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Sex machina

Warum ich nur noch meinen Freundinnen Nacktfotos von mir schicke

Adieu, ungewollte Penisfotos. Visuelles Sexting findet bei mir nur noch mit den Menschen statt, die ich wirklich liebe.

Maria Yagoda

Maria Yagoda

Foto: Maria Yagoda

Als ich Snapchat öffne, ist das Erste, was ich sehe, meine Freundin. Sie sitzt nackt auf der Toilette, im Hintergrund steht eine Flasche Bier. Das Selfie, das sie mir geschickt hat, trägt die Bildunterschrift "Kackend". "Das freut mich für dich", antworte ich ihr, und ich freue mich tatsächlich, dass sie dabei an mich gedacht hat. Ein paar Wochen später befinde ich mich in einem Hotelzimmer und will mich revanchieren. Ich trage nichts außer einen Bademantel, der wahrscheinlich mehr kostet als alle meine Jeans zusammen. Vor einem großen Spiegel öffne ich den Mantel und beginne damit, Selfies zu schießen. Ich lehne einen Fuß gegen einen Sessel, neben den Kopf mal zu dieser, mal zu jener Seite und versuche, das richtige Licht für mich zu finden. Das heißeste Bild meines privaten kleinen Fotoshootings schicke ich an ein paar meiner besten Freundinnen.

Kurz bedauere ich, dass ich Single bin und es keinen Mann in meinem Adressbuch gibt, der es verdienen würde, mich nackt zu sehen. Aber dann, für wesentlich länger, überkommt mich ein warmes, wohliges Gefühl selbstzufriedener Genugtuung. Schließlich konnte ich meinen Körper – der mir meistens eher Kummer bereitet – mit den Menschen teilen, die ich am meisten liebe.

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Wenn ich Nacktfotos in einem Dating-Kontext verschickt habe, wollte ich immer vor allem eins: gut aussehen. Ich suchte nach dem vorteilhaftesten Winkel, die beste Beugung meines Rückens und die geschickteste Art, meinen Hintern runder erscheinen zu lassen. Die Fotos, die ich hingegen meinen Freundinnen schicke, sind manchmal sexy, manchmal aber auch abstoßend. Und sie machen mich erheblich glücklicher, als es jeglicher Sexting-Austausch je könnte. Wenn ich meinen Freundinnen Nacktbilder schicke, erwarte ich keine expliziten Antworten. Ich zelebriere einfach meinen Körper und teile ihn mit anderen Menschen – rein platonisch und im gegenseitigen Einvernehmen.

Die männliche Interpretation meiner Nacktheit finde ich dagegen eher öde. Natürlich gibt es auch Momente, in denen ich mich über Penisfotos freue. Meistens bekomme ich aber die immer gleichen Fotos von den immer gleichen Schwänzen aus den immer gleichen Winkeln. Inklusive derselben ausgelutschten Kommentare. Was ich von meinen Freundinnen bekomme, ist hingegen etwas ganz anderes. Auch, weil wir uns beim Thema Dick-Pics relativ einig sind. Ein Freund hat mir mal gesagt: "Ich denke nicht, dass irgendjemand super scharf darauf ist, meinen Schwanz zu sehen."


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Aber warum sind Nacktbilder für mich eigentlich so entsexualisiert? Ich liebe Sexting, egal über welche Plattform. Schlussendlich ist das geschriebene Wort für mich aber erotische als es jedes Foto eines Körperteils jemals sein könnte. "Ich habe seit vier Jahren kein Nacktbild mehr verschickt, ich setze jetzt mehr auf sexuell explizite SMS", erzählt mir eine Freundin. "Ich bin noch nie wegen eines Schwanzfotos gekommen, aber von dem, was mir Typen geschrieben haben, schon."

Wenn du in diesem Rohrkrepierer von einem Jahr, a.k.a. 2017, Nacktbilder von dir verschickst, ist Vertrauen alles. Und auch deswegen fühle ich mich bei meinem Freundeskreis damit sicherer aufgehoben. Meinen Freundinnen und Freunden vertraue ich schon immer mehr als den Menschen, mit denen ich tatsächlich zusammen bin. Deswegen gingen meine intimen Fotos in den letzten zwei Monaten auch ausschließlich an Menschen, mit denen ich rein freundschaftlich verbunden bin. Aktuell versuche ich sowieso, weniger zu daten. (Ich habe viel zu tun! Ich will mich mehr mit Pflanzen beschäftigen! Ich stretche nicht genug!) Das heißt auch, dass ich keinen Sex habe und schon länger keinen hatte.

