96 Dinge, mit denen du chronisch kranken Menschen wirklich helfen kannst

Nein, Kiffen ist nicht die Antwort auf all unsere Probleme.

|
Aug. 23 2018, 7:00am

Foto: Bahaa A. Shawqi | Pexels | CC0

Etwa 40 Prozent der Deutschen geben an, mit zumindest einer chronischen Krankheit zu leben. Wenn du selbst nicht selbst betroffen bist, hast du wahrscheinlich mit jemandem zu tun, der es ist. Ich selbst habe über zehn Jahre mit Lupus und anderen chronischen Leiden gelebt. Manchmal halte ich meine Gesundheitsprobleme versteckt, um nicht missverstanden oder diskriminiert zu werden. In diesen Jahren habe ich viel darüber gelernt, wie man mit chronisch kranken Menschen umgeht.

Es ist unfassbar wichtig, ein gutes Netzwerk aus Unterstützerinnen und Unterstützern zu haben, wenn du unter einer chronischen Krankheit leidest. Problematische Vorannahmen oder grenzüberschreitende Fragen tun aber oftmals weh und sind vor allem anstrengend. Ganz besonders wenn diese von Freundinnen, Partnern, Kollegen, Lehrerinnen und Fremden kommen, die es natürlich alle gut meinen. Hier ist also eine Liste mit Vorschlägen, wie man Menschen, die von einer chronischen Krankheit betroffen sind, besser hilft. Diese Vorschläge basieren auf meinen Erfahrungen und Gesprächen mit Freundinnen, die mit anderen Krankheiten leben – unter anderem Verena Hutter, die über Morbus Crohn bloggt. Die Liste ist mitnichten vollständig, aber sie kann ein Anfang sein für einen einfühlsameren Umgang mit chronisch Kranken.

1. Gesundheit und ein Körper ohne Behinderung sind Privilegien. Sei dir darüber im Klaren.

2. In anderen Worten: Nur weil du die körperlichen Kapazitäten hast, etwas zu tun oder einen bestimmten Lebensstil zu leben, heißt das nicht, dass es allen so geht. Setz das nicht voraus.

3. Informier dich über verschiedene Krankheiten, insbesondere die, von denen Nahestehende betroffen sind. Freundinnen und Familienmitglieder über deine Gesundheit aufzuklären, kann anstrengend und nervtötend sein – insbesondere, wenn die Informationen überall einfach zu finden sind. Wenn du eine chronische Krankheit hast, fühlst du dich zwischendurch manchmal als seist du ein Alien. Wenn Nahestehende wissen, was los ist, kann das extrem helfen.

4. Google ist definitiv dein Freund, aber achte auf die Quellen. Es gibt zahlreiche Websites und Diätbücher, die Fehlinformationen verbreiten, um Menschen mit chronischen Krankheiten auszunutzen.

5. Versuche aber nicht, dich als vermeintliche Expertin aufzuspielen und Betroffene über ihre eigene Krankheit aufzuklären. Es kann sein, dass dein Gegenüber mehr mit Ärzten spricht als mit seinen oder ihren besten Freunden.

6. Stell niemals die Schwere oder Legitimität der Krankheit eines Menschen infrage. Bemerkungen wie "Ich habe gehört, das ist nur psychosomatisch" oder "Heutzutage scheint jeder eine Autoimmunerkrankung zu haben" sind extrem verletzend.

7. Nur weil jemand noch keine Diagnose hat, heißt das nicht, dass die Person sich ihre Symptome einbildet. Bei vielen chronischen Krankheiten kann das Jahre dauern. Manchmal reichen die Symptome nie für eine handfeste Diagnose. Das heißt nicht, dass die Person nicht leidet.

8. Sei dir bewusst, dass selbst Ärztinnen und Forscher noch nicht alles erklären können, wenn es um chronische Krankheiten geht. Das bedeutet nicht, dass bestimmte Krankheiten nicht echt sind, sondern dass sie noch nicht klassifiziert wurden. Jede Krankheit war irgendwann mal noch nicht klassifiziert.

