diesem einen Moment. Ich weiß noch, wie ich mich nach dieser Szene in meiner Liebe für das Drehen von Pornos und Sex an sich total bestärkt fühlte.

Um das Leben von Porno-Darstellern und -Darstellerinnen ranken sich viele Mythen. Dabei besteht der Alltag dieser Menschen vor allem aus Warten.

Durch Pornos habe ich auch gelernt, wie man über Sex redet. Am Set spricht man ja mit dem Drehpartner oder der Drehpartnerin darüber, wie man gleich miteinander schläft. Im Alltag unserer heteronormativen Gesellschaft passiert das nur selten.

Für viele Menschen sind Pornos eine Art Wegwerfprodukt. Die Darsteller und Darstellerinnen gelten nicht als Kreative oder als Menschen, die ihrem ganz normalen Beruf nachgehen. Sie werden auf ihre sexuelle Tätigkeit reduziert.

Um das Leben von Porno-Darstellern und -Darstellerinnen ranken sich viele Mythen. Dabei besteht der Alltag dieser Menschen vor allem aus Warten. Oft wird erst am Ende des Tages gefickt. Man ist häufig müde. Und es gibt viel Papierkram zu erledigen. Wenn ich meine Filme schneide, dann sitze ich pro Tag zwölf Stunden lang vor meinem Computer, während mir meine Katzen zwischen den Beinen herumlaufen. Mit Glamour hat das nicht viel zu tun.

Man kritisiert an Pornos häufig, dass sie nicht vielfältig seien und keine unterschiedlichen Perspektiven zuließen. Wenn dann aber mal Wege für unabhängige Filme geebnet werden, macht man die direkt wieder dicht. So bleiben nur die gleichen, sich immer wiederholenden Porno-Schablonen zurück. Wir müssen es jungen, hungrigen Menschen möglich machen, hier ihre kreativen Visionen in die Tat umzusetzen.

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