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Illustration: Lia Kantowitz

Hinter den Kulissen eines Telefonsex-Fernsehsenders

Aoife Rose

Was bei "Ruf! Mich! An!"-Sendungen wirklich abläuft, hat nur wenig mit den Klischees zu 0190er-Nummern zu tun.

Illustration: Lia Kantowitz

Mit einem lauten Kreischen sprang Amy* auf. "Da ist eine verdammte Spinne auf dem Bett!", brüllte Gemma, ließ ihr Headset fallen, sprang vom Bett und versuchte, mit ihren Händen ihre Nacktheit zu bedecken. "Du filmst gerade ein leeres Set", fuhr unser leitender Produzent einen der Kameramänner an. Während die Mädels kreischend durchs Studio liefen, kletterten die Produzenten mit Bechern bewaffnet auf das verwaiste Bett und versuchten, den ungebetenen Gast einzufangen.

Natürlich landete all das später im Internet.

Es hatte eben seine Risiken, wenn man Models dazu aufforderte, sich im Live-Fernsehen in einem Studio zu räkeln, das regelrecht von Spinnen überrannt war. Der Versuch, nackte Frauen, die vor Krabbeltieren wegrennen, erotisch aussehen zu lassen, war aber bei Weitem nicht mein skurrilstes Erlebnis als Kamerafrau bei einem Telefonsex-Fernsehsender.

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Ich war damals 22, hatte gerade meinen Abschluss von der Filmschule in der Tasche und war neugierig, wie die Sexindustrie funktionierte. Als Feministin, die in einer Zeit erwachsen geworden war, in der immer mehr Frauen in der Branche Pornos für sich zurückfordern und die weibliche Lust zur obersten Priorität in Pornos machen wollten, hatte ich bereits alles, was ich zu dem Thema finden konnte, verschlungen. Jetzt wollte ich mir eine eigene Meinung bilden.

Es ist natürlich etwas komplett anderes, über die Sex-Industrie zu lesen und sie dann tatsächlich zu erleben. Außerdem unterscheidet sich das klassische Telefonsex-Fernsehen auch nochmal stark von den modernen, immer beliebter werdenden Body-Positive-Pornos. Die Mainstream-Sexindustrie zielt schließlich zumeist auf ein Publikum ab, dem neue Ideen rund um Sex total egal sind. Sie brauchen einfach nur eine Wichsvorlage.

Wenn ihr nachts nach Mitternacht nicht wach liegt und durch die Fernsehsender zappt, kennt ihr die "Ruf! Mich! An!"-Spots und Live-Sendungen vielleicht nicht, mit denen man einsame und gelangweilte Menschen dazu bringen möchte, bei kostenpflichtigen Nummern anzurufen. Im Grunde sind es 24-Stunden-Sender, auf denen sich glamouröse Models in Unterwäsche an einem total unauthentischen Set im Bett räkeln. Abgesehen von einem Soundtrack, der wie eine unglückliche Mischung aus Techno-Beats und Fahrstuhlmusik klingt, hört man nichts. Wenn ihr aber die auf dem Bildschirm angegebene Nummer wählt, könnt ihr für weniger als 2,50 Euro pro Minute mit ihnen Telefonsex zu haben.


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Es war nicht unbedingt mein Traumjob, in den frühen Morgenstunden Softcore-Pornos zu drehen, aber mir war so gut wie nie langweilig. Das lag auch daran, dass wir als Kamerateam oft bei den Telefongesprächen mithören konnten. Und einen einfachen Job hatten die Mädels ganz sicher nicht. Als ich dort zu arbeiten angefangen habe, haben mich die Leute oft scherzhaft davor gewarnt, mich nicht vor die Kamera ziehen zu lassen, statt hinter ihr zu bleiben. Selbst wenn ich gewollt hätte, hätten die Produzenten allerdings nie jemanden ans Set lassen, der nicht schon Erfahrung mit improvisiertem Dirty Talk und Striptease hatte. Zusätzlich erfordert der Job in etwa die gleichen körperlichen Fähigkeiten wie die eines Turners: Die Models sind herumgesprungen, sich aneinander gerieben und getanzt – und das zehn Stunden am Stück.

Neben anderen Aufputschmitteln flossen unmenschliche Mengen von Koffein, um wach zu bleiben. Die Mädels, mit denen ich zusammengearbeitet habe, konnten schneller improvisieren als manch ein Hollywood-Schauspieler und die Rolle spielen, nach der die Stimmung gerade verlangte. Durch jahrelanges Hören der unterschiedlichsten Fetische wussten sie ganz genau, wie sie jemanden antörnen konnten.

