Wie ich als Sexjournalistin gelernt habe, im richtigen Moment "Nein" zu sagen

Am Anfang hatte ich das Gefühl, meine Grenzen immer weiter pushen zu müssen. Eine schreckliche Arbeitserfahrung ließ mich radikal umdenken.

von Alix Fox; aufgeschrieben von Sirin Kale
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Sep. 20 2018, 8:02am

Illustration: Soofiya Andry

Schon als kleines Mädchen will Alix Fox unbedingt Journalistin werden. Heute moderiert sie den BBC-Podcast Bodily Fluids, gibt auf der Website Modern Man Sex- und Beziehungstipps und setzt sich gemeinsam mit der Brook-Stiftung für die sexuelle Gesundheit junger Menschen ein. Uns erzählt sie von ihren ersten Schritten im Sexjournalismus – und von einem Zwischenfall, der ihre Arbeitsweise radikal verändert hat.

Nach meinem Studium lande ich in London. Ich verdiene wenig und die englische Hauptstadt ist teuer, also lasse ich keine Veranstaltung aus, bei der es kostenlose Häppchen gibt.

Während ich mir eines Abends ein kleines Lachstörtchen schmecken lasse, bietet mir eine junge Frau einen Promo-Job für eine Sambuca-Marke an. Das Unternehmen will sich in der Fetischszene etablieren. Dafür soll ich im Gummirock bei BDSM-Events Sambuca-Shots verteilen. Das Geld kann ich mir nicht entgehen lassen.

Bei einer BDSM-Party knipst mich ein Fotograf für das alternative Lifestyle-Magazin Bizarre. Als die Redakteure mich kontaktieren, ob sie meinen Namen in der Bildunterschrift verwenden dürfen, fange ich an, ihnen Artikel zu pitchen. Das eine Foto verändert mein Leben.

Immer weiter, immer extremer

Als ich meinen Fuß in die Bizarre-Tür setze, bin ich sexuell noch recht unerfahren. Für einen Artikel lande ich schließlich zum ersten Mal in einem Stripclub. Während sich die Tänzerinnen erotisch an den Stangen räkeln, sitze ich verloren da. Ich rufe meine Mutter an, um ihre Meinung zu hören. Sie ist bei solchen Dingen sehr offen: "Wenn du etwas OK findest, finde ich es auch OK", sagt sie.

Ich schreibe nun regelmäßig für Bizarre und stürze mich Hals über Kopf in die alternative Szene. Kein Thema ist mir zu krass, ich schreibe über alles – egal ob nun Kotzfetische oder eine Frau, die für ihre Kunden auf Kommando furzt. Und all das, was ich bei meiner Arbeit entdecke, lässt meine Faszination für die verschiedenen Facetten des Sexlebens wachsen.


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Meine Geschichten für das Magazin widmen sich immer außergewöhnlicheren Themen. Früh morgens wird einem Typen in einem Sexclub ein riesiger Gartenzwerg in den Hintern eingeführt? Ich bin dabei. Bei einer Swingerparty in einem Landhaus schreien die Lamas draußen im Takt des Orgasmus-Gestöhnes drinnen? Ich bin dabei. Jemand lässt sich Silikonperlen unter seine Penishaut implantieren? Ich bin dabei.

Meine extremste Story handelt von einem japanischen Shibari-Meister, der mich am Boden eines Swimmingpools fesselt. Weil ich schon so lange mit Bizarre zusammenarbeite und das Team gut kenne, probiere ich so etwas gerne aus. Und fühle mich dabei sicher.

Alix im Meerjungfrauen-Kostüm kurz vor ihrer Session mit dem japanischen Fesselkünstler | Foto: Matt Writtle

Als das erste Buch der Shades of Grey-Trilogie erscheint, stehen viele Dinge, über die ich berichte, plötzlich im Mainstream. Vorbei ist mein Dasein als Nischenreporterin eines kleinen Magazins. Jetzt beauftragen mich auch große Zeitungen und TV-Sendungen. Das alles finde ich sehr aufregend. Mit größerem Publikum verspüre ich jedoch mehr Druck, exklusive Storys zu liefern und meine Grenzen immer wieder auszureizen.

Weil ich mit den neuen Redakteuren und Redakteurinnen kein so enges Verhältnis wie mit den Bizarre-Mitarbeitern habe, gibt es auch unterschiedliche Vorstellungen – sowohl zu meinem Job als auch zu meiner Sicherheit. Manchmal heißt es: "Wird sind so froh, mit dir zusammenzuarbeiten, weil du weiter gehst als alle anderen." Das schmeichelt mir. Gleichzeitig baut es einen gewissen Druck auf, dies auch zu tun.

