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In den Niederlanden hat ein Missbrauchsopfer Sterbehilfe erhalten

13 Mai 2016 8:03
In den Niederlanden hat ein Missbrauchsopfer Sterbehilfe erhalten

Foto: Guian Bolisay | Flickr | CC BY-SA 2.0

Nachdem die Folgen ihrer posttraumatischen Belastungsstörung trotz psychiatrischer Behandlung als „unerträglich” eingestuft wurden, hat eine junge Frau in den Niederlanden die Erlaubnis bekommen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Wir haben eine Therapeutin gefragt, welche Optionen sie für Traumapatienten sieht, für die es scheinbar keine Hoffnung mehr gibt.

In den Niederlanden hat eine Frau Mitte 20 Sterbehilfe erhalten, nachdem ihre Ärzte die Symptome ihrer posttraumatischen Belastungsstörung infolge des sexuellen Missbrauchs während ihrer Kindheit als „unerträglich" eingestuft haben. Sie starb durch eine tödliche Injektion.

„Sie hatte keine Aussicht oder Hoffnung auf Besserung", bestätigte ihr Psychiater laut Daily Mail. Metro UK berichtete indes, dass die Patientin unter anderem an Symptomen wie schwerer Anorexie, chronischen Depressionen, Halluzinationen und Zwangsstörungen litt und deshalb bettlägerig war.

Obwohl die Daily Mail und andere Zeitungen berichteten, dass im Vorfeld mehrere Psychiater festgestellt hatten, dass die Patientin während der Entscheidung, ihr Leben zu beenden, „vollkommen zurechnungsfähig" war, wurde der Fall von vielen Seiten intensiv geprüft. Zudem geriet auch die liberale Politik der Niederlande in Bezug auf die Sterbehilfe in die Kritik. „Man bekommt fast den Eindruck, dass man als Missbrauchsopfer, das infolge des Traumas unter psychischen Problemen leidet, bestraft wird, indem man umgebracht wird; dass es mit dem Tod bestraft wird, ein Opfer zu sein", sagte ein britischer Politiker.

„Ich würde niemals sagen, dass jemand nicht—auf lange Sicht—behandelbar ist", sagte Dr. Yael Margolin-Rice gegenüber Broadly. Margolin-Rice ist als Therapeutin unter anderem auch auf die Arbeit mit sexuell traumatisierten Menschen spezialisiert. „Die Symptome können sicherlich unerträglich werden und die Qualen, die daraus entstehen, sind für Außenstehende oft schwer nachvollziehbar."

Dennoch können sich Menschen nach Jahren der Therapie „vollständig erholen", sagt sie. Viele ihrer Patienten hatten irgendwann keine Hoffnung mehr, aber sie konnten ihr Leiden überwinden. Eine solche Entwicklung geschieht jedoch nicht über Nacht. „Es ist wichtig zu betonen, dass dafür oft mehr als 20 Jahre Therapie nötig sind."

Obwohl viele Zeitungen berichtet haben, dass die niederländische Patientin als „unheilbar" eingestuft wurde, ist die Vorstellung, eine langfristige psychische Störung entweder heilen oder eben nicht heilen zu können, laut Margolin-Rice, extrem abwegig. „So funktioniert die Verbindung zwischen Körper und Psyche nicht", sagt sie. „Menschen können geheilt werden. Mit guter, qualifizierter, geduldiger, schrittweiser Arbeit können sie geheilt werden", sagt sie. Vor allem betont sie, wie wichtig es ist, zwischen „unheilbaren" psychischen Problemen und solchen, die zu unerträglichem emotionalem Leiden bei den Patienten führen, zu unterscheiden.

Dieser spezielle Fall ist in vielerlei Hinsicht schwierig. Besonders tragisch ist jedoch, dass die Patientin noch so jung war. Berichten zufolge wurde die Frau im Alter zwischen fünf und 15 Jahren wiederholt missbraucht. Für viele Menschen, die bereits in früher Kindheit traumatisiert werden, sagt Margolin-Rice, können die Auswirkungen noch schlimmer sein, als für diejenigen, die bereits etwas älter sind. Ein frühes Trauma „stört den normalen Verlauf der Entwicklung", sagt Margolin-Rice. Sie erklärt, dass Missbrauch die „normale" psychische und emotionale Entwicklung eines Menschen verzögern oder sogar komplett verhindern kann. Die Behandlung kann in solchen Fällen sehr viel langwieriger und schwieriger sein als für Menschen, die erst später im Leben Opfer eines traumatischen Erlebnisses werden. Wenn ein Mensch zum Zeitpunkt der Traumatisierung schon älter ist, „finden die erlebten Symptome im Kontext einer Person statt, die bereits gewisse, normal entwickelte Kernkompetenzen besitzt und zudem vermutlich auch auf ein externes oder internes Unterstützungssystem zurückgreifen kann, welches früh traumatisierte Menschen noch nicht haben" sagt Margolin-Rice.

Darüber hinaus hängt der Erfolg der Behandlung von Traumapatienten auch von der Beziehung zum Therapeuten ab. Diese entwickelt sich jedoch erst mit der Zeit, sagt Margolin-Rice. „Die Qualität der Beziehung zwischen Patient und Therapeut trägt im Endeffekt einen großen Teil zur Heilung bei", sagt sie. Trotzdem kann es für Patienten extrem schwierig sein, den richtigen Therapeuten zu finden. „Manchmal dauert es Jahre", sagt Margolin-Rice.

Letztendlich lehnt Margolin-Rice die Beihilfe zum Suizid für Opfer sexueller Gewalt, die unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, ab. „Ich würde diesen Job nicht machen, wenn ich nicht daran glauben würde, dass es eine Chance auf Heilung gibt", sagt sie.

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