9. Eine einfache Regel: Glaube Menschen mit chronischen Krankheiten! Ich kann dir versichern, dass sie nicht übertreiben. Und sie verwenden ihre Krankheit bestimmt nicht dazu, sich aus Verpflichtungen zu stehlen oder Aufmerksamkeit zu kriegen. Wenn überhaupt spielen sie wahrscheinlich runter, was sie durchmachen – insbesondere Frauen.

10. Sag niemals zu einem chronisch kranken Menschen, dass er "müde" oder "krank" aussieht, um ihn zu bestätigen. Das ist nicht die Art von Bestätigung, die wir gebrauchen können. Danke.

11. Andererseits ist es mehr als OK, einem Menschen mit chronischer Krankheit zu sagen, dass er gut aussieht. Wer hört das nicht gerne? Allerdings: "Aber du siehst so frisch aus!", wenn dir jemand sagt, dass es ihm oder ihr nicht gut geht, zeigt, dass du dein Gegenüber nicht ernst nimmst.

12. "Aber du siehst gesund aus!" ist natürlich noch schlimmer.

13. Außerdem bitte keine Komplimente gegenüber chronisch Kranken zu Gewichtszunahme oder -verlust, die von Symptomen oder Behandlungen herrühren.

14. Ganz generell: Geh nicht aufgrund der äußeren Erscheinung davon aus, dass du weißt, ob es jemandem gesundheitlich gut geht oder nicht. Viele Menschen haben chronische Krankheiten mit Symptomen, die man nicht sehen kann.

15. Nur weil du gesehen hast, dass jemand mit einer chronischen Krankheit aktiv war oder viele Projekte in Angriff genommen hat, heißt das nicht, dass diese Person zu der Zeit keine Symptome durchgemacht hat – oder konstant dieses Ausmaß an Produktivität an den Tag bringen kann.

16. Sag nicht Sachen wie: "Aber dir ging's vor zwei Tagen doch noch gut!" Manche chronischen Krankheiten beinhalten rückläufige und akute Phasen. Bei anderen ist diese Unterscheidung nicht so klar und Symptome können innerhalb kurzer Zeit verschwinden.

17. Verlang keine ständigen Updates über irgendjemandes Gesundheitszustand – auch nicht aus Sorge heraus. Diagnosen und Behandlung nehmen oftmals viel Zeit in Anspruch und konstante Fragen können Stress verursachen.

18. Vermeide es, jemanden mit einer chronischen Krankheit zu fragen, ob er oder sie plane, Kinder zu kriegen. Für manche ist das ein extrem sensibles Thema. Manche Krankheiten machen es schwer oder sogar unmöglich, Kinder zu kriegen.

19. Wo wir schon dabei sind ... Frag niemals jemanden mit einer Krankheit: "Was ist, wenn du die an dein Kind vererbst?" Wir können unsere eigenen Reproduktionsentscheidungen treffen, vielen lieben Dank.

20. Vermeide Fragen darüber, inwiefern chronische Krankheiten sich auf das Sexleben und die Beziehungen von Betroffenen auswirken. Das geht dich erstmal gar nichts an.


Mehr von Broadly: Diese Nageldesignerin ermutigt Frauen dazu, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen


21. Wenn jemand Nahestehendes unter einer chronischen Krankheit leidet, sprich nicht über ihre Symptome, solange du nicht dazu aufgefordert wirst. Lass sie reden und entscheiden, wie viel sie preisgeben möchte. Abgesehen davon weißt du vielleicht gar nicht so genau, was der oder die andere gerade durchmacht.

22. Wenn dir Betroffene von ihren Symptomen berichten, dann hör einfach zu.

23. Sag nicht: "Das wird schon wieder!" Manche Menschen bekommen dadurch das Gefühl, dass du ihre berechtigten Zukunftssorgen nicht ernst nimmst. Besser: "Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst. Sag mir, was ich für dich tun kann."

