Illustration: Sarah Schmitt

Wie gefährlich sind deutsche Abtreibungsgegner?

Von "Euro Pro Life" bis AfD—die reproduktiven Rechte von Frauen werden nicht nur von religiösen Eiferern, sondern auch dem allgemeinen politischen Rechtsruck bedroht. Eine Bestandsaufnahme.

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März 23 2016, 12:25pm

Illustration: Sarah Schmitt

„Egal was unterwegs passiert, lassen sie sich nicht vom Gebet ablenken. Gucken sie am besten gar nicht hin, der Teufel freut sich sonst", sagt Wolfgang Hering den etwas mehr als 100 Menschen, die vor einer Kirche in der Münsteraner Innenstadt um ihn herum stehen. Hering ist Gründer von Euro Pro Life, einem Zusammenschluss erzkonservativer katholischer und evangelikaler Abtreibungsgegner. Sie haben sich an einem Samstag zusammengefunden, um betend gegen Abtreibung und „für" das Leben zu protestieren. Was dabei unterschlagen wird, ist allerdings, wofür diese Aktivisten noch stehen, wenn man ihre Grundforderung weiterdenkt. Frauen die Befehlsgewalt über ihren eigenen Körper abzusprechen, beispielsweise. Ihnen elementare Entscheidungen, die ihr weiteres Leben betreffen, abzunehmen und sie somit in ein gesellschaftliches Konstrukt zu pressen, das in biblischen Zeiten vielleicht noch zeitgemäß, in unserer modernen Welt allerdings absolut überholt ist.

Jahrelang hatten die Aktivisten sogar eine eigene Kirche für den Gottesdienst, der vor den Demonstrationen abgehalten wurde. „Da hat das Bistum sie aber irgendwann rausgeschmissen, weil die ihnen zu krass waren.", erklärt Sven, der die feministischen Proteste gegen den jährlichen „Gebetszug" in Münster mitorganisiert.

Die selbsternannten „Lebensschützer" ziehen dabei nämlich nicht nur mit weißen Holzkreuzen und anklagenden Plakaten durch deutsche Innenstädte, sondern „stellen sich auch vor Abtreibungskliniken und belästigen Schwangere oder verteilen Plastikföten an Haushalte", erzählt Sven weiter. „Häufig verteilen die auch Filme. Es gibt einen Film aus den USA, der total widerlich ist. Das ist eigentlich nur ein Ultraschallvideo von einem Schwangerschaftsabbruch. An sich sind da nur schwarze Pixel, man erkennt gar nicht viel. Aber da wird dann ein Text drüber gesprochen und erzählt, dass man sieht, wie der Fötus sich gerade wehrt und schreit."

Was für eine Frau, die in ihrer Entscheidung gefestigt ist, vor allem ziemlich geschmacklos und grenzüberschreitend wirken dürfte, kann auf andere, die mit einer Abtreibung ringen, durchaus einen sehr großen Einfluss haben. „Das ist an sich zwar totaler Bullshit", sagt Sven, „aber sich sowas anzugucken, wenn man gerade vor der Entscheidung steht, einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen oder nicht, ist glaube ich totaler Terror."

In der Sprache der Abtreibungsgegner nennt sich das „Gehsteigberatung"—und darin ist Wolfgang Hering Profi. Er betreibt schon seit 16 Jahren ein sogenanntes „Lebenszentrum" in München, keine 150 Meter entfernt von einer Arztpraxis, in der Abtreibungen durchgeführt werden. In der neurechten Zeitung Junge Freiheit beschrieb er bereits 2007, wie diese Beratungen vor der Praxis ablaufen: „Wir sind immer zu zweit vor Ort. Einer von uns betet, und der andere spricht die Frauen an. Alle zwei Stunden wird das Beraterpaar ausgewechselt." In einem Beitrag des ARD-Magazins Kontraste aus dem Jahr 2011, ist zu sehen, was das bedeutet: „Überleg's dir doch nochmal, du wärst so eine schöne Mutter", sagt eine Abtreibungsgegnerin zu einer jungen Frau, die gerade aus der Hofeinfahrt der Arztpraxis kommt. Im Gegensatz zu professionellen Beratungsstellen wie pro familia findet hier keine ergebnisoffene Auseinandersetzung und Information statt. Vielmehr soll Druck ausgeübt werden—wie sich die „beratenen" Frauen danach fühlen, spielt offenbar keine Rolle.

Euro Pro Life in Münster ist dabei nur eine Gruppierung von vielen, die sich bewusst gegen eine offene und selbstbestimmte Abtreibungspolitik—sowohl im rechtlichen als auch gesellschaftlichen Kontext—einsetzt.

Beim Berliner „Marsch für das Leben" gingen im vergangenen Jahr 5000 Abtreibungsgegner mit weißen Kreuzen auf die Straße. Sie hatten die volle Zustimmung der katholischen Kirche: Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, schrieb sogar extra ein Grußwort. So ein Grußwort hatte 2014 schon der Bundestags-Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU, Volker Kauder, geschrieben. „Ich würde sagen, dass die Abtreibungsgegner hierzulande noch nicht so einflussreich sind wie in den USA, aber die betreiben schon einige Lobbyarbeit und haben Connections in die Politik", sagt Sophie. Auch sie gehört zu den Feministen, die in Münster gegen Euro Pro Life auf die Straße gehen.

