Illustration: Ellice Weaver

Wie private Social-Media-Accounts mir halfen, mich endlich frei zu fühlen

"Schwarze muslimische Frauen werden in der Öffentlichkeit oft doppelt abgestempelt. Aber in diesen privaten Räumen können wir einfach existieren."

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Aug. 6 2018, 7:52am

Illustration: Ellice Weaver

Dieser Artikel stammt aus der Privacy and Perception Issue des VICE Magazines, das in Zusammenarbeit mit Broadly produziert wurde. Mehr Geschichten aus dem Heft kannst du hier lesen.

In der sechsten Klasse erstellte ich zum ersten Mal ein Social-Media-Profil, für das ich ein Foto brauchte. Meine Freundinnen – Mädchen aus Somalia, die in dieselbe Moschee gingen wie ich – halfen mir, mit meiner Digitalkamera ein Foto zu schießen und auf MySpace zu stellen. Ich wusste damals nicht, wie man Fotos zuschneidet, also hübschte ich es mit Microsoft Paint und auf Blingee.com auf.

Nach der wöchentlichen Stunde in der Islamschule lernten meine Freundinnen und ich zusammen Geometrie und loggten uns zwischendurch bei MySpace ein, immer direkt nachdem unsere Eltern ihre Kontrollrunde gemacht hatten. Ich hätte gar nicht auf MySpace sein sollen, geschweige denn Fotos von mir hochladen. Meine religiöse Mutter hatte Angst, dass Leute, die wir kannten, die Seite sehen und mich für "unanständig" halten könnten. Für unsere Profilbilder nahmen wir jeweils die sicherste Option. Wir hätten uns dennoch rechtfertigen müssen, wenn uns jemand erwischt hätte, egal wie brav die Fotos waren. Fotos ohne Hidschab zu posten, wäre uns nicht mal im Traum eingefallen.

Als wir von MySpace zu Facebook umzogen, war ich besonders vorsichtig. Ich kuratierte meine Freundesliste mit großer Bedacht und tat vor meiner Familie so, als würde ich Facebook gar nicht nutzen. Wenn ich mit Freundinnen über die Plattform flüsterte, obwohl Eltern oder Tanten in der Nähe waren, übersetzten wir den Namen ins Somalische – waji (Gesicht), buug (Buch) –, damit sie nicht hellhörig wurden. Keine von uns verwendete ihren echten Namen auf ihrem Profil. Erst viel später, als wir anfingen, auch auf Facebook Fotos zu posten, hätten auch andere unsere Profile erkennen können.

2015 erschien der erste ausführlichere Artikel zu dem Phänomen, das meine frühe Social-Media-Erfahrung ausmachte: "Alt-Accounts", Zweitprofile. Meredith Haggerty beschrieb sie auf WNYC als "private Profile mit kuratierten Follower-Listen, auf denen sich Nutzer wohl damit fühlen, sich frei zu äußern". Quasi ein privates Profil, das dein normales ergänzt und dir in dieser hyperöffentlichen Welt ein wenig Privatsphäre bewahrt.

Für muslimische Frauen wie mich waren Alt-Accounts da schon ein alter Hut. Viele meiner Freundinnen, Tanten und Cousinen hatten ihre Instagram-Profile auf "privat" gestellt und "NUR FÜR FRAUEN" in ihre Bio geschrieben, um Selfies mit offenem Haar posten zu können. Diese Profileinstellung erinnerte mich an die rein weiblichen Partys und Treffen, zu denen ich in meiner Jugend ging. Auch dort legten wir unsere Hidschabs ab. Hochzeitsfeiern sind zum Beispiel oft nach Geschlechtern getrennt. Wir kamen also in Hidschab und Abaya an, nur um dann später die äußeren Schichten abzuwerfen und die Nacht durchzutanzen, ohne dass uns Männer anstarrten.

