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Körper

Endlich Eunuch: Wenn Männer sich Penis und Hoden amputieren lassen

Nicht jeder Eingriff, bei dem Geschlechtsorgane entfernt werden, ist ein geschlechtsangleichender Eingriff. Manche Menschen fühlen sich durchaus als Männer – sie identifizieren sich nur nicht mit ihrem Penis.

Diana Tourjée

Diana Tourjée

Foto: imago | blickwinkel

"Eunuchen", "Nullos", "Smoothies" – wer sich in einschlägigen Communities so oder so ähnlich bezeichnet, hat einen außergewöhnlichen Wunsch: Er möchte sich Penis und Hoden amputieren lassen. In der medizinischen Welt bezeichnet man sie hingegen als "Male-to-Eunuchs" und schreibt ihnen eine ganz eigene Form der Geschlechtsidentitätsstörung zu. Mit geschlechtsangleichenden Operationen hat das nämlich nichts zu tun.

Während sich viele Transfrauen den Penis, mit dem sie geboren wurden, entfernen lassen, um ihren Körper ihrer wahren geschlechtlichen Identität anzugleichen, haben diese Personen kein Problem mit ihrem Geschlecht. Sie sehen sich nach wie vor als Männer und wollen das auch bleiben – nur eben mit "glattem" Intimbereich.

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Manche dokumentieren ihre Erfahrungen in Internetforen und nutzen die Gelegenheit nachzufragen, wo sie die Amputation vornehmen lassen könnten. Andere tauschen sich über die Geschichte der Eunuchen aus, die in der Verbotenen Stadt lebten und einflussreiche Diener des chinesischen Kaisers waren.

Derartige Eingriffe sind nicht nur sehr teuer und gesellschaftlich tabuisiert, es gibt auch nur wenige, die sie überhaupt anbieten. Deswegen haben Betroffene in der Regel nur wenige Optionen. "Es gibt auf der Welt nur wenige Chirurgen, die damit kein Problem haben", sagt Dr. Curtis Crane, einer der führenden Urologen in den USA. Er ist einer von ihnen. "Ich habe schon einige volle Penis-Amputationen durchgeführt. Wir kriegen im Jahr ein paar Anfragen. Ich finde es gut, der Gesellschaft diesen Dienst anzubieten."

"Sie können zwar nichts mir ihren Hoden, ihren Hodensäcken oder ihren Penissen anfangen, aber sie fühlen sich dennoch als Männer."

Crane hat sich auf die Behandlung von Transgender-Patienten und Patienten ohne eindeutige Gender-Zuordnung spezialisiert. Er bietet dabei verschiedene Eingriffe an – von Penis- und Vagina-Konstruktionen bis hin zur vollen Penis-Amputation bei nicht-binären Männern. Dass er einer der wenigen Ärzte weltweit ist, die eine solche Operation durchführen, schreibt er einem gesellschaftlichen Tabu und einer Doppelmoral in der Transgender-Medizin zu.

So sagt Crane, dass es unter Chirurgen, die sich auf Transgender-Patienten und Patienten ohne Gender-Zuordnung konzentrieren, als "vollkommen normal" gelte, wenn als Frau geborene Menschen "nichts von einer binären Geschlechtseinordnung halten". Solche nicht-binären Personen sehen sich nicht als Männer, leiden aber trotzdem unter einer Geschlechtsidentitätsstörung. Sie wünschen sich oftmals, keine weiblichen Merkmale wie etwa Brüste mehr zu haben. Und genau solche Eingriffe können sie im Allgemeinen ohne Weiteres an sich durchführen lassen, denn die Trans-OP-Spezialisten verstehen diesen Wunsch.

"Viele Chirurgen haben überhaupt kein Problem damit, den Oberkörper zu vermännlichen – auch wenn die Patienten gar keine komplette Geschlechtsumwandlung wollen", erklärt Crane. Er selbst findet es scheinheilig, Frauen mit verschwimmender Geschlechtsidentität zu akzeptieren, bei Männern mit verschwimmender Geschlechtsidentität dann aber ein Problem zu haben. "Manche Patienten wurden als Männer geboren, wollen aber nicht komplett zum weiblichen Geschlecht übergehen. Sie können zwar nichts mir ihren Hoden, ihren Hodensäcken oder ihren Penissen anfangen, aber sie fühlen sich dennoch als Männer und bevorzugen männliche Pronomen."


