Illustration: Sarah Schmitt

„Disney für Erwachsene“: die Erfolgsgeschichte erotischer Groschenromane

Vom Bergdoktor über den Adelsroman bis hin zu „50 Shades of Grey“: Die Gattung der „Romance“-Literatur gilt als abgeschmackt, klischeebeladen, antifeministisch und ist trotzdem wahnsinnig erfolgreich. Wir haben mit zwei Autorinnen gesprochen.

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27 April 2016, 8:50am

Illustration: Sarah Schmitt

Im Deutschunterricht eines Hochleistungsgymnasiums im ländlichen Raum nahmen wir zu Beginn der Mittelstufe sogenannte Trivialliteratur durch. Unsere Deutschlehrerin war nicht gnädig in ihrem Urteil über den literarischen Wert dieser Schundstücke. Erzählungen, in denen eine schöne, junge Frau auf einen schönen, jungen (oder nicht mehr ganz so jungen) Mann trifft und ihm schlussendlich hoffnungslos verfällt. Auf dem Weg dahin wird noch mal ordentlich in die Geschlechterklischeekiste gegriffen—die holde, unbedarfte Maid muss schließlich vom edlen Ritter gerettet werden—und schon ist die interessierte Leserin sehnsuchtsvoll seufzend am Ende des Heftchens angelangt. Auch ich konnte damals kaum glauben, dass Menschen für so etwas Geld ausgeben würden. Tun sie aber. Milliarden Euro, jedes Jahr.

Groschenromane sind keine Bücher, sondern Taschenhefte oder Heftromane und werden wie Zeitschriften vertrieben, also am Kiosk. Aus dem Cora Verlag geht alle vier Sekunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein Roman über den Ladentisch—zusätzlich zu den Abonnements. Rund 800 Romane erscheinen jährlich, die Gesamtauflage liegt bei 12 Millionen Exemplaren. Damit ist der Cora Verlag, bekannt für Arztromane und erotische Literatur, unangefochtener Marktführer. In den Vereinigten Staaten lag der Gesamtumsatz des Romance Genre 2012 bei über eine Milliarde US-Dollar.

Trivialliteratur, Groschenromane, Romance, oftmals wird das Genre als Frauenliteratur abgetan. Susanne Hochreiter vom Institut für Germanistik stellte im Interview mit Der Standard fest, dass diese Unterscheidung zwischen angeblich seichter Literatur und „richtigen Büchern" respektlos sei. Das Klischee vom männlichen Genie, das ernsthafte Literatur produziert, herrscht vor. In Buchhandlungen werden Bücher von Männern nach ihrem Inhalt sortiert, Frauenliteratur nach ihren potentiellen Käuferinnen. Niemand würde auf die Idee kommen, nach der Abteilung für Männerliteratur zu fragen. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei „Frauenliteratur" um ein lukratives Genre.

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Anna Basener beispielsweise hat sich ihr Studium der Kulturwissenschaften in Hildesheim mit dem Schreiben von solchen Liebesromanen finanziert. Sie war 23, als sie ihre ersten Fürsten- und Adelsromane veröffentlichte. „Mich hat interessiert, dass viel die Nase drüber gerümpft wird. Jetzt gucke ich es mir extra an, wenn alle anderen es für naiv und einfältig hielten. Meine Kommilitonen dachten das zwar nicht, aber ihre Akademikereltern." Mittlerweile schreibt sie selbst zwar nur noch Hörspiele und sehnt der Veröffentlichung ihres ersten „richtigen" Romans entgegen, der im kommenden Jahr erscheinen soll. Sie hat allerdings keine Probleme damit, über ihren ehemaligen Job zu sprechen—schließlich hat sie auch ein Buch darüber geschrieben: Heftromane schreiben und veröffentlichen.

Laut Anna ist die typische Romance Autorin Ende 40, Geisteswissenschaftlerin, Akademikerin, vom Typ her eher pragmatisch und hanseatisch und ganz selten jemand, der wirklich so aussieht, wie man sich eine „Groschenroman-Oma im Stil von Barbara Cartland vorstellt." In diese Beschreibung passt auch US-Autorin Harper Kincaid, Mitte 40 und im Besitz zweier Master-Abschlüsse: in Gender History und Klinischer Sozialarbeit. Eine erklärte Feministin also, die über Frauen schreibt, die sich nach Unterwerfung sehnen und in stereotype Schubladen eingeordnet werden.