Mein Lieblings-Model war Candy, eine 1,80 Meter große Jessica-Rabbit-Doppelgängerin, die gerne in die Rolle der unterwürfigen Freundin schlüpfte. Das funktionierte am Besten, wenn sie alleine war und sich ganz darauf konzentrieren konnte, mit verführerischem Blick direkt mit der Kamera zu flirten. Die Interaktion mit Models, die sich etwas vulgärer gaben und vor laufender Kamera Kissen besprangen, fiel ihr hingegen schwer.

Candys Anrufer waren größtenteils Stammkunden, denen es nicht immer darum ging, möglichst schnell zu kommen. Manche wollten auch einfach nur tiefgründige persönliche Gespräche mit ihr führen. Angesichts der netten Worte, die sie stets für ihre Anrufer übrig hatte, nahm ich an, dass sie ihr irgendwie auch ans Herz gewachsen waren. Ich war regelrecht gerührt von dieser ungewöhnlichen Verbindung – bis ich Candy irgendwann darauf ansprach und in der harten Realität landete. "Aoife, das sind doch alles Spinner", erklärte sie mir und verdrehte dabei die Augen. “Die sind emotional total anspruchsvoll. Sie erwarten von mir, dass ich mir ihre Geburtstage merke. Telefonsex ist so viel einfacher.”

Megan hatte ihnen nie etwas versprochen, und dennoch kamen viele nicht auf die Tatsache klar, dass sie sie niemals besitzen würden.

Von den Männern, die sie anriefen, schienen sich die meisten nach der Intimität zu sehnen, die ihnen in anderen Bereichen ihres Lebens fehlte. Viele waren in Beziehungen, in denen sie ihre sexuellen Vorlieben nicht ausleben könnten oder bei denen mittlerweile komplett tote Hose im Bett war. Andere waren einfach richtige Arschlöcher, die sich stellenweise daran aufgeilten, wenn die Models ihre Frauen verbal abwerteten.

Auch Megan ein ziemlich berühmter Porno-Star und hatte viele Anrufer, die die "Beziehung" zu ihr etwas zu ernst nahmen. Manche warfen ihr vor, wie unmoralisch es sei, seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, Männer gegen Geld zu verführen. Megan hatte ihnen nie etwas versprochen, und dennoch kamen viele nicht auf die Tatsache klar, dass sie sie niemals besitzen würden.

Einer ihrer Kunden stand Tag für Tag um 5 Uhr morgens auf, um sie in der letzten Stunde ihrer Sendezeit anzurufen. So würde niemand anderes mehr in der Leitung warten und er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit haben. Einmal rief er an und erzählte ihr, dass er seinen Schwanz gegen den Fernseh-Bildschirm gedrückt und es sich warm angefühlt hatte. Das war für mich eine ziemlich gute Metapher für die Grenzen der Telefonsex-Intimität. Die dicke Glasscheibe würde immer zwischen ihnen sein, selbst wenn Megan mehr über ihn wusste als seine eigene Familie.

Bevor ich ins Studio kommen durfte, musste ich ein zweitägiges Telefonsex-Training absolvieren. "Behandle die Mädels wie Kleinkinder", wies mich Dan an, unser tyrannischer Showrunner. Mir wurde eingeflößt, nie meinen Blick von den Models abzuwenden. Das war elementar wichtig, schließlich hatte Ofcom, die britische Medienaufsichtsbehörde, den Sexsendern riesige Geldstrafen auferlegt, sobald es vor 22 Uhr einen kleinen Vagina- oder Nippelblitzer gab. Das zu verhindern war natürlich nicht einfach – nicht zuletzt auch deshalb, weil ich es mit Leuten zu tun hatte, deren Einstellung gegenüber Sex extrem liberal war.


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Die meisten Models nahmen von dem Sender so viel wie möglich mit. Sie hatten einen Exklusivvertrag unterschrieben und waren vertraglich dazu verpflichtet, nur unternehmenseigene Plattformen zu nutzen. Dazu gehörte auch unser Webcam-Service, bei dem es keinerlei Grenzen bezüglich Nacktheit, Sex Toys oder Selbstbefriedigung gab.

