So könnt ihr auch Menschen ohne Vagina fingern

Das bahnbrechende Zine 'Fucking Trans Women' ist seit fast einem Jahrzehnt eine wichtige Informationsquelle für Transfrauen.

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Okt. 17 2017, 7:19am

Foto: Tofros.com | Pexels | CC0-Lizenz

Die Transfrau Mira Bellwether aus Iowa gab 2010 ein Underground-Zine mit dem Titel Fucking Trans Women ("Wie man Transfrauen fickt") heraus, welches seitdem Kultstatus erreichte. Der selbstbezeichnete "80-Seiten-Riese" widmet sich, wie der Titel vermuten lässt, voll und ganz dem Thema des Sex, wie ihn Transfrauen (und ihre Sexpartnerinnen und -partner) erleben. Weil diese Frage so gut wie nie besprochen wird und Bellwethers Zine so kunstvoll und authentisch war, wurde das Zine sofort zum Erfolg.

Bellwethers schreibt in dem Vorwort des Zines, dass sie mit Fucking Trans Women ( FTW) etwas ganz einfaches erreichen wollte: "Ich wollte mit anderen Transfrauen über unsere Sex-Vorlieben ins Gespräch kommen." Sie hoffte, die Community würde von dem Dialog über die verschiedenen Sexualitäten, die Transfrauen erleben, profitieren. Das bedeutete vor allem eins: Anzuerkennen, dass sie immer noch viel zu schlecht informiert waren – vor allem darüber, wie Transfrauen ihre Körper wahrnehmen. Viele Partnerinnen und Partner wissen daher vielleicht nicht genau, wo und wie sie überhaupt anfangen sollen.

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Weil Bellwethers eigene Erfahrungen mit Sex größtenteils auf ihren Erlebnissen als Person mit Penis basieren, geht es in dem Zine vorrangig um die Körper von Transfrauen, die nicht operiert sind oder deren OP noch bevorsteht. "Nur weil das, was in meinem Schritt zu sehen ist, wie ein Penis aussieht, heißt das noch lange nicht, dass es auch wie einer funktioniert", betont sie. Dieser radikale Gedanke liegt dem gesamten Konzept von FTW zugrunde. Er wird vielleicht am besten in dem Teil des Zines deutlich, der einer wenig bekannten Praxis gewidmet ist, die Bellwether "Muffing" nennt: Das Fingern einer Transfrau.

Zeichnung: Mira Bellwether aus "Fucking Trans Women"

"Muffing" ist nur eine der vielen Sexpraktiken, die in FTW beschrieben werden. Es unterscheidet sich von den anderen aber dadurch, dass es die Penetration von Körperstellen beinhaltet, die den meisten Leuten nicht mal bekannt sind. Um den Akt zu verstehen, muss man aber zunächst die Anatomie der beteiligten Körperpartien begreifen: Bellwether beschreibt den Akt als "fingern eines oder beider meiner Leistenkanäle", die, wie sie sagt, "die beiden 'Taschen' sind, die im Schritt über und hinter den Hodensack liegen." Allgemein gesagt sind die Leistenkanäle die Kanäle, durch die die Hoden in den Hodensack wandern. Bellwether bezeichnet diese Körperteile als ihre "Muschis" und verwendet diesen Begriff abwechselnd mit der medizinischen Bezeichnung.

Um die Leistenkanäle zu penetrieren, muss man sie aber erstmal im Körper ausfindig machen. Und das ist gar nicht so einfach, denn, anders als der Anus, sind sie von Fleisch umgeben. Um sie zu lokalisieren, rät FTW den Leserinnen und Lesern, mit ihrer Hand die Stelle über und hinter dem Penis zu ertasten. Dort befinden sich die Eingänge der Kanäle, die, wie Bellwether sagt, "eigentlich den selben Durchmesser wie ein Finger haben, aber deutlich dehnbar sind." Anfängerinnen und Anfängern empfiehlt sie, "langsam zu machen" und vorsichtig zu sein.


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Laut dem Urologen Dr. Curtis Crane, der auf Geschlechtsangleichungs-OPs spezialisiert ist, ist "Muffing" sicher und angenehm. Viele seiner Patientinnen und Patienten haben ihn im Laufe der Zeit dazu befragt, und in all seinen Jahren als Arzt, der sich um Trans-Personen kümmert, gab es noch keinen Fall, in dem eine Transfrau oder ein Cis-Mann sich durch "Muffing" verletzte. "Ich glaube nicht, dass man besondere Vorkehrungen treffen muss, bevor man sich den Freuden des "Muffings" hingibt", sagt er.