24. Verkneif dir außerdem, der Person vorzuschlagen, positiv zu denken, Optimismus sei doch wichtig für die Genesung. Dürfen wir bitte unsere eigenen Gefühle haben?

25. Menschen mit chronischen körperlichen Krankheiten haben ein größeres Risiko, Depressionen zu erleiden. Es ist also besonders wichtig, ihre emotionalen Reaktionen nicht einfach abzutun.

26. Besonders wichtig: Versuch nicht, Menschen mit chronischen Krankheiten zu kurieren. Danke für deine Anteilnahme, aber ungebetene Ratschläge sind einfach ... ungebeten.

27. Sport ist nicht das Allheilmittel für alle Gesundheitsprobleme! Hör auf, ihn als solchen anzupreisen. Sei dir darüber bewusst, dass viele Sportbereiche nicht gerade sicher für Menschen mit chronischen Krankheiten sind, und sie erst recht nicht mit offenen Armen empfangen. Lehrer und Trainerinnen treiben ihre Schüler manchmal so weit über ihre Grenzen, dass sie sich verletzen – oder führen sie vor, weil sie nicht mit dem Rest des Kurses mithalten können.

28. Allerdings ist Sport für manche Menschen ein wichtiges Mittel, um ihre Symptome zu lindern. Wenn du siehst, dass ein chronisch Kranker Sport macht, heißt das nicht, dass dieser Mensch wieder gesund ist.

29. Führe Menschen mit einer chronischen Krankheit nicht vor, weil sie Medikamente nehmen müssen. Es ist OK, der Pharmaindustrie gegenüber kritisch zu sein, aber es gibt nichts Nervigeres, als gefragt zu werden, "Machst du dir keine Sorgen, was diese ganzen Chemikalien mit dir anstellen?", wenn es diese Medikamente sind, die dich leben lassen.

30. Schlag niemals einer chronisch Kranken vor, einfach die Medikamente abzusetzen und sich stattdessen mit einer Diät, Kristallen oder Nahrungsergänzungsmitteln zu heilen. Das kann extrem gefährlich sein.

31. Zieh nicht über die Schulmedizin her.

32. Zieh nicht über Naturheilverfahren her.

33. Sei dir bewusst, dass verschiedene Behandlungsmöglichkeiten unterschiedlich auf verschiedene Menschen wirken. Halt dich einfach raus.

34. Streich die Wörter "Hast du schon mal versucht ...?" aus deinem Vokabular. Ja, ja, haben wir. Geh einfach davon aus, dass wir wirklich alles versucht haben – von konventionellen Medikamenten bis hin zu Petersilientee.

35. Glaub uns: Kiffen ist kein Allheilmittel für alles und jede. Leider.

36. Menschen mit chronischen Krankheiten haben manchmal Ernährungspläne. Merk dir das für die Menschen in deinem Umfeld. Wenn dich jemand besucht, dann sag nicht: "Ich weiß, du hast mal gesagt, dass du keine Tomaten essen kannst, aber du musst diesen Caprese-Salat unbedingt probieren!" Wir machen das nicht zum Spaß.

37. Wenn du dich einverstanden erklärst, jemanden mit einer chronischen Krankheit zu beherbergen, finde heraus, was er oder sie braucht. Biete nicht deinem Kumpel mit Arthritis an, bei dir zu übernachten, um ihn auf der durchgesessenen Couch pennen zu lassen.

38. Mitgefühl ist extrem wichtig, aber sag nicht, dass du "weißt, wie das ist". Magenschmerzen sind nicht das gleiche wie Morbus Crohn. Und "wenig Energie" ist nicht gleich Narkolepsie.

39. Zieh chronisch Kranke nicht damit auf, dass sie in deinen Augen zu viel Schlaf brauchen oder früh ins Bett gehen.

40. Geh nicht davon aus, dass alle manuelle Tätigkeiten ausführen können. "Pizza und Bier für alle, die mir dieses Wochenende beim Umzug helfen!" klingt für die einen vielleicht nach Spaß, für Menschen mit chronischen Schmerzen aber wie die Hölle.