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In einer Studie aus dem Jahr 2014 beschäftigten sich Thomas W. Johnson und Michael S. Irwig mit der "verborgenen Welt der Selbstkastration und der testikulären Selbstverstümmelung". Darin zeigen sie die Methoden auf, auf die Menschen mit Kastrationswunsch zurückgreifen müssen, wenn sie keinen Zugang zu professioneller medizinischer Hilfe haben. Die Forscher definieren Eunuchen dabei als "biologische Männer, die sich nicht aus Gründen der Transsexualität freiwillig einer Kastration unterzogen haben". Obwohl sich Johnson und Irwig ausschließlich mit dem Thema Kastration und nicht mit Penis-Amputationen auseinandersetzten, ist ihre Analyse der Daten zu Eunuchen auch relevant für die anderen Männer, die sich solche Eingriffe wünschen.

Findet sich niemand, der diesen Eingriff unter professionellen Bedingungen durchführen möchten, greifen manche der Betroffenen auf "selbst oder von Laien durchgeführte Kastrationen und selbst zugeführte Hodenschäden durch toxische Injektionen" zurück.

Wer sich willentlich von seinem primären Geschlechtsorgan verabschiedet hat, redet nur selten offen darüber. "Bei einer Umfrage unter freiwilligen Eunuchen gaben nur 30 Prozent der Befragten an, ihr Dasein engen Freunden preisgegeben zu haben. Bei der Familie waren es sogar nur elf Prozent", heißt es in der Studie. Viele Eunuchen identifizieren sich auch weiterhin als Männer, laut Crane gibt es allerdings auch Personen, deren Identitäten nicht so klar definiert sind.

"Die Gesellschaft hat ein Problem mit Männern, die sich eine Kastration oder eine Penis-Amputation wünschen. Sie gelten einfach als unnormal."

"Nach der Kastration sehen sich weniger als ein Drittel der Eunuchen weiterhin als Männer", heißt es dazu in der Studie. "Die Meisten ordnen sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zu. Und nur wenige identifizieren sich als Frauen."

Natürlich operiert Crane nicht jeden Menschen, der das will. Bei ihm gibt es ein strenges Verfahren: Patienten mit dem Wunsch nach einer Kastration oder einer Penis-Amputation müssen zwei Dokumente von Psychiatern vorlegen, die diesen Wunsch bestätigen. Bei manchen Menschen seien diese Eingriffe eine regelrechte medizinische Notwendigkeit. Eigentlich nicht ungewöhnlich, wenn man bedenkt, wie akzeptiert andere geschlechtsangleichende Operationen inzwischen sind.

Heutzutage ist es laut Crane möglich, den Penis und die Hoden beziehungsweise den Hodensack komplett zu entfernen und die Harnröhre dabei zum Damm umzuleiten. Nach dem Eingriff sollten die Patienten mit einer Hormontherapie beginnen. "Es ist nicht gut, keine Sexualhormone im Körper zu haben. Das führt zu Depressionen, Osteoporose und dem Verschwinden des Sexualtriebs. Man braucht entweder Östrogen oder Testosteron", erklärt der Arzt. Nach der Entfernung des Geschlechtsteils folgt bei den meisten seiner Patienten deswegen eine Reihe an Testosteron-Injektionen.

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Für einige Kritiker der Prozedur ist es unlogisch, zuerst das Organ für die Testosteron-Produktion zu entfernen und anschließend dem Körper Testosteron extern zuzuführen. Laut Crane sei das jedoch nur ein Missverständnis in Bezug auf das Wesen und die Wünsche der Patienten: "Es ist nicht so, dass sie an Osteoporose und Depressionen leiden wollen. Sie identifizieren sich lediglich nicht mit ihrem Geschlechtsteil."

Laut Crane leben die meisten seiner Patienten ganz unscheinbar als Männer. Daran ändert sich nach dem Eingriff auch mehr oder weniger nichts. Wer nicht direkt eingeweiht wird, hat sehr wahrscheinlich nie eine Ahnung, dass diese Menschen kein Genital mehr besitzen.

Obwohl die Leute, die eine komplette Penis- und Hoden-Amputation wollen, ganz unterschiedlich sind, lassen sie sich Crane zufolge bei unserem gängigen Geschlechtssystem "in ihre eigene Kategorie" einordnen. Wir müssen das Ganze nur noch akzeptieren. "Die Gesellschaft hat ein Problem mit Männern, die sich eine Kastration oder eine Penis-Amputation wünschen. Sie gelten einfach als unnormal."

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