Vier Männer über die Erfahrung, einen Antrag von ihrer Freundin gemacht zu bekommen

"Als sie sich hinkniete, fing ich sofort an zu weinen."

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Okt. 2 2018, 9:59am

Matts Verlobungskompass | Foto: Gregory Richards

Binäre Geschlechterrollen verschonen niemanden. Von den Wimpern abwärts kein Haar sprießen zu lassen und gleichzeitig die emotionale Stütze deiner Familie zu sein, macht in etwa so viel Spaß wie nicht weinen zu dürfen, wenn du unter der Erwartung zusammenbrichst, deine gesamte Familie ernähren zu müssen. Trotz aller Gegenbewegungen halten immer noch viele Menschen an klassischen Rollenerwartungen fest – gerade in Beziehungen. Sei es aus Bequemlichkeit, Nostalgie, Furcht vor dem Unbekannten oder aus Trotz.

Dementsprechend hat sich auch an der Aufgabenverteilung bei Heiratsanträgen wenig geändert. Verlässliche Zahlen gibt es zwar keine, aber Hetero-Frauen, die die Initiative ergreifen, dürften auch 2018 noch die absolute Ausnahme bilden. Dabei könnte es so schön sein. Wir haben mit Männern gesprochen, die von ihren Freundinnen um ihre Hand gebeten wurden.

Matt, 40

Broadly: Wie hat dir deine Freundin den Antrag gemacht?
Matt: Josey und ich waren mit ihrer Familie in den Adirondacks campen – das ist ein Gebirge im US-Bundesstaat New York. Der Herbst war gerade an seinem Höhepunkt und die Landschaft einfach unfassbar schön. Wir wanderten auf den Cascade, den kleinsten der höheren Gipfel: eine tolle Strecke mit großartiger Aussicht. Als wir den Gipfel erreichten, schlenderte ich an der Felskante rum, um Fotos zu machen. Plötzlich nahm mich Josey zur Seite. Mein erster Gedanke war, dass sie mich ermahnen wollte, nicht so nah an die Kante zu laufen. Stattdessen fragte sie mich, ob ich sie heiraten möchte.

"Du bist bescheuert", war das erste, das aus meinem Mund kam. Alle um uns herum lachten. Sie fragte noch einmal und ich sagte Ja. Es war, als hätte bei uns beiden ein neues Kapitel begonnen. Ihr Bruder Gregory ist Fotograf und stand mit seiner Kamera bereit. Da wurde mir klar, dass sie den Antrag schon lange geplant hatte. Sie gab mir einen Plastik-Kompass als temporären Verlobungsring, der mittlerweile einem richtigen Ring gewichen ist. Der Kompass wird mir trotzdem immer genau so viel bedeuten.

Hättest du jemals gedacht, dass sie dir einen Antrag macht?
Auf keinen Fall. Ich wollte definitiv heiraten, aber sie hat es immer strikt abgelehnt. Ich habe mich dann gefragt, warum mir Heiraten überhaupt so wichtig war, und fand keine vernünftige Antwort. Im Grunde waren wir eh schon verheiratet. Meine Familie hatte sich längst von dem Gedanken verabschiedet, dass ich jemals heiraten würde.

Wie hast du dich beim Antrag gefühlt? Ich weiß, dass viele Frauen Angst haben, ihr Partner könnte sich entmännlicht fühlen.
Ich habe mich gefreut wie noch nie zuvor in meinem Leben. Entmannt gefühlt habe ich mich nicht, mir ist sowas total egal. Ich bin in den 1980ern mit einer gewissen Vorstellung von Männlichkeit aufgewachsen, habe aber schon vor langer Zeit angefangen, mein Handeln zu reflektieren. Nicht zuletzt auch dank anderer Menschen. Vor Kurzem habe ich mir allerdings eine goldene Smartwatch bestellt und das einzige Armband, mit dem ich sie kriegen konnte, war rosa. Es hat mich selbst überrascht, wie unangenehm es mir im ersten Moment war, eine “Mädchenuhr” zu kaufen. Aber Selbstreflektion ist ein Marathon.

Hast du als Mann einen gewissen Druck gespürt, den Antrag zu machen?
Ich selbst fühlte mich nicht unter Druck gesetzt. Aber immer, wenn ich mir vorgestellt habe, dass wir uns verloben, war ich derjenige, der den Antrag gemacht hat. Ich denke, dass immer noch ein Großteil der Männer der Meinung ist, den Antrag machen zu müssen. Die meisten Frauen sehen das ähnlich. Ich glaube, es hängt alles von der Beziehung ab. Mein Bruder hat meiner Schwägerin den Antrag gemacht und bei ihnen war das genau das Richtige. Bei uns hat es andersherum gepasst. Ich hoffe definitiv auf eine Welt, in der Rollenerwartungen keine Rolle mehr spielen.