Foto: Felix Huesmann

Neben CDU und CSU finden sich radikale Abtreibungsgegner heute vor allem in der AfD. Im kürzlich geleakten Grundsatzprogramm-Entwurf der Partei wird eine „Willkommenskultur für Neu- und Ungeborene" gefordert. Und beim Marsch für das Leben lief die Europaabgeordnete und stellvertretende Parteivorsitzende Beatrix von Storch in den letzten beiden Jahren ganz vorne mit. Wie auch Euro Pro Life gehört ihr Verein Zivile Koalition zu den offiziellen Unterstützern des Marsches. Auch AfD-Parteivorsitzende Frauke Petry ist für eine Verschärfung des Strafrechtsparagraphen 218, der Schwangerschaftsabbrüche regelt. Sie hatte schon 2014 eine Abstimmung darüber per Volksentscheid ins Spiel gebracht.

Petry geht es nicht so sehr darum, dass Frauen abtreiben. Sie stört sich daran, wer abtreibt—und nennt das Ganze „aktive Bevölkerungspolitik". Klar ausgedrückt bedeutet das: Deutsche Frauen sollen keine Schwangerschaftsabbrüche vollziehen, sondern jeweils drei Kinder bekommen, damit das deutsche Volk und die deutsche Nation auf lange Sicht erhalten bleiben. Die Angst, dass das deutsche Volk andernfalls vom Aussterben bedroht sei, eint sie mit Neonazi-Gruppen, tatsächlich passt diese geforderte Fokussierung auf herkömmliche Mutterrollen aber auch in das allgemeine Frauenbild ihrer Partei.

Die meisten AfD-Wähler bei den Landtagswahlen Anfang des Monats werden bei ihrer Stimmabgabe wohl nicht in erster Linie die Abtreibungsgesetzgebung und antiquierte Rollenbilder im Sinn gehabt haben. Der rasante Aufstieg der AfD als drittstärkste politische Kraft kann trotzdem bedeuten, dass radikale Anti-Abtreibungs-Positionen in Zukunft auch in Deutschland einflussreicher werden—und somit zu einer ernstzunehmenden Gefahr für die reproduktiven Rechte von Frauen.

In Münster versucht man sich diesem Trend mit Blockaden und kreativen Störaktionen entgegenzustellen. Dort, wo die Abtreibungsgegner von Euro Pro Life den Kirchplatz verlassen wollen, um betend durch Münsters Innenstadt zu ziehen, stehen bereits dutzende Gegendemonstranten auf der Straße. Sie rufen Parolen und versperren den Weg. Hundertschafts-Polizisten drängen und schubsen sie zwar schnell zur Seite, trotzdem gelangen die Gegendemonstranten durch die verwinkelten Straßen der Altstadt immer wieder an den Rande des Gebetszugs. Neben Pappschildern strecken sie auch aufgeblasene Kondome in die Luft und werfen sie auf die christlichen Fundamentalisten hinter der Polizeikette. „Für mehr Analverkehr!" rufen einige ihnen zu und können die Abtreibungsgegner doch nicht in ihrem stoischen Gebet stören.

Erst als sich auf halber Strecke zwei vermeintliche Abtreibungsgegnerinnen als Undercover-Gegendemonstrantinnen outen, kommt es zu Unruhen. Die Aktivistinnen schmeißen ihre weißen Holzkreuze auf den Boden, überschütten die echten Betenden mit Kunstblut und rufen laut „Abtreibung ist Menschenrecht". Ähnliches passiert auch beim Abschlussgebet im Schatten des Münsteraner Doms noch zwei weitere Male. Mitten im Gebet springen junge Frauen auf und beginnen „Mein Körper, meine Wahl" zu rufen. Die Polizei nimmt sie dafür sehr ruppig fest und legt ihnen Handfesseln an.

„Was uns generell gerade nochmal vor Augen geführt wird", sagt Sven abschließend, „ist, dass wir tagtäglich für unsere Rechte kämpfen müssen. Und das wir uns offenbar nicht darauf ausruhen können, dass es momentan einigermaßen erträglich ist und von alleine alles gut werden wird." Derselben Meinung ist auch seine Mitaktivistin Sophie, die die größte Gefahr für die reproduktiven Rechte deutscher Frauen nicht in religiösen Eiferern, sondern dem aktuellen politischen Wandel sieht: „Ich glaube, das ist davon abhängig, wie sich das mit der AfD langfristig entwickelt. Wenn die weiterhin so viele oder sogar noch mehr Stimmen bekommen als bei den letzten Wahlen, sehe ich auf jeden Fall die Gefahr, dass Anti-Abtreibungs-Positionen mehr Einfluss bekommen."