Die Geschichte muss gut ausgehen. Das heißt, die Liebe der beiden Hauptfiguren muss sich erfüllen und am Ende aller noch so komplizierten Irrungen und Wirrungen steht stets das Happy End.

Harper räumt ein, dass sich diese romantischen Geschichten natürlich an eine Art Schema halten, das man erst einmal für sich begreifen muss, und danach bei jedem folgenden Buch einfach anwendet. Was nicht bedeuten soll, dass es ein einfacher oder hirnloser Vorgang ist. Harper verweist mich auf die Romance Writers of America Homepage, um gängige Schema nachzulesen. Sie selbst dürfe nichts dazu sagen, da ihr Verleger solche Informationen als ‚geistiges Eigentumsrecht' ansieht.

„Diese Romane sprechen vor allem ein weibliches Publikum an. Sie handeln von großen Gefühlen zwischen zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts und folgen in ihrem Aufbau festgelegten Grundmustern. Ganz wichtig: Die Geschichte muss gut ausgehen. Das heißt, die Liebe der beiden Hauptfiguren muss sich erfüllen und am Ende aller noch so komplizierten Irrungen und Wirrungen steht stets das Happy End.", heißt es hingegen recht konkret in der Pressemappe des Cora Verlages. „Die ganzen Regeln, die es da gibt, sind ein total schöner und sicherer Rahmen und in diesem Rahmen werden dir einige Entscheidungen abgenommen.", sagt auch Anna, die bereit ist, offen über ihren Schreibprozess zu sprechen.

Illustration: Sarah Schmitt

Sex und Gewalt haben Grenzen, sagt sie. Es schwingt schon mal einer die Faust, wenn er seine Ehre oder die seiner Mutter verletzt sieht, jedoch nichts „krasses, nicht viel Blut." Sexualität zeige sich in Form von Küssen, Sexszenen würden nicht zu detailliert beschrieben. Wenn man jenseits der Heteronormativität sucht, dann ist man beim Groschenroman falsch: Dort herrscht klassische Mann-Frau-Zweierbeziehung, ohne Amoralitäten wie Betrugsfälle oder Polyamorie—zumindest bei den Hauptfiguren. Unter Umständen ist jemand im Nebenplot homosexuell. Ebenfalls tabu: Politik und Religion.

Obwohl das ziemlich festgefahren und nach archaischen Rollenbildern klingt, glaubt Harper Kincaid, dass romantische Groschenromane Frauen dabei helfen können, sich mit ihrer eigenen Sexualität auseinanderzusetzen—abseits von dem, was der männerdominierte Mainstream als „sexy" definiert. Sie erklärt mir, dass sie sich an keine einzige Geschichte erinnern kann, in der die Frau ihre Karriere für einen Mann aufgegeben hätte. Sie sieht starke Heldinnen als Norm an, selbst wenn diese im Schlafzimmer unterwürfig sind.

Ihrer Meinung nach mag eine Frau an einem gleichberechtigten Partner interessiert sein, „doch im Schlafzimmer wollen manche etwas ganz anderes. Vielleicht wollen sie das Alphatier, das an ihren Haaren zieht, sie vorne rüber beugt und sie aufs Dreckigste beschimpft. Vielleicht ist sie auch an ungewöhnlichen oder abartigen Sachen interessiert, zum Beispiel etwas mit ihrem Stiefbruder oder einem Priester anzufangen. Dann liest sie halt einen Liebesroman und lebt ihre Fantasie aus. Manche Frauen brauchen einfach die Abwechslung und ein Liebesroman ist ja nun wirklich gesünder als eine Affäre." In ihren Romanen geht es nicht um das politisch Korrekte, sondern um Tabus. Sexualität unterwirft sich keiner Norm.

Harpers Bücher sind bekannt dafür, dass sie die ‚Temperatur hochjagen'. Soll heißen, dass der Sex sehr explizit beschrieben ist und deswegen ein jüngeres Publikum anlockt. Laut Anna war „sexy Romance" in Deutschland eher in den 80ern und 90ern üblich. Mit dem Erfolg von 50 Shades of Grey würde das Genre allerdings neu aufleben—vor allem im E-Book-Bereich. Der Tagesspiegel sagte es mal ganz schön: Am digitalen Kiosk herrscht Chancengleichheit. Das flimsige, dünne Heftchen für ein paar Euro steht neben vermeintlichen Hochkarätern und wird kräftig runtergeladen. Weiß ja keiner, was man liest, zwinker, zwinker. Der digitale Anteil am Gesamtumsatz des Heftchen-Riesen Bastei Lübbe stieg 2015 auf über 30%. In den USA werden 39% aller Romance Bücher als E-Books vertrieben. Klassische Taschenbücher sind nur noch bei 32%.