41. Hör auf, Freundinnen in Situationen zu bringen, die sie absagen müssen. Vergiss nicht, warum sie dir nicht helfen können. Dein Gegenüber kann schnell den Eindruck gewinnen, dass du ihnen nicht zuhörst.

42. Wenn jemand mit einer chronischen Krankheit in der letzten Minute absagen muss, zeige Verständnis, anstatt die Person als unzuverlässig abzustempeln. Symptome können sich jeden Augenblick verschlimmern.

43. Frag deine Freunde mit chronischen Krankheiten, wie du ihnen helfen kannst. Essen zu kochen, sie rumzufahren oder zu einem Arztbesuch zu begleiten, kann diesen Menschen unfassbar viel bedeuten. Das gilt umso mehr für Menschen, die alleine leben.

44. Urbane und ländliche Gegenden stellen Menschen mit chronischen Krankheiten vor unterschiedliche Probleme. Städte können stressig und hektisch für diejenigen sein, die erschöpft sind, unter Schmerzen leiden oder geräuschempfindlich sind. Auf dem Land haben es Menschen besonders schwer, die keinen Zugang zu Transportmitteln haben. Sei dir dessen bewusst und biete Unterstützung an, wo du kannst.

45. Bitte keine krankheitsbezogenen Geschenke, solange die Empfängerin nicht ausdrücklich danach verlangt hat. "Ich habe dir dieses Massagegerät für deine chronischen Rückenschmerzen besorgt!" kann manchen das Gefühl geben, dass du sie nur noch durch ihre Krankheit wahrnimmst.

46. Geh nicht davon aus, dass Menschen mit chronischen Krankheiten nicht auch mal einfach nur abhängen wollen. Bezieh sie mit ein. Wenn sie nicht zu deiner Party kommen können, biete ihnen eine Alternative wie einen Filmabend oder eine Videochat-Session an.

47. Unterstütze und respektiere Menschen, die sich um Leute mit chronischen Krankheiten kümmern. Die Pflege ist ein legitimer und wichtiger Beruf, der oft viel zu wenig wertgeschätzt wird.

48. Gehe davon aus, dass du zusammen mit chronisch Kranken zur Schule gehst, arbeitest oder anderweitig interagierst, verhalte dich entsprechend. Statistisch gesehen leidet eine großer Bevölkerungsanteil unter zumindest einer chronischen Krankheit.

49. Achte bei der Planung von Meetings und Zusammenkünften auf die Unterbringung. Erkundige dich, wer zum Beispiel nicht in lauter Umgebung klarkommt oder lange draußen sein kann. Sorge dafür, dass Menschen, die nicht lange stehen können, eine Sitzgelegenheit haben.

50. Gib Menschen, die nicht persönlich an Meetings teilnehmen können, die Möglichkeit, anderweitig die entsprechenden Informationen zu erhalten und teilzunehmen, anstatt sie auszuschließen.

51. Wenn du Meetings anberaumst, gehe möglichst nicht davon aus, dass ungewöhnliche Zeiten kein Problem sind. Für manche Menschen mit chronischen Krankheiten sind die Symptome morgens am schlimmsten, für andere abends.

52. Eigentlich selbstverständlich, aber plane Arbeitsveranstaltungen nicht so, dass sie sich nur um den Genuss von Alkohol drehen!

53. Vermeide es, versehentlich die Diagnose eines Menschen weiterzugeben. Nur weil dir etwas anvertraut wurde, heißt das nicht, dass alle bei der Arbeit Bescheid wissen. Es ist immer besser, sich im Vorhinein doppelt abzusichern.

54. Wenn du eine Person mit einer chronischen Krankheit beherbergst, dann tu nicht so, als würde sie dir zur Last fallen – kein Ächzen, kein Stöhnen oder Diskutieren mit Menschen, die bei manchen Dingen vielleicht Hilfe brauchen.