Dr. Crane bestätigt, dass es außerdem auch logisch ist, seine trans-Muschis zu fingern. "Anatomisch gesehen befinden sich die ilioinguinalen und genitofemoralen Nerven – die beide für die Empfindung im Genitalbereich zuständig sind – in genau diesen Kanälen, es sollte sich also gut anfühlen", sagt er und erklärt, dass es zwei Leistenringe im Leistenkanal gibt. Einer ist "oberflächlich" und befindet sich an der Außenseite des Kanals, also dort, wo er in den Hodensack übergeht. Der andere Ring liegt tiefer. "Dort wo man den Finger reinsteckt, das ist eher oberflächlich. Würde man den Kanal aber bis nach oben entlang tasten, würde man sich intraabdominal bewegen", sagt er. Das ist aber weder anatomisch möglich, noch ratsam: "Würde man ein Loch machen, könnte man bis nach oben kommen. Es ist aber auf natürliche Weise unmöglich, so weit vorzudringen. "

Man kann seine Hoden in diese Kanäle drücken, was Transfrauen manchmal auch machen, wenn sie ihren Penis wegstecken. Das wird nicht nur in der Trans-Community praktiziert: "Auch einige Sumoringer drücken ihre Hoden vor dem Kampf zum Schutz in genau diese Kanäle", sagt Dr. Crane. Man kann die Leistenkanäle aber auch mit dem Finger penetrieren, indem man den "Hodensack nach innen drückt". Bellwether schreibt: "Der Fachbegriff dafür lautet 'Invagination'." Und für manche Transfrauen ist das die ultimative sexuelle Befriedigung.

"[Meine Sexpartner] haben immerzu meinen Penis gestreichelt, aber es passierte einfach nichts", sagt Hannah, eine Transfrau, die "Muffing" praktiziert hat, bevor sie sich für eine Geschlechtsangleichung entschieden hat. Sie sagt, dass das damals ihre vorrangige Art der Masturbation war.

"Um ehrlich zu sein fehlt es mir", sagt Hannah. "Es hat sich einfach etwas intensiver angefühlt und war einfacher, als jetzt mit meiner Vagina – obwohl ich sehr glücklich bin, dass ich keinen Penis mehr habe." Ihr hat gefallen, dass man fürs "Muffing" kein Gleitgel gebraucht hat und die Kanäle nicht wie eine Vagina "nass" geworden sind, weil sie im Körper liegen. "Es fehlt mir, masturbieren zu können, ohne Papiertücher in der Nähe haben zu müssen. Aber es gibt schlimmeres."

Tyler, eine Transfrau aus Baltimore, sagt, dass sie Anfang 2013 das erste Mal vom "Muffing" gehört hat. Damals hatte ihre Geschlechtsangleichung gerade begonnen und eine Freundin gab ihr eine Ausgabe der Fucking Trans Women. Die Praktik war Tyler nicht neu, der Begriff dafür aber schon. "Das habe ich seit meiner Kindheit gemacht", sagt sie. "Ich habe es eines Tages, als ich mich selbst berührte, entdeckt. Es hat sich für mich immer ganz natürlich angefühlt, trotzdem habe ich mich auch ein bisschen dafür geschämt und habe nie darüber gesprochen, bis ich den Artikel im FTW gelesen habe."

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Bellwethers bahnbrechendes Zine hat Transfrauen in den ganzen USA informiert. Durch FTW hat Tyler nun einen Namen für eine Praktik, die sie selbst entdeckt und jahrelang praktiziert hat, außerdem kennt sie jetzt auch die anatomischen Details und Gründe, warum sie dadurch Lust empfand. "Ich hatte keine Ahnung von den Leistenkanälen, und habe mich immer gefragt, was das war", sagt sie. "Diese merkwürdigen Löcher sind ein sehr wichtiger Bestandteil meiner sexuellen Entwicklung und meines Selbstbewusstseins gewesen, und kaum einer weiß, dass sie existieren."

Und genau deswegen ist FTW so wichtig. Es gibt für Transfrauen so gut wie keine Plattform, auf der sie sich über Sex informieren können, wenn sie etwas anderes versuchen wollen, als sich einen runterzuholen. Fucking Trans Women hat Praktiken, über die im Mainstream niemand spricht, zu Papier gebracht. "Als geoutete, behinderte Trans-Bi-Lesbe, die gerne Sex hat, habe ich dort viel mehr über Sex gelernt, als in jedem Sexualkunde-Unterricht", sagt Tyler.

Fucking Trans Women hat einer ganzen Generation nicht operierter Transfrauen und solcher, deren Angleichung noch bevorstand, geholfen, ihre "Muschis" zu entdecken und neue Sexpraktiken kennenzulernen. "'Muffing' während des Sex zu machen ist relativ ungewöhnlich, weil so wenige davon gehört haben." erklärt Tyler. "Ich verurteile aber niemanden, mit dem ich Sex habe, dafür, dass sie davon vielleicht keine Ahnung haben. Tatsächlich hab ich ein paar andere Transfrauen ins Muffing eingeweiht, und wir hatten viel Spaß."

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