Männer werden ja auch nicht dafür verachtet, dass sie ‚Stirb langsam' gucken.

Sowohl Anna als auch Harper bestätigen, dass es hauptsächlich Mädchen und Frauen sind, die diese Art von Literatur konsumieren, wobei die Verteilung in Deutschland noch einmal deutlicher zugunsten des weiblichen Geschlechts ausfällt. Hier sind es laut Cora Verlag 98% Frauen, größtenteils über 60 und, wie Anna hinzufügt, „das ist ein schreckliches Wort, aber: bildungsfern." Sie erklärt dies dadurch, dass ein Heimatroman so viele Leute wie möglich abgreifen möchte und ein Fürstenroman eben nicht sonderlich provokant ist. Leicht konsumierbar eben. Doch sie betont, dass es immer, in jeder Umfrage, auch die 35-jährige Ärztin gab, die sich für diese Art der Lektüre begeistern kann.

Dass dieses Genre von weiblichen Autorinnen und Leserinnen dominiert wird und sich inhaltlich mit Emotionen auseinandersetzt, ist für viele automatisch ein Grund, sich darüber lustig zu machen, sagt Harper. Sie findet klare Worte für diese Art und Weise zu denken: „Was für ein Haufen Scheiße. Es gibt ein paar Männer in diesem Genre und alle machen so einen Riesenaufstand darum, dass die einen emotionalen Standpunkt vertreten können. Augenrollen an dieser Stelle. Ich sehe das Genre mehr so als Disney oder Pixar für Erwachsene: Du wirst unterhalten, du siehst etwas mal ganz anders, und meistens wirst du die Geschichte mit einem Happy End verlassen—in jeglicher Hinsicht."

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Trotzdem spielt Scham immer noch eine große Rolle. Es gibt ein Stigma, sowohl für das Romance Genre, als auch für die Leser_innen. „Die Oma einer Bekannten liest Groschenromane und immer, wenn sie mit einer Seite fertig ist, reißt sie die raus und schmeißt sie weg. Auch als Lesezeichenersatz.", erzählt Anna. Es gäbe eben Literaturhierarchien, sagt sie, und Frauenliteratur sei dabei ganz unten. „Klar, das wird am Fließband produziert. Der Verlag hat so enge Produktionszyklen und der Lektor so wenig Zeit, der kann auch nicht aus Scheiße Gold machen innerhalb von einem Tag. Manchmal führt das dann zu hölzernen Formulierungen. Und es ist mehr oder weniger immer das Gleiche. Das kann man nicht bestreiten." Romance wird ihrer Meinung nach als Gebrauchsliteratur angesehen. Gelesen, getauscht, nicht wirklich behalten.

Sowohl Anna Basener als auch Harper Kincaid kommen immer wieder auf den Aspekt des Eskapismus zu sprechen, wenn es darum geht, warum Groschenromane so beliebt sind. Die Macht- und Hilflosigkeit, von der sich gerade Frauen im Alltag zwischen Vereinbarkeit, Familie, Job und Beziehung oftmals erdrückt fühlen. Warum müssen wir verurteilen, wenn Leute Eskapismus brauchen? „Männer werden ja auch nicht dafür verachtet, dass sie Stirb langsam gucken." sagt Anna nachdenklich. „Die Leute brauchen ein Distinktionsmerkmal. Vielleicht geht es nicht um die Gesellschaft, sondern um mich. Ich bin klüger, und die ist doof, weil die das liest."

Meine Deutschlehrerin von damals ist bestimmt längst in Rente. Vielleicht sollte ich ihr mal eins von Harpers Büchern schicken. Oder diesen Artikel. Wer weiß, unter Umständen wird sie entspannter, und beschäftigt sich das nächste Mal differenzierter mit einem Genre, das von Frauen für Frauen geschrieben wird. Das muss ja nicht zwingend etwas Schlechtes sein.