55. Nur weil dich jemand nach einer Unterbringung fragt, ist das keine Einladung, unzählige Fragen über dessen oder deren Krankheit zu stellen. Google ist dein Freund.

56. Jemanden dabei zu sehen, wie er oder sie Medikamente nimmt, die Insulinpumpe einstellt oder eine Gehhilfe benutzt, ist kein Grund, die Person mit Fragen zu bombardieren. Und definitiv auch keine Einladung zum Glotzen.

57. Unterschätz nicht deine chronisch kranken Kolleginnen und Kollegen. Viele von ihnen leisten hervorragende Arbeit, auch unter Schmerzen.

58. Geh allerdings auch nicht davon aus, dass es richtig ist, sie "einfach gleich zu behandeln". Immer besser vorher fragen. Die Person mit der chronischen Krankheit weiß am besten, zu was sie in einer bestimmten Situation fähig ist.

59. Wenn du in einer Führungsposition bist, warte nicht, dass Angestellte mit einem Arztzettel zu dir kommen, sondern frag sie, wie du ihnen helfen kannst.

60. Versuch es Menschen generell leicht zu machen, alles zu bekommen, was sie brauchen. Wer eine chronische Krankheit hat, sollte nicht gezwungen sein, eine Unterhaltung mit "Sorry, dass ich dich damit nerven muss" zu beginnen.

61. Egal, ob du eine Führungsposition hast oder nicht, hüte dich davor, immer nur Produktivität zu preisen. Wir alle sollten unsere Erfolge oder unsere Kompetenzen weniger in Produktivität messen. Das ist feindlich gegenüber Menschen mit chronischen Krankheiten und Behinderungen.

62. Lehrkräfte: Bringt die Stimmen von Menschen mit chronischen Krankheiten in euren Unterricht ein. Disability Studies sollte nicht der einzige Ort sein, an dem sich Schülerinnen und Studierende kritisch mit unserem Umgang mit Krankheiten befassen.

63. Bemühe dich, keine Schüler auszuschließen, die Unterstützung brauchen. Lass die gesetzliche Vorgabe nicht das letzte Wort bei deiner Bereitstellung von Hilfsmitteln haben. Sprich mit deinen Schülerinnen und Schülern und lass dir sagen, wie du ihnen neben dem absolut Mindesten noch helfen kannst.

64. Wenige Dinge sind so demoralisierend wie eine Lehrerin zu dir sagen zu hören: "Klar, nehme ich dich in meiner Klasse auf, solange du dir darüber bewusst bist, dass du in der 'echten Welt' keine Extrawürste bekommst!"

65. Ärzte: Schimpft nicht mit Patientinnen oder spielt ihre Erlebnisse runter, wenn ein Symptom für euch nicht als "ernst" gilt.


Mehr von Broadly: Lohnt es sich, seine Eizellen einfrieren zu lassen?


66. Frauen sind anfälliger für Krankheiten, die mit chronischen Schmerzen in Verbindung stehen. Wenn du eine Ärztin bist, kläre sie darüber auf, wie du sie genau behandelst.

67. Therapeutinnen: Warum gebt ihr manchmal unerwünschte Ratschläge? "Haben Sie schon einmal probiert ...?" oder "Das könnte psychosomatisch sein ..." von euch zu hören, ist besonders frustrierend und kontraproduktiv.

68. Und noch eine Sache, liebe Therapeuten: Erwartet nicht, dass euch eure Klienten über ihre Krankheiten aufklären. Das verschwendet wertvolle Therapiezeit. Vergesst nicht, dass Menschen mit chronischen Krankheiten oft viele verschiedene medizinische Termine jonglieren müssen. Es ist manchmal nicht leicht für sie, auch noch Raum und Zeit für eine Therapie zu schaffen.