Trotzdem gab es Models, die ständig versucht haben, die von Ofcom auferlegten Regeln zu verschieben. Das brachte mich natürlich in eine schwierige Lage, denn ich hätte meinen Job verlieren können, wenn ich nicht darauf achtete, dass die Regeln eingehalten wurden. Und es half auch nicht gerade, dass diese Regeln ziemlich lächerlich waren: die Models durften den Telefonhörer nicht lecken, sich untereinander berühren (nicht mal ein High-Five), und Blowjobs durften nur mit der flachen Hand angedeutet werden. Nach Mitternacht durften sich die Mädels ausziehen, aber wenn man auch nur den Bruchteil einer Sekunde lang eine Schamlippe gesehen hätte, hätten wir eine horrende Geldstrafe zahlen müssen und Köpfe wären gerollt. Wir haben auch die ganze Zeit darüber diskutiert, was genau ein entblößtes Arschloch ist, wenn die Mädels Tangas trugen.

Eines Abends arbeitete ich mit Amy, einer temperamentvollen Dominatrix, zusammen. Teil ihrer Rolle war es, immer und immer wieder zu betonen, dass ihr die mickrigen Penisse da draußen viel zu klein seien. (Die Anrufer waren verrückt nach ihr.)

"Können wir nicht mal ein bisschen Persönlichkeit haben? Müssen wir echt einfach nur dasitzen und stöhnen?"

"Amy, kannst du bitte deine Hand aus dem Schritt nehmen? Ich sehe das", bat ich sie. Sie berührte sich völlig ungeniert selbst. Das war das dritte Mal innerhalb einer Stunde. "Ich fingere mich doch nicht mal!", brüllte sie, riss sich das Headset vom Kopf und stürmte vom Set. Wir schwenkten schnell herüber und zoomten Gemma ran, die wegen der erhobenen Stimmen und der plötzlichen Nahaufnahme verwirrt war. "Oh Baby", stöhnte sie.

"Können wir nicht mal ein bisschen Persönlichkeit haben?", schrie Amy. "Müssen wir echt einfach nur dasitzen und stöhnen?" Man hörte, wie die Studiotür knallte. "Drauf geschissen", rief Amy, schmiss ihren Koffer die Treppe runter und stürmte aus dem Gebäude.

Die Produzenten sahen einander in der darauffolgenden Stille nervös an. Dan würde nicht glücklich über den Ausstieg seiner Star-Darstellerin sein, aber wegen der Aufsichtsbehörden, die uns im Nacken saßen, hatten wir keine andere Wahl.

Dennoch hatte Amy nicht ganz Unrecht. Die Zensur machte es den Models schwer. Sie sollten einen Anrufer am anderen Ende der Leitung zum Orgasmus bringen und durften dafür nicht viel mehr machen, als einen Blowjob nachzuahmen. Sie erzählten den Anrufern, wie sehr sie das gerade alles antörnte, durften aber nichts tun, was diese Behauptung irgendwie authentischer machte.

Eigentlich könnten Sexsender wie der, bei dem ich gearbeitet habe, sehr fortschrittlich sein. Wir hatten bereits eine riesige männliche Fangemeinde: Hätten wir der nicht nur die immer gleichen Schönheitsideale – weiß, schlank, blond – vorgehalten, hätten wir vielleicht sogar ein bisschen verändern könnten, was in unserer Gesellschaft als sexy wahrgenommen wird. Auch wenn ich nach gerade mal vier Monaten wegen Unzufriedenheit mit dem Management gekündigt habe, habe ich einiges aus meiner Zeit in der Erotikbranche mitgenommen.

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Meine Einstellung gegenüber Sex ist extrem offener geworden. Fuß-Fetische wurden ebenso zur Routine wie die Missionarsstellung, und ich hatte keine Probleme mehr damit, mich offen mit anderen über Penisse auszutauschen. Die vielleicht wichtigste Lektion war aber, dass wir aufhören müssen, die Sexindustrie zu tabuisieren. Fast jeder von uns konsumiert auf irgendeine Art und Weise Pornografie. Das totzuschweigen, hilft niemandem.

Versucht also das nächste Mal, wenn ihr nach Mitternacht durch die Sex-Sender zappt, der halbnackten Frau auf dem Bildschirm gegenüber ein wenig Respekt aufzubringen. Denkt an ihr enormes Wissen über Sex, ihre unglaubliche körperliche Fitness, ihre Freundlichkeit und die Tatsache, dass sie niemanden verurteilt. Wer weiß, vielleicht könnt ihr sogar etwas von ihr lernen. Ihr müsst nur das Telefon in die Hand nehmen und anrufen.

* Alle Namen in diesem Artikel, einschließlich des meinen, wurde geändert, um die Privatsphäre der Leute, die in dem Unternehmen arbeiten, zu schützen.

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