Eines von Matts und Joseys Verlobungsfotos | Foto: Olivia Locher

Anthony, 35

Broadly: Wie hat dir deine Freundin den Antrag gemacht?
Anthony: Unsere Tochter war gerade ein Jahr alt geworden und wir hatten ziemlich verrückte 12 Monate hinter uns. Ich hatte Geburtstag, meine Schwiegermutter passte auf die Kleine auf, und meine Freundin und ich gingen nach der Arbeit etwas trinken. Es war keine schicke Bar, aber es einfach schön, endlich mal wieder Zeit zu zweit zu verbringen. Wir redeten über alles Mögliche, dann merkte ich, dass sie mir etwas Wichtiges sagen wollte. Sie machte mir keinen Antrag im klassischen Sinne. Sie schlug vor, dass wir heiraten sollten, und wollte wissen, ob ich das auch so sah. Ich sagte natürlich Ja. Wir hatten bereits ein gemeinsames Kind und wollten ein Haus kaufen, also war das schon öfter Thema. Ich hatte aber trotzdem nicht damit gerechnet, dass es in diesem Moment passiert.

Wie hast du dich anschließend gefühlt? Hast du dich dadurch weniger männlich gefühlt?
An meiner Männlichkeit hat das gar nicht gekratzt. Wir waren in unserer Beziehung immer gleichberechtigt, darum spielte es keine Rolle, wer die Frage stellte. Außerdem hatten wir beide keine großen Ansprüche an eine Hochzeit: Wir wollten kein weißes Kleid, keine große Zeremonie, keine Ringe. Wir haben an einem Montagmorgen im Rathaus geheiratet, das dauerte zehn Minuten. Unsere Eltern waren nicht mal dabei. Ein paar Monate später feierten wir noch mal eine große Party, auf der wir jeder eine kleine Rede hielten. So wollten wir unsere Liebe vor unseren Freunden und unserer Familie demonstrieren.

Hast du jemals Druck verspürt, dass du den Antrag machen solltest?
Nein, nie. Ich kann mir aber vorstellen, dass das bei anderen Leuten anders ist. Ich glaube nicht, dass das nur eine Gender-Sache ist, sondern mehr mit den Erwartungen an eine traditionelle Hochzeit zusammenhängt. Viele Paare lassen sich dadurch unter Druck setzen. Du musst vorher wissen, worauf du dich einlässt. Ich würde jedem raten, nur daran zu denken, was für dich und deine Partnerin oder deinen Partner am besten ist. Das ist das Einzige, was am Ende zählt.


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Dude, 30

Broadly: Wie hat deine Freundin dir den Antrag gemacht?
Dude: Sie hat mir den Antrag an meinem Geburtstag auf einem Musikfestival gemacht. Anscheinend hatte sie vorher das ganze Camp eingeweiht. Ich startete den Tag wie jeden anderen Geburtstag, und feierte, als ob es mein letzter wäre. Als sie mich fragte, war ich bereits völlig high. Als sie sich hinkniete, fing ich sofort an zu weinen. Sie sagte mir, wie besonders ich sei und dass sie an diesem besonderen Tag etwas Besonderes tun wolle. Dann fragte sie, ob ich sie heiraten wollte.

Hattest du irgendwie damit gerechnet?
Ich hatte keine Ahnung. Eines Morgens, als wir von einer Party kamen, nahm sie meine Hand. Heute weiß ich, dass sie das gemacht hat, um meine Finger auszumessen. Damals war ich so verkatert, dass ich es gar nicht merkte. Übers Heiraten hatten wir vorher noch nicht gesprochen.

Wie hat es sich angefühlt, dass sie dir den Antrag gemacht hat?
Dass sie diejenige war, die den Antrag gemacht hat, hat bei mir kein besonderes Gefühl ausgelöst. Unsere Beziehung war von Anfang an ungewöhnlich. Sie hat mich nach meiner Telefonnummer gefragt, den ersten Kuss initiiert – nichts daran hat mich gestört. Ich mag es, wenn eine Frau die Initiative ergreift.

Sebastian, 40

Broadly: Wie hat dir deine Freundin den Antrag gemacht?
Sebastian: Am Tag meiner Abschlussprüfung ging sie mit mir in unseren liebsten Plattenladen. Wir schauten uns die Plattenspieler im Fenster an, weil wir einen neuen kaufen wollten. Sie zeigte auf ein Gerät und fragte, ob es mir gefiel. Erst dann entdeckte ich ein Schild mit meinem Spitznamen darauf. Auf dem Schild stand außerdem "Let's face the music and dance". Ich hatte keine Ahnung, was gerade passierte. Ich dachte, dass der Plattenspieler vielleicht ein Geschenk für meine bestandene Prüfung sein sollte. Doch dann drehte sie sich zu mir und sagte: "Jetzt, wo du Tontechniker bist, wollte ich dich fragen, ob du auch mein Mann werden willst?"

Warst du überrascht?
Ich war sehr überrascht. Wir hatten bereits übers Heiraten geredet und waren beide dafür. Sie hatte keine Lust mehr, auf einen Antrag von mir zu warten, und hat es selbst gemacht. Tatsächlich hatte ich bereits geplant, einen ihrer Lieblingsmusiker zu bitten, mir bei einem Antrag zu helfen.

Wie hast du dich nach dem Antrag gefühlt? Hat er irgendwas an deinem Konzept von Gender geändert?
Geschlechterrollen spielen in unserer Beziehung eigentlich keine Rolle. Meine Mutter war Single, sie und fünf andere Frauen in meiner Familie haben mich großgezogen. Mein Opa war der einzige Mann. Ich komme sehr gut mit Frauen klar. Sie hat den Antrag gemacht, sie verdient auch mehr Geld als ich. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich mir vorstellen kann, eines Tages Hausmann und Vater zu sein. Ich habe mich dadurch kein bisschen entmannt gefühlt.

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