69. Unternehmerinnen: Um Menschen mit Behinderungen das Leben etwas leichter zu machen, müsst ihr Initiative zeigen. Abgesehen von Dingen wie Barrierefreiheit sind steinharte, minimalistische Stühle und Bänke im Büro vielleicht gerade der heiße Scheiß, aber für Menschen mit chronischen Schmerzen sind sie die Hölle.

70. Toiletten, Toiletten, Toiletten. Wenn du ein Unternehmen hast, markier eindeutig die Toiletten und schick keine Menschen weg, die keine Kunden sind. Niemand sollte um einen Toilettenschüssel betteln oder sagen müssen, dass gerade ein medizinischer Notfall vorliegt.

71. Mache darauf aufmerksam, wenn Serien und Filme chronische Krankheiten als dumme Handlungsstränge oder Pointe benutzen. Wenn du siehst, dass Serien wie Dr. House Lupus als Punchline verwenden oder Filme wie Die Entdeckung der Unendlichkeit Krankheit und Behinderung als Oscar-Köder, dann tweete an die Produzentinnen und Schauspielenden.

72. Unterstütze Serien und Filme, die chronische Krankheiten verantwortungsvoll porträtieren und Schauspielerinnen und Schauspieler mit Krankheiten und Behinderungen einstellen, wie RJ Mitte in Breaking Bad und Gaten Matarazzo in Stranger Things.

73. Unterstütze kulturelle Institutionen, die ihre Werke und Veranstaltungen online oder via Livestream zugänglich machen. Nicht alle können Kunst immer persönlich genießen.

74. Folge Social Media Accounts, die über chronische Krankheiten und Behinderungen aufklären wie die von Keah Brown, Esmé Wejiun Wang, Michele Lent Hirsch, Porochista Khakpour und Laura Gehlhaar.

75. Diese Frauen haben außerdem Bücher veröffentlicht. Kauf sie!

76. Gesundheit zu feiern, ist OK. Dabei Sprache zu verwenden, die ein Leben mit Krankheit und Behinderung abwerten, ist es nicht. Sei dir darüber im Klaren, dass "das Leben in vollen Zügen genießen" für unterschiedliche Menschen eine unterschiedliche Bedeutung hat.

77. Sei vorsichtig, dich Wellness- und Fitness-Bewegungen anzuschließen, die einen Gesundheitsfetisch propagieren, indem sie ihre Anhänger über "ihre Grenzen hinaus" treiben und anprangern, wenn sie scheitern.

78. Wenn du zu einer Fitness-Community gehörst, arbeite daran, sie inklusiver für Menschen mit Krankheiten oder Behinderungen zu machen. Frag dein Fitness- oder Yogastudio, ob sie für Betroffene ausgerichtet sind oder entsprechende Kurse anbieten. Der einzige Yogakurs, den ich seit meiner Diagnose regelmäßig besuchen konnte, war einer, der Menschen mit Verletzungen und Behinderungen die Möglichkeit gibt, an einer separaten Routine zu arbeiten.

79. Mit einer chronischen Krankheit zu leben, kann kostspielig sein. Das darf nicht unterschätzt werden. Obwohl vieles von Krankenkassen abgedeckt wird, können sich die Kosten summieren. Behalte das im Hinterkopf, wenn du Menschen in teure Restaurants oder zu kostspieligen Ausflügen einlädst.

80. Zeig dein Gesicht, wo immer du kannst, aber bereite niemals denjenigen Schuldgefühle, deren Gesundheitsprobleme sie davon abhalten, den gleichen Aktivismus wie du an den Tag zu legen.

81. Wenn du selbst unter einer chronischen Krankheit leidest, unterstütze auch andere Menschen mit anderen chronischen Krankheiten und Behinderungen. Arbeite daran, eine große Koalition aufzubauen.

82. Sei intersektional in deinen Bündnissen und deiner Fürsprache. Ethnizität, Klasse, Geschlecht, Wohnort, Bildungsgrad und andere Faktoren beeinflussen unsere Gesundheit auf unterschiedliche Weise.