Der Artikel, der alles auf den Kopf stellt

Ich soll einen Artikel über die sogenannte orgasmische Meditation schreiben. Im Grunde liegt die Frau dabei nur auf dem Boden, während jemand 15 Minuten lang über ihre Klitoris streicht. Der sexuelle Höhepunkt ist dabei gar nicht das Ziel, viel mehr geht es um den Prozess an sich. Bei dem Kurs, den ich für meine Recherche besuche, habe ich als einzige keinen Partner mitgebracht.

Zuerst erfahren wir die Grundlagen der Technik, anschließend gibt es eine Demonstration. Die Frau schnappt nach Luft und windet sich in Ekstase. Die Trainerinnen lassen immer wieder anklingen, dass man noch nicht erleuchtet genug sei, wenn man sich für die orgasmische Meditation nicht bereit fühle. Dann müsse man nach Hause gehen und an seiner Spiritualität feilen. Ich will die Redaktion aber nicht hängen lassen. Ich ziehe es durch.

Als wir die Technik selbst anwenden sollen, bekomme ich natürlich den einzigen anwesenden Typen zugeteilt, der mir nicht geheuer ist. Ich frage eine der Organisatorinnen, ob ich die Übung mit einer Trainerin mache könne, aber das gehe wohl gegen die Vorschriften. Wegen meiner gefühlten Pflicht als Journalistin beiße ich auf die Zähne und lege mich hin. Der Typ benetzt seine Finger mit Gleitgel und fängt an, mich in der gelernten Stellung zu rubbeln.

Zu Gast in einem Hotel, das speziell auf Menschen mit Medizinfetisch ausgerichtet ist | Foto: Matt Writtle

Ich versuche, mich auf meine körperlichen Empfindungen zu konzentrieren und den Typen auszublenden. Die ganze Erfahrung fühlt sich komisch und überhaupt nicht angenehm an. Als ich mich wieder anziehe, wird es zudem noch richtig gruselig. Mein "Masseur" nimmt mich zur Seite: "Ich könnte jetzt im Internet schreiben, wie dein Genitalbereich aussieht. Du arbeitest als Journalistin. Jeder könnte leicht rausfinden, wer du bist."

Mir läuft es heißkalt den Rücken runter und ich sage ihm, wie unangebracht er sich gerade verhält. Er macht mir Angst. Das Ganze sei nur ein Scherz, beschwichtigt er, aber ich weiß nicht, ob er mich einschüchtern oder erpressen will. Mir wird richtig schlecht, ich will nur noch nach Hause.

Nach dem Kurs fragt mich der Typ nach meiner Nummer. Ich gebe ihm stattdessen einen Korb. Daraufhin gibt er mir zu verstehen, dass das ein Fehler sei. Zu Hause lege ich mich in die Badewanne und heule. Ich fühle mich benutzt.

Am nächsten Tag muss ich den Artikel zur orgasmischen Meditation schreiben. Weil die Deadline immer näher rückt, bekomme ich immer mehr Mails aus der Redaktion. Ich erkläre, dass mir das Schreiben schwerfällt, weil die Erfahrung so traumatisch war. Die Verantwortlichen zeigen Mitgefühl. Trotzdem müssen sie ein Magazin in Druck geben.

Selbstbestimmung gegen den Burnout

Als ich die Ausgabe in den Händen halte, sehe ich, dass man meinen Artikel auf 250 Wörter gekürzt hat. Die ganze schreckliche Erfahrung, nur für einen kleinen Absatz in einem Hochglanzmagazin?

In diesem Moment wird mir klar, dass ich nicht alles mitmachen muss. Ich bin in einer privilegierteren Situation als früher: Ich muss nicht mehr jeden Auftrag annehmen. Gerade Artikel mit engem Zeitrahmen sind ab jetzt tabu. Manchmal brauche ich einen gewissen Abstand, um den Text aufschreiben zu können. Etwa wenn bei dem Auftrag etwas Unangenehmes passiert.

Eine Sache ist mir bewusst geworden: Ich bin zwar ehrgeizig, aber wenn ich mir zu viel auferlege, werde ich daran zerbrechen. Ohne gute geistige Verfassung keine gute Arbeit. Wenn ich lange im Mediengeschäft bleiben will, muss ich meine Grenzen kennen. Inzwischen mache ich den Redakteuren vor jedem Auftrag klar, dass ich selbst höchste Priorität habe, nicht die Story. Das Wort "Nein" hilft oft dabei, dass man sich weiterentwickelt. Mir hat es geholfen, den perfekten Mittelweg zwischen Diva und Fußabtreter zu finden.

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