Schwarze muslimische Frauen werden in der Öffentlichkeit oft doppelt abgestempelt: Einerseits werden wir hypersexualisiert, weil wir Schwarz sind, andererseits werden wir als asexuell wahrgenommen, weil wir Musliminnen sind. Aber in diesen privaten Räumen, online und offline, können wir einfach existieren. Wir können nicht nur unseren Körper zeigen, sondern auch unsere Persönlichkeiten.


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In meiner Jugend waren bestimmte Themen einfach tabu. Wenn Frauen etwa während des Ramadan menstruieren, sollen sie nicht fasten – das wissen alle, aber ich verstand auch instinktiv, dass ich das nie vor meinem Vater oder meinen Brüdern erwähnen sollte. Über mein Beziehungsleben sprach ich nur mit Freundinnen, für meine Eltern existierte es nicht.

Aber in diesen sicheren Räumen ohne Männer und ohne Eltern können Musliminnen frei über "Tabus" sprechen – Sex, Penisgrößen, Stellungen, Vibratoren, Verhütung. Keins dieser Gesprächsthemen ist schlimm oder gegen die Regeln des Islam, aber öffentlich darüber reden gilt als unanständig, vor allem für muslimische Frauen. Dieses Stigma hat nichts mit Religion zu tun, sondern nur mit Kultur. Im Versteckten können wir alldem entkommen und uns austauschen.

Mit 15 nahm mein Interesse an Facebook zunehmend ab, stattdessen nutzte ich Twitter, Tumblr und Instagram. Gelegentlich erstellte ich Zweitprofile, um über Politik, Dating, Sex oder Drogen zu schreiben. Hätte ich das öffentlich mit meinem Gesicht und Klarnamen gemacht, hätten meine Eltern und meine Gemeinde mich vielleicht verstoßen, weil ich in ihren Augen damit kein gutes muslimisches Mädchen war.

Ich brauchte diese Plattformen als Ventil für all meinen Frust. Ich schrieb gern lange Tumblr-Posts übers Verliebtsein, meine Lehrer, Streit mit Freundinnen oder über Partys, auf denen ich zu viel erwischt hatte. Tumblr fühlte sich anonym an, nur meine Freundinnnen kannten meinen Nutzernamen. Über diese Erfahrungen halb-anonym zu schreiben, fühlte sich wie ein essenzieller Teil der Jugend an, so wie Tagebuch schreiben.

Heute verstehe ich meine Identität als Schwarze Muslimin besser und damit auch mein Bedürfnis nach Privatsphäre. Was ich online zeige, ist für manche das Einzige, was sie von meiner Persönlichkeit und meinem Leben sehen. Und das gilt auch für Idioten, die mich als Repräsentantin aller Schwarzen Musliminnen sehen. Im echten Leben versuche ich zwar, authentisch zu sein, statt immer die besonders "ehrbare" Version meiner selbst zu spielen. Aber ich weiß, dass ich nicht kontrollieren kann, wie andere Menschen Schwarze Frauen im Internet sehen. Die einfachste Diskussion oder Meinungsverschiedenheit wird zu einer Schlagzeile über unsere angeblich unbändige Wut und Empörung.

Das Gesicht, dass ich im Internet zeige, ist auch das einzige Gesicht, das viele meiner Verwandten sehen. Aufgrund des Bürgerkriegs fliehen viele Somalis aus der Heimat, wir sind auf alle Kontinente verteilt und bleiben seit 20 Jahren online in Kontakt. Wenn wir nicht Geflüchtete wären, die sich nur in sozialen Netzwerken sehen, könnten wir uns vielleicht mehr so zeigen, wie wir sind – komplex, fehlbar.

Ich habe früh verstanden, dass meine Identität mich gleichzeitig unsichtbar und extrem sichtbar macht. Die Menschen nehmen mich nicht wirklich wahr, in einer Menge verschwinden kann ich aber auch nicht, weil kaum jemand aussieht wie ich. Heute habe ich keinen Alt-Account auf Instagram, aber gelegentlich erstelle ich ein privates Twitter-Profil, wenn ich ein Ventil brauche. Es mag lächerlich klingen, aber indem ich kontrolliere, wer meine Worte liest, gewinne ich ein Stück Freiheit.

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