Aber genau so, wie ich andere Wege gefunden habe, mit meinen sexuellen Bedürfnissen umzugehen, habe ich andere Abnehmer für meine "Ich bin gerade aufgewacht und meine Haut sieht wundervoll aus"-Fotos und "Meine Brüste sind mir irgendwie süß aus meinem Bikini gerutscht"-Bilder gefunden: meine allerbesten Freundinnen. Sie feuern mich an, genau so wie ich sie anfeuere, wenn sie mir Fotos von sich schicken. Sexbloggerin Kate Sloan von Girly Juice hat mir gesagt, dass sie ihren Freundinnen aus zwei Gründen Nacktbilder schickt: "Einmal, um herauszufinden, ob ich der Person, die ich gerade date, dieses Foto schicken soll. Und wenn ich damit angeben will, wie gut gerade mein Hintern, meine Brust oder mein Mund aussieht." Eine besondere Form, Bestätigung zu suchen, die nicht nur Frauen vorbehalten ist. Ein schwuler Mann, der mit seinen schwulen Freunden gerne Nacktfotos austauscht, erklärte mir: "Wir kennen uns gegenseitig sehr gut und haben gemeinsame und fest gesteckte Grenzen. Außerdem stehen wir einfach auf Genitalien." Eine Frau wiederum macht es vor allem, weil es Spaß macht – und ihre Freundinnen "mega heiß" sind.

Wenn ich ehrlich bin, schicke ich meinen Freundinnen vielleicht auch deshalb Nacktfotos von mir, um mir selbst zu beweisen, dass ich auch dann heiß bin, wenn ich keinen Sex habe. Schließlich geht es mir auch ohne Intimität fantastisch, OK? *nervöses Summen*

Ein Gespräch unter Freundinnen | Screenshot: Maria Yagoda

Wenn ich wieder mit dem Dating anfange – vielleicht in einer fernen Zukunft, wenn Männer aufhören, langweilig und unfreundlich zu sein –, werde ich auf jeden Fall wieder Nacktbilder schicken. Und ja, ich habe gefühlt 247 Trailer für die Romcom Sex Tape gesehen. Ich kenne die Gefahr der Cloud. Die meisten Menschen, mit denen ich für diesen Artikel gesprochen habe, haben mir gesagt, dass sie vor allem keine Fotos verschicken, weil sie Angst haben, dass die an die Öffentlichkeit geraten. Eine Frau sagte zu mir, dass sie noch nicht mal ihrem Mann welche schicken würde, weil "er ein Trottel ist und die am Ende in einer Cloud speichern würde, in der seine Mutter die sehen kann".

Rachepornos sind ein ernstes und angsteinflößendes Thema. Und es bricht mir das Herz, dass viele Frauen, mit denen ich gesprochen habe, keine Nacktbilder von sich selbst machen, weil sie Angst haben, dass die Fotos in die falschen Hände geraten. Unsere Körper gehören uns und sie gehören auch nicht weniger uns, wenn wir Bilder davon an Menschen schicken, die wir lieben oder vielleicht einfach nur sehr mögen. Jede sollte sich so wohl mit seinen Nacktbildern fühlen, wie meine Freundin, wenn sie mir Selfies vom Klo schickt. Ich bin traurig, dass das nicht die Welt ist, in der wir leben.

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Ein alter Ex-Freund, der das hier hoffentlich nicht als Ermunterung interpretiert, mich zu kontaktieren, hatte auf seinem Computer einen passwortgeschützten Ordner mit Nacktfotos, die ich ihm geschickt habe. Als wir zusammen waren, versprach er mir, die Dateien sofort zu löschen, sobald wir schlussmachen. Wenn ich Männern heute davon erzähle, sagen sie: "Der hat den Ordner zu 100 Prozent nicht gelöscht", und wenn das stimmt, was durchaus sein kann, dann stelle ich mir gerne sein Gesicht vor, nachdem er sich zu meinen Bildern einen runtergeholt hat: verbittert und reumütig darüber, wie sehr er es versaut hat. In meinen Augen ist das Strafe genug für sein gebrochenes Versprechen.

Abgesehen davon werde ich wahrscheinlich nie für die Präsidentschaft kandidieren oder versuchen, CEO von irgendwas zu werden. Deswegen ist es eher unwahrscheinlich, dass man mich mit irgendwelchen intimen Aufnahmen erpressen kann. Ich besitze ja noch nicht mal einen schönen Gürtel! Trotzdem: Am besten umschifft man diesen Konflikt von vornherein, indem man sich an der Sexyness seiner Freundinnen erfreut, Nacktbilder austauscht, um sich gegenseitig aufzumuntern und die Zeit auf dem Klo vertreiben – oder in teuren Bademänteln. Das ist wahre Liebe.

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