83. Die Forschung für manche chronische Krankheiten ist beschämend unterfinanziert. Wenn du Geld oder Zeit spendest, erkundige dich, welche Bereiche besonders Unterstützung benötigen.

84. Und informier dich, welche Krankheiten überwiegend Minderheiten betreffen. Zum Beispiel sind 90 Prozent aller Lupus-Patienten weiblich und die Krankheit betrifft zwei- bis dreimal häufiger Schwarze. Schwarze Frauen leiden wahrscheinlicher unter ernsthaften Komplikationen durch die Krankheit

85. Anstatt darüber nachzudenken, inwiefern Menschen in unserer Welt zu funktionieren versagen, denk lieber darüber nach, wie unsere Welt darin versagt, ihnen zu entsprechen. Viele Behinderungen sind nur Behinderungen, weil die entsprechenden Voraussetzungen fehlen. Zum Beispiel kann ein Mensch, der morgens unter chronischen Schmerzen leidet, immer noch arbeiten – nur nicht morgens. Und jemand in einem Rollstuhl kann vielleicht nur nicht in ein Gebäude, weil die Rampe fehlt.

86. Das klingt vielleicht banal, aber niemand verdient es, krank zu sein. Niemand verdient es, Schmerzen zu haben. Nicht wegen ihres Berufs. Nicht wegen seiner Ernährungsweise.

87. Vermeide aktiv Sprache, die Betroffenen die Schuld zuschiebt. "Kein Wunder, dass die Verdauungsprobleme hat, bei dem Mist, den die isst" oder "Wenn er sich besser um sich gekümmert hätte, wären die Symptome wahrscheinlich nie so schlimm geworden" ist wertend und unbegründet.

88. Vermeide Sprache, die Menschen in übertrieben einfache Kategorien einteilt wie gesund und krank, behindert und nicht-behindert. Wenn du dich zum Beispiel darüber beschwerst, dass du als Gesunde so hohe Krankenkassenbeiträge zahlen musst, ignorierst du, dass die meisten von uns auch lange als gesund galten. Plötzlich waren wir es nicht mehr.

89. Vermeide nicht einfach jegliches Gespräch über chronische Krankheiten. So zu tun, als wäre jemand mit einer chronischen Krankheit gesund, hilft der Person auch nicht weiter. Frag Betroffene stattdessen, wie es ihnen geht und lass sie die Unterhaltung leiten. Noch einmal: Biete deine Unterstützung an.

90. Mach dich auf das gefasst, was Betroffene zu erzählen haben – selbst wenn es unangenehm oder verstörend für dich sein kann. Menschen mit chronischen Krankheiten sollten ihre Erfahrungen für dich nicht schönreden müssen. Erwarte keinen Trost, es geht nicht um dich.

91. Achte auf deine Wortwahl. Die abwertende Verwendung von "Spasti", "Mongo" oder "behindert" kann Menschen verletzen.

92. Erkundige dich, wer in deinem Umfeld aufmunternde Anreden mag. Nicht alle chronisch Kranken möchten "Heldin" oder "Kämpfer" genannt werden, wenn sie einfach nur versuchen, ein möglichst normales Leben zu leben.

93. Generell: Romantisiere chronische Krankheiten nicht. Sie sind unheimlich, anstrengend und kostenintensiv.

94. Sei darauf gefasst, dass du Fehler machst und man dich darauf anspricht. Menschen werden nicht immer Geduld mit dir haben oder wohlwollend mit dir umgehen. Nicht immer ist man in der Stimmung, dir alles haarklein zu erklären.

95. Vergiss nicht, das Leben mit einer chronischen Krankheit ist unfassbar anstrengend.

96. Geh nicht in die Defensive. Mach es beim nächsten Mal einfach besser. Sei dir darüber im Klaren, dass man deine Mühen zu schätzen weiß.

Folgt Broadly auf Facebook, Twitter und Instagram.